„Ein Mensch aus purem guten Willen“

Ali BooksDer Text ist schon etwas älter, die Gedanken über seine Hauptfigur blieben allerdings auch noch lange danach aktuell: Denn auch noch, nachdem der einstmals laute und unüberhörbare Muhammad Ali aufgrund seiner Krankheit verstummt war, faszinierte er Menschen rund um den Globus schlichtweg durch seine Präsenz. Er war zum Symbol einer Idee von Sport geworden, die er geschickt und unermüdlich verbreitete, Etwas, was in seinem Auftritt bei den Olympischen Spielen 1996 in Atlanta, als er das Olympische Feuer anzündete, auf einen einzigen aussagestarken Moment reduziert wurde.

An den genialischen, unberechenbaren Boxer, der bereits früh die Rap-Kultur des schwarzen Amerika ankündigte und eine einflussreiche Rolle als Bürgerrechtler spielte, und das nicht nur, weil er sich weigerte, als Soldat nach Vietnam zu gehen, wird seit gestern in allen Nachrufen ausführlich erinnert. An die Magie, die er in den Jahren nach seinem Rücktritt vom Sport ausstrahlte, eher wenig. Dabei zeigt gerade sie, wie nachhaltig das alles gewesen war, was er in seiner aktiven Zeit angedeutet und vorgelebt hatte.

Ich habe den Text schon vor einiger Zeit vertont und mit Musiken angereichert, die überwiegend aus der eigenen Werkstatt stammen. Wer Zeit hat: Das Ganze ist etwas über 13 Minuten lang.

Eine kleine Trilogie

Es ist schon ein paar Monate her, dass hier von dem ersten Video die Rede war, das die Band Nervous Germans und ich aufgenommen und produziert haben.

Seitdem konnten wir nicht nur ganz ordentliche Klickzahlen für Superstars (and Superheroes) bei YouTube verbuchen (https://www.youtube.com/watch?v=HieNijg9zgc), sondern auch noch einen zweiten Song in Szene setzen. Der heißt Liberation Day und bedient sich einer Auswahl von Fotos mit einem gewissen politischen Anspruch und einer gewissen Intonation als Illustrationsmaterial.

Beide Titel wurden von den Nervous Germans für ihr Album From Prussia With Love komponiert. Ein großes musikalisches Angebot, aus dem sich einige Radiostationen ihre eigenen Favoriten herausgesucht haben. Dabei kam ein Lied besonders gut weg: On Fire. Und so haben wir als Abschluss einer Trilogie in einem artverwandten Stil ein drittes Video produziert. Diesmal ist die visuelle Interpretation des Songtextes noch eindeutiger und noch dramatischer ausgefallen. Die Bilder erinnern indirekt an die Zeit, in der die Band gegründet wurde und in der ihr Name als Anspielung auch eine politische Dimension hatte. Wir haben dieser Tage in Europa und anderen Teilen der Welt eine explosive Stimmung. Und niemand ist bereit, die Verantwortung für die Ursachen zu übernehmen, geschweige denn etwas an der Hochspannungslage zu ändern.

Trotzdem: Viel Vergnügen.

Stern-Stunden

Ich beschäftige mich seit etwas mehr als zehn Jahren mit der Produktion von Videos, mit einem Medium also, das nicht an Bedeutung verliert wie Print, sondern dessen Stellenwert durch die Entwicklung der digitalen Produktions- und Abspielmöglichkeiten ständig wächst. Das Metier ist komplex und wirtschaftlich (von Ausnahmen abgesehen) nicht lukrativ. Und trotzdem ist es faszinierend, sich den beachtlichen Anforderungen auszuliefern. Ich drehe und schneide, interviewe und gestalte auch die Musik (wo sie gebraucht wird). Und weiß, dass man ziemlich kreativ sein muss, wenn man das umsetzen will, wofür man früher zehntausende von Euro verbraten durfte. Dies ist das jüngste Beispiel und die Geschichte dahinter.

 

„Selfie Sticks and Superstars“ – The Making of the new Nervous Germans video from Juergen Kalwa on Vimeo.

Wir haben schon auf vielerlei Weise zusammengearbeitet. Micki Meuser, Grant Stevens und ich. Und jedes Mal hatte es mit Musik zu tun. Es gab Arbeitskonstellationen wie „Texter und Komponist“, „Musikproduzent und Bandbetreuer“, „Plattenkritiker und Künstler mit neuem Album“. Zuletzt konnte ich mich als Grafiker einbringen, als für Songs vom Album Volatile Videolösungen gebraucht wurden. Dabei kam zum Beispiel das hier heraus: ¡Yeah, Yeah!

Eine Konstellation wie die jüngste hatten wir allerdings noch nicht: Da haben wir gemeinsam zwei aufwändig gestaltete und intensiv vorbereitete Musikvideos produziert. Für die sind wir im März eigens in ein Berliner Studio gegangen. Das erste Belegexemplar dieses Projekts ist vor ein paar Tagen erschienen, um die Veröffentlichung des Albums From Prussia With Love einzuläuten, auf dem der Song Superstars (and Superheroes) so etwas wie ein Headliner ist.

Das zweite, Liberation Day, wird in wenigen Wochen publiziert.

Die Zusammenarbeit verlief hervorragend. Also so wie immer. Was für mich ein sehr wesentlicher Teilaspekt solcher Vorhaben ist. Denn nur wenn man sich rundum gut versteht, kann man überhaupt von so weit weg eine gar nicht leicht zu formulierende, komplexe Idee mit der notwendigen Intensität anreichern, wie uns das in diesem Beispiel gelungen ist.

Vielleicht sollte man vorab zur Erläuterung wissen: Das Video spielt auf drei Ebenen gleichzeitig.

• Da ist die Aktion der Band in Form einer klassischen Lip-Sync-Performance,

• dazu gibt es eine Bildfolge aus alten Hollywood-Filmen mit berühmten Gesichtern, die an eine weiße Wand projiziert wird und dabei auch die Musiker anstrahlt und

• den parodistischen Einsatz von Smart Phones und Selfie Sticks, um den Text des Songs und seine eingängigsten Zeilen auf eine ironische Weise zu interpretieren.

Was die Melange so faszinierend macht: Die drei visuellen Ebenen ließen sich auf fast schon magische Weise ineinander verschränken und so ein Spiel aus Hintergründigkeit und humorvoller Vordergründigkeit inszenieren, was ich in dieser Form noch nirgendwo gesehen habe.

Wer unsere Arbeit an der von anderen messen und mit anderen vergleichen will (nachdem er eventuell netterweise den Like-Button bei YouTube angeklickt hat), mag das gerne tun. Mehr noch: Feedback ist wirklich erwünscht. Als Anhaltspunkt gäbe es sicher ein paar richtig gute Beispiele. Und natürlich auch ein paar richtig gute Regisseure. Sie sind die Messlatte für das Genre, in dem ich mich hiermit zum ersten Mal versucht habe.

Aber man sollte dann zumindest wissen, dass man uns auf einer Ebene ganz und gar nicht nebeneinander stellen darf. Die besten Videos haben ein Budget von mehreren 1000 Euro, um damit wenigstens einen erheblichen Teil der Kosten zu decken. Wenn nicht sogar mehr. Unsere Produktionskosten lagen bei Zero. Was möglich war, weil einige sehr nette Menschen sich mit Rat und Tat und Ausrüstung und Studioräumlichkeiten beteiligt haben. Wir hatten also sehr praktische Hilfe, das darf man nicht verhehlen. Und für die kann man sich gar nicht ausgiebig genug bedanken.

Zero Budget-Dollars – das heißt natürlich nicht, dass man sich damit aus den Erwartungen herausstehlen kann, die an Videos in dieser Liga gestellt werden. Konsumenten von Musik und von Musikvideos haben schließlich Ansprüche und ein geschultes Auge.  Sie möchten – Minimum – nicht gelangweilt und – Maximum – gut unterhalten werden.

Für uns war es ganz sicher ein erheblicher Pluspunkt, dass wir uns schon lange kennen und die Verbindungen selbst über die große Distanz zwischen New York und Berlin hinweg aufrecht erhalten haben. Was damit zu tun haben dürfte, dass unsere musikalischen Sensibilitäten auf einer Wellenlänge liegen.

Am interessantesten daran finde ich übrigens die Umstände unseres Kennenlernens angesichts der Erosion des Musikmarktes. Uns hat vor Jahren tatsächlich eine dieser klassischen Institutionen zusammengebracht, die es in dieser Form gar nicht mehr gibt. Es handelte sich um eine Schallplattenfirma, deren A&R-Leute in Micki Meuser und Grant Stevens die idealen Produzenten für eine Band sahen, für die ich damals den größten Teil der Songs schrieb. Ja, solche Firmen gab es. Und sie haben damals im Idealfall gezielt unterschiedliche Talente und Figurationen zusammengeführt, weil sie sich davon ein verwertbares Resultat erhofften. Eine Hoffnung, die oft eingelöst wurde.

