Austauschbar und irgendwann vergessen

„Beim Kölner Zeitungsverlag „M. DuMont Schauberg“ („MDS“) wird über den Abbau von 40 bis 60 Stellen am Standort Berlin spekuliert. Vor allem sollen das „Berliner Abendblatt“ und das Stadtmagazin „Tip“ betroffen sein, so „Hamburger Abendblatt“-Medienautor Kai-Hinrich Renner. Möglicherweise könne „Tip“ verkauft werden.“

Diese kurze Information kam heute in der Email-Inbox an (Quelle: „Media Updates Deutschland“ der Firma Cision). Und sie passt auf eine komische Weise in die Zeit. 40 Jahre ist der „Tip“ in diesem Jahr geworden. Was die Redaktion dazu veranlasste, eine Beilage zu produzieren, in der aus den tausend Ausgaben der Magazingeschichte ein paar Höhepunkte herausgefischt und präsentiert wurden. Darunter befand sich ein Titelbild, auf dem damals eine jener Schwerpunkt-Storys anverkauft wurde, die ich in meiner zweijährigen Zeit beim Magazin recherchiert und geschrieben habe. In der Liste jener Leute, die in den 40 Jahren dem Blatt Profil und Format gegeben haben, war dann zwar kein Platz für meinen Namen. Aber das befördert nur jene heilsame Erkenntnis, an die man sich eigentlich schon gewöhnt haben sollte: Jeder ist austauschbar und wird irgendwann vergessen.

Dabei habe ich selbst aus den rund zwei Jahren in der Potsdamer Straße in Schöneberg, wo sich das Magazin mit seinen Büros etablierte, eine Menge mitgenommen. Vermutlich sogar mehr, wenn man das in einem etwas schrägen Vergleich auf die Waagschale legen will, als ich dem Blatt mitgeben konnte. Mein Einstieg war eher ungewöhnlich, wenn auch nicht für jene Zeit in West-Berlin, wo viele Leute irgendetwas machten, was man nur als Experiment in Sachen Selbstfindung bezeichnen konnte. Ich wurde nämlich stundenweise als Composer-Setzer verpflichtet, weil ich zu einer Handvoll von Leuten gehörte, die den zweitägigen Kursus besucht hatten, den die Herstellerfirma IBM anbot, um die Feinheiten einer Kugelkopf-Schreibmaschine kennenzulernen, mit der man – in der Vor-PC-Welt – computerartige Dinge auf die Beine stellen konnte. Der IBM-Composer spielte übrigens in der Geschichte der Medienentwicklung eine wichtige, wenn auch nur sehr kurze Rolle. Er machte die Textproduktion, die vorher nur über riesige Bleisatzmaschinen abgewickelt werden konnte, um ein Vielfaches billiger. So billig, dass die Investitionshürden sanken und jeder mutige Mensch mit einem klugen Konzept eine Chance bekam, sich im Zeitschriftenmarkt zu behaupten.

Stadtzeitschriften wie der „Tip“ brauchten damals viele Ingredienzien, um innerhalb von ein paar Jahren ihr eigenes, erfolgreiches, neues Segment zu etablieren. Wozu nicht nur eine klare inhaltliche Struktur mit dem Schwerpunkt auf einer detaillierten und verlässlichen Programmvorschau gehörte und nicht nur jene Kleinanzeigen, die sich dank ihrer Autoren zu einem elementaren Lesestoff entwickelten. Sie brauchten nicht nur eine redaktionelle und grafische Handschrift, die sie vom Umfeld der anderen Printprodukte abhob. Sie brauchten vor allem eines: eine wirtschaftliche Chance. Und diese Chance gab ihnen der Kostenspar-Faktor aus dem Hause IBM.

Der Berliner „Tip“ war keine lupenreine Eigenerfindung. Es gab einen Vorreiter namens Hobo, dessen Redakteure jedoch gegen den Eigentümer putschten und auf diese Weise dem Blatt den Exitus bescherten (die Unentwegten gründeten in Eigenregie später das Heft Zitty, das auch heute noch neben dem „Tip“ existiert und mit einem stärkeren politischen Profil und einem anderen Erscheinungstermin dazu beitrug, diese Magazinkategorie vollends durchzusetzen). Man schaute sich im Laufe der Zeit beim „Tip“ ein paar gute Ideen beim Londoner Magazin Time Out ab. Aber die Erfolgsgeschichte war ureigen. Was klein und bescheiden begann, wurde durch kluges strategisches Verhalten nach ein paar Jahren mit einer enormen Akzelerationsgeschwindigkeit zu einem Publikumserfolg mit mehr als 90.000 Auflage. Als wir eine bundesweite Ausgabe herausbrachten, stießen wir allerdings an deutliche Grenzen. Die Expansion hatte mit einer rein markenrechtlichen Überlegung zu tun. Der Verleger wollte den Namen „Tip“ durch Kioskpräsenz deutschlandweit zu einem schützenswerten Zeitschriftentitel ausbauen. Die Idee war gut, jedoch mit den vorhandenen Mitteln nicht durchzuhalten. Was in West-Berlin unschlagbar gut ankam, interessierte woanders nur sehr wenige.

Viele der Erfahrungen ließen sich heute bequem auf die neue digitale Welt des Publizierens übertragen. Wieder mal sind – dank kostenloser Blog-Software und billiger Hosting-Gebühren – die Kosten radikal gefallen. Wieder mal schaffen es die Etablierten nicht, sich auf die veränderten Bedürfnisse der Informationskonsumenten einzustellen. Und so werden neue durchschlagskräftige Formate voraussichtlich von Leuten durchgedrückt werden, die bisher noch niemand auf dem Zettel hatte. Womöglich ist auch der „Tip“ längst zu alt, um aus sich und den existierenden Strukturen heraus einen Weg zu finden, die Mischung zu produzieren, die Menschen in dem nun mauerlosen und zugleich riesigen Berlin motiviert, sich mit dieser angejahrten Tante aus dem Milieu des Aufbruchs von einst immer wieder neu anzufreunden.

