Kurz ist gut?

Die amerikanische Musik-Zeitschrift Rolling Stone hat vor ein paar Jahren ihre Experten angezapft, um die im Grunde völlig akademische Frage zu klären: Welcher war der bedeutendste Song der Rock-Geschichte?

Die Abstimmung spülte ein Werk aus dem Jahr 1965 auf den ersten Platz, das aus heutiger Sicht vergleichsweise unspektakulär klingt: “Like a Rolling Stone”. Komponist, Texter und Interpret: Bob Dylan.

Der erste Eindruck, den der Song 45 Jahre später erzeugt, ist irreführen. Die Aufnahme brach mit einer Reihe von Konventionen und bildete eine stabile Plattform für Dylans produktive zweite Karrierephase. Noch kurz zuvor hatte er ernsthaft über Aufhören nachgedacht.

Abseits vom Stil des Songs und des Arrangements und dem Inhalt des Textes hatte die Aufnahme vor allem ein Gutes: Die reine Länge des Liedes, damals eine pure Provokation an die Adresse der Musikindustrie, von Radio-DJs und Jukebox-Betreibern. 6:09 Minuten ist die Single-Version lang, die Album-Variante noch vier Sekunden länger. Das war eine Oper im Vergleich zu den 1:45 Minuten des “Summertime Blues” von Eddie Cochran (Platz 73 auf der Liste der “greatest songs”), den 1:50 Minuten von “Great Ball of Fire” von Jerry Lee Lewis (Platz 96) und den 1:47 von „Rave On“ von Buddy Holly (Platz 154). Dylans Plattenfirma weigerte sich wochenlang, die Aufnahme als Single herauszubringen (die übrigens beinahe noch länger ausgefallen wäre, doch Dylan hatte vor der Studio-Session den Ur-Text von sage und schreibe zehn handgeschriebenen Seiten heruntergekürzt).

Weshalb mir diese Geschichte durch den Kopf geht? Das hat mit der neuen iPad-Euphorie in den traditionellen Verlagshäusern zu tun. Und die damit verbundene Neugier auf Videos, mit denen die neuen Apps angereichert werden sollen. Aber mal abgesehen von den lausigen Honoraren für die Autoren: Kurz sollen sie sein, die Videos. Ganz kurz. Egal, was der Inhalt hergibt. Egal, was die Ausarbeitung rechtfertigt. Die Begründung? Die User wollen das so. Die haben angeblich nur wenig Geduld und zappen frenetisch durch die Gegend.

Kurz ist gut? Unsinn. Alles, was mit Hilfe eines derartigen Dogmas wiedergekäut wird, ist die Lern- und Denkschule des Fernsehens. Tatsächlich hat das Fernsehen mal abgesehen von der oberflächlichen Ähnlichkeit der Resultate nur wenig mit dem neuen Online-Video-Medium gemein. Schon das vorherrschende Strukturdenken in den Funkhäusern könnte einem verraten, worin die zentralen Unterschiede bestehen. Im Fernsehen herrschen nicht nur strenge Personal-Hierarchien, strenge Kanalschemata und strenge Programmschablonen. Den Resultaten fehlt jede Form von Experimentierfreude und jedes Überraschungselement. Was aus dieser extrem eng gefassten Pipeline herausgequetscht wird, trifft wiederum auf Zuschauer, die über die Jahre auf passiv-aggressiv konditioniert worden sind, um mit der massiven Redundanz des Gezeigten umzugehen. Wie? Sie benutzen die Fernbedienung und zappen weg, wenn ihnen irgendetwas an dem Gezeigten als zu spannungslos erscheint.

Kann man ein derart konditioniertes (Massen)Publikum an andere Formen von Videoinformation heranführen und auf diese Weise den sich entwickelten Online-Plattformen einen eigenständigen Stellenwert geben? Natürlich. Die New York Times macht es längst vor. Man kann durchaus den engen Erwartungshorizont auf weit stellen. So ähnlich wie Bob Dylan damals, dessen Vorarbeit der nachfolgenden Generation von Musikern den Weg zu geradezu epischen musikalischen Formaten öffnete.

Als Dylans Song übrigens schließlich nach langem Streit veröffentlicht wurde, erreichte er Platz 2 der Billboard-Charts. Die Plattenfirma hat mit keiner Single von Bob Dylan mehr Geld verdient als mit dieser.

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4 Kommentare zu „Kurz ist gut?“

  1. Kurz ist natürlich genau so wenig von vorne herein gut, wie alte Songs schlecht wären, weil sie nicht neu sind. Wenn etwas interessant ist, dann nehme ich mir auch die Zeit dafür, möglicherweise nur nicht immer gleich. Ist etwas aber Zeitverschwendung, dann wird es auch durch seine Kürze nicht gerettet. Meine ich, der kurz kann und kürzer könnte, aber meist einfach nicht will – allerdings mit meinen Worten auch kein Geld verdienen muss.

    1. Ich denke, es gibt für jede kreative Regung ihre eigene Länge. Was schon kurz nicht gut ist, wird sicher nicht besser, wenn man es ausbreitet. Aber der Umgang mit Kürze und Länge entspringt im Medienalltag zumeist einer sehr strengen, aufgestülpten Denkweise. Und die produziert Erwartungshaltungen. Die wiederum verhärten die Schablonen, mit denen gearbeitet wird. Man kann sich dem nicht wirklich entziehen. Aber ich wünsche mir, dass wir uns alle im Internet den Raum gönnen, den es da gibt.

      1. Ich denke, es gibt für jede kreative Regung ihre eigene Länge.

        Das denke ich auch. Und die sollte nicht durch Erwartungshaltungen verhunzt werden, wobei ich nicht nur die produzierten Erwartungshaltungen meine, sondern auch die vermuteten. Man kann ja durchaus versuchen, die Menschen „dumm“ zu halten, man sollte sie nur nicht für „dümmer“ halten als sie sind. Wobei natürlich auch hier eine wechselseitige Wirkung zwischen dem Angebot und dem Publikum besteht.

        Der vorhandene Raum ist tatsächlich einer der Vorzüge des Internets, doch diesen nutzen und – noch schöner, weil treffender formuliert – sich „gönnen“, kann nur der, der es sich erlauben, also buchstäblich leisten kann. Die Grenze der Kreativität zieht, wenn man von ihr leben können muss, nicht das Medium, sondern der Mammon.

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