Da ist Musik drin

Sonntag war Nachspielzeit. Womit das lange Radiostück gemeint ist, das in der gleichnamigen Reihe von Deutschlandradio Kultur lief. Das hatten neben Lance Armstrong vor allem seine Seilschaften, Mitwisser und Mittäter im Blickwinkel. Und sollte den Komplex aktuell um jenen Gedanken erweitern, den der Doping-Experte Hajo Seppelt in der Sendung so formulierte: „Da gab es genug, die geschwiegen haben, die mit Armstrong kollaboriert haben, die davon auch profitiert haben. Es ist schon so, dass wir in der öffentlichen Wahrnehmung dazu neigen, dieses auszublenden. Das ist wirklich ein Skandal, der noch nicht zu Ende ist.”

Wer das Ganze nachholen und nachhören möchte, kann das noch eine Weile tun. Der Sender hat das Manuskript und die fertige Produktion mit Sprechern, Interview-Segmenten und Musiken hochgeladen. Weil der Skandal noch nicht zu Ende ist, werde ich mich sicher auch in der Zukunft mit dem Thema beschäftigen. Und zwar je nach Nachrichtenlage und Brisanz. Ich nehme mal an, der Kinofilm, der laut Hörensagen den doppeldeutigen Titel Icon hat („I con“ heißt auf Englisch frei übersetzt „ich trickse andere aus“, con artists ist der Begriff für Hochstapler), wird uns alle demnächst auf jeden Fall noch einmal auf die Sache zu sprechen kommen lassen.

Vielleicht werde ich jedoch etwas anderes zu den Akten legen: Ich habe für die Sendung mehrere Instrumentalmusiken aus meiner Produktion verwendet, die man getreu eines alten Gedankens aus der künstlerischen Sphäre nur einmal einsetzt und danach nie wieder. Das hat Tradition. Zum Beispiel bei Filmmusik. Kein Mensch würde in dem Genre auf die Idee kommen, solche Hinzufügungen zum kreativen Ensemble noch einmal als Erkennungsmerkmal eines anderen Films einzusetzen. Je nach Bekanntheitsgrad werden sie allenfalls zu Stoff für Parodien. Sie sind mit dem Werk untrennbar verschmolzen.

Ich verstehe, wie so etwas passiert. Denn irgendwie hängen wir alle an einem Kunstbegriff, in dem Originalität eine wichtige Rolle spielt. Selbst bei einer Kunstgattung, die qua Gestaltungsabsicht erst noch aufgeführt werden muss, damit sie überhaupt hörbar wird. Wir versuchen auch nicht dieselben Gedanken noch mal zu Papier zu bringen und zu publizieren. Wir wollen, wo es geht, originär sein und originell.

Das Konzept und die Haltung dahinter sind anspruchsvoll und reizvoll. Aber so einfach ist das alles gar nicht. Nicht, dass es mir an Ideen mangelt. Wen es interessiert, dem verrate ich gerne, dass ich im Laufe der letzten Jahre mehr als 400 Musikstücke komponiert habe, von denen etwas mehr als 50 über die eine oder andere Schiene medial (in Videos, in Radiosendungen, in Podcasts) verwertet wurden. Sie sind damit Teil eines eines ganz spezifischen atmosphärischen und gestalterischen Kontexts geworden. (Videobeispiele auf meiner Webseite americanarena.net) 

Es sind so viele Musiken, weil ich ständig zwischendurch neue Sachen entwerfe. Musik machen entlastet und entspannt die andere Seite des Gehirns ungeheuer, die den sprachbasierten journalistischen Output produziert.

Trotz dieser Menge und Vielfalt habe ich einige wenige Stücke schon mehr als einmal irgendwo untergebracht. So wie am Sonntag im Nachspiel, in dem ich mich für den Einstieg und einen weiteren atmosphärische Farbtupfer bei Material bedient habe, das ich vor wenigen Wochen (damals neu und frisch) eigens für dieses Video geschrieben habe – ein Interview mit dem amerikanischen Schriftsteller Jim Herity. Ein weiteres Stück hatte ich vor ein paar Jahren für das Video über einen österreichischen Architekten komponiert. Ich bin mir relativ sicher, dass diese Klangbeispiele zwar in ihrem visuellen Kontext bestens passen, aber dass sie auch so etwas wie eine universellere Einsetzbarkeit besitzen (zumindest für den Rundfunk, wo wir keine Bilder haben und die Funktionalität von Musik einen etwas anderen Zuschnitt hat.

Allerdings gibt es in der Armstrong-Sendung auch etwas ganz Neues, sozusagen exklusiv: die Musik am Ende.

Die hat, das ist so Usus, nämlich tatsächlich eine sehr eigene, radiospezifische Funktion zu erfüllen. Sie soll zum Schluss etwas von der Stimmung des Features mitnehmen, aber so angelegt sein, dass sie anschließend einem Sprecher erlaubt, eine Moderation draufzusetzen. Und sie soll quasi jeder Zeit ausklingen dürfen. Sie ist der Puffer für die Zeit, bis die nächste Sendung anfängt. Das heißt, sie braucht ein gewisses Tempo, gewisse Klangfarben und eine Emotionalität, die eher Bewegung signalisiert als Stillstand. Sie ist Endsignal und Übergang in einem.

Ich habe für beinahe alle Nachspiel-Sendungen, die ich in den letzten Jahren erarbeitet habe – über die Halls of Fame im Sport, die Eskimo-Olympiade, das Trend-Brett Snowboard – solche Ausklangmusiken geschrieben. Auch weil ich auf dem Markt der vorhandenen Stücke fast nie etwas finde, was ich für wirklich passend halte. Das soll nicht anmaßend klingen. Theoretisch muss man nur lange genug suchen. Aber dazu habe ich ehrlicherweise keine große Lust. Die Lust verwende ich lieber auf die Kreativität, etwas Neues zu erschaffen. Etwas, was dann tatsächlich originär ist, keine Konfektion aus dem Kaufhaus der Klänge. Etwas, was im optimalen Fall vorher im öffentlichen Rahmen noch niemand gehört hat.

