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Eine kleine Trilogie

Es ist schon ein paar Monate her, dass hier von dem ersten Video die Rede war, das die Band Nervous Germans und ich aufgenommen und produziert haben.

Seitdem konnten wir nicht nur ganz ordentliche Klickzahlen für Superstars (and Superheroes) bei YouTube verbuchen (https://www.youtube.com/watch?v=HieNijg9zgc), sondern auch noch einen zweiten Song in Szene setzen. Der heißt Liberation Day und bedient sich einer Auswahl von Fotos mit einem gewissen politischen Anspruch und einer gewissen Intonation als Illustrationsmaterial.

Beide Titel wurden von den Nervous Germans für ihr Album From Prussia With Love komponiert. Ein großes musikalisches Angebot, aus dem sich einige Radiostationen ihre eigenen Favoriten herausgesucht haben. Dabei kam ein Lied besonders gut weg: On Fire. Und so haben wir als Abschluss einer Trilogie in einem artverwandten Stil ein drittes Video produziert. Diesmal ist die visuelle Interpretation des Songtextes noch eindeutiger und noch dramatischer ausgefallen. Die Bilder erinnern indirekt an die Zeit, in der die Band gegründet wurde und in der ihr Name als Anspielung auch eine politische Dimension hatte. Wir haben dieser Tage in Europa und anderen Teilen der Welt eine explosive Stimmung. Und niemand ist bereit, die Verantwortung für die Ursachen zu übernehmen, geschweige denn etwas an der Hochspannungslage zu ändern.

Trotzdem: Viel Vergnügen.

Stern-Stunden

Ich beschäftige mich seit etwas mehr als zehn Jahren mit der Produktion von Videos, mit einem Medium also, das nicht an Bedeutung verliert wie Print, sondern dessen Stellenwert durch die Entwicklung der digitalen Produktions- und Abspielmöglichkeiten ständig wächst. Das Metier ist komplex und wirtschaftlich (von Ausnahmen abgesehen) nicht lukrativ. Und trotzdem ist es faszinierend, sich den beachtlichen Anforderungen auszuliefern. Ich drehe und schneide, interviewe und gestalte auch die Musik (wo sie gebraucht wird). Und weiß, dass man ziemlich kreativ sein muss, wenn man das umsetzen will, wofür man früher zehntausende von Euro verbraten durfte. Dies ist das jüngste Beispiel und die Geschichte dahinter.

 

„Selfie Sticks and Superstars“ – The Making of the new Nervous Germans video from Juergen Kalwa on Vimeo.

Wir haben schon auf vielerlei Weise zusammengearbeitet. Micki Meuser, Grant Stevens und ich. Und jedes Mal hatte es mit Musik zu tun. Es gab Arbeitskonstellationen wie „Texter und Komponist“, „Musikproduzent und Bandbetreuer“, „Plattenkritiker und Künstler mit neuem Album“. Zuletzt konnte ich mich als Grafiker einbringen, als für Songs vom Album Volatile Videolösungen gebraucht wurden. Dabei kam zum Beispiel das hier heraus: ¡Yeah, Yeah!

Eine Konstellation wie die jüngste hatten wir allerdings noch nicht: Da haben wir gemeinsam zwei aufwändig gestaltete und intensiv vorbereitete Musikvideos produziert. Für die sind wir im März eigens in ein Berliner Studio gegangen. Das erste Belegexemplar dieses Projekts ist vor ein paar Tagen erschienen, um die Veröffentlichung des Albums From Prussia With Love einzuläuten, auf dem der Song Superstars (and Superheroes) so etwas wie ein Headliner ist.

Das zweite, Liberation Day, wird in wenigen Wochen publiziert.

Die Zusammenarbeit verlief hervorragend. Also so wie immer. Was für mich ein sehr wesentlicher Teilaspekt solcher Vorhaben ist. Denn nur wenn man sich rundum gut versteht, kann man überhaupt von so weit weg eine gar nicht leicht zu formulierende, komplexe Idee mit der notwendigen Intensität anreichern, wie uns das in diesem Beispiel gelungen ist.

Vielleicht sollte man vorab zur Erläuterung wissen: Das Video spielt auf drei Ebenen gleichzeitig.

• Da ist die Aktion der Band in Form einer klassischen Lip-Sync-Performance,

• dazu gibt es eine Bildfolge aus alten Hollywood-Filmen mit berühmten Gesichtern, die an eine weiße Wand projiziert wird und dabei auch die Musiker anstrahlt und

• den parodistischen Einsatz von Smart Phones und Selfie Sticks, um den Text des Songs und seine eingängigsten Zeilen auf eine ironische Weise zu interpretieren.

Was die Melange so faszinierend macht: Die drei visuellen Ebenen ließen sich auf fast schon magische Weise ineinander verschränken und so ein Spiel aus Hintergründigkeit und humorvoller Vordergründigkeit inszenieren, was ich in dieser Form noch nirgendwo gesehen habe.

Wer unsere Arbeit an der von anderen messen und mit anderen vergleichen will (nachdem er eventuell netterweise den Like-Button bei YouTube angeklickt hat), mag das gerne tun. Mehr noch: Feedback ist wirklich erwünscht. Als Anhaltspunkt gäbe es sicher ein paar richtig gute Beispiele. Und natürlich auch ein paar richtig gute Regisseure. Sie sind die Messlatte für das Genre, in dem ich mich hiermit zum ersten Mal versucht habe.

Aber man sollte dann zumindest wissen, dass man uns auf einer Ebene ganz und gar nicht nebeneinander stellen darf. Die besten Videos haben ein Budget von mehreren 1000 Euro, um damit wenigstens einen erheblichen Teil der Kosten zu decken. Wenn nicht sogar mehr. Unsere Produktionskosten lagen bei Zero. Was möglich war, weil einige sehr nette Menschen sich mit Rat und Tat und Ausrüstung und Studioräumlichkeiten beteiligt haben. Wir hatten also sehr praktische Hilfe, das darf man nicht verhehlen. Und für die kann man sich gar nicht ausgiebig genug bedanken.

Zero Budget-Dollars – das heißt natürlich nicht, dass man sich damit aus den Erwartungen herausstehlen kann, die an Videos in dieser Liga gestellt werden. Konsumenten von Musik und von Musikvideos haben schließlich Ansprüche und ein geschultes Auge.  Sie möchten – Minimum – nicht gelangweilt und – Maximum – gut unterhalten werden.

Für uns war es ganz sicher ein erheblicher Pluspunkt, dass wir uns schon lange kennen und die Verbindungen selbst über die große Distanz zwischen New York und Berlin hinweg aufrecht erhalten haben. Was damit zu tun haben dürfte, dass unsere musikalischen Sensibilitäten auf einer Wellenlänge liegen.

