Englisch für Fortgeschrittene

Grönemeyer in ChicagoMeine Vorstellung vom Potenzial des Sängers und Komponisten Herbert Grönemeyer hat sich schon vor ein paar Jahren geformt. Damals, als er mit einem Begleiter seiner Kölner Plattenfirma auf Redaktionsbesuch unterwegs war und mit Walkman und Kassette Journalisten vorab sein neues Album 4630 Bochum präsentierte. Ich fand es gut und einen ganz beachtlichen Entwicklungsschritt im Vergleich zu der Musik, die er bis dahin gemacht hatte. Aber die massive Kraft, die diese Lieder-Sammlung besaß und was sie bewirkte, das habe ich damals nicht erkannt. Grönemeyer brach 1984 erstmals einen Verkaufsrekord für Alben deutscher Musiker und toppte diese Bestsellerleistung 2002 mit Mensch und etablierte sich seit jener Begegnung als der erfolgreichste deutsche Popmusiker aller Zeiten. Maßstab und Meilenstein zugleich, an dem sich nicht nur andere seitdem messen müssen, sondern auch er selbst.
Wichtig für diese Betrachtung wäre noch dies: Grönemeyer gehört zu einer Generation, die zunächst in ihrem Musikschaffen mit englischer Sprache herumhantiert hatte. Eine Generation, deren Vorbilder aus England und den USA sie auf indirekte Weise sprachlos gemacht hatten. Englisch war nicht Beleg für Weltläufigkeit und poetische Grandesse. Englisch war ein Versatzstück, Vehikel, Füllsel, eine Pose, um sich abzugrenzen von den nervtötenden Schlager-Fuzzys, die seit den fünfziger Jahren eine Hausmacht in den Plattenfirmen aufgebaut hatten. Und deren Texte an eine politisch fragwürdige deutsche Tradition anschlossen, die von den Nazis mehr als nur besudelt worden war.
Herbert Grönemeyer hat seinen Anteil beigesteuert, dass dieser Komplex abgearbeitet wurde. Und das ging ihm nicht gleich sehr gepflegt von der Hand. Das brauchte seine Zeit. Bis Bochum eben und zu dem klaren Bekenntnis zu Herkunft, Wurzeln und zu einer Haltung. Sein Beitrag besteht seither aus einer ganz beachtlichen Fähigkeit und einem ganz besonderen Gespür für die Ausdrucksweisen, die in Deutschland möglich sind. Das betrifft die Musik, aber auch die Texte.
Warum schreibt so jemand englische Songtexte mit demselben Ernst und demselben sinnsucherischen Anspruch?
Ich bin nach meinem Besuch des Konzerts am Samstag in Chicago keinen Deut schlauer. Zumal ich, anders als damals vor Bochum, keine Gelegenheit bekam, ihm Fragen zu stellen. Die Gründe für diesen Mangel an Kommunikationsbereitschaft sind zu kurios, um sie hier aufzuzählen. Das Resultat ist ohnehin das gleiche: In der Auseinandersetzung mit diesem Grönemeyer ist man ausschließlich auf die Signale angewiesen, die alle empfangen konnten, die im Chicago Theatre saßen. Signale wie zunächst mal die Musik selbst. Dann aber auch die Ansagen zwischen den Songs und der Charakter der Performance bis hin zum Bühnenbild, das von großen Projektionen dominiert wird. Darunter auch: das riesige Logo „HG“, das einen seltsamen Ego-Trip artikuliert.
Ich habe eine erste Bewertung in der Sendung Fazit auf Deutschlandradio Kultur gegeben, die vor allem die Reaktion des überwiegend deutschen Publikums thematisierte. Und damit, wie Grönemeyer damit umging. Was dort aus Platzgründen fehlt, ist eine dezidierte Beschäftigung mit den Feinheiten der Mission des Artisten. Eine Beschäftigung, die, um es vorweg zu sagen, in dem weitreichenden Urteil mündet, dass es sich um eine Art Wenders-dreht-Hammett-Moment handelt. Wenn auch mit anderen Vorzeichen und anderen Kautelen seitens der Beteiligten. Und mit dem Unterschied, dass Grönemeyer keinen Francis Ford Coppola hat, der ihn vor kreativen Fehleinschätzungen bewahrt. Grönemeyer ist Coppola.
