Good news is bad news – Eine Geschichte aus dem Berliner November 1989

Vor 25 Jahren bekam ich zufälligerweise die Chance, in einem Team mit amerikanischen Fernsehleuten nach Berlin zu fliegen, die den Auftrag hatten,  über den Fall der Mauer zu berichten. Es war ein einprägsames Erlebnis. Und das nicht mal aus den ganz offensichtlichen Gründen. Eine Geschichte in drei Teilen.

TEIL 1

Diese Geschichte ist wirklich nicht über Bill O’Reilly, obwohl er darin vorkommt und eine nicht ganz unwichtige Rolle spielt. Hauptsächlich in dieser einen Rolle als Fernsehreporter, der im Trenchcoat vor der Berliner Mauer steht und etwas von Drama faselt.  Zwei Tage nach dem eigentlichen Drama und der entscheidenden Nacht, in der junge Leute aus dem Westen angerückt waren und Stimmung machten und zu hunderten, wenn nicht tausenden ungehindert von den DDR-Grenzsoldaten auf die Krone kletterten.

Diese Geschichte ist auch nicht über mich. Obwohl ich neben der Kamera stand, angeheuert als ortskundiger Producer mit einem Sinn für die Bedürfnisse des amerikanischen Fernsehens. Eingeflogen mit diesem Bill O’Reilly, der damals die noch ziemlich neue und ziemlich ambitionierte Magazinsendung Inside Edition moderierte, und einem zweiten, jungen und naseweisen Reporter namens Scott Rapoport aus New York. Es ging darum, einen historischen Moment auf eine Art einzufangen, der sich abhob von dem, was damals hunderte von Kameras und zahllose Fernsehjournalisten zu dokumentieren versuchten. So wie wir.  Ich kann bis heute nicht sagen, dass es uns sehr gut gelungen ist. Weshalb so einiges wieder aus dem Gedächtnis gerutscht ist. Denn was war schon wirklich dramatisch an diesem Auszug der Massen, die aus Ost-Berlin in den Westen kamen und jeden Abend brav wieder nach Hause gingen?

Ich würde mich deshalb auch gar nicht so gut an diesen nebeltrüben, grauen Nachmittag am Brandenburger Tor erinnern, wenn O’Reilly die Bilder von damals nicht immer mal wieder auspacken würde. So wie vor fünf Jahren, als er einen kurzen Clip in seiner Sendung The O’Reilly Factor auf dem Kabelkanal Fox News laufen ließ, der einen Tag später von Jon Stewart in der Daily Show wiederholt wurde, um den extrem eitlen, alten Mann ins Lächerliche zu ziehen. Wer ist so selbst verliebt und liefert als einzige Reminszenz an eine politische Entwicklung von historischen Ausmaßen nichts anderes als eine antiquierte Form eines Selfies? O’Reilly.

Er war schon damals, trotz aller Professionalität, nur schwer zu ertragen. Was an seinen politischen Ansichten lag. Und an seinem  Mangel an Geschichtswissen. Und an dieser fernsehgerechten Art, zu lügen, die auf eine Weise gehäkelt wurde, dass es nicht jeder gleich merken würde: Lügen wie diese in dem Text, den er an diesem Novembersamstag auf der Straße des 17. Juni in die Kamera sprach, was als Teaser für die Ausgabe von Inside Edition zwei Tage später ausgestrahlt wurde. „And today we will bring you the drama und some of the people caught up in the opening of the Berlin Wall.“

Bill O'Reilly Berliner Mauer 1Bill O’Reilly war in Berlin, als die Mauer fiel. Aber nicht am 9. November, sondern erst zwei Tage später.

Today? Welches „Today“? Das Samstags-„Today“? Das Montags-„Today“?

Nicht nur täuschte er vor Ort damit eine Live-Berichterstattung vor, die es gar nicht gab. Nicht nur waren die Geschichten, die wir an diesem Wochenende in Berlin drehten, am Sendetag eigentlich kalter Kaffee. Wir hatten auch nicht die Vorgaben erfüllt, die er mit diesem Teaser-Text vornweweg formulierte, ehe wir denen dann anschließend anderthalb Tage lang nachjagten. Die Redaktion in New York hatte uns die Aufgabe gestellt, nahe Verwandte zu finden, die sich zum ersten Mal seit 30 Jahren in die Arme fielen (während unsere Kameras liefen). Die dann bereit waren, sich von uns stundenlang  begleiten und abfragen zu lassen, während sie 30 Jahre nachholten. Und die natürlich auch noch Englisch sprachen, was fast ebenso absurd war wie die beiden ersten Konzeptideen.

Aber das entsprach der naiven Dümmlichkeit dieser vom Boulevard-Denken beeinflussten amerikanischen Reporter. Sie glaubten, dass es das geben würde: die passende, runde Geschichte, die man im Kopf hatte, ehe man vor Ort aufschlug, Statt der richtig guten, die man erst noch suchen und finden musste.

Ich erzähle das nicht, weil ich nach einem Weg suche, um nachträglich eine Herablassung zu produzieren, mit der ich meine eigene Mitwirkung bei diesem Projekt übertünchen könnte. Sondern weil es vor allem eine Lernerfahrung war. Eine, von der ich später beschloss, sie nicht noch einmal zu machen.