Manchmal wünscht man sich, dass diese Arbeit mal jemand zur Kenntnis nimmt, ja, das vielleicht sogar jemand käme, der sagt: Hey, kannst du uns/mir nicht auch eine Musik stiften, die funktional und inspirierend ist und einen zum Zuhören animiert? Aber damit sollte ich bis auf weiteres nicht rechnen. Mit solchen Klängen am Rand zur Unaufdringlichkeit bewegt man sich wie ein gesichtsloser Typ in einer Masse. So wie wenn man durch die Straßen von New York läuft, wo einen auch keiner anspricht und keiner einen kennt. Auf der anderen Seite: Warum nicht wenigstens hier in diesem Blog mal darüber reden? Und ein paar Beispiele vorführen, die womöglich die eine oder andere Reaktion produzieren. Kann nicht schaden. Oder?Audacity Screen Shot "Nachspiel Armstrong alle Musiken"

Diese ist die Ausklangmusik vom Sonntag. Titel: 4tilehuffed

Dies ist das Stück, mit dem die Sendung Museen, Medaillen, Mythen zu Ende ging. Es heißt Cooperstown.

Die Eskimo-Olympiade und die Musik, die sie in Alaska spielen, inspirierte mich zu diesem Stück: Down the Chena River

Dies ist der Ausstieg aus der Trend-Brett-Sendung. Der Titel When You Push Me I Won’t Fall

Tatsächlich habe ich diese drei Musiken noch nie irgendwo anders eingesetzt und würde das wahrscheinlich auch inhaltlich und innerlich gar nicht hinbekommen. Irgendwie sind sie hier genau richtig platziert und würden woanders sicher längst nicht so gut passen. Ähnlich geht es mir bisher mit den Titelmusiken, die ich Videos verwendet habe. Sie sind Signaturmerkmale geworden, die sich nicht einfach verpflanzen lassen. Es sei denn, es kommt der Tag und jemand sieht oder besser hört das anders. Ich bin gespannt, ob das jemals passiert.

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Der Fall nach dem Fall

Meine Erinnerung an den Sommer, als ich mich zum ersten Mal mit Lance Armstrong beschäftigen musste, ist schon etwas verblasst. Eigentlich besteht sie nur aus einem kurzen Dialog mit einem Redakteur. Er: Radsportspezialist und unverhohlener Fan. Ich: Agnostiker. Zweifler. Skeptiker. Er bat mich, einen Artikel zu schreiben, der die amerikanischen Reaktionen auf die Leistungen des Fahrers bei der Tour de France einfangen sollte.

Verständlich angesichts der Ausgangslage. Ein vormals sterbenskranker Sportler gewinnt den Prolog, ein Einzelzeitfahren, und verblüfft die Fachwelt und die Konkurrenz. Und er verblüfft vor allem seine Landsleute.

Alle – auch der besagte Redakteur – wollten sie glauben. Diese Geschichte von einem Mann, der nach einer intensiven Krebsbehandlung zum aktiven Sport zurückgekehrt war. Denn sie war verführerisch schön. Erst recht aus dem Blickwinkel von Millionen von Amerikanern, über die ich dann im Tagesanzeiger in Zürich während der Tour schließlich dieses schrieb: “Selbst zwei Jahrhunderte nach der Entwicklung des Velos steht der durchschnittliche Amerikaner dem Prinzip des Etappenrennens ratlos gegenüber. Die Tour de France ist ‚eines unserer großen sportlichen Mysterien‘, gab die Philadelphia Daily News vor ein paar Tagen zu, als sich Lance Armstrong an die Spitze setzte: ‚Wir sind von den Bildern beeindruckt, aber wir lieben sie nicht. Wir können die Anstrengungen erkennen, aber wir verstehen sie nicht.‘ Vielleicht ist das der Grund, weshalb die US-Medien in diesen Tagen mit jener riesigen Übersetzung fahren, wenn sie versuchen, die Erfolge des 27-jährigen Texaners in einen historischen Rahmen zu stellen. So schrieb USA Today: ‚Vor über 2200 Jahren begann Hannibal, der Karthager, seine Attacke auf die Alpen. Am Dienstag hat Lance Armstrong, der Texaner, mit seinem Angriff auf die Alpen begonnen.'“

Begonnen hatte allerdings ein ganz anderer Angriff. Der auf die Glaubwürdigkeit aller Beteiligten – der Fahrer, Verbandsfunktionäre, Sponsoren und Medien etwa, die wenige Tage später erfuhren,  dass Armstrong bereits beim Prolog positiv auf Kortison getestet wurde. Und dass anschließend folgendes passiert war, wie Dominique Eigenmann auf den selben Seiten feststellte: Der Weltverband rettete Armstrong vor der obligatorischen Sperre, in dem er gegen das eigene Reglement verstieß: “Dort steht nämlich (Artikel 43, Kapitel 4, Abschnitt 14), dass jede Anwendung von Medikamenten, die auf der Dopingliste stehen, auf dem Protokoll der Dopingprobe zwingend vermerkt werden müsse. Armstrong hatte in dieser Rubrik – gemäss Le Monde – aber notiert: ‘Medikamente: keine.’ Das Reglement sagt weiter: Wenn ein Athlet keine dopinghaltigen Substanzen deklariert, das Kontrolllabor aber solche findet, dann gilt das Resultat seiner Probe als positiv, und zwar auch dann, wenn der Sportler im Nachhinein noch ein ärztliches Attest vorweisen sollte.”

1999 war das alles. Neunzehnhundert-fucking-neunundneunzig. Da hätte ein Verband nur seine Regeln anwenden müssen, um den Sportbetrüger Lance Armstrong aus dem Verkehr zu ziehen. Ehe das ganze Lügengebäude errichtet wurde. Ein Gebäude, an dem viele bastelten, darunter die Firma Nike, die später mit diesem Werbespot die Zweifler gezielt verhöhnte:

“This is my body. And I can do whatever I want to it. I can push it. Study it. Tweak it. Listen to it. Everybody wants to know what I’m on? What am I on? I’m on my bike. Busting my ass. Six hours a day. What are you on?”