Seitdem ist viel passiert. Unter anderem die schon erwähnte Selbstzerstörung einer nachwievor profitablen Industrie, die nicht mehr an die eigene kreative Kraft glaubt. Und auch das ist passiert: Micki Meuser und Grant Stevens haben ihre alte gemeinsame Band – Nervous Germans – die mangels durchschlagenden Erfolges den Weg allen Vergänglichen gegangen war, wiederauferstehen lassen. Ohne die finanzielle Unterstützung und die manpower, die Schallplattenfirmen früher aufbrachten, um solche Projekte zielstrebig auf dem Markt durchzusetzen.

Foto: Micki Meuser

Es bringt nichts, es zu bedauern, wieviel schwieriger es geworden ist, Musik zu verkaufen. Und bei den Nervous Germans tut das auch niemand. Man hat die eiskalte Realität akzeptiert, die besagt, dass es sich für Musiker sehr empfiehlt, das Geld möglichst erstmal mit etwas anderem zu verdienen.

Aber das heißt nicht, dass man es nicht versuchen sollte, seine künstlerischen Ziele voranzutreiben. Bar jener alten Regeln und ohne das Reinreden von Firmenangestellten, die einem ihre oft ziemlich irritierenden Kommentare zu allem und jedem unterjubelten.

Stilistisch durfte man die Nervous Germans einst wohl dem Post-Punk zuordnen, was neugierige Musikliebhaber in Großbritannien und sogar in den USA als kleine künstlerische Delikatesse durchaus ernst genommen haben. Anders sah es in Deutschland aus. Da wirkten sie als Kontrastprogramm gegenüber dem zur gleichen Zeit aufblühenden dilettantischen Nonsens der sogenannten Neuen Deutschen Welle wie querköpfige Exoten. Die nervösen Deutschen wollten nicht Deutsch singen. Sie standen in einer anderen Tradition.

Die Nervous Germans von heute machen übrigens eine mit ihrer Vorgeschichte genetisch verwandte, aber andere Musik. Eingängiger und melodischer, was von den Gitarrensounds abgestützt wird und von jenen Bass-Ideen, die der Komponist der meisten Songs, Micki Meuser, in seiner Rolle als Sekundant in Sachen tiefen Tönen beisteuert. Immer noch auffällig: die Stimme des Sängers Grant Stevens, der auch die Texte schreibt. Neu: das Getrommel einer vergleichsweise zierlichen Frau, die allerdings mit Krawumm reinhaut.

Foto: Grant Stevens

Als wir im März ins Studio gingen, zeigte sich, dass wir stimmige Konzepte und Ausgangsmaterialien hatten. Weshalb wir nur einen knappen Tag lang zu drehen brauchten. Dann war das Rohmaterial für den Schnitt im Kasten. Nun kann sich jeder das Ergebnis anschauen und anhören. Weshalb ich dachte, ich schreibe das alles mal auf. Eine Empfehlung in eigener Sache. Denn ich bin sicher, dass man die Energie spürt, die aus dem Song herausscheppert. Die musikalische und kreative.

Müllermania

Gibt’s nicht gibt’s nicht. Deshalb gab es nicht nur dieses eine Spiel. Sondern gibt es nun auch dieses eine Heft zu diesem einen Spiel.Titelseite 54749014…was mehr war als ein Spiel (wo die Betonung in diesem Satz liegt, weiß ich nicht: mehr als ein Spiel, mehr als ein Spiel, alles denkbar).

Auf die Beine gestellt wurde das Ganze von Oliver Wurm, dessen Leidenschaft für Fußball, kombiniert mit der für Printprodukte ganz außerordentliche Resultate möglich werden lässt. Und zwar ganz ohne Verlag im Kreuz. Alle Achtung.

Er hat für dieses Heft natürlich auch wieder eine stattliche Reihe von – teilweise recht prominenten – Autoren gewonnen und bringt das bunte Blatt nun auf den Markt. Wer wissen will, was ich dazu beisteuern konnte, kann sich hier schon mal einen Eindruck verschaffen. Ich wollte es ein weniger spannender machen und habe das Lesestück vertont. Es hat den Titel „Müllermania“ und versucht, die Geschichte über den man of the match von Belo Horizonte neu zu schreiben.

Wer mehr wissen und vor allem LESEN will, der geht entweder zum Kiosk seines Vertrauens. Oder auf die Webseite. Gerne auch auf dem Umweg über den Trailer. Den haben sich schon ein paar Menschen angeschaut. Das stärkt das Gänsehautgefühl.

Ausholzen am Baumwall

Es kommt in diesen Tagen öfter vor, dass mich der stete Fluß an schlechten Nachrichten aus dem Hamburger Zeitschriftenverlag Gruner & Jahr nostalgisch werden lässt. Wahrscheinlich geht es mir da wie vielen.

Ich muss an die Zeit denken, in der am Baumwall so gut wie alles besser war. Die Stimmung. Die Gewinne, die die Chefmanager nach Gütersloh pumpen konnten, und die Stellung der Journalisten (was damals gerne mit dem Statusmerkmal Anstellung gleichgesetzt wurde).

Von denen kamen nicht wenige von der hauseigenen Henri-Nannen-Schule, von der aus man ein strahlendes Licht am Ende des Karrieretunnels sehen konnte. Edelfedern in spe auf dem Weg zu Urlaubsanspruch, Gewinnbeteiligung, subventionierter Kantine und hübschen Recherchereisen in alle Teile der Welt.

Wie gut das alles wirklich war (und hier meine ich zunächst mal nur den journalistischen Output), ist vermutlich eine Frage des Blickwinkels.

Meiner stammt aus einem ewig grauen Hamburger Winter, in dem ich monatelang die Baumwall-Atmosphäre erleben konnte. Die Erkenntnis, die ich damals gewonnen habe, lautete: Traumberufe sehen anders aus. Was kurioserweise ein Kollege ähnlich sah, der nach der Nannen-Schule und einem Zeitvertrag wenige Tage zuvor die Festanstellung erhalten hatte: „Ich beneide Sie, dass Sie nach New York zurückgehen können“, sagte er zum Abschied. Ja, ich ging zurück. In eine Welt ohne Netz und soziale Absicherung. Er aber saß fest. Irgendwie gefangen mit einem Spatz in der Hand als der scheinbar plausibleren Alternative.

Ich stelle mir vor, dass es der Geo-Reporterin  Gabriele Riedle ein paar Jahre danach ähnlich ergangen sein muss, sonst hätte sie nicht kürzlich diesen Brief geschrieben, in dem sie mit einer bemerkenswerten Offenheit die Hauptverantwortliche für das Ausholzen der Redaktionen am Hamburger Baumwall („sehr geehrte Frau Jäkel“) ins Benehmen setzte.

Es ist ein interessantes Dokument. Nicht nur weil es aufzeigt, wie wahllos die Kriterien sind, nach denen Firmen ihre Angestellten vor die Tür setzen. Weshalb wohl die meisten Leser auf diese Selbstbespiegelung mit Sympathiekundgebungen reagierten.

Wer genauer hinschaut, der kann in dem ziemlich langen Brief, der über die taz und den newsroom lanciert wurde, über Dinge stolpern, die alles andere als Sympathie auslösen. Der Text illustriert eine besondere Symptomatik in der deutschen Journalistenlandschaft. Wozu eine Gemütslage zählt, die im Blog opalkatze unter der Überschrift „Bemerkenswert beleidigt“ aufgriffen wurde: Die Larmoyanz der gekündigten Journalistin sei nur schwer zu ertragen.

Larmoyanz – das ist tatsächlich so etwas wie die Hauptmodalität des Schreibens der weitgereisten, krisen- und konflikterfahrenen Journalistin und Buchautorin, die in gefährlichen Situationen auf fernen Kontinenten ziemlich gut klar kam, aber für zuhause keine Überlebensstrategie entwickelte. Warum auch? „In Russland oder Afrika, dort ist die wirkliche Welt. Die funktioniert nicht so wie hier in Deutschland“, wurde sie von der Stuttgarter Zeitung vor einer Weile in einem Porträt zitiert. Eine wirkliche Welt, die ihr erst neulich die Erkenntnis vermittelte, dass sie 56 Jahre alt ist. Und dass jemand in dem Alter eine Vergangenheit hat, die womöglich attraktiver war als die Zukunft, um die sie sich allerdings komischerweise keinerlei Gedanken gemacht hatte.

Inzwischen hat sie es immerhin getan: „Ich marschiere geradewegs in die Altersarmut“, schreibt sie. Kein Licht mehr am Ende dieses Tunnels.

4527187773_6009d34ae4_b(Foto: Flickr/naturalbornstupid, Creative Commoncs License: CC BY-SA 2.0)

Der Brief vermittelt Aufschlüsse über die sozialen Verhältnisse in dem immer noch profitablen Verlag. Betriebsrente, ja die gibt’s (noch), wenn auch nicht für jeden. Und das Begehren nach einer solchen Apanage existiert natürlich ebenfalls weiter (bei jenen, denen sie entgeht). Weshalb ich das fragliche Schreiben hauptsächlich als dezenten Hinweis darauf lese, dass sich da noch eine arbeitsgerichtliche Auseinandersetzung anbahnt.

