Vier von acht Millionen Geschichten

„Eight million stories out there“, sagt (ruft, bölkt, plärrt) Jay-Z in seinem Song Empire State of Mind, der so etwas wie die jüngste Hymne an New York ist und in allen möglichen Fernsehbeiträgen jüngeren Datums als musikalisches Nebengeklimper eingesetzt wird. Acht Millionen Geschichten von acht Millionen Menschen.

Der Song ist musikalisch schlicht, textlich bisweilen bizarr und konfus und wäre ohne den mehrstimmige Refrain-Gesang von Alicia Keys schlichtweg unerträglich. Aber wer will das schon so genau wissen? So viel anregender war die inoffizielle New-York-Hymne des letzten Jahrhunderts (in der von Frank Sinatra vorgetragenen populären Fassung) ja auch nicht. Das interessanteste war noch, dass sich Sinatra kess eine Freiheit erlaubte und an einer Stelle den Text umformulierte. Sehr zum Leidwesen von Autor Fred Ebb. Wirklich zartbitter und doch cool sind nur wenige Aufnahmen von Leuten geraten, die sich an dem Lied versucht haben. Dazu gehört zum Beispiel diese Fassung aus dem Film Shame.

Carey Mulligan spielt diese chromatisch eingedickten Akkorde auf dem Klavier und Liz Caplan singt.

Ich  bin über die Musik gestolpert und noch ein paar andere Werke mit New-York-Bezug, weil ich mir Gedanken über die Gestaltung einer Radiosendung gemacht habe, die am Sonntag, dem 30. September, im Schweizer Radio DRS laufen wird. Ich habe Billy Joels energiegeladenes Live-Duett mit Bruce Springsteen namens New York State of Mind wiederentdeckt, das Springsteen in seiner Ansage ganz passend als bridge and tunnel summit meeting karikiert, was eine Anspielung an die alte schnoddrige Charakterisierung ist, die  Leute in Manhattan für die Besucher aus der Vorstadt übrig haben.

Auch Springsteens alte, schroffe Liebeserklärung habe ich gefunden – New York Serenade. Da ist viel Gänsehaut drin. Schon im Intro, das auf eine feine Art den altem Gershwin zitiert, ehe dann der Gitarrenballaden-Groove alles übernimmt und in ein anderes Geschmacksmuster abschleppt. Auch das düstere In a New York Minute von Don Henley habe ich mir noch mal angehört. Aus allem springen Assoziationen und ganz konkrete Erinnerungen. Joel habe ich damals zum ersten Mal im Central Park gehört, lange ehe das mit dem Umzug nach New York auch nur auf dem Programm stand.

Es gibt im Rundfunk Leute, die machen das jeden Tag und ganz routiniert. Thema. Sujet. Stimmung. Epoche. Geographische Anknüpfung. Egal – für alles gibt es im Archiv schon irgendetwas. Mir fehlt diese Routine. Was zu den angenehmen Seiten dieser Arbeit mit all diesen unterschiedlichen gestalterischen Bausteinen gehört. In diesem Fall – einer Sendung mit insgesamt vier Beiträgen über gutes Essen und Restaurants in New York – habe ich denn auch ganz gerne Musiken aus meiner eigenen Ideenwerkstatt als Vorschläge in die Runde geworfen. Wie das Ganze am Ende klingen wird, weiß ich noch nicht. Die Redaktion wird die Beiträge und deren Anmoderationen sowie die Musik mischen. Ich bin gespannt, ob zum Beispiel dieser Vorschlag Anklang findet: Meine Version vom zweiten Satz des A-Dur-Konzerts aus dem Tafelmusik-Zyklus von Georg Philipp Telemann. Ich habe sie der Einfachheit halber Tafelmusik in the City getauft. Meine Ode an die Stadt, das Essen hier und an Jay-Z, der dem Vernehmen nach auch in jenem Restaurant speist, dessen Koch und Besitzer ich unter anderem für die Sendung porträtiert habe. Acht Millionen Geschichten sind es nicht geworden, sondern nur vier. Aber das war es wert.
Tafelmusik in the City Logic Mix
Sendung: 30. September 18.03-19.00 h (in der Reihe Atlas auf DRS 2)

Nachtrag: Hier ist das Link zur Sendung. Und hier das Link zum Musikstück, das als Einstieg in die Sendung angespielt wurde: Beacon Beats. Der Titel spielt an auf das Theater, das sich nur ein paar Schritte von der Wohnung auf der Upper Westside in Manhattan entfernt befindet und Anlaufstelle für fast alle Musiker ist, die in New York ein paar tausend Besucher ins Konzert locken.

Nachtrag 2: Manchmal ergibt sich in der Arbeit so etwas wie eine Gedankenübertragung: Im Tagesanzeiger in Zürich erscheint am Donnerstag eine Geschichte über den hier bereits erwähnten Jay-Z und seine Einweihungsauftritte der neuen Arena in Brooklyn, in der das NBA-Team der Brooklyn Nets Einzug halten wird (früher mal als New Jersey Nets bekannt). Jay-Z ist Minimalanteilseigner des Clubs und so etwas wie sein Gesicht. Texte, die ich für den Tagesanzeiger schreibe, erscheinen übrigens nicht in deren Online-Ausgabe. Das liegt an mir und entspricht eigentlich nicht meiner Haltung gegenüber dem Internet als Plattform für meine Arbeit. Aber das Verlagshaus, dem die Zeitung gehört, beliefert auch noch die Online-Ausgaben in anderen Städten und unter dem Namen der dortigen Zeitungen mit ihrem Material. Und diese zusätzliche Verbreitung findet keinen Niederschlag in der Honorierung. So exisitieren noch heute Archivfunde mit meinen Geschichten unter solchen Quellenangaben wie Baseler Zeitung oder Thurgauer Zeitung. Für keines dieser Produkte habe ich je geschrieben.

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