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Müllermania

Gibt’s nicht gibt’s nicht. Deshalb gab es nicht nur dieses eine Spiel. Sondern gibt es nun auch dieses eine Heft zu diesem einen Spiel.Titelseite 54749014…was mehr war als ein Spiel (wo die Betonung in diesem Satz liegt, weiß ich nicht: mehr als ein Spiel, mehr als ein Spiel, alles denkbar).

Auf die Beine gestellt wurde das Ganze von Oliver Wurm, dessen Leidenschaft für Fußball, kombiniert mit der für Printprodukte ganz außerordentliche Resultate möglich werden lässt. Und zwar ganz ohne Verlag im Kreuz. Alle Achtung.

Er hat für dieses Heft natürlich auch wieder eine stattliche Reihe von – teilweise recht prominenten – Autoren gewonnen und bringt das bunte Blatt nun auf den Markt. Wer wissen will, was ich dazu beisteuern konnte, kann sich hier schon mal einen Eindruck verschaffen. Ich wollte es ein weniger spannender machen und habe das Lesestück vertont. Es hat den Titel „Müllermania“ und versucht, die Geschichte über den man of the match von Belo Horizonte neu zu schreiben.

Wer mehr wissen und vor allem LESEN will, der geht entweder zum Kiosk seines Vertrauens. Oder auf die Webseite. Gerne auch auf dem Umweg über den Trailer. Den haben sich schon ein paar Menschen angeschaut. Das stärkt das Gänsehautgefühl.

Ausholzen am Baumwall

Es kommt in diesen Tagen öfter vor, dass mich der stete Fluß an schlechten Nachrichten aus dem Hamburger Zeitschriftenverlag Gruner & Jahr nostalgisch werden lässt. Wahrscheinlich geht es mir da wie vielen.

Ich muss an die Zeit denken, in der am Baumwall so gut wie alles besser war. Die Stimmung. Die Gewinne, die die Chefmanager nach Gütersloh pumpen konnten, und die Stellung der Journalisten (was damals gerne mit dem Statusmerkmal Anstellung gleichgesetzt wurde).

Von denen kamen nicht wenige von der hauseigenen Henri-Nannen-Schule, von der aus man ein strahlendes Licht am Ende des Karrieretunnels sehen konnte. Edelfedern in spe auf dem Weg zu Urlaubsanspruch, Gewinnbeteiligung, subventionierter Kantine und hübschen Recherchereisen in alle Teile der Welt.

Wie gut das alles wirklich war (und hier meine ich zunächst mal nur den journalistischen Output), ist vermutlich eine Frage des Blickwinkels.

Meiner stammt aus einem ewig grauen Hamburger Winter, in dem ich monatelang die Baumwall-Atmosphäre erleben konnte. Die Erkenntnis, die ich damals gewonnen habe, lautete: Traumberufe sehen anders aus. Was kurioserweise ein Kollege ähnlich sah, der nach der Nannen-Schule und einem Zeitvertrag wenige Tage zuvor die Festanstellung erhalten hatte: „Ich beneide Sie, dass Sie nach New York zurückgehen können“, sagte er zum Abschied. Ja, ich ging zurück. In eine Welt ohne Netz und soziale Absicherung. Er aber saß fest. Irgendwie gefangen mit einem Spatz in der Hand als der scheinbar plausibleren Alternative.

Ich stelle mir vor, dass es der Geo-Reporterin  Gabriele Riedle ein paar Jahre danach ähnlich ergangen sein muss, sonst hätte sie nicht kürzlich diesen Brief geschrieben, in dem sie mit einer bemerkenswerten Offenheit die Hauptverantwortliche für das Ausholzen der Redaktionen am Hamburger Baumwall („sehr geehrte Frau Jäkel“) ins Benehmen setzte.

Es ist ein interessantes Dokument. Nicht nur weil es aufzeigt, wie wahllos die Kriterien sind, nach denen Firmen ihre Angestellten vor die Tür setzen. Weshalb wohl die meisten Leser auf diese Selbstbespiegelung mit Sympathiekundgebungen reagierten.

Wer genauer hinschaut, der kann in dem ziemlich langen Brief, der über die taz und den newsroom lanciert wurde, über Dinge stolpern, die alles andere als Sympathie auslösen. Der Text illustriert eine besondere Symptomatik in der deutschen Journalistenlandschaft. Wozu eine Gemütslage zählt, die im Blog opalkatze unter der Überschrift „Bemerkenswert beleidigt“ aufgriffen wurde: Die Larmoyanz der gekündigten Journalistin sei nur schwer zu ertragen.

Larmoyanz – das ist tatsächlich so etwas wie die Hauptmodalität des Schreibens der weitgereisten, krisen- und konflikterfahrenen Journalistin und Buchautorin, die in gefährlichen Situationen auf fernen Kontinenten ziemlich gut klar kam, aber für zuhause keine Überlebensstrategie entwickelte. Warum auch? „In Russland oder Afrika, dort ist die wirkliche Welt. Die funktioniert nicht so wie hier in Deutschland“, wurde sie von der Stuttgarter Zeitung vor einer Weile in einem Porträt zitiert. Eine wirkliche Welt, die ihr erst neulich die Erkenntnis vermittelte, dass sie 56 Jahre alt ist. Und dass jemand in dem Alter eine Vergangenheit hat, die womöglich attraktiver war als die Zukunft, um die sie sich allerdings komischerweise keinerlei Gedanken gemacht hatte.

Inzwischen hat sie es immerhin getan: „Ich marschiere geradewegs in die Altersarmut“, schreibt sie. Kein Licht mehr am Ende dieses Tunnels.

4527187773_6009d34ae4_b(Foto: Flickr/naturalbornstupid, Creative Commoncs License: CC BY-SA 2.0)

Der Brief vermittelt Aufschlüsse über die sozialen Verhältnisse in dem immer noch profitablen Verlag. Betriebsrente, ja die gibt’s (noch), wenn auch nicht für jeden. Und das Begehren nach einer solchen Apanage existiert natürlich ebenfalls weiter (bei jenen, denen sie entgeht). Weshalb ich das fragliche Schreiben hauptsächlich als dezenten Hinweis darauf lese, dass sich da noch eine arbeitsgerichtliche Auseinandersetzung anbahnt.

