Ganz in Nicht-mehr-ganz-Weiß

ImageDie Ausstellung geht in dieser Woche zu Ende. Weshalb ich froh bin, am Montag noch kurz einen Abstecher gemacht und mit dem Künstler geredet zu haben. Mit jemandem, der mehr als 700 Exemplare eines einzigen Doppelalbums gesammelt und in einer Galerie ausgestellt hat.

Wir reden im Grunde von Vinyl und Pappe. Und wir reden von Vergänglichkeit, die dieser Epoche des Schallplattengeschäfts anhaftet. Für Rutherford Chang, der seine Ausstellung „We Buy White Albums“ nennt und das tatsächlich auch tut (im Schnitt kostet ihn die Offerte 10 Dollar pro Album), ein Mittdreißiger, der da ein Objekt der späten sechziger Jahre zu seinem Lieblingskunstgegenstand gemacht hat, dürfte die Beschäftigung mit dem Material einem eher oberflächlichen Reiz entsprungen sein. Oder einem zerebralen Impuls. Ein bisschen hipsterhaft, vermutlich.

Aber das ändert nichts daran, dass ER auf diese Idee gekommen ist. Und dass sich unsereins dafür bei ihm bedanken möchte. Denn ohne seinen künstlerischen Impuls würde man sich nicht mit den darunter liegenden Schichten und Bezugspunkten der eigenen Vergangenheit beschäftigen. Da Rutherford Chang nicht an solchen Geschichten interessiert ist (sondern nur an den Objekten und dem Projekt, die 30 Lieder in einer gesandwichten Form herauszubringen), war es seltsam, ihm diese Ge-Schichten beim Interviewbesuch aufzudrängen. Als Journalist geht man ja nicht zu den Leuten, um ihnen etwas aus dem eigenen Leben zu erzählen.

Aber am Ende lässt sich so etwas gar nicht vermeiden. Manche Fragen hat man ja nur, weil man eine begründete und erklärungsnotwendige Beziehung zu einem Thema hat. So habe ich Rutherford Chang erzählt, dass meine Version des White Album (das eigentlich The Beatles heißt) aus einer ganz besonderen Serie stammt und auf dem Sammlermarkt sehr viel mehr wert ist als die abgegriffenen und vergilbte reguläre Version in seiner Ausstellung. Er wusste nichts über diesen Aspekt der Audiophilie, der in den achtziger Jahren einen kurze, aber heftige Blütezeit erlebt hatte. Kurz bevor Vinyl von der CD als handelsüblicher Tonträger abgelöst wurde.

Ich habe ihm auch davon erzählt, dass ich 1968, als die Songs herauskamen, Back in the USSR in einer Band gesungen habe. Wir waren fünf, die in jener Zeit einiges an Beatles-Material ausprobiert haben, aber unser Repertoire stark mischten. Mit Sachen von den Kinks, Creedence Clearwater Revival, 1910 Fruitgum Company, Yardbirds etc. Die Konzertbesucher schienen die Mischung zu mögen.

Ich habe ihm auch erzählt, dass ich mich daran erinnere, dass mir mein Plattenspieler damals ein Problem verschafft hat, von dem ich lange nicht wusste, dass es eines war. Der Plattenspieler konnte nur Mono. Das Weiße Album war Stereo, aber auf eine wild gemischte Weise, bei der manche Instrumente so konsequent getrennt wurden, dass sie nur über einen Kanal zu hören waren. Mein Mono-Spieler tastete den linken Kanal ab. Ich  fand erst Jahre später heraus, dass Savoy Shuffle kein Instrumentalstück war. Als ich mitbekam, dass der gesamte Gesang exklusiv im rechten Kanal läuft.

Das sind meine persönlichen Geschichten rund um dieses Album, zu dem andere sicher noch viele andere beisteuern könnten. Wie jene, dass man, wenn man die Platten rückwärts abspielte, angeblich eine versteckte Nachricht hören konnte, wonach Paul McCartney tot sei. Ein Doppelgänger hatte demnach seine Stelle eingenommen. Jener McCartney, der bei beim Komponieren in Indien solche Melodien wie Hey, Jude und Helter, Skelter geschrieben hatte. Helter, Skelter wurde die Inspiration für den Massenmörder Charles Manson. Tatsächlich hört man den 30 Songs vor allem eines an: Dass das Autorenteam Lennon/McCartney auf dem Weg war, komplett auseinanderzudriften. Weshalb es wirklich nur noch eine Frage der Zeit war, bis diese ungeheuer kreative Band auseinanderfiel. Mit Yoko Ono hatte das rein gar nichts zu tun. Da wuchs etwas auseinander, was nicht mehr zuammengehörte. Deshalb klingen die beiden Platten auch nicht nach einem guten Gesamtkunstwerk, sondern nach einer Kollektion von vielen relativ zusammenhanglosen Arbeiten von hohem handwerklichen Standard.

Die Zeitschrift Rolling Stone hat vor einer Weile in einer Umfrage die 500 besten Alben der Rock-Geschichte in einer Rangliste zusammengestellt. Das White Album steht immerhin auf Platz 10. Aber drei Beatles-Alben sind höher bewertet: Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band (1.), Revolver (3.). Rubber Soul (5.). Das würde ich so unterschreiben.

P.S.: Das Cover meines Weißen Albums ist an den Rändern angegilbt. Nicht nur außen (was ich wegen der Lichteinwirkung noch verstehen kann), sondern auch innen.

P.P.S. Aus dem Besuch bei Rutherford Chang wurde ein Radiobeitrag für Corso im Deutschlandfunk. Kann man sich anhören.

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