“Jeder will wissen, auf was man mich gesetzt hat”, sagte Armstrong in dem Werbespot und spielte mit der doppelten Bedeutung eines Ausdrucks, der sowohl für die Verordnung von Arzneimitteln als auch den Ritt auf einem Rad gelten konnte. “Auf was wurde ich gesetzt? Ich sitze auf meinem Fahrrad. Reiße mir den Arsch auf. Sechs Stunden am Tag.”

15 Jahre später versteht man diese Vorgehensweise natürlich viel besser. Die amerikanische Anti-Doping-Agentur hat sie akribisch dokumentiert. Ich selbst habe parallel zahllose Geschichten und Radiobeiträge produziert und Interviews geführt mit Männern wie Tyler Hamilton und Frankie Andreu. Auch das nicht ganz unwichtig zum besseren Verständnis. Wie die Gespräche mit Journalisten wie Juliet Macur und Bill Gifford und Selena Roberts, die alle jeweils mit intensiven Recherchen Teile des Lügengebäudes enthüllten. Und mit dem Filmemacher Alex Gibney, der damals an seinem Dokumentarfilm The Armstrong Lie arbeitete. Ich konnte mit Frauen wie Betsy Andreu reden, die eine besondere Rolle bei den Enthüllungen spielte. Mit Anwälten wie Jeff Tillotson, der die Firma SCA vertritt, die von Armstrong um Millionen von Dollar betrogen wurde. Und mit Vertretern der Radfirma Trek, die auf verstörende Weise den Eindruck erweckt, als gehöre sie nicht zu den Mitwissern und Mittätern des größten Sportbetrugs aller Zeiten, sondern als sei sie so eine Art Opfer.

Ich war im Laufe der letzten Jahre für die vielen Recherchen in Salt Lake City, in Montana, in Washington und natürlich auch in New York unterwegs. Ich war in Detroit. Und in Waterloo/Wisconsin. Mit der Sperre, die die amerikanische Anti-Dopingagentur 2012 auf den Weg brachte und die anschließend vom Weltradsportverband bestätigt wurde, hat der größte Teil der Öffentlichkeit das Kapitel zugeklappt. Tatsächlich ging seitdem die Geschichte weiter. Und das wird sie auch noch in den nächsten Monaten. Wenn so einiges herauskommt, was bisher noch unter dem Deckel war.

Eine gute Phase übrigens, um für die großartige Sendereihe Nachspiel auf Deutschlandradio Kultur ein ausführliches Feature produzieren, in dem ein erheblicher Teil der Aufmerksamkeit auf den Hintermännern, Mitwissern und Mittätern liegt, auf die bislang noch wenig Licht gefallen ist. Und dies vor allem deshalb, weil sich Armstrong konstant weigert, seine Helfershelfer zu verraten. Es ist Teil seines Spiels, das genauso wie der Doping-Missbrauch irgendwann noch in den Vordergrund rücken wird. Wenn klar wird, wer alles Meineide schwor, um Armstrong zu helfen. Und wer von Armstrong eingeschüchtert und durch seinen Einfluss wirtschaftlichen Schaden erlitt. Ganovenehre ist kein Ding von Ewigkeitswert.

Sendetermin: Sonntag, den 23. November

http://www.deutschlandradiokultur.de/radfahrer-der-fall-armstrong.966.de.html?dram:article_id=300138

Ein paar Links zur Einstimmung? Gerne

Interview mit der Journalistin Juliet Macur, die das Buch geschrieben hat: Lance Armstrong – Wie der erfolgreichste Radprofi aller Zeiten die Welt betrog

Bericht über den Gibney-Film The Armstrong Lie und einige der Figuren im Hintergrund des Skandals. Titel: Das Phantom der Seifenoper.

Das große Tyler-Hamilton-Interview im Züricher Tagesanzeiger.

Die dubiose Rolle des Radherstellers Trek, der Anfang 2014 ein eigenes Profi-Team an den Start brachte.

Meine Einschätzung von Lance Armstrongs Fernsehbeichte in der FAZ.

Eine von mehreren, die sich ihre Hände dreckig gemacht haben, um Armstrong ins rechte Licht zu rücken. Und die dabei sehr viel Geld verdient hat.

Addendum: Eine Fassung der fertigen Sendung ohne Voiceover.

Good news is bad news – eine Geschichte aus dem Berliner November 1989 (Teil 3)

Vor 25 Jahren bekam ich zufälligerweise die Chance, in einem Team mit amerikanischen Fernsehleuten nach Berlin zu fliegen, die den Auftrag hatten,  über den Fall der Mauer zu berichten. Es war ein einprägsames Erlebnis. Und das nicht mal aus den ganz offensichtlichen Gründen. Eine Geschichte in drei Teilen.

TEIL 3 und Schluss

Im Laufe des Montags, mit einer Verspätung von immerhin vier Tagen nach den entscheidenden Ereignissen, wurden die in Berlin produzierten Beiträge von Inside Edition amerikaweit ausgestrahlt. Zu den Werkstücken gehörten Bill O’Reillys am Samstag aufgenommener Aufsager an der Mauer vor dem Brandenburger Tor. Und unsere Versuche, es für die Kamera, so gut es ging, menscheln zu lassen.

Wir waren am Sonntag ganz früh an den Potsdamer Platz gefahren, damals eine riesige Brache, wo die DDR-Verantwortlichen kurzfristig mit einem Kran ein paar Platten aus der Betonmauer herausbrachen, um noch mal einen riesigen Schwall von Menschen herauszulassen, die an diesem kalten, aber wenigstens sonnigen Tag den Westen erkunden wollten. Es war mein Job, so viele wie möglich anzusprechen, um herauszufinden, ob sie eine interessante Geschichte hätten und ob sie uns wohl an der teilhaben lassen würden. „Amerikanisches Fernsehen“ war zwar ein Zauberwort, aber keines, mit dem man Stroh zu Gold machen konnte.