Freien Journalisten, die bekanntlich ohne Kündigungsfristen und ohne Betriebsrentenansprüche leben, wird bei solchen Texten  immer ganz anders. Man fühlt sich ungerne, aber unweigerlich an mittägliche Hamburger Gespräche erinnert, bei denen es eigentlich um Themenideen gehen sollte, die festangestellten Redakteure jedoch lieber ihre Schwierigkeiten mit der ertragreichen Anlage der Gewinnausschüttungen thematisierten. Eine absurdere Welt kann man sich nicht ausmalen. Jedenfalls nicht als freier Journalist.

Deshalb geht einem auch diese „Blauäugigkeit, nicht vorgesorgt zu haben“, ab, über die sich zum Beispiel opalkatze wunderte. Ehrlich gesagt: Sie geht einem nicht mal nahe. Sie verstärkt einfach nur den Eindruck, dass da eine Generation ziemlich begabter Journalisten gerade sozialen Schiffbruch von einer epochenhaften Dimension erlebt. Eigentlich für alle vorhersehbar, bloß nicht – wir kennen das, es ist ein Klassiker – für die Insassen der Anstalt. Die fühlten sich bestens versorgt.

Und so konnte man von dort aus ausgiebig und innig den ganzen Rest der „wirklichen“ Welt analysieren und gleichzeitig gemütlich um den eigenen Bauchnabel kreisen und sich realitätsferne Projektionen und Erwartungen gönnen, um sich dieses etwas biedere Angestelltendasein (und sei es in Teilzeit) so attraktiv wie möglich auszustaffieren.

Wer darauf verzichtete und statt dessen lieber Projektionen in der Art komplett ausblendete, der fand eine andere Variante der Verschleierung: die märchenhafte Vorstellung von dem baumwallenen Füllhorn, das nie leer sein würde. Und immer für einen da war. Bis zum Gang in die Rente.

Gekündigt werden? In diesem Bubble unvorstellbar. Man unterschrieb zwar Verträge, aber las vorher über die Klauseln geflissentlich hinweg, die das vermeintlich Unmögliche möglich machen würden. Schon die Vorstellung von einem anderen Überlebensmodus, dem im freien Geschäft, führte nach ein paar Anläufen zu Beklemmungen. So stellte die Reporterin fest, dass es  festangestellte Redakteure gab wie sie, denen die Befindlichkeiten von freien Mitarbeitern ziemlich schnurz waren: „Diverse Wichtigmenschen haben überhaupt nicht geantwortet, einer hat mich, ohne abgesagt zu haben, in einem Café sitzen lassen, und eine alte Kollegin bei der Zeit schrieb mir soeben, sie würde sich gerne dafür einsetzen, dass ich ‚auf die allerdings ziemlich lange Liste der freien Autoren‘ gesetzt würde, wobei wir von den Honoraren, die die Zeit Freien zahlt, gar nicht sprechen dürfen.“

Welcome to the club. Nehmen Sie sich ein Handtuch und machen Sie es sich am Meer der Krokodilstränen bequem. Auch wenn der Wasserpegel ständig steigt, ist drumherum noch immer sehr viel Platz – für alle, die verzagt dem Ende ihrer Laufbahn entgegen sehen. Denn nicht nur für Geo-Reporter ist „der Kreis möglicher Arbeitgeber im deutschsprachigen Raum …. auf eine Handvoll beschränkt“.

Obwohl: Nur wenige dürften derart hochgestochen ausgerechnet das eigene Können als Hinderungsgrund für ein Weiterkommen betrachten. Der Grund weshalb Gabriele Riedle keine Chancen mehr für sich in der Medienbranche sieht? „Weil ich hochqualifiziert bin“.

Offensichtlich nicht qualifiziert genug, solche Nahost-Schwätzer wie den neulich verstorbenen Peter Scholl-Latour in einer Fernsehsendung wie dieser auf das Format zu reduzieren, dass man dem alten Herrn ernsthaft zubilligen konnte. Sondern eher so wie in diesem Einzelinterview, für das sich die Redaktion die seltsame Bauchbinde „Kriegsreporterin“ ausgedacht hatte. Ist das ein Beruf?

Ich habe mal im Kopf überschlagen, was Gruner & Jahr Gabriele Riedle pro Geo-Reportage bezahlt haben dürfte. Wozu ich die Liste aus ihrem Blog und ein paar Annahmen über die (Teilzeit)Gehälter am Baumwall Pi mal Daumen gegeneinander aufgerechnet habe. 10.000 Euro müsste man wohl veranschlagen, plus die Auslagen für Flüge, Hotels, Übersetzer und ähnliche Nebengeräusche. Arbeitsplatzgarantie inklusive. Ich bitte um Vergebung, falls die  Zahl sogar noch höher liegt und ich beinahe den Hinweis unterschlagen hätte, dass  Geo-Autoren, egal ob festangestellt oder nicht, klassischerweise bei jedem Weiterverkauf ihrer Texte an eine Lizenzausgabe irgendwo auf der Welt noch ein gediegenes Extrahonorar ausgeschüttet bekamen. Für Gabriele Riedle war das alles nicht genug. Es nährte nun nur „das Bewusstsein, dass alles umsonst war“.

Auf ein solches Fazit muss man mal erst mal kommen. Genauso wie auf die Vorstellung, wonach die geleistete Arbeit – und sei sie mit „enormen persönlichen Risiken“ verbunden – mit dem gezahlten Gehalt keineswegs abgegolten ist, sondern vielmehr das Ticket auf eine Garantiebeschäftigung für den Rest der Laufbahn begründet. Soziale Absicherung: der eigentliche Lebenstraum von Journalisten im gedanklichen Kosmos von Gruner & Jahr. Könnte sich mal ein Sozialforscher mit der Frage beschäftigen, was eine Haltung wie diese für Auswirkungen auf den Journalismus hat, der von solchen Idealen geprägten Menschen betrieben wird?

Good news is bad news – eine Geschichte aus dem Berliner November 1989 (Teil 3)

Vor 25 Jahren bekam ich zufälligerweise die Chance, in einem Team mit amerikanischen Fernsehleuten nach Berlin zu fliegen, die den Auftrag hatten,  über den Fall der Mauer zu berichten. Es war ein einprägsames Erlebnis. Und das nicht mal aus den ganz offensichtlichen Gründen. Eine Geschichte in drei Teilen.

