Thunder, Lightning

In diesem Frühjahr jährt sich ein Ereignis zum 25. Mal, das nicht nur zeitlich und räumlich, sondern auch stilistisch weit entfernt ist. Damals wurde von einer jungen Münchner Band eine erste Single veröffentlicht, die sich in den Monaten danach den Status eines Achtungserfolges erwarb. Mehrere Fernsehkanäle luden die Band in Sendungen ein, in denen zu jener Zeit Popmusik noch ein Programmpunkt war.
Die vier Musiker kamen aus München und dem Umland und wirkten ambitioniert genug, um sich durch eine Mühle langsam nach oben zu arbeiten, in der einerseits so einiges von der ureigenen, noch ziemlich unausgereiften Identität abgeraspelt wird, die aber im Idealfall in diesem Prozess eine andere, eine nachvollziehbare Authentizität finden, die ein großes Publikum anspricht.
Eine Rockband ist ein vielschichtiges Gebilde aus unterschiedlichen Charakteren und Typen, die einander ergänzen und sich antreiben, die von einander lernen und die einander trotz der vielen gemeinsamen Stunden ertragen, selbst wenn sie sich auf die Nerven gehen. Eine Rockband mit einem Plattenvertrag ist eine Firma, die sich einen Markennamen erarbeiten möchte und einer möglichst großen Gruppe von Leuten mit ihrer Musik und ihrer Ausstrahlung ganz nahe kommen möchte. Eine Rockband mit einem Plattenvertrag produziert Erwartungen und wandert in eine Zone, in der der Druck von außen wächst. Plötzlich werden Fragen des Erscheinungsbildes und der Kleidung sehr wichtig. Auf einmal braucht man Geld für teure und gut aussehende Instrumente. Und nur in wenigen Dingen kann man sich auf die Plattenfirma stützen, die das Projekt aus monetären Überlegungen vorantreibt und nun auf einen Return für ihr Investment hofft.
Diese – quote unquote – Szene betrat vor 25 Jahren die Band Angel & the Pack, nachdem sie aus markenrechtlichen Gründen ihren alten Namen abgelegt und einen neuen gefunden hatte. Nachdem sie aus künstlerischen Gründen einen neuen Bassisten integriert hatte. Nachdem sie aus Repertoiregründen einen Weggefährten ins Boot genommen hatte, der einen erheblichen Teil der Musik und Texte schrieb. Und nachdem sie in der Frage, mit welchem Schallplattenproduzenten sie bei der Arbeit im Studio am ehesten harmonieren würden, einen entscheidenden Schritt weiter gekommen waren. Die Sterne standen damals ziemlich gut, als Angel & the Pack mit dem Song „Thunder, Lightning“ auf den – quote unquote – Markt kam. Das Lied formulierte die neue Identität der jungen Sängerin mit ihrer enormen Stimme und der drei Musiker mit ihrem formidablen Hard-Rock-Sound gleich in der ersten Textzeile: „Bring on the weekend. I go out to dance.“ Es war eine programmatische und unbekümmerte Botschaft an das anonyme Publikum, das bei dieser ersten Gelegenheit keine Band vorgeführt bekam, zu deren Konzerten man gepilgert wäre. Nein, Angel & the Pack war eine Crossover-Konstruktion – die Musik war discotauglich, wofür ein „extended Mix“ von „Thunder, Lightning“ und eine Maxi-Single produziert wurde.
Wir springen in die Gegenwart: Die junge Sängerin von damals, die fleißig alle Videoaufzeichnungen von allen Fernsehauftritten und alle langen Zeitschriftenartikel in Magazinen wie der Bravo gesammelt hat, will übrigens zur Zeit – genau 25 Jahre danach – Angel & the Pack neu aufleben lassen (die Gruppe war zwei Jahre nach der Veröffentlichung der ersten Single auseinandergefallen). Die Auswahl der Musiker kommt gut voran. Warum beschäftigt mich das? Dieses Projekt interessiert mich schon allein deshalb, weil ich damals einen erheblichen Teil von „Thunder, Lightning“ komponiert und getextet habe. Dies wäre also die Fortsetzungsgeschichte, die möglicherweise die alte Frage beantwortet, die einen nie ganz los lässt: Was wäre eigentlich gewesen wenn? (wenn ich wie erhofft, mein Geld mit Musik verdient hätte und mir die Zusammenarbeit mit einer ganzen Reihe von jungen Musikern einen neuen beruflichen Weg eröffnet hätte). Der Vorgang interessiert mich 25 Jahre später aber auch als Medienarbeiter, der damals bei all den Auftritten, Fotosessions und Studioproduktionen dabei war und eines Sonntagmorgens auf der Münchner Leopoldstraße ein unvergessliches Erlebnis hatte: Ich stieg in meinen Wagen, schaltete das Radio an und traute meinen Ohren nicht: Es lief „Thunder, Lightning“.
25 Jahre später ist noch nicht zu spät, um über solche Dinge zu reflektieren – über die Innensicht der Außensicht der Innensicht.
Die Reanimation interessiert mich allerdings auch aus der Erfahrung und dem Blickwinkel von heute, in dem die Plattenindustrie, wie ich sie damals kennengelernt habe, längst tot ist und mumifiziert. Musiker haben es schwerer denn je, Geld mit ihrer künstlerischen Arbeit zu verdienen. Dafür haben sie YouTube, das einem ermöglicht, die alten Sachen ohne viel Federlesen wiederaufleben zu lassen (wenn man sie aufbewahrt und archiviert hat).
Ich kann nicht beurteilen, ob ein Revival von Angel & the Pack und von einem Teil des alten Repertoires heute ein größeres Publikum erreichen kann als damals. Die Chancen stehen, wenn alle Beteiligten mit Volldampf daran arbeiten, vermutlich nicht schlecht. Die Musik hatte was. Die Musiker auch. Vielleicht reicht es auch diesmal nur zu einem Achtungserfolg. Aber dann würde es nicht mehr wie unfinished business wirken. Und auch nicht mehr wie pure Nostalgie. Denn dann hätte jemand das Potential jener Musik von damals wirklich getestet und ausgereizt.

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