Ausholzen am Baumwall

Es kommt in diesen Tagen öfter vor, dass mich der stete Fluß an schlechten Nachrichten aus dem Hamburger Zeitschriftenverlag Gruner & Jahr nostalgisch werden lässt. Wahrscheinlich geht es mir da wie vielen.

Ich muss an die Zeit denken, in der am Baumwall so gut wie alles besser war. Die Stimmung. Die Gewinne, die die Chefmanager nach Gütersloh pumpen konnten, und die Stellung der Journalisten (was damals gerne mit dem Statusmerkmal Anstellung gleichgesetzt wurde).

Von denen kamen nicht wenige von der hauseigenen Henri-Nannen-Schule, von der aus man ein strahlendes Licht am Ende des Karrieretunnels sehen konnte. Edelfedern in spe auf dem Weg zu Urlaubsanspruch, Gewinnbeteiligung, subventionierter Kantine und hübschen Recherchereisen in alle Teile der Welt.

Wie gut das alles wirklich war (und hier meine ich zunächst mal nur den journalistischen Output), ist vermutlich eine Frage des Blickwinkels.

Meiner stammt aus einem ewig grauen Hamburger Winter, in dem ich monatelang die Baumwall-Atmosphäre erleben konnte. Die Erkenntnis, die ich damals gewonnen habe, lautete: Traumberufe sehen anders aus. Was kurioserweise ein Kollege ähnlich sah, der nach der Nannen-Schule und einem Zeitvertrag wenige Tage zuvor die Festanstellung erhalten hatte: „Ich beneide Sie, dass Sie nach New York zurückgehen können“, sagte er zum Abschied. Ja, ich ging zurück. In eine Welt ohne Netz und soziale Absicherung. Er aber saß fest. Irgendwie gefangen mit einem Spatz in der Hand als der scheinbar plausibleren Alternative.

Ich stelle mir vor, dass es der Geo-Reporterin  Gabriele Riedle ein paar Jahre danach ähnlich ergangen sein muss, sonst hätte sie nicht kürzlich diesen Brief geschrieben, in dem sie mit einer bemerkenswerten Offenheit die Hauptverantwortliche für das Ausholzen der Redaktionen am Hamburger Baumwall („sehr geehrte Frau Jäkel“) ins Benehmen setzte.

Es ist ein interessantes Dokument. Nicht nur weil es aufzeigt, wie wahllos die Kriterien sind, nach denen Firmen ihre Angestellten vor die Tür setzen. Weshalb wohl die meisten Leser auf diese Selbstbespiegelung mit Sympathiekundgebungen reagierten.

Wer genauer hinschaut, der kann in dem ziemlich langen Brief, der über die taz und den newsroom lanciert wurde, über Dinge stolpern, die alles andere als Sympathie auslösen. Der Text illustriert eine besondere Symptomatik in der deutschen Journalistenlandschaft. Wozu eine Gemütslage zählt, die im Blog opalkatze unter der Überschrift „Bemerkenswert beleidigt“ aufgriffen wurde: Die Larmoyanz der gekündigten Journalistin sei nur schwer zu ertragen.

Larmoyanz – das ist tatsächlich so etwas wie die Hauptmodalität des Schreibens der weitgereisten, krisen- und konflikterfahrenen Journalistin und Buchautorin, die in gefährlichen Situationen auf fernen Kontinenten ziemlich gut klar kam, aber für zuhause keine Überlebensstrategie entwickelte. Warum auch? „In Russland oder Afrika, dort ist die wirkliche Welt. Die funktioniert nicht so wie hier in Deutschland“, wurde sie von der Stuttgarter Zeitung vor einer Weile in einem Porträt zitiert. Eine wirkliche Welt, die ihr erst neulich die Erkenntnis vermittelte, dass sie 56 Jahre alt ist. Und dass jemand in dem Alter eine Vergangenheit hat, die womöglich attraktiver war als die Zukunft, um die sie sich allerdings komischerweise keinerlei Gedanken gemacht hatte.