Am interessantesten daran finde ich übrigens die Umstände unseres Kennenlernens angesichts der Erosion des Musikmarktes. Uns hat vor Jahren tatsächlich eine dieser klassischen Institutionen zusammengebracht, die es in dieser Form gar nicht mehr gibt. Es handelte sich um eine Schallplattenfirma, deren A&R-Leute in Micki Meuser und Grant Stevens die idealen Produzenten für eine Band sahen, für die ich damals den größten Teil der Songs schrieb. Ja, solche Firmen gab es. Und sie haben damals im Idealfall gezielt unterschiedliche Talente und Figurationen zusammengeführt, weil sie sich davon ein verwertbares Resultat erhofften. Eine Hoffnung, die oft eingelöst wurde.

Seitdem ist viel passiert. Unter anderem die schon erwähnte Selbstzerstörung einer nachwievor profitablen Industrie, die nicht mehr an die eigene kreative Kraft glaubt. Und auch das ist passiert: Micki Meuser und Grant Stevens haben ihre alte gemeinsame Band – Nervous Germans – die mangels durchschlagenden Erfolges den Weg allen Vergänglichen gegangen war, wiederauferstehen lassen. Ohne die finanzielle Unterstützung und die manpower, die Schallplattenfirmen früher aufbrachten, um solche Projekte zielstrebig auf dem Markt durchzusetzen.

Foto: Micki Meuser

Es bringt nichts, es zu bedauern, wieviel schwieriger es geworden ist, Musik zu verkaufen. Und bei den Nervous Germans tut das auch niemand. Man hat die eiskalte Realität akzeptiert, die besagt, dass es sich für Musiker sehr empfiehlt, das Geld möglichst erstmal mit etwas anderem zu verdienen.

Aber das heißt nicht, dass man es nicht versuchen sollte, seine künstlerischen Ziele voranzutreiben. Bar jener alten Regeln und ohne das Reinreden von Firmenangestellten, die einem ihre oft ziemlich irritierenden Kommentare zu allem und jedem unterjubelten.

Stilistisch durfte man die Nervous Germans einst wohl dem Post-Punk zuordnen, was neugierige Musikliebhaber in Großbritannien und sogar in den USA als kleine künstlerische Delikatesse durchaus ernst genommen haben. Anders sah es in Deutschland aus. Da wirkten sie als Kontrastprogramm gegenüber dem zur gleichen Zeit aufblühenden dilettantischen Nonsens der sogenannten Neuen Deutschen Welle wie querköpfige Exoten. Die nervösen Deutschen wollten nicht Deutsch singen. Sie standen in einer anderen Tradition.

Die Nervous Germans von heute machen übrigens eine mit ihrer Vorgeschichte genetisch verwandte, aber andere Musik. Eingängiger und melodischer, was von den Gitarrensounds abgestützt wird und von jenen Bass-Ideen, die der Komponist der meisten Songs, Micki Meuser, in seiner Rolle als Sekundant in Sachen tiefen Tönen beisteuert. Immer noch auffällig: die Stimme des Sängers Grant Stevens, der auch die Texte schreibt. Neu: das Getrommel einer vergleichsweise zierlichen Frau, die allerdings mit Krawumm reinhaut.

Foto: Grant Stevens

Als wir im März ins Studio gingen, zeigte sich, dass wir stimmige Konzepte und Ausgangsmaterialien hatten. Weshalb wir nur einen knappen Tag lang zu drehen brauchten. Dann war das Rohmaterial für den Schnitt im Kasten. Nun kann sich jeder das Ergebnis anschauen und anhören. Weshalb ich dachte, ich schreibe das alles mal auf. Eine Empfehlung in eigener Sache. Denn ich bin sicher, dass man die Energie spürt, die aus dem Song herausscheppert. Die musikalische und kreative.

Good news is bad news – eine Geschichte aus dem Berliner November 1989 (Teil 3)

Vor 25 Jahren bekam ich zufälligerweise die Chance, in einem Team mit amerikanischen Fernsehleuten nach Berlin zu fliegen, die den Auftrag hatten,  über den Fall der Mauer zu berichten. Es war ein einprägsames Erlebnis. Und das nicht mal aus den ganz offensichtlichen Gründen. Eine Geschichte in drei Teilen.

TEIL 3 und Schluss

Im Laufe des Montags, mit einer Verspätung von immerhin vier Tagen nach den entscheidenden Ereignissen, wurden die in Berlin produzierten Beiträge von Inside Edition amerikaweit ausgestrahlt. Zu den Werkstücken gehörten Bill O’Reillys am Samstag aufgenommener Aufsager an der Mauer vor dem Brandenburger Tor. Und unsere Versuche, es für die Kamera, so gut es ging, menscheln zu lassen.

Wir waren am Sonntag ganz früh an den Potsdamer Platz gefahren, damals eine riesige Brache, wo die DDR-Verantwortlichen kurzfristig mit einem Kran ein paar Platten aus der Betonmauer herausbrachen, um noch mal einen riesigen Schwall von Menschen herauszulassen, die an diesem kalten, aber wenigstens sonnigen Tag den Westen erkunden wollten. Es war mein Job, so viele wie möglich anzusprechen, um herauszufinden, ob sie eine interessante Geschichte hätten und ob sie uns wohl an der teilhaben lassen würden. „Amerikanisches Fernsehen“ war zwar ein Zauberwort, aber keines, mit dem man Stroh zu Gold machen konnte.

FirefoxScreenSnapz004Ein Zufall wollte es, dass einer der Kameramänner ein junges Ehepaar mit einem kleinen Sohn einfing, als der Vater durch die Öffnung der Mauer kam und Tränen der Rührung weinte. Wir hatten also Tränen auf Band. Das war wie wenigstens drei Richtige im Lotto. Nun mussten wir nur noch diese Menschen überreden, daraus etwas machen zu dürfen und den Tippschein so richtig auszureizen.

„Sprechen Sie Englisch?“, fragte ich ihn. Und er sagte: „Ein bisschen.“

„Dürfen wir Sie auf Ihrem Ausflug begleiten?“

Man sträubte sich, war skeptisch, bis sich dann doch die Neugier  durchsetzte. Zumal wir ein Auto anbieten konnten. Was vermutlich den Ausschlag gab. Sicher vor allem angesichts der Vorstellung, dass der junge Sohn irgendwann Schlapp machen und die tour d’horizon durch den Westen ein rasches Ende nehmen würde. Wir boten die bequemere Lösung.