FirefoxScreenSnapz004Ein Zufall wollte es, dass einer der Kameramänner ein junges Ehepaar mit einem kleinen Sohn einfing, als der Vater durch die Öffnung der Mauer kam und Tränen der Rührung weinte. Wir hatten also Tränen auf Band. Das war wie wenigstens drei Richtige im Lotto. Nun mussten wir nur noch diese Menschen überreden, daraus etwas machen zu dürfen und den Tippschein so richtig auszureizen.

„Sprechen Sie Englisch?“, fragte ich ihn. Und er sagte: „Ein bisschen.“

„Dürfen wir Sie auf Ihrem Ausflug begleiten?“

Man sträubte sich, war skeptisch, bis sich dann doch die Neugier  durchsetzte. Zumal wir ein Auto anbieten konnten. Was vermutlich den Ausschlag gab. Sicher vor allem angesichts der Vorstellung, dass der junge Sohn irgendwann Schlapp machen und die tour d’horizon durch den Westen ein rasches Ende nehmen würde. Wir boten die bequemere Lösung.

Wir haben damals ganz konventionelle Aufnahmen gedreht – mit diesen netten jungen Ossis beim Blick in die Schaufensterauslagen am Tauentzien, beim Verzehr der ersten Pizza ihres Lebens und bei der ersten Verarbeitung dieser Erfahrungen in allzu dürren englischen Worten. Das war’s. Kein echter Lottogewinn.

Dafür waren wir tausende Kilometer gereist, hatten hunderte von Leuten angesprochen und uns in hässlichem Wetter durch eine Stadt manövriert, die vermutlich in diesen Tagen eine Unmenge von hervorragenden Geschichten bereit hielt. Die man aber auf diese Inside-Edition-Weise gar nicht finden konnte.

Ich blieb noch in Berlin, nachdem Bill O’Reilly am Montag wieder abgeflogen war und beschloss, mich zur Abwechslung auf der anderen Seite der Mauer umzuschauen. Ich hatte keinen Plan. Ich wollte mich einfach nur treiben lassen und kam am späten Nachmittag  am Übergang Heinrich-Heine-Straße an, wo ich den Grenzpolizisten meinen Pass zeigte. Auf deren Reaktion war ich nicht vorbereitet. Ich könne nicht in die Hauptstadt ihrer Republik einreisen, sagte man mir, weil man als bundesdeutscher Passbürger nur bis um 16 Uhr jedes Tages ein Visum erhalten würde, dass dann bis Mitternacht gültig war. Es war die Kuriosität schlechthin: Während jeder DDR-Bürger auf einmal nach Gutdünken und jeder Zeit die Grenze überqueren konnte, musste ich als Westler deren Bestimmungen respektieren. Die DDR pfiff aus dem letzten Loch. Aber sie pfiff auf preußische Art.

Ich weiß, das war nicht die „Freiheit des Ostens“, über die Martin Ahrends ein paar Tage später in der Zeit so eloquent schrieb. Und so wanderte ich noch ein bisschen durch Kreuzberg und stand irgendwann im Dunkeln an einem weiteren Loch in der Mauer, das eher wie ein Riss wirkte und wo zwei gut gelaunte DDR-Grenzer patrouillierten  die ein paar Tage vorher noch auf jeden gezielt geschossen hätten, der sich in den Todesstreifen getraut hätte. Wir tauschten ein paar Freundlichkeiten aus und ich fragte sie, ob ich wenigstens eines der herumliegenden, kleinen  Betonstücke mitnehmen könne.

„Na, klar“, lachten sie.

Ich wusste, irgendwann in ferner Zukunft würde mir – im Zweifelsfall  – niemand die Authentizität dieses Stücks deutscher Geschichte abkaufen. Aber ich hatte ohnehin nicht die Absicht,  dieses Souvenir zu behalten. Ich wollte es Bob Young schenken, den ich nach der Rückkehr in seinem Büro besuchte. Und der davon sichtlich beeindruckt war. Bill O’Reilly hatte an solche Mitbringsel wohl offensichtlich nicht gedacht, ehe er nach Hause flog. Es hatte ihm  gereicht, sich vor der Mauer aufgebaut und in die Kamera gesprochen zu haben. „Let’s keep in touch“, rief er mir zu, als ich ihn kurz sah.

Youngs Tochter trug den Brocken später in ihre Schule und zeigte ihn im Unterricht vor. Während ich mit etwas sehr viel Erhabeneren  nach Hause zurückkehrte.

Nein, nicht mit der Erkenntnis, dass man in den Fängen dieser Tabloid-Fernsehredaktionen (und wahrscheinlich der meisten Fernsehredaktionen) ganz schnell seinen inneren journalistischen Kompass verlieren konnte. Das war mir schon vorher klar gewesen. Mich beschäftigte vielmehr dieser Essay von Martin Ahrends in der Ausgabe der Zeit vom 17. November, die ich mir vor dem Einsteigen in die Maschine nach New York mitgenommen hatte, um in aller Ruhe das Geschehene und Gesehene nachzuarbeiten.

Ahrends schaffte es mit diesem Text, mir die Essenz all dessen zu vermitteln, was mich und meine ureigene, alte Neugier auf die DDR betraf. Etwas, was ich in den Jahren, in denen ich in Charlottenburg, im Wedding und in Schöneberg gelebt, an der FU studiert und für das Tip-Magazin über Berliner Filmer und Musiker (auch DDR-Musiker auf Westbesuch) geschrieben hatte, zwar irgendwie gespürt, aber nie verstanden hatte.

Ich hatte deren Radio gehört und ihre Pop-Musik geschätzt. Ich hatte ihr Brecht-Ensemble besucht und ihre Buchläden. Ich war über die von Schlaglöchern übersäte Transitstrecke gefahren und dabei jedes Mal trotz schneller Fahrt den Radarkontrollen entgangen. Ich hatte eine Vorstellung von dem Leben, das sich nun angesichts dessen, was Ahrends schrieb, offensichtlich einfach als ein Phantasiegeflecht entlarvte. Und das vermutlich ähnlich klischeehaft war wie das der amerikanischen Fernsehreporter, mit denen ich nach Berlin gekommen war. Nur anders. Denn die Schicht unter der Oberfläche – die Freiheit des Ostens – die hatte ich nie kennengelernt.