Wer nicht weiß, was Wim Wenders erlebt hat, als er sich nach einer Serie von sehr deutschen Filmen seinen großen Traum erfüllte, einmal in Hollywood als Drehbuchautor und Regisseur zu arbeiten, kann das nachlesen. Und er wird vielleicht verstehen, weshalb man den Flirt deutscher Künstler mit der Ikonographie von Amerika und vor allem mit der Realität von Amerika jedes Mal mit gemischtem Sentiment verfolgt. Um Grönemeyer und den Titel eines seiner ganz hervorragenden Songs zu zitieren: Was soll das?
Es gab da in einer Presseerklärung vorab einen Hinweis, wonach sich Grönemeyer mit diesem neuen Album (Titel: I Walk) auf “eine begrenzte Weise neu erfinden” wolle. Von der Suche nach neuen Herausforderungen war die Rede. Und zwar von solchen, die er sich selbst stellen müsse. Fazit nach dem Durchhören der Studioaufnahmen und dem Konzert in Chicago: Tatsächlich wirkt das Projekt vor allem eher begrenzt und nicht wirklich neu. Typisch etwa die reflexhafte Absicherung, für das Album und die englische Version von Mensch einen solchen Ausnahmesänger wie Bono von U2 zu verpflichten. Dabei offenbaren gerade Bonos interpretative sängerische Fähigkeiten etwas, was den Englisch singenden Grönemeyer total entzaubert. Bono schwebt spielerisch und leicht in der Melodie und damit im Lied und steigert so den Reiz an der exzellenten Komposition des deutschen Musikers, der schon oft gezeigt hat, dass er ein sehr gutes Ohr für das Schreiben von attraktiven Melodien hat. Das Duett offenbart – womöglich ungewollt – jedoch auch etwas, das sich durch Grönemeyers Darbietung wie ein roter Faden zieht. Seine englischen Worte mögen Gehalt haben, aber sein Gesangsstil ist Un-Englisch. Un-Rhythm and Blues. Und dabei irgendwie un-heimlich.
Er kappt die Vokale ab, statt ihnen Platz zu geben. Er setzt Silben durchgängig und ganz exakt – wie vom Metronom vorgegeben – auf die Achtel- und Sechzehntel-Noten. Eine Phrasierung, die nahezu synkopenfrei ist. So leben die Lieder, wie von einer Maschine künstlich beatmet, auf einer imaginären Intensivstation. Eine deutsche Insuffizienz im Umgang mit dem Genre? Also so etwas wie Airplanes in My Head (um auf den Titel eines anderen Songs anzuspielen)? Er weiß vermutlich, wovon die Rede ist, denn er hat das mal so formuliert, als er verriet, dass er beim Komponieren gerne mit englischen Fetzen sogenannte „Bananentexte“ herstellt, ehe er die Verse ausarbeitet: „Deutsch ist die Rhythmussprache. Englisch schmiert man ja mehr.“
Sein Erfolg in Deutschland basierte darauf, dass er sowohl mit seinen Texten als auch seiner Musikalität ein Vakuum füllte. Und dass er eine Eigenwilligkeit im Gesang pflegte, die einen starken Wiedererkennungswert besitzt. Die Lücke übrigens ist in Amerikas überbordendem kreativen Spektrum beim besten Willen nicht vorhanden.
