Märchen mit Macken

Im Mai nahm sich der Oscar-Preisträger Malik Bendjellouler Malik Bendjelloul das Leben, als er in einem U-Bahnhof in Stockholm vor einen einfahrenden Zug trat. Warum er so abrupt aus dem Leben schied, ist nur schwer zu verstehen. Zwar gibt es Menschen, die ihn kannten, die sagten, er sei depressiv gewesen. Aber es gibt auch welche, die davon nichts registriert hatten. Nach allem, was wir wissen, gibt es keinen Abschiedsbrief, der diesen Schritt erklären oder wenigstens verständlich machen könnte. Der schwedische Regisseur wird ein Rätsel bleiben. Und seine Hinterlassenschaft in Form eines wirklich bemerkenswerten Films mit dem Titel Searching for Sugarman wird es auch.22cover_lores

Stoffe wie Sugarman werden gewöhnlich nicht als „Dokumentarfilm“ inszeniert, sondern mit einer adäquaten Sensibilität nacherzählt. So wie Schindlers Liste von Stephen Spielberg, auch eine mit dem Oscar ausgezeichnete Arbeit. Dafür gibt es hauptsächlich dramaturgische Gründe. Geschichten, die das richtige Leben schreibt, lassen Vereinfachungen und Verdichtungen, die man im Kino haben will, normalerweise nicht zu. Es sei denn, man verbiegt die Realität.

Die Verführung ist groß. Denn das Publikum scheint auf solche verbogene Darstellungen versessen. Je unglaublicher, desto besser.  Man kann es auch so formulieren, wie das Bendjelloul getan hat, als er zum ersten Mal davon hörte, dass es da diesen amerikanischen Singer/Songwriter gab, der jahrelang keine Ahnung gehabt hatte, dass seine Platten in Südafrika Megahits gewesen waren: “Wow, das ist die beste Geschichte, die ich je in meinem Leben gehört habe.”

Ich habe vor einem Jahr in einem Beitrag für DRadio Wissen das Problem im Bereich der Literatur schon einmal ins Visier genommen. Damals waren neue Hinweise aufgetaucht, dass der Schriftsteller Truman Capote in seinem Buch Kaltblütig, dem Vorbild für ein ganzes Genre in der Literatur, den Dokumentarroman, eine Regel komplett ignoriert hatte: Die Fakten müssen stimmen.

Das war auch deshalb vermeldenswert, weil man in den USA in letzter Zeit häufiger Autoren erwischt hat, die Bestseller geschrieben haben, die deshalb so gut laufen, weil die Leser glauben, die Fakten würden wirklich stimmen. Tatsächlich entsprangen die staunenswerten Details der Fantasie der Autoren.

Den Beitrag kann man heute nicht mehr im Netz finden, weshalb ich ihn aus aktuellem Anlass hier im Blog-Archiv einstelle. Auch um zu illustrieren, dass das Problem mit einem Film wie Sugarman oder dem gerade in die deutschen Kinos gekommenen Finding Vivan Maier die Verbreitung eines Virus anzeigt, der inzwischen auch die Kategorie Dokumentarfilm befällt. Geopfert wird die Wahrheit, damit eine vermeintlich authentische, aber geschickt manipulierte Geschichte erzählt werden kann,  die ansonsten in sich zusammenfallen würde. Worüber ich gestern in der Sendung Kompressor in Deutschlandradio Kultur ein paar wesentliche Dinge berichten konnte. Verbunden mit der Warnung: Geschichten, die zu schön, um wahr zu sein, sind vermutlich bestenfalls nur halbwahr.

Kompressor Vivian Screenshot

Der Anlass: die Deutschland-Premiere von Finding Vivian Maier, einen Film, über den ich ebenfalls bereits vor einiger Zeit einen Radio-Beitrag für Fazit produziert hatte. Allerdings waren mir einige Dinge erst seitdem so richtig klar geworden. Darunter das Thema Urheberrecht, das womöglich dem Chicagoer Maier-Finder John Maloof noch Probleme verschaffen könnte.

Was mich seitdem stärker denn je irritiert, ist das, was Leute an Akademikern stört, die ihre Doktorarbeiten zusammen plagiiiert haben. Was mich stört, ist die Frechheit, mit der Kreative die  Grenze ins Phantasialand überschreiten und so tun, als sei es nicht so wichtig, was sie damit anrichten. Malik Bendjelloul verteidigte das indirekt natürlich bereits, als noch niemand die vielen Versatzstücke zur Hand hatte, die seinen Film als geschickt montiertes Kreativ-Opus entlarven. Er habe nicht versucht, „die Tantiemen-Frage aufzuklären“, sagte er einem Interviewer. „Denn die Geschichte dreht sich wirklich nicht um Geld.”

Das konnte nur der glauben, der an das Märchenhafte dieser Geschichte glauben wollte, wozu die enormen Anstrengungen des Filmemachers gehörten, dem kurz vor Schluss das Geld ausging und der das Glück hatte, dass ihm ein Produzent beisprang. Tatsächlich dreht sich die Geschichte des Songwriters hauptsächlich um Geld und wohin es geflossen sein könnte. Und wer wen betrogen hat, damit der Songwriter keinen Cent während der Apartheid-Jahre  aus Südafrika  bekam. So musste Sixto Rodriguez auf den Bau arbeiten gehen, weil er als Musiker nicht genug verdiente.