Wir haben damals ganz konventionelle Aufnahmen gedreht – mit diesen netten jungen Ossis beim Blick in die Schaufensterauslagen am Tauentzien, beim Verzehr der ersten Pizza ihres Lebens und bei der ersten Verarbeitung dieser Erfahrungen in allzu dürren englischen Worten. Das war’s. Kein echter Lottogewinn.

Dafür waren wir tausende Kilometer gereist, hatten hunderte von Leuten angesprochen und uns in hässlichem Wetter durch eine Stadt manövriert, die vermutlich in diesen Tagen eine Unmenge von hervorragenden Geschichten bereit hielt. Die man aber auf diese Inside-Edition-Weise gar nicht finden konnte.

Ich blieb noch in Berlin, nachdem Bill O’Reilly am Montag wieder abgeflogen war und beschloss, mich zur Abwechslung auf der anderen Seite der Mauer umzuschauen. Ich hatte keinen Plan. Ich wollte mich einfach nur treiben lassen und kam am späten Nachmittag  am Übergang Heinrich-Heine-Straße an, wo ich den Grenzpolizisten meinen Pass zeigte. Auf deren Reaktion war ich nicht vorbereitet. Ich könne nicht in die Hauptstadt ihrer Republik einreisen, sagte man mir, weil man als bundesdeutscher Passbürger nur bis um 16 Uhr jedes Tages ein Visum erhalten würde, dass dann bis Mitternacht gültig war. Es war die Kuriosität schlechthin: Während jeder DDR-Bürger auf einmal nach Gutdünken und jeder Zeit die Grenze überqueren konnte, musste ich als Westler deren Bestimmungen respektieren. Die DDR pfiff aus dem letzten Loch. Aber sie pfiff auf preußische Art.

Ich weiß, das war nicht die „Freiheit des Ostens“, über die Martin Ahrends ein paar Tage später in der Zeit so eloquent schrieb. Und so wanderte ich noch ein bisschen durch Kreuzberg und stand irgendwann im Dunkeln an einem weiteren Loch in der Mauer, das eher wie ein Riss wirkte und wo zwei gut gelaunte DDR-Grenzer patrouillierten  die ein paar Tage vorher noch auf jeden gezielt geschossen hätten, der sich in den Todesstreifen getraut hätte. Wir tauschten ein paar Freundlichkeiten aus und ich fragte sie, ob ich wenigstens eines der herumliegenden, kleinen  Betonstücke mitnehmen könne.

„Na, klar“, lachten sie.

Ich wusste, irgendwann in ferner Zukunft würde mir – im Zweifelsfall  – niemand die Authentizität dieses Stücks deutscher Geschichte abkaufen. Aber ich hatte ohnehin nicht die Absicht,  dieses Souvenir zu behalten. Ich wollte es Bob Young schenken, den ich nach der Rückkehr in seinem Büro besuchte. Und der davon sichtlich beeindruckt war. Bill O’Reilly hatte an solche Mitbringsel wohl offensichtlich nicht gedacht, ehe er nach Hause flog. Es hatte ihm  gereicht, sich vor der Mauer aufgebaut und in die Kamera gesprochen zu haben. „Let’s keep in touch“, rief er mir zu, als ich ihn kurz sah.

Youngs Tochter trug den Brocken später in ihre Schule und zeigte ihn im Unterricht vor. Während ich mit etwas sehr viel Erhabeneren  nach Hause zurückkehrte.

Nein, nicht mit der Erkenntnis, dass man in den Fängen dieser Tabloid-Fernsehredaktionen (und wahrscheinlich der meisten Fernsehredaktionen) ganz schnell seinen inneren journalistischen Kompass verlieren konnte. Das war mir schon vorher klar gewesen. Mich beschäftigte vielmehr dieser Essay von Martin Ahrends in der Ausgabe der Zeit vom 17. November, die ich mir vor dem Einsteigen in die Maschine nach New York mitgenommen hatte, um in aller Ruhe das Geschehene und Gesehene nachzuarbeiten.

Ahrends schaffte es mit diesem Text, mir die Essenz all dessen zu vermitteln, was mich und meine ureigene, alte Neugier auf die DDR betraf. Etwas, was ich in den Jahren, in denen ich in Charlottenburg, im Wedding und in Schöneberg gelebt, an der FU studiert und für das Tip-Magazin über Berliner Filmer und Musiker (auch DDR-Musiker auf Westbesuch) geschrieben hatte, zwar irgendwie gespürt, aber nie verstanden hatte.

Ich hatte deren Radio gehört und ihre Pop-Musik geschätzt. Ich hatte ihr Brecht-Ensemble besucht und ihre Buchläden. Ich war über die von Schlaglöchern übersäte Transitstrecke gefahren und dabei jedes Mal trotz schneller Fahrt den Radarkontrollen entgangen. Ich hatte eine Vorstellung von dem Leben, das sich nun angesichts dessen, was Ahrends schrieb, offensichtlich einfach als ein Phantasiegeflecht entlarvte. Und das vermutlich ähnlich klischeehaft war wie das der amerikanischen Fernsehreporter, mit denen ich nach Berlin gekommen war. Nur anders. Denn die Schicht unter der Oberfläche – die Freiheit des Ostens – die hatte ich nie kennengelernt.

Und nun, prophezeite Martin Ahrends, der ein paar Jahre vorher aus politischen Gründen in den Westen gegangen war, würde es dazu auch keine Möglichkeit mehr geben. Die DDR brach auf. Sie brach den selbstgebauten Wall auf. Und sie brach zusammen. Alles zur selben Zeit. Und damit war die Geschichte wirklich zu Ende. „Wohlan denn, investiert euer Kapital, schickt eure Renovierungstruppen“, schrieb er, „aber bedenket, was ihr verliert an der Freiheit des Ostens.“

Auch mich bestrafte das Leben. Ich war zu spät gekommen.

So wie Bill O’Reilly, der in der Sendung diese historischen Sätze sprach: „Hello and welcome to Inside Edition. I’m Bill O’Reilly Behind me is the Brandenburg Gate in East Berlin, the symbol of a divided Germany. Over the last few days many of us have seen reports coming from here. Not since the defeat of the Nazis in 1945 has Europe experienced such an emotional story. It is all about freedom, and today we will bring you the drama and some of the people caught up in the opening of the Berlin Wall.“

In dieser Woche wird er bestimmt den Schnipsel mit diesem Auftritt wieder abspielen. Er war ja offensichtlich damals nur aus einem Grund in Berlin: um sich selbst zu filmen. Ein Selfie-Made-Man.