Zugegeben, ein bisschen irritiert war ich damals schon. Aber mir war noch nicht klar, wie kaltschnäuzig und frivol diese Bilder eines Tages aussehen würden. Wie austauschbar und beliebig.

Wir waren nicht die einzigen. Andere gaben das Tempo vor. Und O’Reilly war gar nicht mal der schlimmste Selbstdarsteller. Das waren seine Kollegen von den großen Networks, vor allem Peter Jennings (ABC) und Dan Rather (CBS), die, weil sie um die eigentliche News-Geschichte von ihrem Kollegen Tom Brokaw (NBC) geschlagen worden waren, nun mit einem Tag Verspätung nach Kräften den Grad ihrer Bedeutung für das Gewicht und das Gesicht einer Story hochputschten. „Es wirkte fast so, als würden verschiedene Elemente des Fernsehens, Teil der Geschichte für ihre eigenen Zwecke zurechtstutzen, während Deutsche Teil der Mauer abschlugen und Stücke wegschleppten, um sie für alle Ewigkeit zu behalten oder zu verkaufen“, schrieb Howard Rosenberg damals in der Los Angeles Times über das, was er nur im Fernsehen sah. Es war einer der wenigen kritischen Kommentare über diese Mischpoke. Rosenberg war klar: Dieses Trio wurde wirklich „kaum gebraucht, um zu signalisieren, wie enorm dieses letzte, lauteste, betäubende Echo von Glasnot“ war. Aber darum ging es auch gar nicht. Sinnen und Trachten der Fernsehdramaturgie war es offensichtlich nur, jene „mit Stars durchsetzte Seele der Fernsehnachrichten wiederzuspiegeln“, die den Zuschauern vorzugaukeln versuchte, dass erst ihre Anwesenheit das Niveau der Berichterstattung anheben könne. Es ging um tatsächlich um so etwas wie Höhe. Einige der Anchormen stiegen für die Kamera sogar auf die Mauer.

Pech für O’Reilly: Als wir einen weiteren Tag später eintrafen, hatten die Grenzer der DDR das Spektakel des Tanzes auf dem platten Wall vor dem Brandenburger Tor beendet.

Aber Möglichkeiten, symbolische Bilder einzusammeln, gab es satt. Das sahen wir spätestens, als wir kurz darauf am Checkpoint Charlie eintrafen, wo Ostberliner in ihren stinkenden Zweitaktern ohne Ende aus ihrem Betongefängnis herausquollen, empfangen von angetrunkenen, heiteren Menschen, von denen eine Reihe gleich nebenan mit Spitzhacken und Vorschlaghammern die Mauer  attackierten.  O’Reilly war begeistert. Ich glaube, er hätte am liebsten selbst Hand angelegt. So wie jemand von der Konkurrenzsendung A Current Affair das bereits getan hatte, wie die LA Times berichtete. Aber es wurde dann bald dunkel, und dieser amerikanische Freiheitskämpfer-Reporter wusste, dass er noch einiges an Material werde drehen müssen. Nicht nur Beton-Chipper.

Am frühen Abend brachte ich uns zur Gedächtniskirche und zu der Disco im Europa-Center, wo es leichter war, junge DDR-Bürger ausfindig zu machen und aus den Anwesenden jene herauszufiltern, die nicht so ängstlich waren, vor Westkameras aufzutreten und die genug Englisch sprachen, um das Voiceover-Problem zu umschiffen. Aber dann ging ich ins Hotel und versuchte, erst mal, gegen den Jet-Lag anzuschlafen. Ich hatte organisiert, was man organisieren konnte.

Wir waren erst am späten Vormittag in Tegel gelandet und hätten am liebsten gleich drauf losgedreht. Aber die beiden für uns in Paris gebuchten Kamerateams waren noch nicht eingetroffen. Sonst hätten wir uns bestimmt auf die ellenlange Schlange gestürzt, die vor einem Bankschalter auf dem Flughafen geduldig wartete, um ihr Begrüßungsgeld in Empfang zu nehmen.

Empfangen wurden wir von einer Berlinerin, die ich für unseren Dreh verpflichtet hatte.  O’Reilly wollte als erstes von ihr wissen, auf welche Weise wir wohl die geplanten Human-Interest-Geschichten auf die Beine stellen könnten. Doch ihre Antwort wirkte so Deutsch, wie ich das noch aus jener Zeit in Erinnerung hatte, ehe ich nach New York gezogen war: „Das wird sehr schwierig“, sagte sie und machte dabei ein Gesicht, dass ihrer Antwort den Eindruck beimischte, als wollte sie eigentlich sagen: „Das ist unmöglich.“

O’Reilly schaute mich an, sagte aber nichts. Und ich wusste, dass es nur einen Weg gab, nicht gleich von Anfang schlechte Laune zu verbreiten: in dem ich der guten Frau klar machte, die ich blind gebucht hatte, weil sie mir jemand empfohlen hatte, dass wir bei der gut bezahlten Arbeit für die Amerikaner nicht die skeptischen Deutschen heraushängen lassen, die alles in Frage stellen und so wirken, als ob sie sich nicht den Arsch aufreißen würden. „Gibt’s nicht gibt’s nicht“, sagte ich und fing an, einen nach dem anderen in der Schlange anzusprechen.

(Es folgt Teil 2)

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