Aber das ist nicht mal der schwerste Vorwurf, den man dem Film machen muss. Er lässt tatsächlich einfach aus, was der Rolling Stone ziemlich lässig in seiner Liste von zehn Dingen vermerkte, die man schlichtweg nicht wissen konnte, wenn man zu diesem Komplex nur den Film gesehen hatte.

Tatsächlich war es zu einem ähnlich überraschenden Erfolg in den siebziger Jahren in Australien gekommen. Damals jedoch bekam Rodriguez irgendwann mit, wie populär seine Musik war und spielte vor tausenden von Fans. Das Interesse ebbte wieder ab. Aber nicht, ehe junge australische Musiker ihre Zuneigung zu seinen Songs entdeckt hatten. Merke: Rodriguez war also nicht ein ahnungsloser Typ, gefangen in einem trostlosen Leben. Er hatte einen beträchtlichen Kenntnisstand über das Potenzial seiner Musik und seiner Karriere. Und das schließt die Art und Weise ein, wie er vor der Produktion des ersten Albums in Detroit einem Musikverlag von der Fahne ging, mit dem er ganz offensichtlich einen gültigen Vertrag hatte. Das wissen wir auch nicht etwa, weil uns das der Film verraten hätte, der Rodriguez erneut zu einem Verkaufserfolg und zu einem gefragten Livemusiker machte. Das stand  in ein paar Publikationen, die sich für die Musikbranche interessieren. Als Bendjelloul endlich davon Kenntnis nahm, so schrieb der Hollywood Reporter neulich, entlockte ihm das auch nur ein kurzes „Wow“.

Es war derselbe Mann, der in einem Interview mit CNN vor der Oscar-Verleihung 2013 immerhin zugab, dass er bewusst und mit sehr viel Begeisterung Originalfilmmaterial aus Archiven verfremdet und eigene Szenen mit einer 1,99 Dollar teuren iPhone App gedreht hatte, die 8mm Vintage heißt. Ein Stilmittel, wenn es man es positiv sehen will. Billig noch dazu. Aber Authentizität sieht anders aus als auf siebziger Jahre manipuliertes Bewegtbild. Typisch: die CNN-Reporterin war schwer begeistert. Auch weil sie sich auf die Suche nach dem dahin unbekannten chinesischen App-Entwickler machte und ihn tatsächlich auch fand.

Unterm Strich: Ein geschickt geleimtes Publikum, das auf die  Märchenhaftigkeit einer Geschichte hereinfällt, sorgt für den  Erfolg (auch wirtschaftlichen Erfolg) eines Musikers, eines Filmemachers, eines Film-Produzenten, einer Plattenfirma. Und niemand kommt zu schaden?

Das denken viele. Nicht zuletzt die, die irgendwann ertappt werden wie der Autor James Frey, der mit seinem Buch A Millionen Little Pieces (auf Deutsch Tausend kleine Scherben) zum Posterboy dieser Form des Betrugs wurde, nachdem er genötigt wurde, in der populären Talkshow von Oprah Winfrey einzugestehen, dass seine sehr erfolgreiche autobiographische Geschichte über das Leben als Suchtkranker und als Gefängnisinsasse ein modernes Märchen ist.

Frey haderte später in einem Interview im kanadischen Rundfunk mit dem Puritanismus seiner Landsleute. Als wäre der das Problem.
“It was a big deal. My agent dropped me. My contracts were cancelled. People fled. I became a pariah. But outside the US it almost had the opposite effect. In Europe they understood, I wrote a book. I took liberties in a book to tell a story better. In America they freaked out about it. America was founded by Puritans. In a way it is still a puritan culture.”

Wenn das tatsächlich wahr wäre, hätte Puritanismus sogar etwas Gutes.

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Hier das Manuskript zu meinem Nachruf auf Malik Bendjelloul, der am 13. Mai in der Sendung Fazit in Deutschlandradio Kultur ausgestrahlt wurde. Dies ist das Link zur gesendeten Fassung.

Märchen mit Macken
Der 2013 mit dem Oscar ausgezeichnete Film “Searching for Sugar Man” erzählt die wahre Geschichte des amerikanischen Singer-Songwriters Sixto Rodriguez, der – zuhause erfolglos – erst Jahrzehnte später erfährt, dass er im fernen Südafrika ein großer Star ist. Was Regisseur Malik Bendjelloul nur antippt, wird nun in Michigan vor Gericht verhandelt: War Tantiemen-Betrug im Spiel? Und wusste der Künstler davon?