P. S.:

Vor fünf Jahren nahm sich die Daily Show ebenfalls des Themas an. Es war ein reizvolles, bizarres Echo auf das, was mir all diese Jahre durch den Kopf gegangen war, und entlarvte die Motive all dieser Selbstdarsteller in einem  Beitrag von zehn Minuten Länge, Es war nicht so schwer, wie es vielleicht klingt, denn eine Reihe von Fernsehleuten hatten in den Tagen zuvor ihre Zuschauer mit Nachdruck daran erinnert. dass sie selbst höchstpersönlich damals vor Ort gewesen waren.

P.P.S.
Ich habe die Gelegenheit bekommen, für die aktuelle Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung einen Text zu schreiben, der meine Erfahrung mit dem amerikanischen Fernsehen vor 25 Jahren in Berlin zusammenfasst. Enstanden ist er auf der Basis dieses Blog-Textes. Ich werde ihn verlinken, sobald er online gestellt wurde.

Good News is Bad News – eine Geschichte aus dem Berliner November 1989 (Teil 2)

Vor 25 Jahren bekam ich zufälligerweise die Chance, in einem Team mit amerikanischen Fernsehleuten nach Berlin zu fliegen, die den Auftrag hatten,  über den Fall der Mauer zu berichten. Es war ein einprägsames Erlebnis. Und das nicht mal aus den ganz offensichtlichen Gründen. Eine Geschichte in drei Teilen.

TEIL 2

Als wir am Samstag auf der Westseite des Brandenburger Tors ankamen, sah ich ein erstaunliches Detail. Am Ende der Straße des 17. Juni standen zusammengestöpselte Plattformen, auf denen Fernsehkameras postiert waren. Man hockte in einem Meter Höhe – nicht eng zusammen wie auf Pressekonferenzen – sondern in gebührendem Abstand voneinander, jeweils drei Sender in einer Reihe. Am frühen Nachmittag passierte da oben nicht viel. Es war morgens in den USA. Da standen keine Live-Satellitenschaltungen an. Nicht mal CNN litt damals unter Schilddrüsenüberfunktion. Satellitenzeit war noch sehr teuer und wurde quasi vom Mund abgespart.

Ich hatte keine Zeit herauszufinden, wer dieses Plattformen-Puzzle organisiert hatte. Aber ich fand es bezeichnend genug, dass sich in der ersten Reihe nicht jene Leute befanden, die hier in Berlin ein Heimspiel gehabt hätten. ARD und ZDF hatten es mal gerade in die dritte Reihe geschafft. Vorne hingegen hatten sich die drei großen amerikanischen Networks postiert, dahinter CNN, BBC und jemand, an den ich mich nicht mehr erinnere. Es war das Symbolbild für die gemächliche Arbeitsweise so vieler deutscher Medienmenschen. Und es entsprach den Geschichten, die ich in den nächsten Tagen in Berlin aufschnappte. Wie jene, wonach das deutsche Gebührenfernsehen nachts wie gewohnt einfach abgeschaltet hatte anstatt zu senden. Die Bilder, ich live in New York dank NBC und Anchorman Tom Brokaw geliefert bekam, sah man in Deutschland erst später. Brokaw hatte noch einen Scoop gelandet, als er Stunden vorher mit Günther Schabowski im Osten ein Interview führen konnte, um sich von ihm – auf Englisch – erklären zu lassen, was denn das soeben verkündete Dekret zum freien Reisen der DDR-Bürger tatsächlich bedeutete. Brokaw erinnerte sich  vor einiger Zeit in einem Interview für den Kabelkanal OWN TV an die Ereignisse.

Ich hörte Geschichten über deutsche Print-Reporter, die irgendwann beschlossen hatten, selbst nach Berlin zu fliegen, aber bei ihrer Ankunft auf dem Flughafen entdecken mussten, dass man ihre Sitze an amerikanische Kollegen gegeben hatten. Man hatte sie auf ihrem eigenen Turf über den Löffel balbiert. Die Amerikaner wollten das Rennen gewinnen und taten alles, um es auch zu schaffen.

Mich beeindruckte das damals sehr, und deshalb nahm ich mir vor, in Zukunft ebenfalls so energisch meinen Job zu machen. Wozu ich am frühen Montagmorgen bereits Gelegenheit bekam, als ich dem unsympathischen Scott Rapoport einen Platz in einer ausgebuchten PANAM-Maschine besorgte. Der hatte die Nacht über im Videostudio am Kudamm an seinem Beitrag geschnitten, während ich im Hotel seine schmutzige Wäsche zusammengepackt und den Trip nach Paris für ihn klar gemacht hatte. Dort sollte er die Concorde erreichen und mit den MAZ-Bändern nach New York düsen. Das war Plan B für den Fall, dass bei der Satellitenübertragung irgendetwas schief gelaufen wäre. Es klappte. Er kam rechtzeitig in dem Studiokomplex von Inside Edition auf der Upper Eastside an. Für ihn hatte der Berlin-Trip aus einem schnellen, hektischen Hin und Her bestanden. Viel gesehen und erlebt hatte er nicht.

Anders als Anchorman Maury Povich von der Tabloid-TV-Konkurrenz A Current Affair. Diese Sendung war das Vorbild für Inside Edition gewesen und der erste Abenteuerspielplatz in diesem damals neuen Genre für den wieseligen Chef-Produzenten Bob Young, einen Australier, der zusammen mit einigen Landsleuten und  ein paar Fleet-Street-Typen als bestens bezahlter Angestellter des Medien-Maniacs Rupert Murdoch in die USA ausgewandert war. Als Inside Edition Anfang 1989 startete, wechselte er jedoch. Ich nehme an, vor allem deshalb, weil die Bezahlung besser war. Denn das Konzept war das gleiche.

Povich hatte O’Reilly ebenso abgehängt wie die anderen, weshalb der Wikipedia-Eintrag falsch ist. Er sei „einer der ersten amerikanischen Fernsehleute gewesen, die über den Fall der Berliner Mauer berichteten“, heißt es da. Was für ein Unsinn. Die Murdoch-Leute hatten ihren Verleger überzeugt, dass man angesichts der Brokaw-Bilder aus Berlin aus dem Stand ein eigenes Flugzeug chartern musste, um gleich die komplette Redaktion nach Deutschland zu bringen und jeden Stress mit überbuchten Maschinen und Umsteigen zu vermeiden. Sie brachen noch am Donnerstagabend auf und waren am Freitag vor Ort. Einen Tag vor uns, die noch am Freitagmorgen in New York ständig hingehalten wurden, weil die Verantwortlichen nicht wussten, ob sie das viele Geld ausgeben sollten, um das anzupacken, was für Povich die größte Geschichte in seiner journalistischen Karriere wurde.