Inzwischen hat sie es immerhin getan: „Ich marschiere geradewegs in die Altersarmut“, schreibt sie. Kein Licht mehr am Ende dieses Tunnels.

4527187773_6009d34ae4_b(Foto: Flickr/naturalbornstupid, Creative Commoncs License: CC BY-SA 2.0)

Der Brief vermittelt Aufschlüsse über die sozialen Verhältnisse in dem immer noch profitablen Verlag. Betriebsrente, ja die gibt’s (noch), wenn auch nicht für jeden. Und das Begehren nach einer solchen Apanage existiert natürlich ebenfalls weiter (bei jenen, denen sie entgeht). Weshalb ich das fragliche Schreiben hauptsächlich als dezenten Hinweis darauf lese, dass sich da noch eine arbeitsgerichtliche Auseinandersetzung anbahnt.

Freien Journalisten, die bekanntlich ohne Kündigungsfristen und ohne Betriebsrentenansprüche leben, wird bei solchen Texten  immer ganz anders. Man fühlt sich ungerne, aber unweigerlich an mittägliche Hamburger Gespräche erinnert, bei denen es eigentlich um Themenideen gehen sollte, die festangestellten Redakteure jedoch lieber ihre Schwierigkeiten mit der ertragreichen Anlage der Gewinnausschüttungen thematisierten. Eine absurdere Welt kann man sich nicht ausmalen. Jedenfalls nicht als freier Journalist.

Deshalb geht einem auch diese „Blauäugigkeit, nicht vorgesorgt zu haben“, ab, über die sich zum Beispiel opalkatze wunderte. Ehrlich gesagt: Sie geht einem nicht mal nahe. Sie verstärkt einfach nur den Eindruck, dass da eine Generation ziemlich begabter Journalisten gerade sozialen Schiffbruch von einer epochenhaften Dimension erlebt. Eigentlich für alle vorhersehbar, bloß nicht – wir kennen das, es ist ein Klassiker – für die Insassen der Anstalt. Die fühlten sich bestens versorgt.

Und so konnte man von dort aus ausgiebig und innig den ganzen Rest der „wirklichen“ Welt analysieren und gleichzeitig gemütlich um den eigenen Bauchnabel kreisen und sich realitätsferne Projektionen und Erwartungen gönnen, um sich dieses etwas biedere Angestelltendasein (und sei es in Teilzeit) so attraktiv wie möglich auszustaffieren.

Wer darauf verzichtete und statt dessen lieber Projektionen in der Art komplett ausblendete, der fand eine andere Variante der Verschleierung: die märchenhafte Vorstellung von dem baumwallenen Füllhorn, das nie leer sein würde. Und immer für einen da war. Bis zum Gang in die Rente.

Gekündigt werden? In diesem Bubble unvorstellbar. Man unterschrieb zwar Verträge, aber las vorher über die Klauseln geflissentlich hinweg, die das vermeintlich Unmögliche möglich machen würden. Schon die Vorstellung von einem anderen Überlebensmodus, dem im freien Geschäft, führte nach ein paar Anläufen zu Beklemmungen. So stellte die Reporterin fest, dass es  festangestellte Redakteure gab wie sie, denen die Befindlichkeiten von freien Mitarbeitern ziemlich schnurz waren: „Diverse Wichtigmenschen haben überhaupt nicht geantwortet, einer hat mich, ohne abgesagt zu haben, in einem Café sitzen lassen, und eine alte Kollegin bei der Zeit schrieb mir soeben, sie würde sich gerne dafür einsetzen, dass ich ‚auf die allerdings ziemlich lange Liste der freien Autoren‘ gesetzt würde, wobei wir von den Honoraren, die die Zeit Freien zahlt, gar nicht sprechen dürfen.“

Welcome to the club. Nehmen Sie sich ein Handtuch und machen Sie es sich am Meer der Krokodilstränen bequem. Auch wenn der Wasserpegel ständig steigt, ist drumherum noch immer sehr viel Platz – für alle, die verzagt dem Ende ihrer Laufbahn entgegen sehen. Denn nicht nur für Geo-Reporter ist „der Kreis möglicher Arbeitgeber im deutschsprachigen Raum …. auf eine Handvoll beschränkt“.