TEIL 3 und Schluss

Im Laufe des Montags, mit einer Verspätung von immerhin vier Tagen nach den entscheidenden Ereignissen, wurden die in Berlin produzierten Beiträge von Inside Edition amerikaweit ausgestrahlt. Zu den Werkstücken gehörten Bill O’Reillys am Samstag aufgenommener Aufsager an der Mauer vor dem Brandenburger Tor. Und unsere Versuche, es für die Kamera, so gut es ging, menscheln zu lassen.

Wir waren am Sonntag ganz früh an den Potsdamer Platz gefahren, damals eine riesige Brache, wo die DDR-Verantwortlichen kurzfristig mit einem Kran ein paar Platten aus der Betonmauer herausbrachen, um noch mal einen riesigen Schwall von Menschen herauszulassen, die an diesem kalten, aber wenigstens sonnigen Tag den Westen erkunden wollten. Es war mein Job, so viele wie möglich anzusprechen, um herauszufinden, ob sie eine interessante Geschichte hätten und ob sie uns wohl an der teilhaben lassen würden. „Amerikanisches Fernsehen“ war zwar ein Zauberwort, aber keines, mit dem man Stroh zu Gold machen konnte.

FirefoxScreenSnapz004Ein Zufall wollte es, dass einer der Kameramänner ein junges Ehepaar mit einem kleinen Sohn einfing, als der Vater durch die Öffnung der Mauer kam und Tränen der Rührung weinte. Wir hatten also Tränen auf Band. Das war wie wenigstens drei Richtige im Lotto. Nun mussten wir nur noch diese Menschen überreden, daraus etwas machen zu dürfen und den Tippschein so richtig auszureizen.

„Sprechen Sie Englisch?“, fragte ich ihn. Und er sagte: „Ein bisschen.“

„Dürfen wir Sie auf Ihrem Ausflug begleiten?“

Man sträubte sich, war skeptisch, bis sich dann doch die Neugier  durchsetzte. Zumal wir ein Auto anbieten konnten. Was vermutlich den Ausschlag gab. Sicher vor allem angesichts der Vorstellung, dass der junge Sohn irgendwann Schlapp machen und die tour d’horizon durch den Westen ein rasches Ende nehmen würde. Wir boten die bequemere Lösung.

Wir haben damals ganz konventionelle Aufnahmen gedreht – mit diesen netten jungen Ossis beim Blick in die Schaufensterauslagen am Tauentzien, beim Verzehr der ersten Pizza ihres Lebens und bei der ersten Verarbeitung dieser Erfahrungen in allzu dürren englischen Worten. Das war’s. Kein echter Lottogewinn.

Dafür waren wir tausende Kilometer gereist, hatten hunderte von Leuten angesprochen und uns in hässlichem Wetter durch eine Stadt manövriert, die vermutlich in diesen Tagen eine Unmenge von hervorragenden Geschichten bereit hielt. Die man aber auf diese Inside-Edition-Weise gar nicht finden konnte.

Ich blieb noch in Berlin, nachdem Bill O’Reilly am Montag wieder abgeflogen war und beschloss, mich zur Abwechslung auf der anderen Seite der Mauer umzuschauen. Ich hatte keinen Plan. Ich wollte mich einfach nur treiben lassen und kam am späten Nachmittag  am Übergang Heinrich-Heine-Straße an, wo ich den Grenzpolizisten meinen Pass zeigte. Auf deren Reaktion war ich nicht vorbereitet. Ich könne nicht in die Hauptstadt ihrer Republik einreisen, sagte man mir, weil man als bundesdeutscher Passbürger nur bis um 16 Uhr jedes Tages ein Visum erhalten würde, dass dann bis Mitternacht gültig war. Es war die Kuriosität schlechthin: Während jeder DDR-Bürger auf einmal nach Gutdünken und jeder Zeit die Grenze überqueren konnte, musste ich als Westler deren Bestimmungen respektieren. Die DDR pfiff aus dem letzten Loch. Aber sie pfiff auf preußische Art.

Ich weiß, das war nicht die „Freiheit des Ostens“, über die Martin Ahrends ein paar Tage später in der Zeit so eloquent schrieb. Und so wanderte ich noch ein bisschen durch Kreuzberg und stand irgendwann im Dunkeln an einem weiteren Loch in der Mauer, das eher wie ein Riss wirkte und wo zwei gut gelaunte DDR-Grenzer patrouillierten  die ein paar Tage vorher noch auf jeden gezielt geschossen hätten, der sich in den Todesstreifen getraut hätte. Wir tauschten ein paar Freundlichkeiten aus und ich fragte sie, ob ich wenigstens eines der herumliegenden, kleinen  Betonstücke mitnehmen könne.

„Na, klar“, lachten sie.

Ich wusste, irgendwann in ferner Zukunft würde mir – im Zweifelsfall  – niemand die Authentizität dieses Stücks deutscher Geschichte abkaufen. Aber ich hatte ohnehin nicht die Absicht,  dieses Souvenir zu behalten. Ich wollte es Bob Young schenken, den ich nach der Rückkehr in seinem Büro besuchte. Und der davon sichtlich beeindruckt war. Bill O’Reilly hatte an solche Mitbringsel wohl offensichtlich nicht gedacht, ehe er nach Hause flog. Es hatte ihm  gereicht, sich vor der Mauer aufgebaut und in die Kamera gesprochen zu haben. „Let’s keep in touch“, rief er mir zu, als ich ihn kurz sah.

Youngs Tochter trug den Brocken später in ihre Schule und zeigte ihn im Unterricht vor. Während ich mit etwas sehr viel Erhabeneren  nach Hause zurückkehrte.

Nein, nicht mit der Erkenntnis, dass man in den Fängen dieser Tabloid-Fernsehredaktionen (und wahrscheinlich der meisten Fernsehredaktionen) ganz schnell seinen inneren journalistischen Kompass verlieren konnte. Das war mir schon vorher klar gewesen. Mich beschäftigte vielmehr dieser Essay von Martin Ahrends in der Ausgabe der Zeit vom 17. November, die ich mir vor dem Einsteigen in die Maschine nach New York mitgenommen hatte, um in aller Ruhe das Geschehene und Gesehene nachzuarbeiten.

Ahrends schaffte es mit diesem Text, mir die Essenz all dessen zu vermitteln, was mich und meine ureigene, alte Neugier auf die DDR betraf. Etwas, was ich in den Jahren, in denen ich in Charlottenburg, im Wedding und in Schöneberg gelebt, an der FU studiert und für das Tip-Magazin über Berliner Filmer und Musiker (auch DDR-Musiker auf Westbesuch) geschrieben hatte, zwar irgendwie gespürt, aber nie verstanden hatte.