Erstaunlich eigentlich eine solche Kategorisierung, wenn man weiß, was der Jahre danach für Anekdoten schilderte. Bei einer Episode handelte es sich um eine Familienzusammenführungs-Story, was mir im Nachhinein klar machte, dass A Current Affair und wir auf ähnlichen Fährten unterwegs waren. Diese Murdoch-geschulten und an der Fleet Street abgehärteten Typen tickten alle auf dieselbe Weise.

„Die Current Affair Art, über ein solches Ereignis zu berichten, war: Wir würden zwei Brüder, einen ostdeutschen und einen westdeutschen, zusammenbringen, die sich vorher noch nie gesehen hatten.“ In wie weit die Details der Geschichte überhaupt stimmen, ist schwer zu sagen. Denn einer der Producer, der damals mit vor Ort war und vor fünf Jahren der New York Times einen Kurzbericht samt Foto mit Povich in der Menge auf der Ostseite der Mauer reinreichte, erinnerte sich an „ostdeutsche Wälder“, in die sie mit einem Mercedes und dem West-Bruder fuhren und eine steife Wiederbegegnungszene einfingen. Die Verwandten waren einander nicht grün. Vielleicht ja auch, weil der Westbruder in New York lebte, wo man ihn kurz vor der Abreise in einer Kneipe auf der Upper Eastside von Manhattan aufgespürt und quasi gekidnappt hatte.

Auch Povichs hyperaktiver Kollege Gordon Elliott hatte Pläne. Er kaufte einer Berliner Feuerwehrwache eine große Axt ab, stellte sich selbst damit auf die Mauer und begann, Stücke herauszubrechen. Povich fand das journalistisch nicht gelungen. „Gib die einem Deutschen“, sagte er ihm und ahnte schon kurz darauf, dass das keine schlechte Idee gewesen war. „Eine Woche später war dieser Deutsche mit Gordons Axt auf den Titelseiten von Time und Newsweek. Besser geht gar nicht“, grinste Povich, als er das alles zum Besten gab (siehe Video oben).

Auch an diesem Teil der Erinnerungen ist wahrscheinlich das eine oder andere falsch. Ob erfunden oder einfach nur durch allzu häufiges Erzählen umredigiert, kann ich nicht beurteilen.  Meine Recherchen ergaben jetzt, dass zumindest, was Time betrifft, es niemanden mit einer Axt auf dem Cover gab. Was es aber gab, war die beindruckende Auswahl von Bildern des Fotografen Anthony Suau, den man von New York aus am selben Tag wie uns losschickte. Vor Ort gelang ihm damals ein ziemlich berühmt gewordenes Bild, auf dem  ein Mann auf der Westseite mit einer Axt ein Loch in die Mauer schlägt, während ihm von der anderen Seite eine Dusche aus einem ostdeutschen Wasserwerfer verpasst wurde. Er hatte das und die anderen Bilder gefunden und nicht inszeniert. Weshalb ich nur jedem empfehlen kann, sich das Interview mit ihm anzuschauen, was man auf der Webseite von Time finden kann.

Vielleicht meinte Povich Newsweek, das eine speziale Ausgabe mit diesem Titelblatt herausbrachte:

NewsweekBerlinDoch diese Axt sah nicht wie ein Spezialwerkzeug der Feuerwehr aus. Weshalb derjenige, der vergleicht, wie sich der Fotograf Suau an seine Tage in Berlin erinnert und mit welchem persönlichen Engagement und welcher Anteilnahme er arbeitete, ziemlich schnell versteht, dass es einen gravierenden Unterschied gibt zwischen guten Journalisten und Selbstdarstellern, die so tun, als seien sie Journalisten.

Ich muss zugeben, dass mir das damals durchaus zumindest theoretisch längst bewusst war, aber nicht in dieser praktischen Dimension. Weshalb ich die Institution, für die ich in Berlin antrat – das amerikanische Fernsehen – zunächst dummerweise eher bewunderte. Mich beeindruckte das Machertum, die Energie, die Durchschlagskraft und die Fähigkeit, dies dann auch noch zusammenzubringen in drei bis vier Minuten langen Beiträgen, die aus Aufsagern und Interviews, B-Roll und einem gesprochenen Text bestanden. Was mich am meisten faszinierte, war die Art und Weise wie man produzierte. Der Reporter schrieb, nachdem er das Sammelsurium des Rohmaterials ausgewertet hatte, seinen Text und nahm ihn auf. Der Text wurde das Fundament für den Bildschnitt, während man in Deutschland stets exakt andersherum vorging. Man schnitt erst die Bilder und legte dann einen Text darunter.

Ein paar Tage später schrieb ich einen Artikel für das Berlin Tip-Magazin, in dem ich über den Auftritt der Medien berichtete. Der Text wirkte im Rückblick eher kurzatmig und nicht besonders durchdacht. Die Arbeit der angereisten amerikanischen Fernsehsender in Berlin hatte es nämlich nur rein oberflächlich betrachtet geschafft, ein so wichtiges Ereignis adäquat einzufangen und zu beleuchten. Unter der Oberfläche gab es so gut wie nur Klischees, die wie Slogans aus den Wahlkämpfen klangen. Man wollte da gewesen sein, um zu zeigen, dass man das wichtig nahm. Aber man wollte es auf eine Weise zeigen, die fast alle Nuancen vermied. Es hatte die geistige Tiefe der Berichterstattung vom rheinischen Karneval.

(Es folgt Teil 3)

Good news is bad news – Eine Geschichte aus dem Berliner November 1989

Vor 25 Jahren bekam ich zufälligerweise die Chance, in einem Team mit amerikanischen Fernsehleuten nach Berlin zu fliegen, die den Auftrag hatten,  über den Fall der Mauer zu berichten. Es war ein einprägsames Erlebnis. Und das nicht mal aus den ganz offensichtlichen Gründen. Eine Geschichte in drei Teilen.

TEIL 1

Diese Geschichte ist wirklich nicht über Bill O’Reilly, obwohl er darin vorkommt und eine nicht ganz unwichtige Rolle spielt. Hauptsächlich in dieser einen Rolle als Fernsehreporter, der im Trenchcoat vor der Berliner Mauer steht und etwas von Drama faselt.  Zwei Tage nach dem eigentlichen Drama und der entscheidenden Nacht, in der junge Leute aus dem Westen angerückt waren und Stimmung machten und zu hunderten, wenn nicht tausenden ungehindert von den DDR-Grenzsoldaten auf die Krone kletterten.

