Schnell und Bumm

2013_Burton_Catalog_Cover

Es mag ein kurioses Geständnis sein – gleich zu Anfang – wenn ich erwähne, dass ich schon einige ziemlich attraktive Berge gesehen habe. Und zwar im Winter. Aber ich will es aus bestimmten Gründen in diesem Fall schon mal vorneweg los werden: Ich habe noch nie auf einem Snowboard gestanden. Hahnenkamm. Aspen Mountain. Die Olympiastrecken von Park City und Snowbasin in Utah. Und dann Lake Louise in Kanada – alles nur auf Skiern. Das halbwegs zu meistern, war schwer genug.

Wenn ich die Erfahrung einer ziemlich sportlichen Nachbarin – sie reitet, joggt, ist mit Langlaufskiern unterwegs – aus diesem Winter auf einem eisigen Hang in Connecticut höre, wird sich das mit dem Snowboard wahrscheinlich gar nicht ändern. Sie hat sich bei ihrer ersten Beschäftigung mit dem Brett (mit Lehrer) auf einem gar nicht so attraktiven Berg ganz erheblich weh getan. Das war’s für sie. Sie wird es nie wieder probieren.

Wer etwas nicht wagt, was Millionen mit sehr viel Erfolg treiben, setzt sich einer uralten Frage aus: Muss man nicht selbst angetestet haben, worüber man berichtet? Okay: Kann man über Restaurants schreiben, wenn man nicht kochen kann? Über Kunst, wenn man nicht malen kann? Über Fallschirmspringen, wenn man sich nicht aus einem Flugzeug stürzt?

Wenn das die Vorgabe wäre, würden ganz viele Geschichten wohl gar nicht erst entstehen. Und das wäre nicht gut. Es fallen ohnehin schon viel zu viele unter den Tisch, nur weil die Konstellation der Umstände nicht stimmt. Oder weil es einfach nur an Geld fehlt.

Ob man dieser Sendung – Das Trendbrett, eine Produktion für die Sendereihe Nachspiel von Deutschlandradio Kultur – anmerkt, dass der Autor noch nie auf einem Snowboard gestanden hat? Ich vermute mal: nein. Denn sich einfühlen in das Erlebnis kann ich mich durchaus. Was dann am Ende fehlt – diese allerprofanste Basiserfahrung im Umgang mit dem Thema – lässt sich allemal kompensieren. Zumal ich mit diesem Projekt nicht die Absicht verband, Leuten das Boarden madig zu machen, sondern zu beschreiben, welche Faktoren eine Rolle gespielt haben und immer noch spielen, dass dieses ziemlich junge Sportgerät so rasch so populär geworden ist.

Bei einem solchen Projekt geht man so vor: Mit jeder Menge purer Neugier auf das, was man etwa beim Marktführer und Trendsetzer der Branche namens Burton auf die Beine stellt. Weshalb ich denn auch nicht nur einmal, sondern zweimal für diese Produktion in Vermont war. Teil der Mitbringsel: ein Interview mit Firmengründer Jake Burton, inzwischen 58, und damit der Hauptzielgruppe lange entwachsen.

Neugier auch auf das, was die erste Olympiasiegerin zu sagen hatte. Weshalb ich unbedingt Nicola Thost sprechen wollte. Sie im Studio in München. Ich in New York am Telefon. Das klappte hervorragend. Und natürlich Neugier auf das, an was sich Scott Starr erinnert, der die Snowboard-Entwicklung von Santa Barbara in Kalifornien als Fotograf aus begleitet hat und den ich durch ein paar intensive Recherchen aufstöbern konnte.

Am Ende hatte ich übrigens weit mehr Material beieinander, als ich verwenden konnte. So fiel der Mitschnitt eines Burton-Repräsentanten in einem Wintersportgeschäft in Massachusetts unter den Tisch. Und damit der halbe Tag, den es gekostet hatte, diesen Termin wahrzunehmen. Auch das sehr informative Gespräch mit einem Sprecher des Snowboardverbandes in Deutschland blieb im Filter hängen. Die wirklich klugen Gedanken zweier von drei Boardern, die ich zwischendurch im Burton-Shop in SoHo getroffen hatte, landeten ungenutzt im Archiv.

Man nennt das wohl Schwund. Man investiert viel, um einen kompakten Output zu erzielen. Schwund gibt es selbstverständlich in jedem Metier. Aber das heißt nicht, dass man ihn nicht bedauert. Er hat in diesem Fall vor allem etwas mit den sich beim Schreiben des Manuskripts entwickelnden Vorstellungen von Dramaturgie und Gestaltung zu tun, mit dem Wunsch, Atmosphären und Dokumentarisches einzusetzen, die oft eine plausiblere Dichte schaffen können, als die nackten Worte von klugen Menschen. Und selbst für diese Atmosphären war am Ende kaum Platz. Die 28 Minuten, die dieses Feature programmgemäß füllt, sind randvoll. Immerhin: Sie erzeugen dadurch den gewollten Effekt. Sie wirken nicht so, als ob die Zeit dahinläppert, sondern als wäre sie beim Zuhören sehr, sehr rasch vergangen. So rasch wie die guten Snowboarder die Berge hinuntergleiten.

Die Akzente bilden zwei schöne Musikzitate – von den Beach Boys und von Queen. Dazu habe ich im Archiv meiner eigenen Stücke auch etwas gefunden, was sich knapp und sinnig einfügen ließ. Dieses zum Beispiel.

Heart Goes Fast and Boom

burton-header

Blick zurück: Der Blogeintrag zur Erstausstrahlung vor einem Jahr

(Ein Dank noch von dieser Stelle und mit sehr viel Verspätung an den Mann, der mich einst auf das Thema angesetzt hat und mir so den Einstieg ermöglichte. Peter, du weißt, wen ich meine…)

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