Ich hatte deren Radio gehört und ihre Pop-Musik geschätzt. Ich hatte ihr Brecht-Ensemble besucht und ihre Buchläden. Ich war über die von Schlaglöchern übersäte Transitstrecke gefahren und dabei jedes Mal trotz schneller Fahrt den Radarkontrollen entgangen. Ich hatte eine Vorstellung von dem Leben, das sich nun angesichts dessen, was Ahrends schrieb, offensichtlich einfach als ein Phantasiegeflecht entlarvte. Und das vermutlich ähnlich klischeehaft war wie das der amerikanischen Fernsehreporter, mit denen ich nach Berlin gekommen war. Nur anders. Denn die Schicht unter der Oberfläche – die Freiheit des Ostens – die hatte ich nie kennengelernt.

Und nun, prophezeite Martin Ahrends, der ein paar Jahre vorher aus politischen Gründen in den Westen gegangen war, würde es dazu auch keine Möglichkeit mehr geben. Die DDR brach auf. Sie brach den selbstgebauten Wall auf. Und sie brach zusammen. Alles zur selben Zeit. Und damit war die Geschichte wirklich zu Ende. „Wohlan denn, investiert euer Kapital, schickt eure Renovierungstruppen“, schrieb er, „aber bedenket, was ihr verliert an der Freiheit des Ostens.“

Auch mich bestrafte das Leben. Ich war zu spät gekommen.

So wie Bill O’Reilly, der in der Sendung diese historischen Sätze sprach: „Hello and welcome to Inside Edition. I’m Bill O’Reilly Behind me is the Brandenburg Gate in East Berlin, the symbol of a divided Germany. Over the last few days many of us have seen reports coming from here. Not since the defeat of the Nazis in 1945 has Europe experienced such an emotional story. It is all about freedom, and today we will bring you the drama and some of the people caught up in the opening of the Berlin Wall.“

In dieser Woche wird er bestimmt den Schnipsel mit diesem Auftritt wieder abspielen. Er war ja offensichtlich damals nur aus einem Grund in Berlin: um sich selbst zu filmen. Ein Selfie-Made-Man.

P. S.:

Vor fünf Jahren nahm sich die Daily Show ebenfalls des Themas an. Es war ein reizvolles, bizarres Echo auf das, was mir all diese Jahre durch den Kopf gegangen war, und entlarvte die Motive all dieser Selbstdarsteller in einem  Beitrag von zehn Minuten Länge, Es war nicht so schwer, wie es vielleicht klingt, denn eine Reihe von Fernsehleuten hatten in den Tagen zuvor ihre Zuschauer mit Nachdruck daran erinnert. dass sie selbst höchstpersönlich damals vor Ort gewesen waren.

P.P.S.
Ich habe die Gelegenheit bekommen, für die aktuelle Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung einen Text zu schreiben, der meine Erfahrung mit dem amerikanischen Fernsehen vor 25 Jahren in Berlin zusammenfasst. Enstanden ist er auf der Basis dieses Blog-Textes. Ich werde ihn verlinken, sobald er online gestellt wurde.

Good News is Bad News – eine Geschichte aus dem Berliner November 1989 (Teil 2)

Vor 25 Jahren bekam ich zufälligerweise die Chance, in einem Team mit amerikanischen Fernsehleuten nach Berlin zu fliegen, die den Auftrag hatten,  über den Fall der Mauer zu berichten. Es war ein einprägsames Erlebnis. Und das nicht mal aus den ganz offensichtlichen Gründen. Eine Geschichte in drei Teilen.

TEIL 2

Als wir am Samstag auf der Westseite des Brandenburger Tors ankamen, sah ich ein erstaunliches Detail. Am Ende der Straße des 17. Juni standen zusammengestöpselte Plattformen, auf denen Fernsehkameras postiert waren. Man hockte in einem Meter Höhe – nicht eng zusammen wie auf Pressekonferenzen – sondern in gebührendem Abstand voneinander, jeweils drei Sender in einer Reihe. Am frühen Nachmittag passierte da oben nicht viel. Es war morgens in den USA. Da standen keine Live-Satellitenschaltungen an. Nicht mal CNN litt damals unter Schilddrüsenüberfunktion. Satellitenzeit war noch sehr teuer und wurde quasi vom Mund abgespart.

Ich hatte keine Zeit herauszufinden, wer dieses Plattformen-Puzzle organisiert hatte. Aber ich fand es bezeichnend genug, dass sich in der ersten Reihe nicht jene Leute befanden, die hier in Berlin ein Heimspiel gehabt hätten. ARD und ZDF hatten es mal gerade in die dritte Reihe geschafft. Vorne hingegen hatten sich die drei großen amerikanischen Networks postiert, dahinter CNN, BBC und jemand, an den ich mich nicht mehr erinnere. Es war das Symbolbild für die gemächliche Arbeitsweise so vieler deutscher Medienmenschen. Und es entsprach den Geschichten, die ich in den nächsten Tagen in Berlin aufschnappte. Wie jene, wonach das deutsche Gebührenfernsehen nachts wie gewohnt einfach abgeschaltet hatte anstatt zu senden. Die Bilder, ich live in New York dank NBC und Anchorman Tom Brokaw geliefert bekam, sah man in Deutschland erst später. Brokaw hatte noch einen Scoop gelandet, als er Stunden vorher mit Günther Schabowski im Osten ein Interview führen konnte, um sich von ihm – auf Englisch – erklären zu lassen, was denn das soeben verkündete Dekret zum freien Reisen der DDR-Bürger tatsächlich bedeutete. Brokaw erinnerte sich  vor einiger Zeit in einem Interview für den Kabelkanal OWN TV an die Ereignisse.

Ich hörte Geschichten über deutsche Print-Reporter, die irgendwann beschlossen hatten, selbst nach Berlin zu fliegen, aber bei ihrer Ankunft auf dem Flughafen entdecken mussten, dass man ihre Sitze an amerikanische Kollegen gegeben hatten. Man hatte sie auf ihrem eigenen Turf über den Löffel balbiert. Die Amerikaner wollten das Rennen gewinnen und taten alles, um es auch zu schaffen.