Diese Geschichte ist auch nicht über mich. Obwohl ich neben der Kamera stand, angeheuert als ortskundiger Producer mit einem Sinn für die Bedürfnisse des amerikanischen Fernsehens. Eingeflogen mit diesem Bill O’Reilly, der damals die noch ziemlich neue und ziemlich ambitionierte Magazinsendung Inside Edition moderierte, und einem zweiten, jungen und naseweisen Reporter namens Scott Rapoport aus New York. Es ging darum, einen historischen Moment auf eine Art einzufangen, der sich abhob von dem, was damals hunderte von Kameras und zahllose Fernsehjournalisten zu dokumentieren versuchten. So wie wir.  Ich kann bis heute nicht sagen, dass es uns sehr gut gelungen ist. Weshalb so einiges wieder aus dem Gedächtnis gerutscht ist. Denn was war schon wirklich dramatisch an diesem Auszug der Massen, die aus Ost-Berlin in den Westen kamen und jeden Abend brav wieder nach Hause gingen?

Ich würde mich deshalb auch gar nicht so gut an diesen nebeltrüben, grauen Nachmittag am Brandenburger Tor erinnern, wenn O’Reilly die Bilder von damals nicht immer mal wieder auspacken würde. So wie vor fünf Jahren, als er einen kurzen Clip in seiner Sendung The O’Reilly Factor auf dem Kabelkanal Fox News laufen ließ, der einen Tag später von Jon Stewart in der Daily Show wiederholt wurde, um den extrem eitlen, alten Mann ins Lächerliche zu ziehen. Wer ist so selbst verliebt und liefert als einzige Reminszenz an eine politische Entwicklung von historischen Ausmaßen nichts anderes als eine antiquierte Form eines Selfies? O’Reilly.

Er war schon damals, trotz aller Professionalität, nur schwer zu ertragen. Was an seinen politischen Ansichten lag. Und an seinem  Mangel an Geschichtswissen. Und an dieser fernsehgerechten Art, zu lügen, die auf eine Weise gehäkelt wurde, dass es nicht jeder gleich merken würde: Lügen wie diese in dem Text, den er an diesem Novembersamstag auf der Straße des 17. Juni in die Kamera sprach, was als Teaser für die Ausgabe von Inside Edition zwei Tage später ausgestrahlt wurde. „And today we will bring you the drama und some of the people caught up in the opening of the Berlin Wall.“

Bill O'Reilly Berliner Mauer 1Bill O’Reilly war in Berlin, als die Mauer fiel. Aber nicht am 9. November, sondern erst zwei Tage später.

Today? Welches „Today“? Das Samstags-„Today“? Das Montags-„Today“?

Nicht nur täuschte er vor Ort damit eine Live-Berichterstattung vor, die es gar nicht gab. Nicht nur waren die Geschichten, die wir an diesem Wochenende in Berlin drehten, am Sendetag eigentlich kalter Kaffee. Wir hatten auch nicht die Vorgaben erfüllt, die er mit diesem Teaser-Text vornweweg formulierte, ehe wir denen dann anschließend anderthalb Tage lang nachjagten. Die Redaktion in New York hatte uns die Aufgabe gestellt, nahe Verwandte zu finden, die sich zum ersten Mal seit 30 Jahren in die Arme fielen (während unsere Kameras liefen). Die dann bereit waren, sich von uns stundenlang  begleiten und abfragen zu lassen, während sie 30 Jahre nachholten. Und die natürlich auch noch Englisch sprachen, was fast ebenso absurd war wie die beiden ersten Konzeptideen.

Aber das entsprach der naiven Dümmlichkeit dieser vom Boulevard-Denken beeinflussten amerikanischen Reporter. Sie glaubten, dass es das geben würde: die passende, runde Geschichte, die man im Kopf hatte, ehe man vor Ort aufschlug, Statt der richtig guten, die man erst noch suchen und finden musste.

Ich erzähle das nicht, weil ich nach einem Weg suche, um nachträglich eine Herablassung zu produzieren, mit der ich meine eigene Mitwirkung bei diesem Projekt übertünchen könnte. Sondern weil es vor allem eine Lernerfahrung war. Eine, von der ich später beschloss, sie nicht noch einmal zu machen.

Zugegeben, ein bisschen irritiert war ich damals schon. Aber mir war noch nicht klar, wie kaltschnäuzig und frivol diese Bilder eines Tages aussehen würden. Wie austauschbar und beliebig.

Wir waren nicht die einzigen. Andere gaben das Tempo vor. Und O’Reilly war gar nicht mal der schlimmste Selbstdarsteller. Das waren seine Kollegen von den großen Networks, vor allem Peter Jennings (ABC) und Dan Rather (CBS), die, weil sie um die eigentliche News-Geschichte von ihrem Kollegen Tom Brokaw (NBC) geschlagen worden waren, nun mit einem Tag Verspätung nach Kräften den Grad ihrer Bedeutung für das Gewicht und das Gesicht einer Story hochputschten. „Es wirkte fast so, als würden verschiedene Elemente des Fernsehens, Teil der Geschichte für ihre eigenen Zwecke zurechtstutzen, während Deutsche Teil der Mauer abschlugen und Stücke wegschleppten, um sie für alle Ewigkeit zu behalten oder zu verkaufen“, schrieb Howard Rosenberg damals in der Los Angeles Times über das, was er nur im Fernsehen sah. Es war einer der wenigen kritischen Kommentare über diese Mischpoke. Rosenberg war klar: Dieses Trio wurde wirklich „kaum gebraucht, um zu signalisieren, wie enorm dieses letzte, lauteste, betäubende Echo von Glasnot“ war. Aber darum ging es auch gar nicht. Sinnen und Trachten der Fernsehdramaturgie war es offensichtlich nur, jene „mit Stars durchsetzte Seele der Fernsehnachrichten wiederzuspiegeln“, die den Zuschauern vorzugaukeln versuchte, dass erst ihre Anwesenheit das Niveau der Berichterstattung anheben könne. Es ging um tatsächlich um so etwas wie Höhe. Einige der Anchormen stiegen für die Kamera sogar auf die Mauer.

Pech für O’Reilly: Als wir einen weiteren Tag später eintrafen, hatten die Grenzer der DDR das Spektakel des Tanzes auf dem platten Wall vor dem Brandenburger Tor beendet.

Aber Möglichkeiten, symbolische Bilder einzusammeln, gab es satt. Das sahen wir spätestens, als wir kurz darauf am Checkpoint Charlie eintrafen, wo Ostberliner in ihren stinkenden Zweitaktern ohne Ende aus ihrem Betongefängnis herausquollen, empfangen von angetrunkenen, heiteren Menschen, von denen eine Reihe gleich nebenan mit Spitzhacken und Vorschlaghammern die Mauer  attackierten.  O’Reilly war begeistert. Ich glaube, er hätte am liebsten selbst Hand angelegt. So wie jemand von der Konkurrenzsendung A Current Affair das bereits getan hatte, wie die LA Times berichtete. Aber es wurde dann bald dunkel, und dieser amerikanische Freiheitskämpfer-Reporter wusste, dass er noch einiges an Material werde drehen müssen. Nicht nur Beton-Chipper.