Und die enge Nische, die es vielleicht doch noch gäbe und in die sich jemand mit Wucht hineinschieben müsste, die findet er nicht. Weshalb? Weil er mit den neuen Stücken künstlerisch so gut wie nichts riskiert. Eine Haltung, die in Chicago noch unterstrichen wurde von der Auswahl der Fremdtitel im Programm. Warum es ausgerechnet I’m on Fire, Always on My Mind und The Letter sein mussten, erschloss sich nicht. Wo es doch sehr viel faszinierender gewesen wäre, Material von den Doors zu nutzen (seine Lieblingsband) oder mit dieser scheppernden Lebensäußerung namens Nirvana zu spielen, deren Smells Like Teen Spirit er in einem Promo-Video als seinen Lieblingsrocksong bezeichnete. Statt dessen lockte er mit seinen knappen Ansagen zu den Songs nicht so gut informierte Menschen auf eine falsche Fährte. The Letter etwa kündigte er als Joe-Cocker-Lied an und spielte es dann auch konsequent nach – im Arrangement vom legendären Live-Album Mad Dogs and Englishmen. Was er nicht verriet: Der Song und seine Soul-Seligkeit stammt aus dem Memphis der sechziger Jahre, wo man auf vielerlei Weise an einer der Nahtstelle von Schwarz und Weiß in den USA die Entwicklung der populären Musik beeinflusste. Dort, wo Elvis Presley lebte, dessen Version von Always on My Mind dem Lied seinen besonderen Glamour verlieh. Aber auch über diese Querverbindung wusste der Sänger nichts zu sagen. Statt dessen kündigte er das Lied als Willie-Nelson-Stück an. Interessanterweise stammt es zu einem Teil von demselben Wayne Carson, der ein paar Jahre vorher The Letter geschrieben hatte. Dafür schien Springsteens Komposition ganz ohne irgendwelche Erklärungen auszukommen. Was durchaus okay war, denn diese Wahl wirkte schlüssig. Statt eine Neudeutung zu probieren, zeigte er das Talent eines Sängers einer Cover-Band. Der Mann aus Bochum – auch stimmlich – eine exakte Kopie des Typen aus Asbury Park.
Chicago Theatre Grönemeyer
Vielleicht war die Berührung mit Amerika auf dieser Konzert-Reise von Anfang an nur aufs Oberflächliche aus. Sonst hätte er bei diesem Besuch sicher mehr entdeckt, als dass Chicago im Vergleich zu seiner Heimat eine Weltstadt ist (eine Bemerkung, die er in den Text des Liedes Bochum einschob, als er es in der Zugabe spielte). Dass es eine Metropole ist, in deren Straßen Musiker an den Ecken stehen, die mindestens genauso gut sind wie die Jungs in seiner wirklich sehr guten Band. Ein kultureller Schmelztiegel, in dem Blues und Jazz kultiviert wurden und House Music seinen Ursprung hat.
Who knows. Vielleicht erscheinen in den nächsten Tagen noch amerikanische Berichte und Kritiken, die – aus dem Blickwinkel des hiesigen Publikums – den englischsprachigen Grönemeyer beschreiben, erklären und einordnen. Das überwiegend deutsche Publikum in Chicago war in seiner Reaktion unverblümt. Schon nach dem fünften Song forderte es lauthals „Deutsch“. Es war keine chauvinistische Parole, sondern entsprach dem nachvollziehbaren Wunsch, Grönemeyer als authentisch erleben zu wollen. In seiner Heimatsprache. Den auf Englisch gebügelten Sänger brauchen sie nicht. Und ich tippe mal, dem Rest der Welt geht es ähnlich.
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Ein Gedanke zu „Englisch für Fortgeschrittene“

  1. Das zweite Konzert der kurzen Reise fand am Dienstag in New York statt. Der dpa-Bericht gibt eine grundsätzlich ähnliche Einschätzung der Darbietung wie meine aus Chicago Natürlich geht der Kollege nicht auf die Details ein. Stern.de setzt über den selben Text eine grotesk verzerrende Überschrift http://www.stern.de/kultur/musik/herbert-groenemeyer-beim-new-york-konzert-gefeiert-1976918.html Und was der Berliner Kurier aus dem Informationsangebot macht, ist schon eine regelrechte Verzerrung http://www.berliner-kurier.de/promi—show/neues-album–i-walk–herbert-groenemeyer–erstes-konzert-in-new-york,7169226,21952670.html

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