Mich beeindruckte das damals sehr, und deshalb nahm ich mir vor, in Zukunft ebenfalls so energisch meinen Job zu machen. Wozu ich am frühen Montagmorgen bereits Gelegenheit bekam, als ich dem unsympathischen Scott Rapoport einen Platz in einer ausgebuchten PANAM-Maschine besorgte. Der hatte die Nacht über im Videostudio am Kudamm an seinem Beitrag geschnitten, während ich im Hotel seine schmutzige Wäsche zusammengepackt und den Trip nach Paris für ihn klar gemacht hatte. Dort sollte er die Concorde erreichen und mit den MAZ-Bändern nach New York düsen. Das war Plan B für den Fall, dass bei der Satellitenübertragung irgendetwas schief gelaufen wäre. Es klappte. Er kam rechtzeitig in dem Studiokomplex von Inside Edition auf der Upper Eastside an. Für ihn hatte der Berlin-Trip aus einem schnellen, hektischen Hin und Her bestanden. Viel gesehen und erlebt hatte er nicht.

Anders als Anchorman Maury Povich von der Tabloid-TV-Konkurrenz A Current Affair. Diese Sendung war das Vorbild für Inside Edition gewesen und der erste Abenteuerspielplatz in diesem damals neuen Genre für den wieseligen Chef-Produzenten Bob Young, einen Australier, der zusammen mit einigen Landsleuten und  ein paar Fleet-Street-Typen als bestens bezahlter Angestellter des Medien-Maniacs Rupert Murdoch in die USA ausgewandert war. Als Inside Edition Anfang 1989 startete, wechselte er jedoch. Ich nehme an, vor allem deshalb, weil die Bezahlung besser war. Denn das Konzept war das gleiche.

Povich hatte O’Reilly ebenso abgehängt wie die anderen, weshalb der Wikipedia-Eintrag falsch ist. Er sei „einer der ersten amerikanischen Fernsehleute gewesen, die über den Fall der Berliner Mauer berichteten“, heißt es da. Was für ein Unsinn. Die Murdoch-Leute hatten ihren Verleger überzeugt, dass man angesichts der Brokaw-Bilder aus Berlin aus dem Stand ein eigenes Flugzeug chartern musste, um gleich die komplette Redaktion nach Deutschland zu bringen und jeden Stress mit überbuchten Maschinen und Umsteigen zu vermeiden. Sie brachen noch am Donnerstagabend auf und waren am Freitag vor Ort. Einen Tag vor uns, die noch am Freitagmorgen in New York ständig hingehalten wurden, weil die Verantwortlichen nicht wussten, ob sie das viele Geld ausgeben sollten, um das anzupacken, was für Povich die größte Geschichte in seiner journalistischen Karriere wurde.

Erstaunlich eigentlich eine solche Kategorisierung, wenn man weiß, was der Jahre danach für Anekdoten schilderte. Bei einer Episode handelte es sich um eine Familienzusammenführungs-Story, was mir im Nachhinein klar machte, dass A Current Affair und wir auf ähnlichen Fährten unterwegs waren. Diese Murdoch-geschulten und an der Fleet Street abgehärteten Typen tickten alle auf dieselbe Weise.

„Die Current Affair Art, über ein solches Ereignis zu berichten, war: Wir würden zwei Brüder, einen ostdeutschen und einen westdeutschen, zusammenbringen, die sich vorher noch nie gesehen hatten.“ In wie weit die Details der Geschichte überhaupt stimmen, ist schwer zu sagen. Denn einer der Producer, der damals mit vor Ort war und vor fünf Jahren der New York Times einen Kurzbericht samt Foto mit Povich in der Menge auf der Ostseite der Mauer reinreichte, erinnerte sich an „ostdeutsche Wälder“, in die sie mit einem Mercedes und dem West-Bruder fuhren und eine steife Wiederbegegnungszene einfingen. Die Verwandten waren einander nicht grün. Vielleicht ja auch, weil der Westbruder in New York lebte, wo man ihn kurz vor der Abreise in einer Kneipe auf der Upper Eastside von Manhattan aufgespürt und quasi gekidnappt hatte.

Auch Povichs hyperaktiver Kollege Gordon Elliott hatte Pläne. Er kaufte einer Berliner Feuerwehrwache eine große Axt ab, stellte sich selbst damit auf die Mauer und begann, Stücke herauszubrechen. Povich fand das journalistisch nicht gelungen. „Gib die einem Deutschen“, sagte er ihm und ahnte schon kurz darauf, dass das keine schlechte Idee gewesen war. „Eine Woche später war dieser Deutsche mit Gordons Axt auf den Titelseiten von Time und Newsweek. Besser geht gar nicht“, grinste Povich, als er das alles zum Besten gab (siehe Video oben).

Auch an diesem Teil der Erinnerungen ist wahrscheinlich das eine oder andere falsch. Ob erfunden oder einfach nur durch allzu häufiges Erzählen umredigiert, kann ich nicht beurteilen.  Meine Recherchen ergaben jetzt, dass zumindest, was Time betrifft, es niemanden mit einer Axt auf dem Cover gab. Was es aber gab, war die beindruckende Auswahl von Bildern des Fotografen Anthony Suau, den man von New York aus am selben Tag wie uns losschickte. Vor Ort gelang ihm damals ein ziemlich berühmt gewordenes Bild, auf dem  ein Mann auf der Westseite mit einer Axt ein Loch in die Mauer schlägt, während ihm von der anderen Seite eine Dusche aus einem ostdeutschen Wasserwerfer verpasst wurde. Er hatte das und die anderen Bilder gefunden und nicht inszeniert. Weshalb ich nur jedem empfehlen kann, sich das Interview mit ihm anzuschauen, was man auf der Webseite von Time finden kann.

Vielleicht meinte Povich Newsweek, das eine speziale Ausgabe mit diesem Titelblatt herausbrachte:

NewsweekBerlinDoch diese Axt sah nicht wie ein Spezialwerkzeug der Feuerwehr aus. Weshalb derjenige, der vergleicht, wie sich der Fotograf Suau an seine Tage in Berlin erinnert und mit welchem persönlichen Engagement und welcher Anteilnahme er arbeitete, ziemlich schnell versteht, dass es einen gravierenden Unterschied gibt zwischen guten Journalisten und Selbstdarstellern, die so tun, als seien sie Journalisten.