Am frühen Abend brachte ich uns zur Gedächtniskirche und zu der Disco im Europa-Center, wo es leichter war, junge DDR-Bürger ausfindig zu machen und aus den Anwesenden jene herauszufiltern, die nicht so ängstlich waren, vor Westkameras aufzutreten und die genug Englisch sprachen, um das Voiceover-Problem zu umschiffen. Aber dann ging ich ins Hotel und versuchte, erst mal, gegen den Jet-Lag anzuschlafen. Ich hatte organisiert, was man organisieren konnte.

Wir waren erst am späten Vormittag in Tegel gelandet und hätten am liebsten gleich drauf losgedreht. Aber die beiden für uns in Paris gebuchten Kamerateams waren noch nicht eingetroffen. Sonst hätten wir uns bestimmt auf die ellenlange Schlange gestürzt, die vor einem Bankschalter auf dem Flughafen geduldig wartete, um ihr Begrüßungsgeld in Empfang zu nehmen.

Empfangen wurden wir von einer Berlinerin, die ich für unseren Dreh verpflichtet hatte.  O’Reilly wollte als erstes von ihr wissen, auf welche Weise wir wohl die geplanten Human-Interest-Geschichten auf die Beine stellen könnten. Doch ihre Antwort wirkte so Deutsch, wie ich das noch aus jener Zeit in Erinnerung hatte, ehe ich nach New York gezogen war: „Das wird sehr schwierig“, sagte sie und machte dabei ein Gesicht, dass ihrer Antwort den Eindruck beimischte, als wollte sie eigentlich sagen: „Das ist unmöglich.“

O’Reilly schaute mich an, sagte aber nichts. Und ich wusste, dass es nur einen Weg gab, nicht gleich von Anfang schlechte Laune zu verbreiten: in dem ich der guten Frau klar machte, die ich blind gebucht hatte, weil sie mir jemand empfohlen hatte, dass wir bei der gut bezahlten Arbeit für die Amerikaner nicht die skeptischen Deutschen heraushängen lassen, die alles in Frage stellen und so wirken, als ob sie sich nicht den Arsch aufreißen würden. „Gibt’s nicht gibt’s nicht“, sagte ich und fing an, einen nach dem anderen in der Schlange anzusprechen.

(Es folgt Teil 2)

Guckst du hier


Man nehme: einen hervorragenden Song, jede Menge Videomaterial aus der Kiste mit der Überschrift Public Domain, eine Schrift, die gegen das optische Gewitter standhält (die heißt, kein Witz,  Volkswagen) und ein bisschen Zeit und Phantasie, um die Mischung dieser Zutaten gut auszubacken.

Das war das Rezept  für ein neues Video, das ich vor ein paar Wochen für die Berliner Band Nervous Germans produzieren durfte. Der Song heißt ¡Yeah, Yeah! und wird als Single in diesen Tagen die Veröffentlichung des Albums der Gruppe mit dem Titel Volatile in Schwung bringen.

Über die nervösen Deutschen habe ich vor einem Jahr schon mal kurz hier im Blog ein paar Zeilen zusammengeschmiedet.  Anlass war auch damals ein Video. Darin haben Grant Stevens, der Sänger und Texter der Band, und ich eine Koproduktion auf die Beine gestellt, um den Text des Songs Rainbow auf eine plakative Weise zu inszenieren. Diesmal wird entlang des Textes eine – zugegeben – etwas mysteriöse kleine Geschichte in Bildern erzählt, die das alte Dilemma illustriert: dass es Jungs und Mädels im direkten Miteinander wohl nie ganz leicht miteinander haben. Schon gar nicht im Fall von Mädels, über die es in dem Song heißt „no European female soul got the power like to terrify“.

Das Video und die Veröffentlichung sind nur der Auftakt zu einer sehr ordentlichen Kampagne, in deren Rahmen die vierköpfige Band auch live auftreten wird. Unter anderem am 1. Mai im Quasimodo in Berlin. Selbstverständlich wäre ich gerne dabei. Denn diese Art von Rockmusik bekommt im Konzert noch mal eine ganz andere Druckstufe mit auf den Weg.

Aber das wird wohl erst etwas, wenn die Nervous Germans in den USA angreifen. Schaun wer mal.

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Für alle, die’s gerne schriftlich hätten

Das gehört zu den schönsten Seiten dieses Jobs: Bei der Gestaltung eines Musikvideos beteiligt zu sein. Es ist sicher nicht immer so schön wie in diesem Fall: Mit einem Song, den man nicht mehr aus dem Ohr bekommt, und mit der im Prinzip sehr simplen Aufgabe, dessen Text auf eine vorhandene Animation zu legen. Aber man will ja, dass das Ganze rund wird, also testet man viele Schriften. Weil das Kaleidoskop-Thema schon vorgegeben war, lag es nahe, in Richtung Retro-Anstrich weiterzudenken. Mit einem Font, der lebt und Unruhe ausstrahlt und gleichzeitig viele Assoziationen weckt. Dies ist das Resultat: mit dem Text gesetzt in „Distro Vinyl“.

Wer sind die Nervous Germans? Vier Songwriter und Musiker aus Berlin, die mit neuen Songs ein Projekt wiederbeleben, das in den achtziger Jahren auf vielversprechende Weise begann, aber sich dann wieder verlief. Zwei aus der Gründerzeit – Micki Meuser  und Grant Stevens – haben die Idee vor einer Weile wiederbelebt, Songs geschrieben und aufgenommen und treten hin und wieder live auf. Man kann die ersten Produktionen übrigens hier herunterladen: http://www.itunes.de/nervousgermans.