Freien Journalisten, die bekanntlich ohne Kündigungsfristen und ohne Betriebsrentenansprüche leben, wird bei solchen Texten  immer ganz anders. Man fühlt sich ungerne, aber unweigerlich an mittägliche Hamburger Gespräche erinnert, bei denen es eigentlich um Themenideen gehen sollte, die festangestellten Redakteure jedoch lieber ihre Schwierigkeiten mit der ertragreichen Anlage der Gewinnausschüttungen thematisierten. Eine absurdere Welt kann man sich nicht ausmalen. Jedenfalls nicht als freier Journalist.

Deshalb geht einem auch diese „Blauäugigkeit, nicht vorgesorgt zu haben“, ab, über die sich zum Beispiel opalkatze wunderte. Ehrlich gesagt: Sie geht einem nicht mal nahe. Sie verstärkt einfach nur den Eindruck, dass da eine Generation ziemlich begabter Journalisten gerade sozialen Schiffbruch von einer epochenhaften Dimension erlebt. Eigentlich für alle vorhersehbar, bloß nicht – wir kennen das, es ist ein Klassiker – für die Insassen der Anstalt. Die fühlten sich bestens versorgt.

Und so konnte man von dort aus ausgiebig und innig den ganzen Rest der „wirklichen“ Welt analysieren und gleichzeitig gemütlich um den eigenen Bauchnabel kreisen und sich realitätsferne Projektionen und Erwartungen gönnen, um sich dieses etwas biedere Angestelltendasein (und sei es in Teilzeit) so attraktiv wie möglich auszustaffieren.

Wer darauf verzichtete und statt dessen lieber Projektionen in der Art komplett ausblendete, der fand eine andere Variante der Verschleierung: die märchenhafte Vorstellung von dem baumwallenen Füllhorn, das nie leer sein würde. Und immer für einen da war. Bis zum Gang in die Rente.

Gekündigt werden? In diesem Bubble unvorstellbar. Man unterschrieb zwar Verträge, aber las vorher über die Klauseln geflissentlich hinweg, die das vermeintlich Unmögliche möglich machen würden. Schon die Vorstellung von einem anderen Überlebensmodus, dem im freien Geschäft, führte nach ein paar Anläufen zu Beklemmungen. So stellte die Reporterin fest, dass es  festangestellte Redakteure gab wie sie, denen die Befindlichkeiten von freien Mitarbeitern ziemlich schnurz waren: „Diverse Wichtigmenschen haben überhaupt nicht geantwortet, einer hat mich, ohne abgesagt zu haben, in einem Café sitzen lassen, und eine alte Kollegin bei der Zeit schrieb mir soeben, sie würde sich gerne dafür einsetzen, dass ich ‚auf die allerdings ziemlich lange Liste der freien Autoren‘ gesetzt würde, wobei wir von den Honoraren, die die Zeit Freien zahlt, gar nicht sprechen dürfen.“

Welcome to the club. Nehmen Sie sich ein Handtuch und machen Sie es sich am Meer der Krokodilstränen bequem. Auch wenn der Wasserpegel ständig steigt, ist drumherum noch immer sehr viel Platz – für alle, die verzagt dem Ende ihrer Laufbahn entgegen sehen. Denn nicht nur für Geo-Reporter ist „der Kreis möglicher Arbeitgeber im deutschsprachigen Raum …. auf eine Handvoll beschränkt“.

Obwohl: Nur wenige dürften derart hochgestochen ausgerechnet das eigene Können als Hinderungsgrund für ein Weiterkommen betrachten. Der Grund weshalb Gabriele Riedle keine Chancen mehr für sich in der Medienbranche sieht? „Weil ich hochqualifiziert bin“.

Offensichtlich nicht qualifiziert genug, solche Nahost-Schwätzer wie den neulich verstorbenen Peter Scholl-Latour in einer Fernsehsendung wie dieser auf das Format zu reduzieren, dass man dem alten Herrn ernsthaft zubilligen konnte. Sondern eher so wie in diesem Einzelinterview, für das sich die Redaktion die seltsame Bauchbinde „Kriegsreporterin“ ausgedacht hatte. Ist das ein Beruf?

Ich habe mal im Kopf überschlagen, was Gruner & Jahr Gabriele Riedle pro Geo-Reportage bezahlt haben dürfte. Wozu ich die Liste aus ihrem Blog und ein paar Annahmen über die (Teilzeit)Gehälter am Baumwall Pi mal Daumen gegeneinander aufgerechnet habe. 10.000 Euro müsste man wohl veranschlagen, plus die Auslagen für Flüge, Hotels, Übersetzer und ähnliche Nebengeräusche. Arbeitsplatzgarantie inklusive. Ich bitte um Vergebung, falls die  Zahl sogar noch höher liegt und ich beinahe den Hinweis unterschlagen hätte, dass  Geo-Autoren, egal ob festangestellt oder nicht, klassischerweise bei jedem Weiterverkauf ihrer Texte an eine Lizenzausgabe irgendwo auf der Welt noch ein gediegenes Extrahonorar ausgeschüttet bekamen. Für Gabriele Riedle war das alles nicht genug. Es nährte nun nur „das Bewusstsein, dass alles umsonst war“.

Auf ein solches Fazit muss man mal erst mal kommen. Genauso wie auf die Vorstellung, wonach die geleistete Arbeit – und sei sie mit „enormen persönlichen Risiken“ verbunden – mit dem gezahlten Gehalt keineswegs abgegolten ist, sondern vielmehr das Ticket auf eine Garantiebeschäftigung für den Rest der Laufbahn begründet. Soziale Absicherung: der eigentliche Lebenstraum von Journalisten im gedanklichen Kosmos von Gruner & Jahr. Könnte sich mal ein Sozialforscher mit der Frage beschäftigen, was eine Haltung wie diese für Auswirkungen auf den Journalismus hat, der von solchen Idealen geprägten Menschen betrieben wird?

Da ist Musik drin

Sonntag war Nachspielzeit. Womit das lange Radiostück gemeint ist, das in der gleichnamigen Reihe von Deutschlandradio Kultur lief. Das hatten neben Lance Armstrong vor allem seine Seilschaften, Mitwisser und Mittäter im Blickwinkel. Und sollte den Komplex aktuell um jenen Gedanken erweitern, den der Doping-Experte Hajo Seppelt in der Sendung so formulierte: „Da gab es genug, die geschwiegen haben, die mit Armstrong kollaboriert haben, die davon auch profitiert haben. Es ist schon so, dass wir in der öffentlichen Wahrnehmung dazu neigen, dieses auszublenden. Das ist wirklich ein Skandal, der noch nicht zu Ende ist.”

Wer das Ganze nachholen und nachhören möchte, kann das noch eine Weile tun. Der Sender hat das Manuskript und die fertige Produktion mit Sprechern, Interview-Segmenten und Musiken hochgeladen. Weil der Skandal noch nicht zu Ende ist, werde ich mich sicher auch in der Zukunft mit dem Thema beschäftigen. Und zwar je nach Nachrichtenlage und Brisanz. Ich nehme mal an, der Kinofilm, der laut Hörensagen den doppeldeutigen Titel Icon hat („I con“ heißt auf Englisch frei übersetzt „ich trickse andere aus“, con artists ist der Begriff für Hochstapler), wird uns alle demnächst auf jeden Fall noch einmal auf die Sache zu sprechen kommen lassen.

Vielleicht werde ich jedoch etwas anderes zu den Akten legen: Ich habe für die Sendung mehrere Instrumentalmusiken aus meiner Produktion verwendet, die man getreu eines alten Gedankens aus der künstlerischen Sphäre nur einmal einsetzt und danach nie wieder. Das hat Tradition. Zum Beispiel bei Filmmusik. Kein Mensch würde in dem Genre auf die Idee kommen, solche Hinzufügungen zum kreativen Ensemble noch einmal als Erkennungsmerkmal eines anderen Films einzusetzen. Je nach Bekanntheitsgrad werden sie allenfalls zu Stoff für Parodien. Sie sind mit dem Werk untrennbar verschmolzen.

Ich verstehe, wie so etwas passiert. Denn irgendwie hängen wir alle an einem Kunstbegriff, in dem Originalität eine wichtige Rolle spielt. Selbst bei einer Kunstgattung, die qua Gestaltungsabsicht erst noch aufgeführt werden muss, damit sie überhaupt hörbar wird. Wir versuchen auch nicht dieselben Gedanken noch mal zu Papier zu bringen und zu publizieren. Wir wollen, wo es geht, originär sein und originell.

