Eine Thüringer Spezialität

Wenn man hin und wieder die Gelegenheit hat, in richtigen Studios zu arbeiten, dann erlebt man dort immer wieder etwas sehr Angenehmes. Nämlich, dass durch ein vernünftiges Mikrofon die eigene Stimme unterm Kopfhörer so viel besser klingt. Das liegt nicht nur am Mikrofon, sondern auch an der optimalen Raumakustik. Aber ohne das optimale Aufnahmeteil nützt der Raum nur wenig. „Optimal“ liegt in einer Liga oberhalb jeder Reichweite für einen frei arbeitenden Radioreporter – in einer Zone von 10.000 Dollar und mehr. Alles darunter sind Kompromisse, die auszuloten nicht ganz einfach ist. Und das obwohl es Läden etwa in New York gibt, die es mit ihren fix installierten Sprecherkabinen und unterschiedlichen verkabelten Mikrofonen einem gestattet, sich an die Schnittlinie von „Finanzierbar“ und „Wünschbar“ heranzutasten.

Vor einem Jahr dachte ich, ich hätte das Passende gefunden. Dawar ich im Rahmen einer Recherche auf die wiederbelebte Produktmarke Telefunken gestoßen. Ich habe die Firma besucht, die außerhalb von Hartford sitzt und eine erstaunliche Energie und Zielstrebigkeit an den Tag legt, um die legendäre Erbmasse einer deutschen Techniktradition so orginalgetreu wie möglich nachzuempfinden. Dort konnte ich mehrere Mikrofone testen. Aber das, was bezahlbar war, fand ich optisch nicht ganz nach meinem Geschmack. Es ist das CU-29 Copperhead, an dem mich begeistert, dass es eine Röhre enthält. Ganz so wie in der Zeit vor den Transistoren.

© Telefunken-Elektroakustik
© Telefunken-Elektroakustik

Also wurde erst mal nichts aus dem Projekt. Was gut ist, denn ein halbes Jahr später konnte ich ein ganz anderes Mikrofon ausprobieren, das mich im Unterschied zum Telefunken gleich doppelt begeisterte. Grund Nummer eins: das, was hinten herauskam, klang einfach optimal, klar, transparent. Grund Nummer zwei bestand in der Entdeckung, dass dieser Apparat aus Thüringen kam, aus einem in der Entwicklungsgeschichte der Branche wichtigen Ort, von dem ich noch nie etwas gehört hatte.

Das dürfte anderen ähnlich gehen. Denn über Microtech Gefell gibt es nicht mal eine deutsche Wikipedia-Seite, sondern nur eine englische. Hinter dem Namen steckt eine faszinierende Geschichte, die auf niemand anderen als den Urvater der hochwertigen Mikrofon-Technologie zurückgeht. Auf Georg Neumann. Die Sache mit Neumann ist allerdings kompliziert, was an den Wirren des Zweiten Weltkriegs liegt (damals lagerte er seine Produktion aus Berlin in den kleinen Ort Gefell aus). Und an den noch wirreren Nachkriegsjahren und den Komplikationen, die sich aus der Existenz zweier deutscher Staaten ergaben. Neumanns Thüringer Ableger wurde nach DDR-Muster Schritt für Schritt verstaatlicht und büßte so auch die namentliche Beziehung zu seinem Gründer ein. Dessen Neustart in West-Berlin lief unter seinem eigenen Namen weiter, weshalb auch heute noch Mikrofone hergestellt werden, die diesen edelsten aller Qualitätsbegriffe tragen.

© Microtech Gefell
© Microtech Gefell

Die Sache hat jedoch einen Haken. Ein paar Jahre nach seinem Tod übernahm ein anderer deutscher Hersteller – Sennheiser – den Namen und die Produktion und zehrt seitdem von der alten Reputation. Sagen wir: die Sache hat zwei Haken. Diese Neumanns sind zwar teuer, aber haben etwa in den USA nicht annähernd den Ruf, ihren Preis wirklich wert zu sein. Und wenn sich jemand für meinen bescheidene Meinung interessiert (denn ich habe vor einer Woche in Hamburg das in Frage kommende Neumann TLM 103 unter realistischen Bedingungen ausprobiert): Ich wusste danach, was ich wollte, und habe es heute bestellt: das Microtech Gefell M930.

© Microtech Gefell
© Microtech Gefell
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