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Austauschbar und irgendwann vergessen

„Beim Kölner Zeitungsverlag „M. DuMont Schauberg“ („MDS“) wird über den Abbau von 40 bis 60 Stellen am Standort Berlin spekuliert. Vor allem sollen das „Berliner Abendblatt“ und das Stadtmagazin „Tip“ betroffen sein, so „Hamburger Abendblatt“-Medienautor Kai-Hinrich Renner. Möglicherweise könne „Tip“ verkauft werden.“

Diese kurze Information kam heute in der Email-Inbox an (Quelle: „Media Updates Deutschland“ der Firma Cision). Und sie passt auf eine komische Weise in die Zeit. 40 Jahre ist der „Tip“ in diesem Jahr geworden. Was die Redaktion dazu veranlasste, eine Beilage zu produzieren, in der aus den tausend Ausgaben der Magazingeschichte ein paar Höhepunkte herausgefischt und präsentiert wurden. Darunter befand sich ein Titelbild, auf dem damals eine jener Schwerpunkt-Storys anverkauft wurde, die ich in meiner zweijährigen Zeit beim Magazin recherchiert und geschrieben habe. In der Liste jener Leute, die in den 40 Jahren dem Blatt Profil und Format gegeben haben, war dann zwar kein Platz für meinen Namen. Aber das befördert nur jene heilsame Erkenntnis, an die man sich eigentlich schon gewöhnt haben sollte: Jeder ist austauschbar und wird irgendwann vergessen.

Dabei habe ich selbst aus den rund zwei Jahren in der Potsdamer Straße in Schöneberg, wo sich das Magazin mit seinen Büros etablierte, eine Menge mitgenommen. Vermutlich sogar mehr, wenn man das in einem etwas schrägen Vergleich auf die Waagschale legen will, als ich dem Blatt mitgeben konnte. Mein Einstieg war eher ungewöhnlich, wenn auch nicht für jene Zeit in West-Berlin, wo viele Leute irgendetwas machten, was man nur als Experiment in Sachen Selbstfindung bezeichnen konnte. Ich wurde nämlich stundenweise als Composer-Setzer verpflichtet, weil ich zu einer Handvoll von Leuten gehörte, die den zweitägigen Kursus besucht hatten, den die Herstellerfirma IBM anbot, um die Feinheiten einer Kugelkopf-Schreibmaschine kennenzulernen, mit der man – in der Vor-PC-Welt – computerartige Dinge auf die Beine stellen konnte. Der IBM-Composer spielte übrigens in der Geschichte der Medienentwicklung eine wichtige, wenn auch nur sehr kurze Rolle. Er machte die Textproduktion, die vorher nur über riesige Bleisatzmaschinen abgewickelt werden konnte, um ein Vielfaches billiger. So billig, dass die Investitionshürden sanken und jeder mutige Mensch mit einem klugen Konzept eine Chance bekam, sich im Zeitschriftenmarkt zu behaupten.

Stadtzeitschriften wie der „Tip“ brauchten damals viele Ingredienzien, um innerhalb von ein paar Jahren ihr eigenes, erfolgreiches, neues Segment zu etablieren. Wozu nicht nur eine klare inhaltliche Struktur mit dem Schwerpunkt auf einer detaillierten und verlässlichen Programmvorschau gehörte und nicht nur jene Kleinanzeigen, die sich dank ihrer Autoren zu einem elementaren Lesestoff entwickelten. Sie brauchten nicht nur eine redaktionelle und grafische Handschrift, die sie vom Umfeld der anderen Printprodukte abhob. Sie brauchten vor allem eines: eine wirtschaftliche Chance. Und diese Chance gab ihnen der Kostenspar-Faktor aus dem Hause IBM.

Der Berliner „Tip“ war keine lupenreine Eigenerfindung. Es gab einen Vorreiter namens Hobo, dessen Redakteure jedoch gegen den Eigentümer putschten und auf diese Weise dem Blatt den Exitus bescherten (die Unentwegten gründeten in Eigenregie später das Heft Zitty, das auch heute noch neben dem „Tip“ existiert und mit einem stärkeren politischen Profil und einem anderen Erscheinungstermin dazu beitrug, diese Magazinkategorie vollends durchzusetzen). Man schaute sich im Laufe der Zeit beim „Tip“ ein paar gute Ideen beim Londoner Magazin Time Out ab. Aber die Erfolgsgeschichte war ureigen. Was klein und bescheiden begann, wurde durch kluges strategisches Verhalten nach ein paar Jahren mit einer enormen Akzelerationsgeschwindigkeit zu einem Publikumserfolg mit mehr als 90.000 Auflage. Als wir eine bundesweite Ausgabe herausbrachten, stießen wir allerdings an deutliche Grenzen. Die Expansion hatte mit einer rein markenrechtlichen Überlegung zu tun. Der Verleger wollte den Namen „Tip“ durch Kioskpräsenz deutschlandweit zu einem schützenswerten Zeitschriftentitel ausbauen. Die Idee war gut, jedoch mit den vorhandenen Mitteln nicht durchzuhalten. Was in West-Berlin unschlagbar gut ankam, interessierte woanders nur sehr wenige.

Viele der Erfahrungen ließen sich heute bequem auf die neue digitale Welt des Publizierens übertragen. Wieder mal sind – dank kostenloser Blog-Software und billiger Hosting-Gebühren – die Kosten radikal gefallen. Wieder mal schaffen es die Etablierten nicht, sich auf die veränderten Bedürfnisse der Informationskonsumenten einzustellen. Und so werden neue durchschlagskräftige Formate voraussichtlich von Leuten durchgedrückt werden, die bisher noch niemand auf dem Zettel hatte. Womöglich ist auch der „Tip“ längst zu alt, um aus sich und den existierenden Strukturen heraus einen Weg zu finden, die Mischung zu produzieren, die Menschen in dem nun mauerlosen und zugleich riesigen Berlin motiviert, sich mit dieser angejahrten Tante aus dem Milieu des Aufbruchs von einst immer wieder neu anzufreunden.

Ich bin zu weit weg, um auch nur in Ansätzen beurteilen zu können, was so ein Produkt heute braucht, um nicht den langsamen Tod der tausend kleinen Nadelstiche zu sterben. In meiner neuen Heimat scheint zumindest New York Magazine einen Weg gefunden zu haben, wie man im Tandem mit einer agilen Online-Präsenz mit hochwertigem Flaggschiff-Journalismus Geld verdient. Die Redaktion verpflichtete vor einiger Zeit den sehr profilierten Kolumnisten Frank Rich von der New York Times. Der kam bestimmt nicht für Peanuts.

Weil ich damals nicht nur am Composer gesessen habe, sondern manchmal auch von den Letraset-Bögen Buchstaben abgerubbelt habe, um auf diese im Rückblick etwas mühsame Weise (und doch so preiswert) Überschriften zu setzen, muss ich grinsen, wenn ich sehe, welche Schrift man noch heute in New York benutzt, um subkutan diesen hochwertigen, intelligenten Zeitschriften-Touch grafisch zu signalisieren. Es ist eine Schrift aus der Antiqua-Familie der Eqyptienne, die damals auch der „Tip“ benutzte und die eine klassische Ausstrahlung behalten hat.