Das Konzept und die Haltung dahinter sind anspruchsvoll und reizvoll. Aber so einfach ist das alles gar nicht. Nicht, dass es mir an Ideen mangelt. Wen es interessiert, dem verrate ich gerne, dass ich im Laufe der letzten Jahre mehr als 400 Musikstücke komponiert habe, von denen etwas mehr als 50 über die eine oder andere Schiene medial (in Videos, in Radiosendungen, in Podcasts) verwertet wurden. Sie sind damit Teil eines eines ganz spezifischen atmosphärischen und gestalterischen Kontexts geworden. (Videobeispiele auf meiner Webseite americanarena.net) 

Es sind so viele Musiken, weil ich ständig zwischendurch neue Sachen entwerfe. Musik machen entlastet und entspannt die andere Seite des Gehirns ungeheuer, die den sprachbasierten journalistischen Output produziert.

Trotz dieser Menge und Vielfalt habe ich einige wenige Stücke schon mehr als einmal irgendwo untergebracht. So wie am Sonntag im Nachspiel, in dem ich mich für den Einstieg und einen weiteren atmosphärische Farbtupfer bei Material bedient habe, das ich vor wenigen Wochen (damals neu und frisch) eigens für dieses Video geschrieben habe – ein Interview mit dem amerikanischen Schriftsteller Jim Herity. Ein weiteres Stück hatte ich vor ein paar Jahren für das Video über einen österreichischen Architekten komponiert. Ich bin mir relativ sicher, dass diese Klangbeispiele zwar in ihrem visuellen Kontext bestens passen, aber dass sie auch so etwas wie eine universellere Einsetzbarkeit besitzen (zumindest für den Rundfunk, wo wir keine Bilder haben und die Funktionalität von Musik einen etwas anderen Zuschnitt hat.

Allerdings gibt es in der Armstrong-Sendung auch etwas ganz Neues, sozusagen exklusiv: die Musik am Ende.

Die hat, das ist so Usus, nämlich tatsächlich eine sehr eigene, radiospezifische Funktion zu erfüllen. Sie soll zum Schluss etwas von der Stimmung des Features mitnehmen, aber so angelegt sein, dass sie anschließend einem Sprecher erlaubt, eine Moderation draufzusetzen. Und sie soll quasi jeder Zeit ausklingen dürfen. Sie ist der Puffer für die Zeit, bis die nächste Sendung anfängt. Das heißt, sie braucht ein gewisses Tempo, gewisse Klangfarben und eine Emotionalität, die eher Bewegung signalisiert als Stillstand. Sie ist Endsignal und Übergang in einem.

Ich habe für beinahe alle Nachspiel-Sendungen, die ich in den letzten Jahren erarbeitet habe – über die Halls of Fame im Sport, die Eskimo-Olympiade, das Trend-Brett Snowboard – solche Ausklangmusiken geschrieben. Auch weil ich auf dem Markt der vorhandenen Stücke fast nie etwas finde, was ich für wirklich passend halte. Das soll nicht anmaßend klingen. Theoretisch muss man nur lange genug suchen. Aber dazu habe ich ehrlicherweise keine große Lust. Die Lust verwende ich lieber auf die Kreativität, etwas Neues zu erschaffen. Etwas, was dann tatsächlich originär ist, keine Konfektion aus dem Kaufhaus der Klänge. Etwas, was im optimalen Fall vorher im öffentlichen Rahmen noch niemand gehört hat.

Manchmal wünscht man sich, dass diese Arbeit mal jemand zur Kenntnis nimmt, ja, das vielleicht sogar jemand käme, der sagt: Hey, kannst du uns/mir nicht auch eine Musik stiften, die funktional und inspirierend ist und einen zum Zuhören animiert? Aber damit sollte ich bis auf weiteres nicht rechnen. Mit solchen Klängen am Rand zur Unaufdringlichkeit bewegt man sich wie ein gesichtsloser Typ in einer Masse. So wie wenn man durch die Straßen von New York läuft, wo einen auch keiner anspricht und keiner einen kennt. Auf der anderen Seite: Warum nicht wenigstens hier in diesem Blog mal darüber reden? Und ein paar Beispiele vorführen, die womöglich die eine oder andere Reaktion produzieren. Kann nicht schaden. Oder?Audacity Screen Shot "Nachspiel Armstrong alle Musiken"

Diese ist die Ausklangmusik vom Sonntag. Titel: 4tilehuffed

Dies ist das Stück, mit dem die Sendung Museen, Medaillen, Mythen zu Ende ging. Es heißt Cooperstown.

Die Eskimo-Olympiade und die Musik, die sie in Alaska spielen, inspirierte mich zu diesem Stück: Down the Chena River

Dies ist der Ausstieg aus der Trend-Brett-Sendung. Der Titel When You Push Me I Won’t Fall

Tatsächlich habe ich diese drei Musiken noch nie irgendwo anders eingesetzt und würde das wahrscheinlich auch inhaltlich und innerlich gar nicht hinbekommen. Irgendwie sind sie hier genau richtig platziert und würden woanders sicher längst nicht so gut passen. Ähnlich geht es mir bisher mit den Titelmusiken, die ich Videos verwendet habe. Sie sind Signaturmerkmale geworden, die sich nicht einfach verpflanzen lassen. Es sei denn, es kommt der Tag und jemand sieht oder besser hört das anders. Ich bin gespannt, ob das jemals passiert.

Der Fall nach dem Fall

Meine Erinnerung an den Sommer, als ich mich zum ersten Mal mit Lance Armstrong beschäftigen musste, ist schon etwas verblasst. Eigentlich besteht sie nur aus einem kurzen Dialog mit einem Redakteur. Er: Radsportspezialist und unverhohlener Fan. Ich: Agnostiker. Zweifler. Skeptiker. Er bat mich, einen Artikel zu schreiben, der die amerikanischen Reaktionen auf die Leistungen des Fahrers bei der Tour de France einfangen sollte.

Verständlich angesichts der Ausgangslage. Ein vormals sterbenskranker Sportler gewinnt den Prolog, ein Einzelzeitfahren, und verblüfft die Fachwelt und die Konkurrenz. Und er verblüfft vor allem seine Landsleute.

Alle – auch der besagte Redakteur – wollten sie glauben. Diese Geschichte von einem Mann, der nach einer intensiven Krebsbehandlung zum aktiven Sport zurückgekehrt war. Denn sie war verführerisch schön. Erst recht aus dem Blickwinkel von Millionen von Amerikanern, über die ich dann im Tagesanzeiger in Zürich während der Tour schließlich dieses schrieb: “Selbst zwei Jahrhunderte nach der Entwicklung des Velos steht der durchschnittliche Amerikaner dem Prinzip des Etappenrennens ratlos gegenüber. Die Tour de France ist ‚eines unserer großen sportlichen Mysterien‘, gab die Philadelphia Daily News vor ein paar Tagen zu, als sich Lance Armstrong an die Spitze setzte: ‚Wir sind von den Bildern beeindruckt, aber wir lieben sie nicht. Wir können die Anstrengungen erkennen, aber wir verstehen sie nicht.‘ Vielleicht ist das der Grund, weshalb die US-Medien in diesen Tagen mit jener riesigen Übersetzung fahren, wenn sie versuchen, die Erfolge des 27-jährigen Texaners in einen historischen Rahmen zu stellen. So schrieb USA Today: ‚Vor über 2200 Jahren begann Hannibal, der Karthager, seine Attacke auf die Alpen. Am Dienstag hat Lance Armstrong, der Texaner, mit seinem Angriff auf die Alpen begonnen.'“

Begonnen hatte allerdings ein ganz anderer Angriff. Der auf die Glaubwürdigkeit aller Beteiligten – der Fahrer, Verbandsfunktionäre, Sponsoren und Medien etwa, die wenige Tage später erfuhren,  dass Armstrong bereits beim Prolog positiv auf Kortison getestet wurde. Und dass anschließend folgendes passiert war, wie Dominique Eigenmann auf den selben Seiten feststellte: Der Weltverband rettete Armstrong vor der obligatorischen Sperre, in dem er gegen das eigene Reglement verstieß: “Dort steht nämlich (Artikel 43, Kapitel 4, Abschnitt 14), dass jede Anwendung von Medikamenten, die auf der Dopingliste stehen, auf dem Protokoll der Dopingprobe zwingend vermerkt werden müsse. Armstrong hatte in dieser Rubrik – gemäss Le Monde – aber notiert: ‘Medikamente: keine.’ Das Reglement sagt weiter: Wenn ein Athlet keine dopinghaltigen Substanzen deklariert, das Kontrolllabor aber solche findet, dann gilt das Resultat seiner Probe als positiv, und zwar auch dann, wenn der Sportler im Nachhinein noch ein ärztliches Attest vorweisen sollte.”

1999 war das alles. Neunzehnhundert-fucking-neunundneunzig. Da hätte ein Verband nur seine Regeln anwenden müssen, um den Sportbetrüger Lance Armstrong aus dem Verkehr zu ziehen. Ehe das ganze Lügengebäude errichtet wurde. Ein Gebäude, an dem viele bastelten, darunter die Firma Nike, die später mit diesem Werbespot die Zweifler gezielt verhöhnte:

“This is my body. And I can do whatever I want to it. I can push it. Study it. Tweak it. Listen to it. Everybody wants to know what I’m on? What am I on? I’m on my bike. Busting my ass. Six hours a day. What are you on?”

