Eine Arena ohne Löwen

Vor so gut wie jedem Kinofilm läuft ein kurzes Stückchen Bewegtbild, das den Namen der Produktionsfirma in Szene setzt. MGM hatte einen schnaubenden Löwen in echt. Bei Universal dreht sich die Erde. 20th Century Fox simuliert einen Klotz aus gemeißeltem Stein und hat ihn mit riesigen Scheinwerfern umgeben. Obwohl die grafischen Ideen, mit denen diese Branchenriesen arbeiten und zu denen man eine Menge sagen könnte, nicht besonders aufregend wirken, scheinen sie als Markenzeichen für solche Intro-Signets nicht mehr wegzudenken. Ein Film ohne optische Anfangssignale wirkt nackt und bloß. Aus diesem Grund werden die American Arena Videos zukünftig ebenfalls einen kurzen Auftakt mit Signalcharakter haben. So kurz das fertige Filmschnipselchen auch ausgefallen ist, so lange hat es gedauert, eine zufriedenstellende Version zu finden. Auch an der Musik gab es immer wieder etwas zu feilen. Aber jetzt soll es gut sein damit. Wie gut? Das werden wohl andere entscheiden.

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„Es gilt das geschriebene Wort“

Man befindet sich beim intensiven Umgang mit dem Medium Video vermutlich in Gefahr, das Schreiben zu verlernen. Oder besser gesagt: das nachdenkliche Schreiben zu verlernen. Gut also, dass es solch scheinbar altmodische Publikationen wie Die Gazette gibt, in denen man als Autor ein spannungsreiches Umfeld dafür findet, die eigenen Gedanken auszubreiten. Die Gazette gibt es seit mehreren Jahren, und sie hat in dieser Zeit einen eigenwilligen Weg zurückgelegt. Ursprünglich existierte sie nur im Internet, wo ihr Titel seltsam schrullig wirkte und wo sie ihr erstes Publikum fand und auch ihre thematische Ausrichtung. Aber irgendwann beschloss Herausgeber Fritz R. Glunck, den Kurs zu ändern: „Aus dem Meer des Internet taucht Die Gazette auf, um künftig ihr Glück als Papierschiffchen zu suchen“, schrieb die taz damals unter der Überschrift: „Lehrreich, gediegen und manchmal sogar amüsant“. Der Deutschlandfunk leuchtete den Hintergrund für die Entscheidung aus.
Ich habe im Laufe der Jahre immer mal wieder für diese Wundertüte des Magazinjournalismus geschrieben. Hier zum Beispiel. Und hier. Und hier. Und hier. Callaway und Golf, Amerikas Schwarze und ihr seltsames Verhältnis zu Afrika, die non-lineare Filmwelt und ihre Spiegelungen in der Politik, Hemingways Einfluss auf den Tourismus und noch manches mehr. Dieser weit gefächerten Mischung durfte ich in der neuen Ausgabe ein neues Stück hinzufügen: „Es gilt das geschriebene Wort“ über die politische Rechte Amerikas, die ihr gefährliches reaktionäres Politik- und Staatsverständnis aus dem puren Wortlaut der Verfassung ableitet, ohne dass die fortschrittlichen Kräfte diese idiomatische Idiotie in die Schranken verweisen.
Zur Webseite der Gazette. Zur Wikipedia-Seite.

Museen, Medaillen, Mythen

City of Cooperstown
Photo: Bari D. (flickr/creativecommons/attribution/no derivative works)

Am Sonntag, dem 13. März wird um 17.30 Uhr auf Deutschlandradio Kultur eine Sendung wiederholt, die ich vor knapp einem Jahr recherchiert und produziert habe. In ihr geht es in einer Länge von 28 Minuten um Museen, Medaillen, Mythen oder genauer: um die amerikanische Verehrung für die Legenden des Sports, die eine enorme Sammlung an sogenannten Halls of Fame hervorgebracht hat. Ich habe mich für die Sendung vor allem auf zwei Ruhmeshallen konzentriert: auf das historische Vorbild von allen in Cooperstown, das dem Baseballspiel gewidmet ist, und auf die Soccer Hall of Fame ein paar Kilometer entfernt in der Stadt Oneonta, die zu jener Zeit ihre Pforten schließen musste, weil es an Spendengeldern mangelte, um den Unterhalt zu bezahlen.