Obwohl: Nur wenige dürften derart hochgestochen ausgerechnet das eigene Können als Hinderungsgrund für ein Weiterkommen betrachten. Der Grund weshalb Gabriele Riedle keine Chancen mehr für sich in der Medienbranche sieht? „Weil ich hochqualifiziert bin“.

Offensichtlich nicht qualifiziert genug, solche Nahost-Schwätzer wie den neulich verstorbenen Peter Scholl-Latour in einer Fernsehsendung wie dieser auf das Format zu reduzieren, dass man dem alten Herrn ernsthaft zubilligen konnte. Sondern eher so wie in diesem Einzelinterview, für das sich die Redaktion die seltsame Bauchbinde „Kriegsreporterin“ ausgedacht hatte. Ist das ein Beruf?

Ich habe mal im Kopf überschlagen, was Gruner & Jahr Gabriele Riedle pro Geo-Reportage bezahlt haben dürfte. Wozu ich die Liste aus ihrem Blog und ein paar Annahmen über die (Teilzeit)Gehälter am Baumwall Pi mal Daumen gegeneinander aufgerechnet habe. 10.000 Euro müsste man wohl veranschlagen, plus die Auslagen für Flüge, Hotels, Übersetzer und ähnliche Nebengeräusche. Arbeitsplatzgarantie inklusive. Ich bitte um Vergebung, falls die  Zahl sogar noch höher liegt und ich beinahe den Hinweis unterschlagen hätte, dass  Geo-Autoren, egal ob festangestellt oder nicht, klassischerweise bei jedem Weiterverkauf ihrer Texte an eine Lizenzausgabe irgendwo auf der Welt noch ein gediegenes Extrahonorar ausgeschüttet bekamen. Für Gabriele Riedle war das alles nicht genug. Es nährte nun nur „das Bewusstsein, dass alles umsonst war“.

Auf ein solches Fazit muss man mal erst mal kommen. Genauso wie auf die Vorstellung, wonach die geleistete Arbeit – und sei sie mit „enormen persönlichen Risiken“ verbunden – mit dem gezahlten Gehalt keineswegs abgegolten ist, sondern vielmehr das Ticket auf eine Garantiebeschäftigung für den Rest der Laufbahn begründet. Soziale Absicherung: der eigentliche Lebenstraum von Journalisten im gedanklichen Kosmos von Gruner & Jahr. Könnte sich mal ein Sozialforscher mit der Frage beschäftigen, was eine Haltung wie diese für Auswirkungen auf den Journalismus hat, der von solchen Idealen geprägten Menschen betrieben wird?

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4 Kommentare zu “Ausholzen am Baumwall”

  1. Sehr geehrter Herr Kalwa,
    in der Tat ein „interessantes Dokument“. Wenn man bedenkt das gerade in der Medienbranche alle Hebel in bewegung gesetzt wurden, damit man von der Mindestlohnregelung ausgenommen wurde und der Schreibendezunft dies i. d. R. nicht eine Zeile wert war. Es betraf ja lediglich die unteren Charge, wie praekarisierte Austraeger und hausangestellte Drucker.
    Auch vergess ich nicht die tendenzioese Berichterstattung ueber den GDL Streik und dessen Vorsitzenden. Daran waren festangestellte wie „freie“ gleichermassen beteiligt.
    Wie sie so schoen formuliert haben: Frau Riedle, welcome to the club.
    Alles Andere habe ich dazu auf der von ihnen zitierten opalkatze geschrieben.

  2. Gabriele Riedle hat übrigens mal einen Roman geschrieben mit dem vielsagenden Titel „Überflüssige Menschen“. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt!

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