Und nun, prophezeite Martin Ahrends, der ein paar Jahre vorher aus politischen Gründen in den Westen gegangen war, würde es dazu auch keine Möglichkeit mehr geben. Die DDR brach auf. Sie brach den selbstgebauten Wall auf. Und sie brach zusammen. Alles zur selben Zeit. Und damit war die Geschichte wirklich zu Ende. „Wohlan denn, investiert euer Kapital, schickt eure Renovierungstruppen“, schrieb er, „aber bedenket, was ihr verliert an der Freiheit des Ostens.“

Auch mich bestrafte das Leben. Ich war zu spät gekommen.

So wie Bill O’Reilly, der in der Sendung diese historischen Sätze sprach: „Hello and welcome to Inside Edition. I’m Bill O’Reilly Behind me is the Brandenburg Gate in East Berlin, the symbol of a divided Germany. Over the last few days many of us have seen reports coming from here. Not since the defeat of the Nazis in 1945 has Europe experienced such an emotional story. It is all about freedom, and today we will bring you the drama and some of the people caught up in the opening of the Berlin Wall.“

In dieser Woche wird er bestimmt den Schnipsel mit diesem Auftritt wieder abspielen. Er war ja offensichtlich damals nur aus einem Grund in Berlin: um sich selbst zu filmen. Ein Selfie-Made-Man.

P. S.:

Vor fünf Jahren nahm sich die Daily Show ebenfalls des Themas an. Es war ein reizvolles, bizarres Echo auf das, was mir all diese Jahre durch den Kopf gegangen war, und entlarvte die Motive all dieser Selbstdarsteller in einem  Beitrag von zehn Minuten Länge, Es war nicht so schwer, wie es vielleicht klingt, denn eine Reihe von Fernsehleuten hatten in den Tagen zuvor ihre Zuschauer mit Nachdruck daran erinnert. dass sie selbst höchstpersönlich damals vor Ort gewesen waren.

P.P.S.
Ich habe die Gelegenheit bekommen, für die aktuelle Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung einen Text zu schreiben, der meine Erfahrung mit dem amerikanischen Fernsehen vor 25 Jahren in Berlin zusammenfasst. Enstanden ist er auf der Basis dieses Blog-Textes. Ich werde ihn verlinken, sobald er online gestellt wurde.

Good News is Bad News – eine Geschichte aus dem Berliner November 1989 (Teil 2)

Vor 25 Jahren bekam ich zufälligerweise die Chance, in einem Team mit amerikanischen Fernsehleuten nach Berlin zu fliegen, die den Auftrag hatten,  über den Fall der Mauer zu berichten. Es war ein einprägsames Erlebnis. Und das nicht mal aus den ganz offensichtlichen Gründen. Eine Geschichte in drei Teilen.

TEIL 2

Als wir am Samstag auf der Westseite des Brandenburger Tors ankamen, sah ich ein erstaunliches Detail. Am Ende der Straße des 17. Juni standen zusammengestöpselte Plattformen, auf denen Fernsehkameras postiert waren. Man hockte in einem Meter Höhe – nicht eng zusammen wie auf Pressekonferenzen – sondern in gebührendem Abstand voneinander, jeweils drei Sender in einer Reihe. Am frühen Nachmittag passierte da oben nicht viel. Es war morgens in den USA. Da standen keine Live-Satellitenschaltungen an. Nicht mal CNN litt damals unter Schilddrüsenüberfunktion. Satellitenzeit war noch sehr teuer und wurde quasi vom Mund abgespart.

Ich hatte keine Zeit herauszufinden, wer dieses Plattformen-Puzzle organisiert hatte. Aber ich fand es bezeichnend genug, dass sich in der ersten Reihe nicht jene Leute befanden, die hier in Berlin ein Heimspiel gehabt hätten. ARD und ZDF hatten es mal gerade in die dritte Reihe geschafft. Vorne hingegen hatten sich die drei großen amerikanischen Networks postiert, dahinter CNN, BBC und jemand, an den ich mich nicht mehr erinnere. Es war das Symbolbild für die gemächliche Arbeitsweise so vieler deutscher Medienmenschen. Und es entsprach den Geschichten, die ich in den nächsten Tagen in Berlin aufschnappte. Wie jene, wonach das deutsche Gebührenfernsehen nachts wie gewohnt einfach abgeschaltet hatte anstatt zu senden. Die Bilder, ich live in New York dank NBC und Anchorman Tom Brokaw geliefert bekam, sah man in Deutschland erst später. Brokaw hatte noch einen Scoop gelandet, als er Stunden vorher mit Günther Schabowski im Osten ein Interview führen konnte, um sich von ihm – auf Englisch – erklären zu lassen, was denn das soeben verkündete Dekret zum freien Reisen der DDR-Bürger tatsächlich bedeutete. Brokaw erinnerte sich  vor einiger Zeit in einem Interview für den Kabelkanal OWN TV an die Ereignisse.

Ich hörte Geschichten über deutsche Print-Reporter, die irgendwann beschlossen hatten, selbst nach Berlin zu fliegen, aber bei ihrer Ankunft auf dem Flughafen entdecken mussten, dass man ihre Sitze an amerikanische Kollegen gegeben hatten. Man hatte sie auf ihrem eigenen Turf über den Löffel balbiert. Die Amerikaner wollten das Rennen gewinnen und taten alles, um es auch zu schaffen.

Mich beeindruckte das damals sehr, und deshalb nahm ich mir vor, in Zukunft ebenfalls so energisch meinen Job zu machen. Wozu ich am frühen Montagmorgen bereits Gelegenheit bekam, als ich dem unsympathischen Scott Rapoport einen Platz in einer ausgebuchten PANAM-Maschine besorgte. Der hatte die Nacht über im Videostudio am Kudamm an seinem Beitrag geschnitten, während ich im Hotel seine schmutzige Wäsche zusammengepackt und den Trip nach Paris für ihn klar gemacht hatte. Dort sollte er die Concorde erreichen und mit den MAZ-Bändern nach New York düsen. Das war Plan B für den Fall, dass bei der Satellitenübertragung irgendetwas schief gelaufen wäre. Es klappte. Er kam rechtzeitig in dem Studiokomplex von Inside Edition auf der Upper Eastside an. Für ihn hatte der Berlin-Trip aus einem schnellen, hektischen Hin und Her bestanden. Viel gesehen und erlebt hatte er nicht.