“Jeder will wissen, auf was man mich gesetzt hat”, sagte Armstrong in dem Werbespot und spielte mit der doppelten Bedeutung eines Ausdrucks, der sowohl für die Verordnung von Arzneimitteln als auch den Ritt auf einem Rad gelten konnte. “Auf was wurde ich gesetzt? Ich sitze auf meinem Fahrrad. Reiße mir den Arsch auf. Sechs Stunden am Tag.”

15 Jahre später versteht man diese Vorgehensweise natürlich viel besser. Die amerikanische Anti-Doping-Agentur hat sie akribisch dokumentiert. Ich selbst habe parallel zahllose Geschichten und Radiobeiträge produziert und Interviews geführt mit Männern wie Tyler Hamilton und Frankie Andreu. Auch das nicht ganz unwichtig zum besseren Verständnis. Wie die Gespräche mit Journalisten wie Juliet Macur und Bill Gifford und Selena Roberts, die alle jeweils mit intensiven Recherchen Teile des Lügengebäudes enthüllten. Und mit dem Filmemacher Alex Gibney, der damals an seinem Dokumentarfilm The Armstrong Lie arbeitete. Ich konnte mit Frauen wie Betsy Andreu reden, die eine besondere Rolle bei den Enthüllungen spielte. Mit Anwälten wie Jeff Tillotson, der die Firma SCA vertritt, die von Armstrong um Millionen von Dollar betrogen wurde. Und mit Vertretern der Radfirma Trek, die auf verstörende Weise den Eindruck erweckt, als gehöre sie nicht zu den Mitwissern und Mittätern des größten Sportbetrugs aller Zeiten, sondern als sei sie so eine Art Opfer.

Ich war im Laufe der letzten Jahre für die vielen Recherchen in Salt Lake City, in Montana, in Washington und natürlich auch in New York unterwegs. Ich war in Detroit. Und in Waterloo/Wisconsin. Mit der Sperre, die die amerikanische Anti-Dopingagentur 2012 auf den Weg brachte und die anschließend vom Weltradsportverband bestätigt wurde, hat der größte Teil der Öffentlichkeit das Kapitel zugeklappt. Tatsächlich ging seitdem die Geschichte weiter. Und das wird sie auch noch in den nächsten Monaten. Wenn so einiges herauskommt, was bisher noch unter dem Deckel war.

Eine gute Phase übrigens, um für die großartige Sendereihe Nachspiel auf Deutschlandradio Kultur ein ausführliches Feature produzieren, in dem ein erheblicher Teil der Aufmerksamkeit auf den Hintermännern, Mitwissern und Mittätern liegt, auf die bislang noch wenig Licht gefallen ist. Und dies vor allem deshalb, weil sich Armstrong konstant weigert, seine Helfershelfer zu verraten. Es ist Teil seines Spiels, das genauso wie der Doping-Missbrauch irgendwann noch in den Vordergrund rücken wird. Wenn klar wird, wer alles Meineide schwor, um Armstrong zu helfen. Und wer von Armstrong eingeschüchtert und durch seinen Einfluss wirtschaftlichen Schaden erlitt. Ganovenehre ist kein Ding von Ewigkeitswert.

Sendetermin: Sonntag, den 23. November

http://www.deutschlandradiokultur.de/radfahrer-der-fall-armstrong.966.de.html?dram:article_id=300138

Ein paar Links zur Einstimmung? Gerne

Interview mit der Journalistin Juliet Macur, die das Buch geschrieben hat: Lance Armstrong – Wie der erfolgreichste Radprofi aller Zeiten die Welt betrog

Bericht über den Gibney-Film The Armstrong Lie und einige der Figuren im Hintergrund des Skandals. Titel: Das Phantom der Seifenoper.

Das große Tyler-Hamilton-Interview im Züricher Tagesanzeiger.

Die dubiose Rolle des Radherstellers Trek, der Anfang 2014 ein eigenes Profi-Team an den Start brachte.

Meine Einschätzung von Lance Armstrongs Fernsehbeichte in der FAZ.

Eine von mehreren, die sich ihre Hände dreckig gemacht haben, um Armstrong ins rechte Licht zu rücken. Und die dabei sehr viel Geld verdient hat.

Addendum: Eine Fassung der fertigen Sendung ohne Voiceover.

Good news is bad news – eine Geschichte aus dem Berliner November 1989 (Teil 3)

Vor 25 Jahren bekam ich zufälligerweise die Chance, in einem Team mit amerikanischen Fernsehleuten nach Berlin zu fliegen, die den Auftrag hatten,  über den Fall der Mauer zu berichten. Es war ein einprägsames Erlebnis. Und das nicht mal aus den ganz offensichtlichen Gründen. Eine Geschichte in drei Teilen.

TEIL 3 und Schluss

Im Laufe des Montags, mit einer Verspätung von vier Tagen nach den entscheidenden Ereignissen, wurden die in Berlin produzierten Beiträge von Inside Edition amerikaweit ausgestrahlt. Zu den Werkstücken  gehörten Bill O’Reillys Aufsager vom Samstag an der Mauer. Und unsere Versuche, es für die Kamera, so gut es ging, menscheln zu lassen.

Wir waren am Sonntag ganz früh an den Potsdamer Platz gefahren,  damals eine riesige Brache, wo die DDR-Verantwortlichen kurzfristig mit einem Kran ein paar Platten aus der Betonmauer herausbrachen, um noch mal einen riesigen Schwall von Menschen herauszulassen, die an diesem kalten, aber wenigstens sonnigen Tag den Westen erkunden wollten. Es war mein Job, so viele wie möglich anzusprechen, um herauszufinden, ob sie eine interessante Geschichte hätten und ob sie uns wohl an der teilhaben lassen würden. „Amerikanisches Fernsehen“ war zwar ein Zauberwort, aber keines, mit dem man Stroh zu Gold machen konnte.

FirefoxScreenSnapz004Ein Zufall wollte es, dass einer der Kameramänner ein junges Ehepaar mit einem kleinen Sohn einfing, als der Vater durch die Öffnung der Mauer kam und Tränen der Rührung weinte. Wir hatten also Tränen auf Band. Das war wie wenigstens drei Richtige im Lotto. Nun mussten wir nur noch diese Menschen überreden, daraus etwas machen zu dürfen und den Tippschein so richtig auszureizen.

„Sprechen Sie Englisch?“, fragte ich ihn. Und er sagte: „Ein bisschen.“

„Dürfen wir Sie auf Ihrem Ausflug begleiten?“

Man sträubte sich, war skeptisch, bis sich dann doch die Neugier  durchsetzte. Zumal wir ein Auto anbieten konnten. Was vermutlich den Ausschlag gab. Sicher vor allem angesichts der Vorstellung, dass der junge Sohn irgendwann Schlapp machen und die tour d’horizon durch den Westen ein rasches Ende nehmen würde. Wir boten die bequemere Lösung.

Wir haben damals ganz konventionelle Aufnahmen gedreht – mit diesen netten jungen Ossis beim Blick in die Schaufensterauslagen am Tauentzien, beim Verzehr der ersten Pizza ihres Lebens und bei der ersten Verarbeitung dieser Erfahrungen in allzu dürren englischen Worten. Das war’s. Kein echter Lottogewinn.

Dafür waren wir tausende Kilometer gereist, hatten hunderte von Leuten angesprochen und uns in hässlichem Wetter durch eine Stadt manövriert, die vermutlich in diesen Tagen eine Unmenge von hervorragenden Geschichten bereit hielt. Die man aber auf diese Inside-Edition-Weise gar nicht finden konnte.

Ich blieb noch in Berlin, nachdem Bill O’Reilly am Montag wieder abgeflogen war und beschloss, mich zur Abwechslung auf der anderen Seite der Mauer umzuschauen. Ich hatte keinen Plan. Ich wollte mich einfach nur treiben lassen und kam am späten Nachmittag  am Übergang Heinrich-Heine-Straße an, wo ich den Grenzpolizisten meinen Pass zeigte. Auf deren Reaktion war ich nicht vorbereitet. Ich könne nicht in die Hauptstadt ihrer Republik einreisen, sagte man mir, weil man als bundesdeutscher Passbürger nur bis um 16 Uhr jedes Tages ein Visum erhalten würde, dass dann bis Mitternacht gültig war. Es war die Kuriosität schlechthin: Während jeder DDR-Bürger auf einmal nach Gutdünken und jeder Zeit die Grenze überqueren konnte, musste ich als Westler deren Bestimmungen respektieren. Die DDR pfiff aus dem letzten Loch. Aber sie pfiff auf preußische Art.

Ich weiß, das war nicht die „Freiheit des Ostens“, über die Martin Ahrends ein paar Tage später in der Zeit so eloquent schrieb. Und so wanderte ich noch ein bisschen durch Kreuzberg und stand irgendwann im Dunkeln an einem weiteren Loch in der Mauer, das eher wie ein Riss wirkte und wo zwei gut gelaunte DDR-Grenzer patrouillierten  die ein paar Tage vorher noch auf jeden gezielt geschossen hätten, der sich in den Todesstreifen getraut hätte. Wir tauschten ein paar Freundlichkeiten aus und ich fragte sie, ob ich wenigstens eines der herumliegenden, kleinen  Betonstücke mitnehmen könne.

