Was mit Musical

Das gesamte Stück besteht aus sehr vielen Elementen. Zwei Akte und fünfzehn Szenen, eine Besetzung von mehr als zehn Schauspielern, über 20 fertige Songtexte. Und es kommt in seiner Skriptform auf mehr als 90 Seiten. Man könnte sagen: Es ist ziemlich dick und schwer, was einem da in der Hand liegt, wenn man sich mit ihm beschäftigt, diesem Projekt. Unten auf der Aufmacherseite ist noch eine Zeile offen. „music by“ steht da. Mehr nicht. Kein Name.

Warum? Für dieses ansonsten rundum fertige Musical mit all seinen Regieanweisungen gibt es noch keinen Komponisten.

Ich kenne Songschreiber und Filmkomponisten. Aber darunter ist keiner, der ein Musical vertont hat. Ich weiß also nur, dass es ein schwieriges Unterfangen ist, ein solches Projekt auf die Bühne zu bringen. Mindestens so schwierig, wie eine der wenigen verbliebenen Plattenfirmen dazu zu bringen, ein Album zu veröffentlichen, wenn der Interpret noch keinen Publikumserfolg hatte. Aber so seltsam es klingen mag: irgendwie mag ich mich nicht davon beeindrucken lassen, dass es mühsam ist, Menschen zu finden, die das Geld und die Darsteller, die Musiker und Aufführungsorte finden. Das kommt später. Erst mal ist Komponieren an der Reihe.

Ich habe mich vor ein paar Wochen daran gemacht, erste Musiken für diesen Stoff zu schreiben, der auf einem alten Roman beruht und eine Geschichte aus dem 19. Jahrhundert erzählt. Das sind zeitgenössische Kompositionen, keine, die eine längst abgelaufene Epoche musikalisch nachzuempfinden versuchen. Es gibt eigentlich nur ein Arbeitsziel bei einem solchen Projekt: Hier in New York nennt man das „to write catchy tunes“. Natürlich werden die Meinungen darüber, was catchy ist und was nicht, auseinander gehen. Und schon darin liegt ein Reiz dieses Experiments. Ganz abgesehen von der Dimension, sich mit einem ausgetüftelten Ganzen zu konfrontieren: einem Stück mit vielen Figuren, Stimmungen und dramatischen Entwicklungen und Abläufen.

Eigentlich ist die Geschichte, wie ich an dieses Projekt gekommen bin – nämlich auf der langen Schiffsreise über den Atlantik – sehr viel reizvoller und ungewöhnlicher als die Beschreibung eines Arbeitsprozesses, bei dem von ungelegten oder zumindest noch auszubrütenden Eiern die Rede ist. Aber diesen wunderbaren, fast schon magischen Teil spare ich mir lieber auf für die Zeit, wenn bei der Entstehung dieses Musicals so etwas wie Land in Sicht ist. Nur soviel sei schon mal verraten: In ein paar Wochen werde ich die Gelegenheit haben, die ersten Kompositionen zu präsentieren.

Das wird ein spannender Moment. Dafür suche ich übrigens den einen oder anderen hilfsbereiten Menschen, der mir sagen kann, wie ich am besten mit einem Mac (und Programmen wie Logic und Garageband) sogenannte Leadsheets herstellen kann. Die Songs werden in Noten vorgelegt. Nicht nur als Hörprobe via Lautsprecher. Bei mir spielt Logic nicht richtig mit, sondern nervt. Ich habe keine Lust, alles von Hand zu notieren. Denn vieles wird sich noch ändern. Songs sind Baustellen bis zum Schluss. Wie Romane. Wie Filme. Wie das Leben.

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