Anders als Anchorman Maury Povich von der Tabloid-TV-Konkurrenz A Current Affair. Diese Sendung war das Vorbild für Inside Edition gewesen und der erste Abenteuerspielplatz in diesem damals neuen Genre für den wieseligen Chef-Produzenten Bob Young, einen Australier, der zusammen mit einigen Landsleuten und  ein paar Fleet-Street-Typen als bestens bezahlter Angestellter des Medien-Maniacs Rupert Murdoch in die USA ausgewandert war. Als Inside Edition Anfang 1989 startete, wechselte er jedoch. Ich nehme an, vor allem deshalb, weil die Bezahlung besser war. Denn das Konzept war das gleiche.

Povich hatte O’Reilly ebenso abgehängt wie die anderen, weshalb der Wikipedia-Eintrag falsch ist. Er sei „einer der ersten amerikanischen Fernsehleute gewesen, die über den Fall der Berliner Mauer berichteten“, heißt es da. Was für ein Unsinn. Die Murdoch-Leute hatten ihren Verleger überzeugt, dass man angesichts der Brokaw-Bilder aus Berlin aus dem Stand ein eigenes Flugzeug chartern musste, um gleich die komplette Redaktion nach Deutschland zu bringen und jeden Stress mit überbuchten Maschinen und Umsteigen zu vermeiden. Sie brachen noch am Donnerstagabend auf und waren am Freitag vor Ort. Einen Tag vor uns, die noch am Freitagmorgen in New York ständig hingehalten wurden, weil die Verantwortlichen nicht wussten, ob sie das viele Geld ausgeben sollten, um das anzupacken, was für Povich die größte Geschichte in seiner journalistischen Karriere wurde.

Erstaunlich eigentlich eine solche Kategorisierung, wenn man weiß, was der Jahre danach für Anekdoten schilderte. Bei einer Episode handelte es sich um eine Familienzusammenführungs-Story, was mir im Nachhinein klar machte, dass A Current Affair und wir auf ähnlichen Fährten unterwegs waren. Diese Murdoch-geschulten und an der Fleet Street abgehärteten Typen tickten alle auf dieselbe Weise.

„Die Current Affair Art, über ein solches Ereignis zu berichten, war: Wir würden zwei Brüder, einen ostdeutschen und einen westdeutschen, zusammenbringen, die sich vorher noch nie gesehen hatten.“ In wie weit die Details der Geschichte überhaupt stimmen, ist schwer zu sagen. Denn einer der Producer, der damals mit vor Ort war und vor fünf Jahren der New York Times einen Kurzbericht samt Foto mit Povich in der Menge auf der Ostseite der Mauer reinreichte, erinnerte sich an „ostdeutsche Wälder“, in die sie mit einem Mercedes und dem West-Bruder fuhren und eine steife Wiederbegegnungszene einfingen. Die Verwandten waren einander nicht grün. Vielleicht ja auch, weil der Westbruder in New York lebte, wo man ihn kurz vor der Abreise in einer Kneipe auf der Upper Eastside von Manhattan aufgespürt und quasi gekidnappt hatte.

Auch Povichs hyperaktiver Kollege Gordon Elliott hatte Pläne. Er kaufte einer Berliner Feuerwehrwache eine große Axt ab, stellte sich selbst damit auf die Mauer und begann, Stücke herauszubrechen. Povich fand das journalistisch nicht gelungen. „Gib die einem Deutschen“, sagte er ihm und ahnte schon kurz darauf, dass das keine schlechte Idee gewesen war. „Eine Woche später war dieser Deutsche mit Gordons Axt auf den Titelseiten von Time und Newsweek. Besser geht gar nicht“, grinste Povich, als er das alles zum Besten gab (siehe Video oben).

Auch an diesem Teil der Erinnerungen ist wahrscheinlich das eine oder andere falsch. Ob erfunden oder einfach nur durch allzu häufiges Erzählen umredigiert, kann ich nicht beurteilen.  Meine Recherchen ergaben jetzt, dass zumindest, was Time betrifft, es niemanden mit einer Axt auf dem Cover gab. Was es aber gab, war die beindruckende Auswahl von Bildern des Fotografen Anthony Suau, den man von New York aus am selben Tag wie uns losschickte. Vor Ort gelang ihm damals ein ziemlich berühmt gewordenes Bild, auf dem  ein Mann auf der Westseite mit einer Axt ein Loch in die Mauer schlägt, während ihm von der anderen Seite eine Dusche aus einem ostdeutschen Wasserwerfer verpasst wurde. Er hatte das und die anderen Bilder gefunden und nicht inszeniert. Weshalb ich nur jedem empfehlen kann, sich das Interview mit ihm anzuschauen, was man auf der Webseite von Time finden kann.

Vielleicht meinte Povich Newsweek, das eine speziale Ausgabe mit diesem Titelblatt herausbrachte:

NewsweekBerlinDoch diese Axt sah nicht wie ein Spezialwerkzeug der Feuerwehr aus. Weshalb derjenige, der vergleicht, wie sich der Fotograf Suau an seine Tage in Berlin erinnert und mit welchem persönlichen Engagement und welcher Anteilnahme er arbeitete, ziemlich schnell versteht, dass es einen gravierenden Unterschied gibt zwischen guten Journalisten und Selbstdarstellern, die so tun, als seien sie Journalisten.