„Na, klar“, lachten sie.

Ich wusste, irgendwann in ferner Zukunft würde mir – im Zweifelsfall  – niemand die Authentizität dieses Stücks deutscher Geschichte abkaufen. Aber ich hatte ohnehin nicht die Absicht,  dieses Souvenir zu behalten. Ich wollte es Bob Young schenken, den ich nach der Rückkehr in seinem Büro besuchte. Und der davon sichtlich beeindruckt war. Bill O’Reilly hatte an solche Mitbringsel wohl offensichtlich nicht gedacht, ehe er nach Hause flog. Es hatte ihm  gereicht, sich vor der Mauer aufgebaut und in die Kamera  gesprochen zu haben. „Let’s keep in touch“, rief er mir zu, als ich ihn kurz sah.

Youngs Tochter trug den Brocken später in ihre Schule und zeigte ihn im Unterricht vor. Während ich mit etwas sehr viel Erhabeneren  nach Hause zurückkehrte.

Nein, nicht mit der Erkenntnis, dass man in den Fängen dieser Tabloid-Fernsehredaktionen (und wahrscheinlich der meisten Fernsehredaktionen) ganz schnell seinen inneren journalistischen Kompass verlieren konnte. Das war mir schon vorher klar gewesen. Mich beschäftigte vielmehr dieser Essay von Martin Ahrends in der Ausgabe der Zeit vom 17. November, die ich mir vor dem Einsteigen in die Maschine nach New York mitgenommen hatte, um in aller Ruhe das Geschehene und Gesehene nachzuarbeiten.

Ahrends schaffte es mit diesem Text, mir die Essenz all dessen zu vermitteln, was mich und meine ureigene, alte Neugier auf die DDR betraf. Etwas, was ich in den Jahren, in denen ich in Charlottenburg, im Wedding und in Schöneberg gelebt, an der FU studiert und für das Tip-Magazin über Berliner Filmer und Musiker (auch DDR-Musiker auf Westbesuch) geschrieben hatte, zwar irgendwie gespürt, aber nie verstanden hatte.

Ich hatte deren Radio gehört und ihre Pop-Musik geschätzt. Ich hatte ihr Brecht-Ensemble besucht und ihre Buchläden. Ich war über die von Schlaglöchern übersäte Transitstrecke gefahren und dabei jedes Mal trotz schneller Fahrt den Radarkontrollen entgangen. Ich hatte eine Vorstellung von dem Leben, das sich nun angesichts dessen, was Ahrends schrieb, offensichtlich einfach als ein Phantasiegeflecht entlarvte. Und das vermutlich ähnlich klischeehaft war wie das der amerikanischen Fernsehreporter, mit denen ich nach Berlin gekommen war. Nur anders. Denn die Schicht unter der Oberfläche – die Freiheit des Ostens – die hatte ich nie kennengelernt.

Und nun, prophezeite Martin Ahrends, der ein paar Jahre vorher aus politischen Gründen in den Westen gegangen war, würde es dazu auch keine Möglichkeit mehr geben. Die DDR brach auf. Sie brach den selbstgebauten Wall auf. Und sie brach zusammen. Alles zur selben Zeit. Und damit war die Geschichte wirklich zu Ende. „Wohlan denn, investiert euer Kapital, schickt eure Renovierungstruppen“, schrieb er, „aber bedenket, was ihr verliert an der Freiheit des Ostens.“

Auch mich bestrafte das Leben. Ich war zu spät gekommen.

So wie Bill O’Reilly, der in der Sendung diese historischen Sätze sprach: „Hello and welcome to Inside Edition. I’m Bill O’Reilly Behind me is the Brandenburg Gate in East Berlin, the symbol of a divided Germany. Over the last few days many of us have seen reports coming from here. Not since the defeat of the Nazis in 1945 has Europe experienced such an emotional story. It is all about freedom, and today we will bring you the drama and some of the people caught up in the opening of the Berlin  Wall.“

In dieser Woche wird er bestimmt den Schnipsel mit diesem Auftritt wieder abspielen. Er war ja offensichtlich damals nur aus einem Grund in Berlin: um sich selbst zu filmen. Ein Selfie-Made-Man.

P. S.:

Vor fünf Jahren nahm sich  die Daily Show ebenfalls des Themas an. Es war ein reizvolles, bizarres Echo auf das, was mir all diese Jahre durch den Kopf  gegangen war, und entlarvte die Motive all dieser Selbstdarsteller in einem  Beitrag von zehn Minuten Länge, Es war nicht so schwer, wie es vielleicht klingt, denn eine Reihe von Fernsehleuten hatten in den Tagen zuvor ihre Zuschauer mit Nachdruck daran erinnert. dass sie selbst höchstpersönlich  damals vor Ort gewesen waren.

P.P.S.
Ich habe die Gelegenheit bekommen, für die aktuelle Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung einen Text zu schreiben, der meine Erfahrung mit dem amerikanischen Fernsehen vor 25 Jahren in Berlin zusammenfasst. Enstanden ist er auf der Basis dieses Blog-Textes. Ich werde ihn verlinken, sobald er online gestellt wurde.

Good News is Bad News – eine Geschichte aus dem Berliner November 1989 (Teil 2)

Vor 25 Jahren bekam ich zufälligerweise die Chance, in einem Team mit amerikanischen Fernsehleuten nach Berlin zu fliegen, die den Auftrag hatten,  über den Fall der Mauer zu berichten. Es war ein einprägsames Erlebnis. Und das nicht mal aus den ganz offensichtlichen Gründen. Eine Geschichte in drei Teilen.

TEIL 2

Als wir am Samstag auf der Westseite des Brandenburger Tors ankamen, sah ich ein erstaunliches Detail. Am Ende der Straße des 17. Juni standen zusammengestöpselte Plattformen, auf denen Fernsehkameras postiert waren. Man hockte in einem Meter Höhe – nicht eng zusammen wie auf Pressekonferenzen – sondern in gebührendem Abstand voneinander, jeweils drei Sender in einer Reihe. Am frühen Nachmittag passierte da oben nicht viel. Es war morgens in den USA. Da standen keine Live-Satellitenschaltungen an. Nicht mal CNN litt damals unter Schilddrüsenüberfunktion. Satellitenzeit war noch sehr teuer und wurde quasi vom Mund abgespart.

Ich hatte keine Zeit herauszufinden, wer dieses Plattformen-Puzzle organisiert hatte. Aber ich fand es bezeichnend genug, dass sich in der ersten Reihe nicht etwa jene Leute befanden, die hier in Berlin ein Heimspiel gehabt hätten. ARD und ZDF hatten es mal gerade in die dritte Reihe geschafft. Vorne hingegen hatten sich die drei großen amerikanischen Networks postiert, dahinter CNN, BBC und jemand, an den ich mich nicht mehr erinnere. Es war das Symbolbild für die gemächliche Arbeitsweise so vieler deutscher Medienmenschen. Und es entsprach den Geschichten, die ich in den nächsten Tagen in Berlin aufschnappte. Wie jene, wonach das deutsche Gebührenfernsehen nachts wie gewohnt einfach abgeschaltet hatte anstatt zu senden. Die Bilder, ich live in New York dank NBC und Anchorman Tom Brokaw geliefert bekam, sah man in Deutschland erst später. Brokaw hatte noch einen Scoop gelandet, als er Stunden vorher mit Günther Schabowski im Osten ein Interview führen konnte, um sich von ihm – auf Englisch – erklären zu lassen, was denn das soeben verkündete Dekret zum freien Reisen der DDR-Bürger tatsächlich bedeutete. Brokaw erinnerte sich  vor einiger Zeit in einem Interview für den Kabelkanal OWN TV an die Ereignisse.

Ich hörte Geschichten über deutsche Print-Reporter, die irgendwann beschlossen hatten, selbst nach Berlin zu fliegen, aber  bei ihrer Ankunft auf dem Flughafen entdecken mussten, dass man ihre Sitze an amerikanische Kollegen gegeben hatten. Man hatte sie auf ihrem eigenen Turf über den Löffel balbiert. Die Amerikaner wollten das Rennen gewinnen und taten alles, um es auch zu schaffen.

Mich hat das damals sehr beeindruckt und deshalb nahm ich mir vor, in Zukunft ebenfalls so energisch meinen Job zu machen. Wozu ich am frühen Montagmorgen bereits  Gelegenheit bekam, als ich dem unsympathischen Scott Rapoport einen Platz in einer ausgebuchten PANAM-Maschine besorgte. Der hatte die Nacht über im Videostudio am Kudamm an seinem Beitrag geschnitten, während ich im Hotel seine schmutzige Wäsche zusammengepackt und den Trip nach Paris für ihn klar gemacht hatte. Dort sollte er die Concorde erreichen und mit den MAZ-Bändern nach New York düsen. Das war Plan B für den Fall, dass bei der Satellitenübertragung irgendetwas schief gelaufen wäre. Es klappte. Er kam rechtzeitig in dem Studiokomplex von Inside Edition auf der Upper Eastside an. Für ihn hatte der Berlin-Trip aus einem schnellen, hektischen Hin und Her bestanden. Viel gesehen und erlebt hatte er nicht.

