Fremd und frisch

Ich kann mir nicht vorstellen, dass Regisseure beim Drehen und Schneiden ihrer Filme darüber nachdenken, welche Zutaten sie brauchen, damit das fertige Werk auch noch mehrere Jahre später so attraktiv aussieht wie bei der Premiere. Dass sie so arbeiten wie kluge Kellermeister, die wissen, dass ihre besten Weine erst in ein paar Jahren all das Potenzial entfalten werden, das in dem einen Jahr ins Fass geholt wurde, in dem die Trauben gewachsen sind und geerntet und gekeltert wurden. Kinofilme sind eine Ware mit kurzer Halbwertzeit. Sie verlieren meistens ganz allmählich, aber stetig. Was die besten parallel ansetzen, ist das Gegenstück zu Patina. Der in sie eingewebte Zeitbezug sorgt dafür, dass sie repräsentativ wirken für längst vergangene Phasen in der Filmgeschichte, für alte Auffassungen von Stil, Dialog, Schnitt. Man kann sie auch Jahre später noch genießen, aber nur wenn man den Entstehungskontext für werthaltig hält. Dazu braucht es ein besonderes Auge und einen besonderen Sinn für die Kinohistorie.

Je mehr Filme nicht länger über die klassische Studio- und Vertriebskanäle und ihre Selektions- und Aufwertungsmechanismen verbreitet werden, desto mehr werden sich boutique-artige Produktionsweisen entwickeln, wie wir sie aus der Lebensmittelbranche kennen oder auch von Winzern, die nicht mehr umsetzen, als das, was in eine etwas größere Garage hinterm Haus passt. Und umso mehr wird die Frage interessant, wie dated oder wie zeitlos werden die Filme sein, die dabei entstehen.

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Für jemanden, der sich mit dieser Frage beschäftigt, dürfte ein Film aus dem Jahr 2006 ganz besonders von Interesse sein. Es ist Marc Forsters Stranger Than Fiction, was sehr viel besser passt, „als der ungelenke deutsche Verleihtitel Schräger als Fiktion„, wie David Kleingers anmerkte, als der Film ein Jahr danach in Deutschland ins Kino kam. Nachdem ich gestern zufällig über dieses zwei Stunden lange Stück gestolpert bin, bin ich versucht, mit Jahren Verspätung eine Eloge nachzureichen. Aber nicht etwa, weil der Umgang des Regisseurs mit dieser phantasievollen und sehr kinohaften Geschichte so feinsinnig ist, sondern weil er über seine Bildspache, sein Stilempfinden und selbst im spielerischen Einsatz von grafischen Mitteln im Umgang mit Texten und Zahlen auch noch sieben Jahre später total zeitgemäß ist. Also irgendwie völlig zeitlos geworden ist. Selbst die Schauspieler wirken beinahe alterslos, obwohl sie (Will Ferrell, Maggie Gyllenhaal, Emma Thompson und Dustin Hoffman) ihr eigenes Lebensalter mitbringen. Aber niemand hat sie in das Figuren-Kabinett gezwängt. Sie sind perfekt gecastet, selbst der Komödiant Ferrell, der inzwischen am laufenden Band irgendwelchen groben Krachhumor auf die Leinwand bringt. Hier spielte er jemanden, der hinter einer seltsam unsensiblen und stoischen Fassade ein hilfloses emotionales Spektrum bereithielt. Mit anderen Worten ein Archetyp.

Ich vermute Forster, der aus Deutschland stammende und längst von den Schweizern vereinnahmte Regisseur, dessen Karriereverlauf fest in Hollywood verankert ist und schon einen James-Bond-Film gedreht hat, wird nie wieder etwas so rundum Gelungenes auf die Beine stellen. Der Markt verlangt nach umsatzträchtigem, rasch verkonsumierbarem Zeug, das eher nach Plörre schmeckt und nicht nach terroir-typischen, zahllosen Aromen, die irgendwo herangereift und irgendwie imaginiert sind. Aber es ist gut zu wissen, dass er es zumindest einmal geschafft hat. Ich hoffe, er findet bald etwas ähnliches und verwandelt es in Magie. Ich wünschte ihm nur eine glücklichere Hand bei der Auswahl der Musik.

Verweise:

Stranger Than Fiction: Mark Twains Zitat und andere von ihm zum Thema Wahrheit.

Stranger Than Fiction: Joe Jacksons Lied in einer Live-Version mit reduzierter Begleitung auf YouTube

Stranger Than Fiction: Geschichtenband von Chuck Palahniuk, der solche Bücher wie Fight Club geschrieben hat

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