Ich muss zugeben, dass mir das damals durchaus zumindest theoretisch längst bewusst war, aber nicht in dieser praktischen Dimension. Weshalb ich die Institution, für die ich in Berlin antrat – das amerikanische Fernsehen – zunächst dummerweise eher bewunderte. Mich beeindruckte das Machertum, die Energie, die Durchschlagskraft und die Fähigkeit, dies dann auch noch zusammenzubringen in drei bis vier Minuten langen Beiträgen, die aus Aufsagern und Interviews, B-Roll und einem gesprochenen Text bestanden. Was mich am meisten faszinierte, war die Art und Weise wie man produzierte. Der Reporter schrieb, nachdem er das Sammelsurium des Rohmaterials ausgewertet hatte, seinen Text und nahm ihn auf. Der Text wurde das Fundament für den Bildschnitt, während man in Deutschland stets exakt andersherum vorging. Man schnitt erst die Bilder und legte dann einen Text darunter.

Ein paar Tage später schrieb ich einen Artikel für das Berlin Tip-Magazin, in dem ich über den Auftritt der Medien berichtete. Der Text wirkte im Rückblick eher kurzatmig und nicht besonders durchdacht. Die Arbeit der angereisten amerikanischen Fernsehsender in Berlin hatte es nämlich nur rein oberflächlich betrachtet geschafft, ein so wichtiges Ereignis adäquat einzufangen und zu beleuchten. Unter der Oberfläche gab es so gut wie nur Klischees, die wie Slogans aus den Wahlkämpfen klangen. Man wollte da gewesen sein, um zu zeigen, dass man das wichtig nahm. Aber man wollte es auf eine Weise zeigen, die fast alle Nuancen vermied. Es hatte die geistige Tiefe der Berichterstattung vom rheinischen Karneval.

(Es folgt Teil 3)

Good news is bad news – Eine Geschichte aus dem Berliner November 1989

Vor 25 Jahren bekam ich zufälligerweise die Chance, in einem Team mit amerikanischen Fernsehleuten nach Berlin zu fliegen, die den Auftrag hatten,  über den Fall der Mauer zu berichten. Es war ein einprägsames Erlebnis. Und das nicht mal aus den ganz offensichtlichen Gründen. Eine Geschichte in drei Teilen.

TEIL 1

Diese Geschichte ist wirklich nicht über Bill O’Reilly, obwohl er darin vorkommt und eine nicht ganz unwichtige Rolle spielt. Hauptsächlich in dieser einen Rolle als Fernsehreporter, der im Trenchcoat vor der Berliner Mauer steht und etwas von Drama faselt.  Zwei Tage nach dem eigentlichen Drama und der entscheidenden Nacht, in der junge Leute aus dem Westen angerückt waren und Stimmung machten und zu hunderten, wenn nicht tausenden ungehindert von den DDR-Grenzsoldaten auf die Krone kletterten.

Diese Geschichte ist auch nicht über mich. Obwohl ich neben der Kamera stand, angeheuert als ortskundiger Producer mit einem Sinn für die Bedürfnisse des amerikanischen Fernsehens. Eingeflogen mit diesem Bill O’Reilly, der damals die noch ziemlich neue und ziemlich ambitionierte Magazinsendung Inside Edition moderierte, und einem zweiten, jungen und naseweisen Reporter namens Scott Rapoport aus New York. Es ging darum, einen historischen Moment auf eine Art einzufangen, der sich abhob von dem, was damals hunderte von Kameras und zahllose Fernsehjournalisten zu dokumentieren versuchten. So wie wir.  Ich kann bis heute nicht sagen, dass es uns sehr gut gelungen ist. Weshalb so einiges wieder aus dem Gedächtnis gerutscht ist. Denn was war schon wirklich dramatisch an diesem Auszug der Massen, die aus Ost-Berlin in den Westen kamen und jeden Abend brav wieder nach Hause gingen?

Ich würde mich deshalb auch gar nicht so gut an diesen nebeltrüben, grauen Nachmittag am Brandenburger Tor erinnern, wenn O’Reilly die Bilder von damals nicht immer mal wieder auspacken würde. So wie vor fünf Jahren, als er einen kurzen Clip in seiner Sendung The O’Reilly Factor auf dem Kabelkanal Fox News laufen ließ, der einen Tag später von Jon Stewart in der Daily Show wiederholt wurde, um den extrem eitlen, alten Mann ins Lächerliche zu ziehen. Wer ist so selbst verliebt und liefert als einzige Reminszenz an eine politische Entwicklung von historischen Ausmaßen nichts anderes als eine antiquierte Form eines Selfies? O’Reilly.

Er war schon damals, trotz aller Professionalität, nur schwer zu ertragen. Was an seinen politischen Ansichten lag. Und an seinem  Mangel an Geschichtswissen. Und an dieser fernsehgerechten Art, zu lügen, die auf eine Weise gehäkelt wurde, dass es nicht jeder gleich merken würde: Lügen wie diese in dem Text, den er an diesem Novembersamstag auf der Straße des 17. Juni in die Kamera sprach, was als Teaser für die Ausgabe von Inside Edition zwei Tage später ausgestrahlt wurde. „And today we will bring you the drama und some of the people caught up in the opening of the Berlin Wall.“

Bill O'Reilly Berliner Mauer 1Bill O’Reilly war in Berlin, als die Mauer fiel. Aber nicht am 9. November, sondern erst zwei Tage später.

Today? Welches „Today“? Das Samstags-„Today“? Das Montags-„Today“?

Nicht nur täuschte er vor Ort damit eine Live-Berichterstattung vor, die es gar nicht gab. Nicht nur waren die Geschichten, die wir an diesem Wochenende in Berlin drehten, am Sendetag eigentlich kalter Kaffee. Wir hatten auch nicht die Vorgaben erfüllt, die er mit diesem Teaser-Text vornweweg formulierte, ehe wir denen dann anschließend anderthalb Tage lang nachjagten. Die Redaktion in New York hatte uns die Aufgabe gestellt, nahe Verwandte zu finden, die sich zum ersten Mal seit 30 Jahren in die Arme fielen (während unsere Kameras liefen). Die dann bereit waren, sich von uns stundenlang  begleiten und abfragen zu lassen, während sie 30 Jahre nachholten. Und die natürlich auch noch Englisch sprachen, was fast ebenso absurd war wie die beiden ersten Konzeptideen.