Anders als Anchorman Maury Povich von der Tabloid-TV-Konkurrenz A Current Affair. Diese erfolgreiche Sendung war das Vorbild für Inside Edition gewesen und der erste Abenteuerspielplatz in diesem damals neuen Genre für den wieseligen Chef-Produzenten Bob Young, einen Australier, der zusammen mit einigen Landsleuten und  ein paar Fleet-Street-Typen als bestens bezahlter Angestellter des Medien-Maniacs Rupert Murdoch in die USA ausgewandert war. Als Inside Edition Anfang 1989 startete, wechselte er jedoch. Ich nehme an, vor allem deshalb, weil die Bezahlung besser war. Denn das Konzept war das gleiche.

Povich hatte O’Reilly ebenso abgehängt wie die anderen, weshalb der Wikipedia-Eintrag falsch ist. Er sei „einer der ersten amerikanischen Fernsehleute gewesen, die über den Fall der Berliner Mauer berichteten“, heißt es da. Was für ein Unsinn. Die Murdoch-Leute zum Beispiel hatten ihren Verleger überzeugt, dass man angesichts der Brokaw-Bilder aus Berlin aus dem Stand ein eigenes Flugzeug chartern musste, um gleich die komplette Redaktion nach Deutschland zu bringen und jeden Stress mit überbuchten Maschinen und Umsteigen zu vermeiden. Sie brachen noch am Donnerstagabend auf und waren am Freitag vor Ort. Einen Tag vor uns, die noch am Freitagmorgen in New York ständig hingehalten wurden, weil die Verantwortlichen nicht wussten, ob sie das viele Geld ausgeben sollten, um das anzupacken, was für Povich die größte Geschichte in seiner journalistischen Karriere wurde.

Erstaunlich eigentlich eine solche Kategorisierung, wenn man weiß, was der Jahre danach für Anekdoten schilderte. Bei einer Episode handelte es sich um eine Familienzusammenführungs-Story, was mir im Nachhinein klar machte, weshalb A Current Affair und wir auf ähnlichen Fährten unterwegs waren. Diese Murdoch-geschulten und an der Fleet Street abgehärteten Typen tickten alle auf dieselbe Weise.

„Die Current Affair Art, über ein solches Ereignis zu berichten, war: Wir würden zwei Brüder, einen ostdeutschen und einen westdeutschen, zusammenbringen, die sich vorher noch nie gesehen hatten.“ In wie weit die Details der Geschichte überhaupt stimmen, ist schwer zu sagen. Denn einer der Producer, der damals mit vor Ort war und vor fünf Jahren der New York Times einen Kurzbericht samt Foto mit Povich in der Menge auf der Ostseite der Mauer reinreichte, erinnerte sich an „ostdeutsche Wälder“, in die sie mit einem Mercedes und dem West-Bruder fuhren und eine steife Wiederbegegnungszene einfingen.  Die Verwandten waren einander nicht grün. Vielleicht ja auch, weil der Westbruder in New York lebte, wo man ihn kurz vor der Abreise in einer Kneipe auf der Upper Eastside von Manhattan aufgespürt und quasi gekidnappt hatte.

Auch Povichs hyperaktiver Kollege Gordon Elliott hatte Pläne. Er kaufte einer Berliner Feuerwehrwache eine große Axt ab, stellte sich selbst damit auf die Mauer und begann, Stücke herauszubrechen. Povich fand das journalistisch nicht gelungen. „Gib die einem Deutschen“, sagte er ihm und ahnte schon kurz darauf, dass das keine schlechte Idee gewesen war. „Eine Woche später war dieser Deutsche mit Gordons Axt auf den Titelseiten von Time und Newsweek. Besser geht gar nicht“, grinste Povich, als er das alles zum Besten gab (siehe Video oben).

Auch an diesem Teil der Erinnerungen ist wahrscheinlich das eine oder andere falsch. Ob erfunden oder einfach nur durch allzu häufiges Erzählen umredigiert, kann ich nicht beurteilen.  Meine Recherchen ergaben jetzt, dass zumindest, was Time betrifft, es niemanden mit einer Axt auf dem Cover gab. Was es aber gab, war die beindruckende Auswahl von Bildern des Fotografen Anthony Suau, den man von New York aus am selben Tag wie uns losschickte. Vor Ort gelang ihm damals ein ziemlich berühmt gewordenes Bild, auf dem  ein Mann auf der Westseite mit einer Axt ein Loch in die Mauer schlägt, während ihm von der anderen Seite eine Dusche aus einem ostdeutschen Wasserwerfer verpasst wurde. Er hatte das und die anderen Bilder gefunden und nicht inszeniert. Weshalb ich nur jedem empfehlen kann, sich das Interview mit ihm anzuschauen, was man auf der Webseite von Time finden kann.

Vielleicht meinte Povich Newsweek, das eine speziale Ausgabe mit diesem Titelblatt herausbrachte:

NewsweekBerlinDoch diese Axt sah nicht wie ein Spezialwerkzeug der Feuerwehr aus. Weshalb derjenige, der vergleicht, wie sich der Fotograf Suau an seine Tage in Berlin erinnert und mit welchem persönlichen Engagement und welcher Anteilnahme er arbeitete, ziemlich schnell versteht, dass es einen gravierenden Unterschied gibt zwischen guten Journalisten und Selbstdarstellern, die so tun, als seien sie Journalisten.

Ich muss zugeben, dass mir das damals durchaus zumindest theoretisch längst bewusst war, aber nicht in dieser praktischen Dimension. Weshalb ich die Institution, für die ich in Berlin antrat – das amerikanische Fernsehen – zunächst dummerweise eher bewunderte. Mich beeindruckte das Machertum, die Energie, die Durchschlagskraft und die Fähigkeit, dies dann auch noch zusammenzubringen in drei bis vier Minuten langen Beiträgen, die aus Aufsagern und Interviews, B-Roll und einem gesprochenen Text bestanden. Was mich am meisten faszinierte, war die Art und Weise wie man produzierte. Der Reporter schrieb, nachdem er das Sammelsurium des Rohmaterials ausgewertet hatte, seinen Text und nahm ihn auf. Der Text wurde das Fundament für den Bildschnitt, während man in Deutschland stets exakt andersherum vorging. Man schnitt erst die Bilder und legte dann einen Text darunter.

Ein paar Tage später schrieb ich einen Artikel für das Berlin Tip-Magazin, in dem ich über den Auftritt der Medien berichtete. Der Text wirkte im Rückblick eher kurzatmig und nicht besonders durchdacht. Die Arbeit der angereisten amerikanischen Fernsehsender in Berlin hatte es nämlich nur rein oberflächlich betrachtet geschafft, ein so wichtiges Ereignis adäquat einzufangen und zu beleuchten. Unter der Oberfläche gab es so gut wie nur Klischees, die wie Slogans aus den Wahlkämpfen klangen. Man wollte da gewesen sein, um zu zeigen, dass man das wichtig nahm. Aber man wollte es auf eine Weise zeigen, die fast alle Nuancen vermied. Es hatte die geistige Tiefe der Berichterstattung vom rheinischen Karneval.

(Es folgt Teil 3)

Good news is bad news – Eine Geschichte aus dem Berliner November 1989

Vor 25 Jahren bekam ich zufälligerweise die Chance, in einem Team mit amerikanischen Fernsehleuten nach Berlin zu fliegen, die den Auftrag hatten,  über den Fall der Mauer zu berichten. Es war ein einprägsames Erlebnis. Und das nicht mal aus den ganz offensichtlichen Gründen. Eine Geschichte in drei Teilen.

TEIL 1

Diese Geschichte ist wirklich nicht über Bill O’Reilly, obwohl er darin vorkommt und eine nicht ganz unwichtige Rolle spielt. Hauptsächlich in dieser einen Rolle als Fernsehreporter, der im Trenchcoat vor der Berliner Mauer steht und etwas von Drama faselt.  Zwei Tage nach dem eigentlichen Drama und der entscheidenden Nacht, in der junge Leute aus dem Westen angerückt waren und Stimmung machten und zu hunderten, wenn nicht tausenden ungehindert von den DDR-Grenzsoldaten auf die Krone kletterten.