Ich muss zugeben, dass mir das damals durchaus zumindest theoretisch längst bewusst war, aber nicht in dieser praktischen Dimension. Weshalb ich die Institution, für die ich in Berlin antrat – das amerikanische Fernsehen – zunächst dummerweise eher bewunderte. Mich beeindruckte das Machertum, die Energie, die Durchschlagskraft und die Fähigkeit, dies dann auch noch zusammenzubringen in drei bis vier Minuten langen Beiträgen, die aus Aufsagern und Interviews, B-Roll und einem gesprochenen Text bestanden. Was mich am meisten faszinierte, war die Art und Weise wie man produzierte. Der Reporter schrieb, nachdem er das Sammelsurium des Rohmaterials ausgewertet hatte, seinen Text und nahm ihn auf. Der Text wurde das Fundament für den Bildschnitt, während man in Deutschland stets exakt andersherum vorging. Man schnitt erst die Bilder und legte dann einen Text darunter.

Ein paar Tage später schrieb ich einen Artikel für das Berlin Tip-Magazin, in dem ich über den Auftritt der Medien berichtete. Der Text wirkte im Rückblick eher kurzatmig und nicht besonders durchdacht. Die Arbeit der angereisten amerikanischen Fernsehsender in Berlin hatte es nämlich nur rein oberflächlich betrachtet geschafft, ein so wichtiges Ereignis adäquat einzufangen und zu beleuchten. Unter der Oberfläche gab es so gut wie nur Klischees, die wie Slogans aus den Wahlkämpfen klangen. Man wollte da gewesen sein, um zu zeigen, dass man das wichtig nahm. Aber man wollte es auf eine Weise zeigen, die fast alle Nuancen vermied. Es hatte die geistige Tiefe der Berichterstattung vom rheinischen Karneval.

(Es folgt Teil 3)

Good news is bad news – Eine Geschichte aus dem Berliner November 1989

Vor 25 Jahren bekam ich zufälligerweise die Chance, in einem Team mit amerikanischen Fernsehleuten nach Berlin zu fliegen, die den Auftrag hatten,  über den Fall der Mauer zu berichten. Es war ein einprägsames Erlebnis. Und das nicht mal aus den ganz offensichtlichen Gründen. Eine Geschichte in drei Teilen.

TEIL 1

Diese Geschichte ist wirklich nicht über Bill O’Reilly, obwohl er darin vorkommt und eine nicht ganz unwichtige Rolle spielt. Hauptsächlich in dieser einen Rolle als Fernsehreporter, der im Trenchcoat vor der Berliner Mauer steht und etwas von Drama faselt.  Zwei Tage nach dem eigentlichen Drama und der entscheidenden Nacht, in der junge Leute aus dem Westen angerückt waren und Stimmung machten und zu hunderten, wenn nicht tausenden ungehindert von den DDR-Grenzsoldaten auf die Krone kletterten.

Diese Geschichte ist auch nicht über mich. Obwohl ich neben der Kamera stand, angeheuert als ortskundiger Producer mit einem Sinn für die Bedürfnisse des amerikanischen Fernsehens. Eingeflogen mit diesem Bill O’Reilly, der damals die noch ziemlich neue und ziemlich ambitionierte Magazinsendung Inside Edition moderierte, und einem zweiten, jungen und naseweisen Reporter namens Scott Rapoport aus New York. Es ging darum, einen historischen Moment auf eine Art einzufangen, der sich abhob von dem, was damals hunderte von Kameras und zahllose Fernsehjournalisten zu dokumentieren versuchten. So wie wir.  Ich kann bis heute nicht sagen, dass es uns sehr gut gelungen ist. Weshalb so einiges wieder aus dem Gedächtnis gerutscht ist. Denn was war schon wirklich dramatisch an diesem Auszug der Massen, die aus Ost-Berlin in den Westen kamen und jeden Abend brav wieder nach Hause gingen?

Ich würde mich deshalb auch gar nicht so gut an diesen nebeltrüben, grauen Nachmittag am Brandenburger Tor erinnern, wenn O’Reilly die Bilder von damals nicht immer mal wieder auspacken würde. So wie vor fünf Jahren, als er einen kurzen Clip in seiner Sendung The O’Reilly Factor auf dem Kabelkanal Fox News laufen ließ, der einen Tag später von Jon Stewart in der Daily Show wiederholt wurde, um den extrem eitlen, alten Mann ins Lächerliche zu ziehen. Wer ist so selbst verliebt und liefert als einzige Reminszenz an eine politische Entwicklung von historischen Ausmaßen nichts anderes als eine antiquierte Form eines Selfies? O’Reilly.

Er war schon damals, trotz aller Professionalität, nur schwer zu ertragen. Was an seinen politischen Ansichten lag. Und an seinem  Mangel an Geschichtswissen. Und an dieser fernsehgerechten Art, zu lügen, die auf eine Weise gehäkelt wurde, dass es nicht jeder gleich merken würde: Lügen wie diese in dem Text, den er an diesem Novembersamstag auf der Straße des 17. Juni in die Kamera sprach, was als Teaser für die Ausgabe von Inside Edition zwei Tage später ausgestrahlt wurde. „And today we will bring you the drama und some of the people caught up in the opening of the Berlin Wall.“

Bill O'Reilly Berliner Mauer 1Bill O’Reilly war in Berlin, als die Mauer fiel. Aber nicht am 9. November, sondern erst zwei Tage später.

Today? Welches „Today“? Das Samstags-„Today“? Das Montags-„Today“?

Nicht nur täuschte er vor Ort damit eine Live-Berichterstattung vor, die es gar nicht gab. Nicht nur waren die Geschichten, die wir an diesem Wochenende in Berlin drehten, am Sendetag eigentlich kalter Kaffee. Wir hatten auch nicht die Vorgaben erfüllt, die er mit diesem Teaser-Text vornweweg formulierte, ehe wir denen dann anschließend anderthalb Tage lang nachjagten. Die Redaktion in New York hatte uns die Aufgabe gestellt, nahe Verwandte zu finden, die sich zum ersten Mal seit 30 Jahren in die Arme fielen (während unsere Kameras liefen). Die dann bereit waren, sich von uns stundenlang  begleiten und abfragen zu lassen, während sie 30 Jahre nachholten. Und die natürlich auch noch Englisch sprachen, was fast ebenso absurd war wie die beiden ersten Konzeptideen.

