Hommage an einen Song

Einige der Themen, mit denen sich unserseits beschäftigt, haben eine lange Anlaufzeit. Manchmal läuft man Jahre mit ein bisschen Teilwissen und ersten Recherchen herum, ehe sich die Gelegenheit ergibt, den Stoff gründlich zu bearbeiten. Oft ergeben sich die ersten Ansätze, weil man sich für eine Konstellation ganz persönlich interessiert. Nicht, weil aus einer klassischen journalistischen Distanz heraus, wie man sie als Auslandskorrespondent durchaus besitzt und schult, weil man beim besten Willen nicht in jedem Text und in jedem Radiobeitrag ein Stück seines privaten Interessensspektrums wiederfindet. Denn das hat man im Laufe der Zeit ja gelernt: das Handwerk, mit dem man kompetent und sachlich unanfechtbar den relevanten Teil von Themen in den Griff bekommt, selbst wenn man kein Experte ist.

So hantiere ich zur Zeit mit einem Stoff herum, der mich 2007 und 2008 intensiv in Anspruch genommen hat – es geht um eine Gruppe von Juden, die in den dreißiger Jahren einen Weg fanden, Deutschland zu verlassen und die im Exil ihren Zusammenhalt gepflegt haben. Daraus soll jetzt eine Ausstellung werden. Die Gespräche darüber laufen.

Ich sinniere auch daüber nach, wie ein Buch über Dirk Nowitzki aussehen könnte, das nach Möglichkeit ziemlich bald auf den Markt muss. Vor allem dann, wenn Nowitzki in den kommenden Wochen den NBA-Titel gewinnen sollte. Dann wäre er nicht länger dieser „Nowinski“, wie er manchmal genannt wurde, weil sein enormes Talent nie ganz reichte für den großen Wurf . Ich habe 1999 ein erstes Interview mit ihm geführt. Das ist lange her.

Aber auch im kleinen, dem täglichen Allerlei, gibt es diese Phasen, in denen man sein eigenes Gedankenarchiv besucht und etwas herauszieht, was in einer anderen Form und in einem anderen Format durchaus wert ist, einem Publikum präsentiert zu werden. So mündete die Beschäftigung mit Bob Dylan und – konkreter – mit dem Song Like a Rolling Stone vor ein paar Tagen in einen Radiobeitrag für DRadio Wissen. Aufhänger: der 70. Geburtstag des großen Meisters. Der Clou: ein Interview mit seinem wichtigsten Biographen, dem amerikanischen Musikjournalisten Greil Marcus. Es war ein faszinierendes Gespräch über ein Ereignis von zwei Tagen Länge im Juni 1965 in New York, zwei für die Musikgeschichte ganz entscheidende Tage, an denen ein Song entstand, der heute als der beste Rock-Song aller Zeiten gilt. Man entdeckt eine Menge, wenn man sich die sechs Minuten noch einmal komplett anhört. Vor allem, wenn man von Greil Marcus erfährt, dass die Musiker an den zwei Tagen es nur zweimal geschafft haben, das ganze Stück von vorne bis hinten durchzuspielen. Die veröffentlichte Version war die allererste Fassung, die Dylan bis zum letzten Mundharmonika-Riff aufnehmen ließ. Davor hatten sie bei jedem Anlauf immer wieder irgendwo abgebrochen. Dylan hatte am ersten Tag Klavier gespielt, am zweiten Rhythmusgitarre. Gleichzeitig musste er singen. Die Studiotechnik von damals bedeutete, dass alle Teilnehmer gleichzeitig aufgenommen werden mussten, nicht nacheinander so wie heute.

Der Beitrag wurde am Geburtstag von Dylan, dem 24. Mai, ausgestrahlt Wie der Song „Like A Rolling Stone“ von Bob Dylan entstand Online ist er leider nicht mit der passenden Musik zu hören Es gehört zur Ironie der Geschichte, dass man bei DRadio Wissen aufgrund der Ansprüche der GEMA solche Themen dann lieber ohne Klangbeispiele bereitstellt. Also kann ich von dieser Stelle aus nur empfehlen, mal eine YouTube-Seite anzuklicken. Und dann genau hinzuhören.

Weiter hinten, im letzten Teil der Aufnahme, hört man, dass einige Musiker ein bisschen aus dem Tempo herausfallen. Aber dann finden sie sich wieder zusammen. Wenn Dylan damals nicht diese Schnitzer übersehen/überhört hätte (was er sicher ganz bewusst getan hat), hätten wir diesen Song vielleicht nie in dieser Fassung gehört. Wie traurig.

Der Musikjournalist Greil Marcus hat übrigens eine Reihe von Büchern über Bob Dylan geschrieben, darunter auch über Like a Rolling Stone. Zum 70. Geburtstag ist soeben im Verlag Rogner & Bernhard der Klassiker Basement Blues. Bob Dylan und das alte, unheimliche Amerika in einer überarbeiteten Wiederauflage erschienen. Im Herbst kommt im Edel Verlag Bob Dylan by Greil Marcus heraus. Eine Sammlung von Texten, die Marcus im Laufe der Jahre verfasst. Sein Buch Like a Rolling Stone: Bob Dylan at the Crossroads” gibt es nur auf Englisch. Man kann es online erhalten.

Dazu vielleicht noch ein Hinweis auf diesen Blog-Eintrag von neulich, in dem das Lied eine besondere Rolle spielte.

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