Diese Geschichte ist auch nicht über mich. Obwohl ich neben der Kamera stand, angeheuert als ortskundiger Producer mit einem Sinn für die Bedürfnisse des amerikanischen Fernsehens. Eingeflogen mit diesem Bill O’Reilly, der damals die noch ziemlich neue und ziemlich ambitionierte Magazinsendung Inside Edition moderierte, und einem zweiten, jungen und naseweisen Reporter namens Scott Rapoport aus New York. Es ging darum, einen historischen Moment auf eine Art einzufangen, der sich abhob von dem, was damals hunderte von Kameras und zahllose Fernsehjournalisten zu dokumentieren versuchten. So wie wir.  Ich kann bis heute nicht sagen, dass es uns sehr gut gelungen ist. Weshalb so einiges wieder aus dem Gedächtnis gerutscht ist. Denn was war schon wirklich dramatisch an diesem Auszug der Massen, die aus Ost-Berlin in den Westen kamen und jeden Abend brav wieder nach Hause gingen?

Ich würde mich deshalb auch gar nicht so gut an diesen nebeltrüben, grauen Nachmittag am Brandenburger Tor erinnern, wenn O’Reilly die Bilder von damals nicht immer mal wieder auspacken würde. So wie vor fünf Jahren, als er einen kurzen Clip in seiner Sendung The O’Reilly Factor auf dem Kabelkanal Fox News laufen ließ, der einen Tag später von Jon Stewart in der Daily Show wiederholt wurde, um den extrem eitlen, alten Mann ins Lächerliche zu ziehen. Wer ist so selbst verliebt und liefert als einzige Reminszenz an eine politische Entwicklung von historischen Ausmaßen nichts anderes als eine antiquierte Form eines Selfies? O’Reilly.

Er war schon damals, trotz aller Professionalität, nur schwer zu ertragen. Was an seinen politischen Ansichten lag. Und an seinem  Mangel an Geschichtswissen. Und an dieser fernsehgerechten Art, zu lügen, die auf eine Weise gehäkelt wurde, dass es nicht jeder gleich merken würde: Lügen wie diese in dem Text, den er an diesem Novembersamstag auf der Straße des 17. Juni in die Kamera sprach, was als Teaser für die Ausgabe von Inside Edition zwei Tage später ausgestrahlt wurde. „And today we will bring you the drama und some of the people caught up in the opening of the Berlin Wall.“

Bill O'Reilly Berliner Mauer 1Bill O’Reilly war in Berlin, als die Mauer fiel. Aber nicht am 9. November, sondern erst zwei Tage später.

Today? Welches „Today“? Das Samstags-„Today“? Das Montags-„Today“?

Nicht nur täuschte er vor Ort damit eine Live-Berichterstattung vor, die es gar nicht gab. Nicht nur waren die Geschichten, die wir an diesem Wochenende in Berlin drehten, am Sendetag eigentlich kalter Kaffee. Wir hatten auch nicht die Vorgaben erfüllt, die er mit diesem Teaser-Text vornweweg formulierte, ehe wir denen dann anschließend anderthalb Tage lang nachjagten. Die Redaktion in New York hatte uns die Aufgabe gestellt, nahe Verwandte zu finden, die sich zum ersten Mal seit 30 Jahren in die Arme fielen (während unsere Kameras liefen). Die dann bereit waren, sich von uns stundenlang  begleiten und abfragen zu lassen, während sie 30 Jahre nachholten. Und die natürlich auch noch Englisch sprachen, was fast ebenso absurd war wie die beiden ersten Konzeptideen.

Aber das entsprach der naiven Dümmlichkeit dieser vom Boulevard-Denken beeinflussten amerikanischen Reporter. Sie glaubten, dass es das geben würde: die passende, runde Geschichte, die man im Kopf hatte, ehe man vor Ort aufschlug, Statt der richtig guten, die man erst noch suchen und finden musste.

Ich erzähle das nicht, weil ich nach einem Weg suche, um nachträglich eine Herablassung zu produzieren, mit der ich meine eigene Mitwirkung bei diesem Projekt übertünchen könnte. Sondern weil es vor allem eine Lernerfahrung war. Eine, von der ich später beschloss, sie nicht noch einmal zu machen.

Zugegeben, ein bisschen irritiert war ich damals schon. Aber mir war noch nicht klar, wie kaltschnäuzig und frivol diese Bilder eines Tages aussehen würden. Wie austauschbar und beliebig.

Wir waren nicht die einzigen. Andere gaben das Tempo vor. Und O’Reilly war gar nicht mal der schlimmste Selbstdarsteller. Das waren seine Kollegen von den großen Networks, vor allem Peter Jennings (ABC) und Dan Rather (CBS), die, weil sie um die eigentliche News-Geschichte von ihrem Kollegen Tom Brokaw (NBC) geschlagen worden waren, nun mit einem Tag Verspätung nach Kräften den Grad ihrer Bedeutung für das Gewicht und das Gesicht einer Story hochputschten. „Es wirkte fast so, als würden verschiedene Elemente des Fernsehens, Teil der Geschichte für ihre eigenen Zwecke zurechtstutzen, während Deutsche Teil der Mauer abschlugen und Stücke wegschleppten, um sie für alle Ewigkeit zu behalten oder zu verkaufen“, schrieb Howard Rosenberg damals in der Los Angeles Times über das, was er nur im Fernsehen sah. Es war einer der wenigen kritischen Kommentare über diese Mischpoke. Rosenberg war klar: Dieses Trio wurde wirklich „kaum gebraucht, um zu signalisieren, wie enorm dieses letzte, lauteste, betäubende Echo von Glasnot“ war. Aber darum ging es auch gar nicht. Sinnen und Trachten der Fernsehdramaturgie war es offensichtlich nur, jene „mit Stars durchsetzte Seele der Fernsehnachrichten wiederzuspiegeln“, die den Zuschauern vorzugaukeln versuchte, dass erst ihre Anwesenheit das Niveau der Berichterstattung anheben könne. Es ging um tatsächlich um so etwas wie Höhe. Einige der Anchormen stiegen für die Kamera sogar auf die Mauer.

Pech für O’Reilly: Als wir einen weiteren Tag später eintrafen, hatten die Grenzer der DDR das Spektakel des Tanzes auf dem platten Wall vor dem Brandenburger Tor beendet.

Aber Möglichkeiten, symbolische Bilder einzusammeln, gab es satt. Das sahen wir spätestens, als wir kurz darauf am Checkpoint Charlie eintrafen, wo Ostberliner in ihren stinkenden Zweitaktern ohne Ende aus ihrem Betongefängnis herausquollen, empfangen von angetrunkenen, heiteren Menschen, von denen eine Reihe gleich nebenan mit Spitzhacken und Vorschlaghammern die Mauer  attackierten.  O’Reilly war begeistert. Ich glaube, er hätte am liebsten selbst Hand angelegt. So wie jemand von der Konkurrenzsendung A Current Affair das bereits getan hatte, wie die LA Times berichtete. Aber es wurde dann bald dunkel, und dieser amerikanische Freiheitskämpfer-Reporter wusste, dass er noch einiges an Material werde drehen müssen. Nicht nur Beton-Chipper.

Am frühen Abend brachte ich uns zur Gedächtniskirche und zu der Disco im Europa-Center, wo es leichter war, junge DDR-Bürger ausfindig zu machen und aus den Anwesenden jene herauszufiltern, die nicht so ängstlich waren, vor Westkameras aufzutreten und die genug Englisch sprachen, um das Voiceover-Problem zu umschiffen. Aber dann ging ich ins Hotel und versuchte, erst mal, gegen den Jet-Lag anzuschlafen. Ich hatte organisiert, was man organisieren konnte.

Wir waren erst am späten Vormittag in Tegel gelandet und hätten am liebsten gleich drauf losgedreht. Aber die beiden für uns in Paris gebuchten Kamerateams waren noch nicht eingetroffen. Sonst hätten wir uns bestimmt auf die ellenlange Schlange gestürzt, die vor einem Bankschalter auf dem Flughafen geduldig wartete, um ihr Begrüßungsgeld in Empfang zu nehmen.

Empfangen wurden wir von einer Berlinerin, die ich für unseren Dreh verpflichtet hatte.  O’Reilly wollte als erstes von ihr wissen, auf welche Weise wir wohl die geplanten Human-Interest-Geschichten auf die Beine stellen könnten. Doch ihre Antwort wirkte so Deutsch, wie ich das noch aus jener Zeit in Erinnerung hatte, ehe ich nach New York gezogen war: „Das wird sehr schwierig“, sagte sie und machte dabei ein Gesicht, dass ihrer Antwort den Eindruck beimischte, als wollte sie eigentlich sagen: „Das ist unmöglich.“

O’Reilly schaute mich an, sagte aber nichts. Und ich wusste, dass es nur einen Weg gab, nicht gleich von Anfang schlechte Laune zu verbreiten: in dem ich der guten Frau klar machte, die ich blind gebucht hatte, weil sie mir jemand empfohlen hatte, dass wir bei der gut bezahlten Arbeit für die Amerikaner nicht die skeptischen Deutschen heraushängen lassen, die alles in Frage stellen und so wirken, als ob sie sich nicht den Arsch aufreißen würden. „Gibt’s nicht gibt’s nicht“, sagte ich und fing an, einen nach dem anderen in der Schlange anzusprechen.

(Es folgt Teil 2)

Media Matters (still)

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