Ich bin zu weit weg, um auch nur in Ansätzen beurteilen zu können, was so ein Produkt heute braucht, um nicht den langsamen Tod der tausend kleinen Nadelstiche zu sterben. In meiner neuen Heimat scheint zumindest New York Magazine einen Weg gefunden zu haben, wie man im Tandem mit einer agilen Online-Präsenz mit hochwertigem Flaggschiff-Journalismus Geld verdient. Die Redaktion verpflichtete vor einiger Zeit den sehr profilierten Kolumnisten Frank Rich von der New York Times. Der kam bestimmt nicht für Peanuts.

Weil ich damals nicht nur am Composer gesessen habe, sondern manchmal auch von den Letraset-Bögen Buchstaben abgerubbelt habe, um auf diese im Rückblick etwas mühsame Weise (und doch so preiswert) Überschriften zu setzen, muss ich grinsen, wenn ich sehe, welche Schrift man noch heute in New York benutzt, um subkutan diesen hochwertigen, intelligenten Zeitschriften-Touch grafisch zu signalisieren. Es ist eine Schrift aus der Antiqua-Familie der Eqyptienne, die damals auch der „Tip“ benutzte und die eine klassische Ausstrahlung behalten hat.

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Was zum Hören sagen

Es hat mit ein paar sporadischen Beiträgen begonnen. Mit einer ersten Geschichte über eine Kunstmesse in Miami in den frühen Tagen des Crashs von 2008 und über die Stimmung dort. Mich hat das interessiert, wie Kunsthändler und Organisatoren auf ein solches Ereignis reagieren, das in den Büchern vieler potenzieller Käufer einen Teil der für den Kauf von Kunst verfügbaren Millionen ausradierte. Die Recherche war ergiebig und machte mich neugierig darauf, den etwas schwierigen Weg in einen Bereich der journalistischen Arbeit anzupeilen, der spät abends eigentlich nur in einer Nische existiert. Der aber sehr viel Respekt bei Connaisseuren genießt. Es handelt sich um die Magazinsendung Fazit auf Deutschlandradio Kultur.

Am letzten Wochenende war ich erneut unterwegs. Diesmal lag das Thema etwas näher. Räumlich gesprochen. Statt nach Miami bin ich nach Tanglewood gefahren. Zum Saisonauftakt beim bedeutendsten Musikfestival der USA, das in diesem Jahr seinen 75. Geburtstag feiert. Ich bin in den vergangenen Jahren schon mehrfach in dieser wunderschönen, weitläufigen Parkanlage gewesen. Die Berkshires im westlichen Massachusetts sind Edel-Neu-England vom Feinsten.Und die kleinen Städte wie Lenox und Stockbridge sind es besonders.

Klassik mit Picknick auf dem grünen Rasen – das hat etwas. Obwohl es auch nicht schlecht ist, wenn man Karten für einen der kargen Stühle unter dem Dach bekommt und näher am Podium sitzt. Es ist ein anderes, genaueres Hören. Wenn es nicht so überkandidelt aussähe, würde ich die Partituren mitbringen und mitlesen. Genuß für Hirn und Ohren. Wir sind übrigens schon früher gegangen. So, dass wir den gesamten zweiten Teil live im Radio auf der Heimfahrt hören konnten. Auch das hat was. Mitsingen und mitsummen – das geht nun mal nur in einem solchen Rahmen.

Tanglewood ist in Deutschland kaum bekannt. Zumindest muss man das schlussfolgern, wenn man in den Archiven der Zeitungen blättert. Was schade ist, denn dort findet mehr statt als das Herunterdudeln von ein paar Greatest Hits der klassischen Konzertliteratur. Zum Angebot gehören auch risikofreudige Darbietungen und wochenlange Meisterklassen für das Beste vom Besten des Musikernachwuchses. Weshalb es wirklich sehr angebracht war, diesen Ort, seine Stimmung mit Hilfe von ein paar Stimmen einzufangen und zu beschreiben. Der Beitrag läuft am Sonntag. Die Sendung wird komplett, wie immer, kurz nach Mitternacht auf dem Deutschlandfunk wiederholt (und anschließend hier im Blog unter „Neueste Veröffentlichungen“ verlinkt.

Seit dem Kunstmarkt-Thema habe ich mich eher behutam in das weite Feld der Kulturberichterstattung hineingewagt. Ein besonderes Thema war unterschiedliche Facetten der amerikanischen Museumsarchitektur und wie es kommt, dass man so viel privates Geld für die Gebäude auftreibt. Ich habe mich aber auch anlässlich des Super-Bowl-Erfolgs der Green Bay Packers mit einem Broadway-Stück über ihren ehemaligen, legendären Trainer beschäftigt, mit den Schwierigkeiten von Sinfonieorchestern in den USA zu überleben. Und neulich – aus Anlass ihres Todes – mit der Drehbuchautorin und Regisseurin Nora Ephron. Ich hatte vor ein paar Monaten die Idee, sie für eine ganz andere Sendung zu interviewen. Dazu kam es dann nicht. Ich weiß heute, dass ich sicher mit diesem Ansinnen zu spät gekommen wäre. Was blieb? Der Versuch, meine Wertschätzung für die ungewöhnliche Hinterlassenschaft dieser Frau in Worte zu fassen. Wenigstens etwas.

Tanglewood Photo: Tim Jarrett (Creative Commons Licence CC BY-SA 2.0)