Über eine solche Geschichte stolpert man nur einmal im Leben. Wenn überhaupt. Und selbst wenn, muss man noch Jahre lang unerschrocken dran bleiben, um die wichtigsten Personen zu finden und vor die Kamera zu bekommen. Also das tun, was der schwedische Fernsehjournalist Malik Bendjelloul gemacht hat: ganz viel Zeit und Geld und Energie investieren.
Denn ohne das alles wäre diese Geschichte wohl noch immer ein komplettes Mysterium Und Sixto Rodriguez, der Singer-Songwriter, der absolut keine Ahnung hatte, dass er im fernen Südafrika ein Idol war, wäre noch heute ein alter anonymer Musiker in Detroit.
Diese Geschichte hat faszinierende Ingredienzien. Sie ist halb Märchen und halb Detektivroman und zeigt, dass am Ende – selbst in der harten Realität – tatsächlich manchmal die Guten gewinnen.
Zu den Guten gehört auch Malik Bendjelloul. Der reanimierte mit seinem Dokumentarfilm Searching for Sugar Man nicht nur die jahrezehntelang zuvor eingemottete Karriere von Rodriguez, sondern empfahl sich damit einem weltweiten Publikum als Regisseur, der komplexe Stoffe schlüssig zu erzählen versteht und seine Hauptfiguren und deren Lebensgefühl mit der gebotenen Sensibilität abbildet.
Searching for Sugar Man erhielt viele Preise. Nicht nur den Oscar. Nebenbei sorgte der Film dafür, dass es die lang vergessene Musik von Rodriguez aus den siebziger Jahren erstmals in den USA in die Charts schaffte. Der Sänger, der im Moment auf Tourneereise durch die Vereinigten Staaten unterwegs ist, gibt inzwischen Konzerte vor mehreren tausend Zuschauern.
Die Musik hat eine besondere Qualität, fand Malik Bendjelloul:
“Ich mag diese alten Jungs nicht besonders. Aber Rodriguez war anders. Zugänglich. Seine Stimme vermittelt Intimität. Wenn du Crucify Your Mind zum ersten Mal hörst, ist das wirklich emotional. Dir kommen fast die Tränen. Solch magische Lieder sind selten.”
Zu Bendjellouls Arbeiten gehörten bis dahin Dokumentarfilme über Sänger wie Elton John und Rod Stewart und die Elektronik-Musiker Kraftwerk. Auf die Sugarman-Geschichte stieß er ganz zufällig auf einer Recherchenreise in Afrika. Doch Rodriguez, der in Detroit auf dem Bau arbeitete, nachdem nichts aus seiner Musikkarriere geworden war, hatte zunächst kein Interesse an dem Projekt.
“I was reluctant. I gave Malik Bendjelloul a hard time”, erzählte er, als er mit dem Regisseur unterwegs war, um den fertigen Film einem größeren Publikum zu präsentieren. “It wasn’t until the last two months that I agreed with Malik and said ‘Let’s do this’.”
Jemand wie Clarence Avant hatte allerdings keine Beklemmungen. Er, der im Laufe seine Karriere als einflussreicher Manager sogar Vorstandsvorsitzender des berühmten Motown-Labels  war, hatte Rodriguez damals für seine eigene Plattenfirma unter Vertrag genommen. Und er hatte anderen die Auslandsrechte überlassen.
Allein in Südafrika wurden über 500.000 Langspielplatten verkauft. Aber von den Tantiemen kam kein Cent beim Künstler an. Im Film fragt Malik Bendjelloul ganz direkt nach dem Geld und bekommt von Avant eine ausweichende Antwort: “Wenn Sie glauben, dass sich irgendjemand Gedanken über einen Vertrag von 1970 macht, haben Sie den Verstand verloren.”
Diese Prognose sollte sich als falsch erweisen. Anfang Mai reichte der  Musikverlag Gomba Inc. vor einem Bundesgericht in Michigan eine Klage gegen Avant ein. Der Vorwurf lautet: Der Musikmanager soll damals auf betrügerische Weise herumgetrickst haben, um Rodriguez mit seinen Liedern exklusiv an sich binden zu können.
Theoretisch muss der Künstler selbst von diesem Manöver gewusst haben. Und womöglich erklärt das auch die Zurückhaltung, mit der er damals auf das Interesse des schwedischen Regisseurs reagierte. Aber der klagende Musikverlag hat davon abgesehen, sich an dem Sänger schadlos zu halten. Sein Anwalt erklärte gegenüber Fazit, dass er ihn allerdings als Zeugen vernehmen lassen will.
Malik Bendjelloul, der das alles – ungewollt – ins Rollen brachte, hatte vor zwei Jahren in einem Interview erklärt, dass ihn diese Facette nicht besonders interessiert: “Ich habe nicht versucht, die Tantiemen-Frage aufzuklären. Denn die Geschichte dreht sich wirklich nicht um Geld.”
Schade eigentlich. Denn hinter der Frage nach Geld steckt die Antwort darauf, wie es kam, dass Rodriguez nichts von seinem Ruhm im fernen Afrika erfuhr und so viele Jahrzehnte eine der mysteriösesten Figuren der Musikgeschichte war.
Diese Antwort hätte Malik Bendjelloul den Stoff für eine Fortsetzung gegeben. Und vermutlich hätte er daraus einen ähnlich dichten und anrührenden Film gemacht wie Searching for Sugar Man. Doch dazu wird es nun nicht mehr kommen.

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