Ehe ich nach Cooperstown aufgebrochen bin, das etwas mehr als drei Stunden mit dem Auto von New York entfernt in jener Gegend liegt, in der James Fenimore Cooper seine Lederstrumpf-Geschichten angesiedelt hat, verfolgte ich ein besonders ehrgeiziges Ziel. Ich wollte den Schriftsteller Richard Ford interviewen und ihn zu seiner Arbeit an dem Buch Unabhängigkeitstag befragen. In dem Roman fährt die Hauptfigur, ein ehemaliger Sportreporter, mit seinem Sohn gleich zu zwei Ruhmeshallen – der Basketball Hall of Fame in Springfield/Massachusetts und zur Baseball Hall of Fame nach Cooperstown. Die Geschichte ist eine wunderbare elegische Selbstbetrachtung und hat zurecht den Pulitzer-Preis erhalten. Ford jedoch wollte nicht über diesen Dreh an seiner Geschichte reden. Er fand ihn sinngemäß gesagt zu banal, als dass er das auch noch mit ein paar Erklärungen seinerseits zu entzaubern gedacht hätte. Seine Absage hat mir damals eine lange winterliche Fahrt nach Maine erspart. Eine Strecke, für die man um die 15 Stunden unterwegs ist. In einer Richtung wohlgemerkt. Was sicher am Ende gar nicht tragisch war. In der Sendung wird nun einfach eine längere Passage aus dem Romantext zitiert. In ihr beschreibt Ford die Hauptstraße von Cooperstown und die Architektur des Hall of Fame-Gebäudes auf seine gekonnt despektierliche Weise.

Auf der Suche nach Originaltönen für einen langen Radiobeitrag ist man auf Zielstrebigkeit und seine Kreativität angewiesen. Aber auch auf Intuition und Dusel. Das sieht man an folgender Kette von Ereignissen, an deren Schluss ich Auszüge aus einem Archiv-Interview aus dem Jahr 1958 einpflegen konnte, in dem ein aus Deutschland emigrierter Soziologie-Professor damals einer Journalistin unter anderem die Besonderheiten seiner von den USA geprägten wissenschaftlichen Arbeitsmethode erklärte. Der Professor heißt Eugen Rosenstock-Huessy und war mir vorher kein Begriff. Auf ihn gestoßen war ich durch einen seltsamen Zufall, als mich eine Freundin auf einen Artikel in der New York Times aufmerksam machte. Wohlgemerkt auf den Artikel in der Nachbarspalte, den ich allerdings ignoriert hatte, weil ich glaubte, sie wolle mir just diesen Text des Kolumnisten David Brooks empfehlen, der mit einer programmatischen Überschrift daherkam – The Sporting Mind. Brooks zitierte Rosenstock-Huessy ohne Quellenangabe, aber der Satz machte mich neugierig. Und so suchte ich – und fand schließlich über Google Books – die fragliche Passage. Der Text befand sich in einer Anthologie und wirkte auf den zweiten Blick nicht wie ein Essay, sondern wie ein Interview. Eine Fußnote ließ den Verdacht zu, dass es sich um die englische Übersetzung eines Gesprächs handelte, dass der Professor mit Radio Bremen geführt hatte. Eine Anfrage beim Deutschen Rundfunkarchiv bestätigte die Vermutung, denn dort hatte man ein ganzes Datenblatt über die Sendung aus der Reihe Auszug des Geistes von damals und war in der Lage, mich an das Archiv von Radio Bremen zu verweisen. Dort hatte man inzwischen die analoge Bandaufnahme digital archiviert und konnte mir die Datei ohne Probleme in die USA überstellen.