Aber das entsprach der naiven Dümmlichkeit dieser vom Boulevard-Denken beeinflussten amerikanischen Reporter. Sie glaubten, dass es das geben würde: die passende, runde Geschichte, die man im Kopf hatte, ehe man vor Ort aufschlug, Statt der richtig guten, die man erst noch suchen und finden musste.

Ich erzähle das nicht, weil ich nach einem Weg suche, um nachträglich eine Herablassung zu produzieren, mit der ich meine eigene Mitwirkung bei diesem Projekt übertünchen könnte. Sondern weil es vor allem eine Lernerfahrung war. Eine, von der ich später beschloss, sie nicht noch einmal zu machen.

Zugegeben, ein bisschen irritiert war ich damals schon. Aber mir war noch nicht klar, wie kaltschnäuzig und frivol diese Bilder eines Tages aussehen würden. Wie austauschbar und beliebig.

Wir waren nicht die einzigen. Andere gaben das Tempo vor. Und O’Reilly war gar nicht mal der schlimmste Selbstdarsteller. Das waren seine Kollegen von den großen Networks, vor allem Peter Jennings (ABC) und Dan Rather (CBS), die, weil sie um die eigentliche News-Geschichte von ihrem Kollegen Tom Brokaw (NBC) geschlagen worden waren, nun mit einem Tag Verspätung nach Kräften den Grad ihrer Bedeutung für das Gewicht und das Gesicht einer Story hochputschten. „Es wirkte fast so, als würden verschiedene Elemente des Fernsehens, Teil der Geschichte für ihre eigenen Zwecke zurechtstutzen, während Deutsche Teil der Mauer abschlugen und Stücke wegschleppten, um sie für alle Ewigkeit zu behalten oder zu verkaufen“, schrieb Howard Rosenberg damals in der Los Angeles Times über das, was er nur im Fernsehen sah. Es war einer der wenigen kritischen Kommentare über diese Mischpoke. Rosenberg war klar: Dieses Trio wurde wirklich „kaum gebraucht, um zu signalisieren, wie enorm dieses letzte, lauteste, betäubende Echo von Glasnot“ war. Aber darum ging es auch gar nicht. Sinnen und Trachten der Fernsehdramaturgie war es offensichtlich nur, jene „mit Stars durchsetzte Seele der Fernsehnachrichten wiederzuspiegeln“, die den Zuschauern vorzugaukeln versuchte, dass erst ihre Anwesenheit das Niveau der Berichterstattung anheben könne. Es ging um tatsächlich um so etwas wie Höhe. Einige der Anchormen stiegen für die Kamera sogar auf die Mauer.

Pech für O’Reilly: Als wir einen weiteren Tag später eintrafen, hatten die Grenzer der DDR das Spektakel des Tanzes auf dem platten Wall vor dem Brandenburger Tor beendet.

Aber Möglichkeiten, symbolische Bilder einzusammeln, gab es satt. Das sahen wir spätestens, als wir kurz darauf am Checkpoint Charlie eintrafen, wo Ostberliner in ihren stinkenden Zweitaktern ohne Ende aus ihrem Betongefängnis herausquollen, empfangen von angetrunkenen, heiteren Menschen, von denen eine Reihe gleich nebenan mit Spitzhacken und Vorschlaghammern die Mauer  attackierten.  O’Reilly war begeistert. Ich glaube, er hätte am liebsten selbst Hand angelegt. So wie jemand von der Konkurrenzsendung A Current Affair das bereits getan hatte, wie die LA Times berichtete. Aber es wurde dann bald dunkel, und dieser amerikanische Freiheitskämpfer-Reporter wusste, dass er noch einiges an Material werde drehen müssen. Nicht nur Beton-Chipper.

Am frühen Abend brachte ich uns zur Gedächtniskirche und zu der Disco im Europa-Center, wo es leichter war, junge DDR-Bürger ausfindig zu machen und aus den Anwesenden jene herauszufiltern, die nicht so ängstlich waren, vor Westkameras aufzutreten und die genug Englisch sprachen, um das Voiceover-Problem zu umschiffen. Aber dann ging ich ins Hotel und versuchte, erst mal, gegen den Jet-Lag anzuschlafen. Ich hatte organisiert, was man organisieren konnte.

Wir waren erst am späten Vormittag in Tegel gelandet und hätten am liebsten gleich drauf losgedreht. Aber die beiden für uns in Paris gebuchten Kamerateams waren noch nicht eingetroffen. Sonst hätten wir uns bestimmt auf die ellenlange Schlange gestürzt, die vor einem Bankschalter auf dem Flughafen geduldig wartete, um ihr Begrüßungsgeld in Empfang zu nehmen.

Empfangen wurden wir von einer Berlinerin, die ich für unseren Dreh verpflichtet hatte.  O’Reilly wollte als erstes von ihr wissen, auf welche Weise wir wohl die geplanten Human-Interest-Geschichten auf die Beine stellen könnten. Doch ihre Antwort wirkte so Deutsch, wie ich das noch aus jener Zeit in Erinnerung hatte, ehe ich nach New York gezogen war: „Das wird sehr schwierig“, sagte sie und machte dabei ein Gesicht, dass ihrer Antwort den Eindruck beimischte, als wollte sie eigentlich sagen: „Das ist unmöglich.“

O’Reilly schaute mich an, sagte aber nichts. Und ich wusste, dass es nur einen Weg gab, nicht gleich von Anfang schlechte Laune zu verbreiten: in dem ich der guten Frau klar machte, die ich blind gebucht hatte, weil sie mir jemand empfohlen hatte, dass wir bei der gut bezahlten Arbeit für die Amerikaner nicht die skeptischen Deutschen heraushängen lassen, die alles in Frage stellen und so wirken, als ob sie sich nicht den Arsch aufreißen würden. „Gibt’s nicht gibt’s nicht“, sagte ich und fing an, einen nach dem anderen in der Schlange anzusprechen.

(Es folgt Teil 2)

An dritter Stelle

Der Chef von Ringier hat vor ein paar Tagen ein paar Grundsätze formuliert, die er klassischen Verlagsunternehmen anrät, die den Übergang von der Herstellung und dem Handel mit gedruckten Zeitungen und Zeitschriften auf neue digitale Plattformen und Angebote für Mobilgeräte schaffen wollen. Es waren fünf Kerngedanken, die das Wesentliche beschreiben. An dritter Stelle forderte er, „viel stärker auf Videoformate zu setzen als bisher“. Er scheint dies mit der iPad-Ausgabe der Zeitschrift Monopol aus seinem eigenen Verlagshaus derzeit noch zu unterstreichen.