Aber das entsprach der naiven Dümmlichkeit dieser vom Boulevard-Denken beeinflussten amerikanischen Reporter. Sie glaubten, dass es das geben würde: die passende, runde Geschichte, die man im Kopf hatte, ehe man vor Ort aufschlug, Statt der richtig guten, die man erst noch suchen und finden musste.

Ich erzähle das nicht, weil ich nach einem Weg suche, um nachträglich eine Herablassung zu produzieren, mit der ich meine eigene Mitwirkung bei diesem Projekt übertünchen könnte. Sondern weil es vor allem eine Lernerfahrung war. Eine, von der ich später beschloss, sie nicht noch einmal zu machen.

Zugegeben, ein bisschen irritiert war ich damals schon. Aber mir war noch nicht klar, wie kaltschnäuzig und frivol diese Bilder eines Tages aussehen würden. Wie austauschbar und beliebig.

Wir waren nicht die einzigen. Andere gaben das Tempo vor. Und O’Reilly war gar nicht mal der schlimmste Selbstdarsteller. Das waren seine Kollegen von den großen Networks, vor allem Peter Jennings (ABC) und Dan Rather (CBS), die, weil sie um die eigentliche News-Geschichte von ihrem Kollegen Tom Brokaw (NBC) geschlagen worden waren, nun mit einem Tag Verspätung nach Kräften den Grad ihrer Bedeutung für das Gewicht und das Gesicht einer Story hochputschten. „Es wirkte fast so, als würden verschiedene Elemente des Fernsehens, Teil der Geschichte für ihre eigenen Zwecke zurechtstutzen, während Deutsche Teil der Mauer abschlugen und Stücke wegschleppten, um sie für alle Ewigkeit zu behalten oder zu verkaufen“, schrieb Howard Rosenberg damals in der Los Angeles Times über das, was er nur im Fernsehen sah. Es war einer der wenigen kritischen Kommentare über diese Mischpoke. Rosenberg war klar: Dieses Trio wurde wirklich „kaum gebraucht, um zu signalisieren, wie enorm dieses letzte, lauteste, betäubende Echo von Glasnot“ war. Aber darum ging es auch gar nicht. Sinnen und Trachten der Fernsehdramaturgie war es offensichtlich nur, jene „mit Stars durchsetzte Seele der Fernsehnachrichten wiederzuspiegeln“, die den Zuschauern vorzugaukeln versuchte, dass erst ihre Anwesenheit das Niveau der Berichterstattung anheben könne. Es ging um tatsächlich um so etwas wie Höhe. Einige der Anchormen stiegen für die Kamera sogar auf die Mauer.

Pech für O’Reilly: Als wir einen weiteren Tag später eintrafen, hatten die Grenzer der DDR das Spektakel des Tanzes auf dem platten Wall vor dem Brandenburger Tor beendet.

Aber Möglichkeiten, symbolische Bilder einzusammeln, gab es satt. Das sahen wir spätestens, als wir kurz darauf am Checkpoint Charlie eintrafen, wo Ostberliner in ihren stinkenden Zweitaktern ohne Ende aus ihrem Betongefängnis herausquollen, empfangen von angetrunkenen, heiteren Menschen, von denen eine Reihe gleich nebenan mit Spitzhacken und Vorschlaghammern die Mauer  attackierten.  O’Reilly war begeistert. Ich glaube, er hätte am liebsten selbst Hand angelegt. So wie jemand von der Konkurrenzsendung A Current Affair das bereits getan hatte, wie die LA Times berichtete. Aber es wurde dann bald dunkel, und dieser amerikanische Freiheitskämpfer-Reporter wusste, dass er noch einiges an Material werde drehen müssen. Nicht nur Beton-Chipper.

Am frühen Abend brachte ich uns zur Gedächtniskirche und zu der Disco im Europa-Center, wo es leichter war, junge DDR-Bürger ausfindig zu machen und aus den Anwesenden jene herauszufiltern, die nicht so ängstlich waren, vor Westkameras aufzutreten und die genug Englisch sprachen, um das Voiceover-Problem zu umschiffen. Aber dann ging ich ins Hotel und versuchte, erst mal, gegen den Jet-Lag anzuschlafen. Ich hatte organisiert, was man organisieren konnte.

Wir waren erst am späten Vormittag in Tegel gelandet und hätten am liebsten gleich drauf losgedreht. Aber die beiden für uns in Paris gebuchten Kamerateams waren noch nicht eingetroffen. Sonst hätten wir uns bestimmt auf die ellenlange Schlange gestürzt, die vor einem Bankschalter auf dem Flughafen geduldig wartete, um ihr Begrüßungsgeld in Empfang zu nehmen.

Empfangen wurden wir von einer Berlinerin, die ich für unseren Dreh verpflichtet hatte.  O’Reilly wollte als erstes von ihr wissen, auf welche Weise wir wohl die geplanten Human-Interest-Geschichten auf die Beine stellen könnten. Doch ihre Antwort wirkte so Deutsch, wie ich das noch aus jener Zeit in Erinnerung hatte, ehe ich nach New York gezogen war: „Das wird sehr schwierig“, sagte sie und machte dabei ein Gesicht, dass ihrer Antwort den Eindruck beimischte, als wollte sie eigentlich sagen: „Das ist unmöglich.“

O’Reilly schaute mich an, sagte aber nichts. Und ich wusste, dass es nur einen Weg gab, nicht gleich von Anfang schlechte Laune zu verbreiten: in dem ich der guten Frau klar machte, die ich blind gebucht hatte, weil sie mir jemand empfohlen hatte, dass wir bei der gut bezahlten Arbeit für die Amerikaner nicht die skeptischen Deutschen heraushängen lassen, die alles in Frage stellen und so wirken, als ob sie sich nicht den Arsch aufreißen würden. „Gibt’s nicht gibt’s nicht“, sagte ich und fing an, einen nach dem anderen in der Schlange anzusprechen.

(Es folgt Teil 2)