Es war nicht die einzige erstaunliche Ausgrabung, die sich hervorragend in das Projekt einarbeiten ließ. Fast noch verblüffender war die Entdeckung einer CD in meinem eigenen Archiv, auf der der ehemalige Baseball-Commissioner Bartlett Giamatti einen eigenen Text vorträgt. Und zwar diesen ziemlich berühmt gewordenen, die Sportart Baseball und ihren Einklang mit den Jahreszeiten romantisieren Text The Green Fields of the Mind. Ich hatte ihn für das Radioprojekt ausgewählt, um eine bestimmte Art der amerikanischen Sportnostalgie zu illustrieren. Als ich die Aufnahme entdeckte, fühlte ich mich wie ein Goldsucher am Klondike. Giamatti spricht Giamatti – eine besondere Konstellation. Denn der einstige Yale-Professor ist seit zwei Jahrzehnten tot.

Natürlich kommt es am Ende für den Zuhörer nicht darauf an zu wissen, auf welche Weise ein Journalist die Belegstücke für seine Arbeit aufspürt. Wieviel Zeit er gebraucht hat. Was alles nicht geklappt hat. Wichtig ist eigentlich nur, dass die Soundbites und Bruchstücke harmonisch und logisch im großen Ganzen aufgehen, in jenem stream of consciousness, der sich da entfaltet. Und dazu gehören über eine Länge von 28 Minuten mehr als die O-Töne zweier Professoren. Wer sich Museen, Medaillen, Mythen anhört, wird spüren, dass dort sehr viel mehr eingeflossen ist. Nicht nur ein Grundverständnis für die Denkweise der Amerikaner und ihre Lust an der Verklärung von Sporthelden, sondern auch eine Reihe von kritischen Gedanken, die Zev Chafets, der Autor des Buchs Cooperstown Confidential, in einem ausführlichen Gespräch lieferte.

Die Sendung enthält noch mehrere Audio-Zeitdokumente und eine Reihe von illustrativer Musik, die zum größten Teil aus meiner eigenen Werkstatt stammt. Mit diesem Stück – Titel Cooperstown – klang das Ganze bei der Erstausstrahlung im letzten Frühjahr aus:

Buchmanns Buch

Photo: Jürgen Kalwa

Das Projekt begann vor mehr als einem Jahr und war im Dezember 2010 an seinem Ziel angekommen. Da erschien im Helios Verlag in Aachen Der Rest wurde am Boden zerstört. Untertitel: „Erinnerungen an den Luftkrieg im Mittelmeer und an eine abenteuerliche Flucht aus sowjetischer Gefangenschaft“. Es sind die Memoiren von Johannes Buchmann, einem ehemaligen Bordfunker der deutschen Luftwaffe, der nach dem Krieg aus beruflichen Gründen in die USA ausgewandert war. Das Buch ist eine Ko-Produktion. Er hat erzählt. Und ich habe seine Gedanken aufgeschrieben und mit Recherchen zum Thema angereichert. Zu den Fundsachen gehört die Information über das, was wir einen karmischen Bumerang genannt haben. Nachdem er mit seiner Einheit die britische Insel Malta bombardiert hatte, der auf die Fläche umgelegt im Krieg am stärksten aus der Luft verwüstete Landstrich, wurde auch seine Heimatstadt Dorsten in Schutt und Asche gelegt, inklusive des Hauses seiner Familie. Wo wurde die Entscheidung für das Bombardement dieser und anderer Städte gegen Ende des Krieges von den Alliierten getroffen? Auf Malta.

Ich habe zum Buch ein Video produziert und auf YouTube gestellt, in dem Johannes Buchmann einen Teil seiner Erinnerungen erzählt.

Das Buch werden wir am 14. März in seiner Heimatstadt Dorsten vorstellen. Im Alten Rathaus am Markt, gleich neben jenem Haus, in dem er damals groß wurde. Mehr zu Buchmann und der Veranstaltung in der Vorankündigung der Dorstener Zeitung. Weitere Informationen gibt es im eigens eingerichteten Blog.