Was man mit Video machen kann und wie beschränkt man derzeit als Zulieferer für diese Maxime arbeiten muss, wenn einem tatsächlich mal ein Auftrag beschert wird, dafür kann Marc Walder sicher nichts. Er kümmert sich nicht um Details. Also nicht um die Honorare. Und nicht um faire Taxameter für die Leute wie unsereins da draußen, die arbeiten, aber nicht aus purem Techno-Idealismus verhungern wollen.

So kommen in solchen General-Ansagen keine Überlegungen vor, was das finanziell bedeutet. Dass es Geld kostet, all das Equipment zu besitzen, das man braucht, um vernünfte Videos zu drehen. Und dass es sich um eine erhebliche Investition handelt, sich das handwerkliche Wissen anzueignen, um Videos zu drehen und zu schneiden. Dass dies nie angesprochen wird, könnte leicht den Eindruck erwecken, als seien also die inhaltlich wichtigsten Fragen rund um das Herstellen von Videos für Verlags-Digitalplattformen längst geklärt und abgehakt: Wer produziert das eigentlich alles unter welchen Bedingungen? Und wie kommt er bei seiner Arbeit auf ein ernstzunehmendes Qualitätsniveau?

Sind diese Fragen wirklich beantwortet? Ach was. Ganz und gar nicht. Die Professionalisierung der Journalisten in diesem Bereich findet nur dort statt, wo die Journalisten selbst dazu in der Lage sind. Ich riskiere mal eine Schätzung: Dabei handelt es sich bestenfalls um 10 Prozent aller Medienmenschen, deren bisheriges Betätigungsfeld hauptsächlich aus dem Schreiben von Texten bestand. Vermutlich sind es weniger.

Mit Schuld am – eindeutig falschen – Eindruck ist sicher, dass Milliarden von Videos im Internet herumgeistern. Und dass es mittlerweile zahllose professionelle Fotografen gibt, die im Rahmen ihrer alltäglichen Arbeit für Verlage zusätzlich zu den Fotos, die sie schießen, mit ihren videofähigen Kameras bewegte Bilder drehen. Das tun sie ungerne. Und kommen dabei auf ziemlich bescheidene Resultate. Aber sie tun es. Was bleibt ihnen denn auch anderes übrig?

Und so entstehen also Videos, irgendwie. Manchmal sind sogar ganz attraktive darunter. Aber leider produziert von Menschen ohne ein ausgebildetes Ohr für Ton und das gesprochene Wort. Also sieht sich vieles, was über diesen Transmissionsriemen entsteht, verflucht ähnlich. Es sind vorherrschend visuelle Eindrücke, ein Panoptikum einer ganz bestimmen Auffassung des Mediums. Mal geprägt von der Ästhetik von Musikvideos, die inzwischen auch nicht mehr das sind, was sie mal zu den besten Zeiten von MTV waren. Mal beeinflusst von einer kontemplativen Zuneigung zu leer geräumten Dokumentarfilm-Szenerien. Oft bevölkert von überkandidelten Talking Heads, die zwar nicht das Zeug zum Performer haben, aber es trotzdem riskieren, sich vor eine Kamera zu setzen.

Man kann sich fragen: Haben uns all diese Anstrengungen und Experimente wirklich weitergebracht?

Meine Antwort: Irgendwie schon, aber sicher nicht dahin, wo Videos dann tatsächlich jenen Stellenwert erhalten, den sich Verlagsmanager wie Marc Walder ausmalen, wenn sie tatsächlich „viel stärker auf Videoformate“ setzen wollen.

Ich drehe seit ein paar Jahren Videos und gehöre sicher nicht zu den Visionären und Innovatoren des Metiers. Ich finde bis heute die schlichte Herausforderung, eine sinnvolle Videoarbeit mit vernünftigen Interviewaussagen und originären visuellen Facetten auf die Beine zu stellen, schwer genug. Denn man arbeitet unter sehr heftigen Bedingungen: meistens ganz alleine, mit Engpässen und Handicaps, die man im Soloakt bewältigen muss. Ohne Kameramann und ohne Tonmann und ohne Beleuchter und ohne Cutter/Editor, die allesamt dem fertigen Produkt so viel kreatives Leben einhauchen könnten, wenn man sie denn einsetzen könnte. Und die es dem Reporter gestatten würden, sich hauptsächlich auf das zu konzentrieren, was die Gesprächspartner sagen und um welche Inhalte es gehen sollte. Dafür bräuchte man eher mehr Zeit und nicht weniger. Aber diese Zeit finanziert einem niemand.

Dieses Ansinnen hat nichts damit zu tun, dass man nach dem klassischen Zerrbild jener Zeit, als die E-Lok eingeführt wurde, noch gerne ein paar Heizer beschäftigen würde. Ich hätte gewiss gerne Fachleute zur Seite wie etwa die hervorragende Cutterin Sabine Krayenbühl, die mir vermutlich schon während der Produktion dieses Videos das gesagt hätte, was sie mir netterweise hinterweise schrieb: „Meine größte Kritik ist die Handhabung der Zwischen- und ID-Titel. Es ist zu busy und zu ablenkend von der Geschichte.“

Aber sollte das nicht möglich sein, solche Sachkompetenz einzubinden (weil die ja schließlich auch Geld kostet), gäbe es sicher andere Lösungen. Vorausgesetzt: die vielen Mittelspersonen in der Produktionskette ziehen mit.

Angesichts der Schwierigkeiten erlahmt jedoch zwischendurch leider schon mal das Interesse. Vor allem daran, Redaktionen immer und immer wieder anzuteasern und zu bedienen, wenn die am Ende sowieso nur wenig vom Entstehen solcher Produkte wissen. Und die sich am Ende lieber über Klickzahlen definieren wollen und nicht über inhaltliche und ästhetische Aussagen.

Weshalb ich mich bis auf weiteres auf die Position zurückziehe, dass jedes Video, das ich mache, aus meiner Sicht nicht die Aufgabe haben kann, Verlagen wirklich dabei behilflich zu sein, ihr Denken weiterzuentwickeln. Ich sortiere sie notgedrungen in die Abteilung „meine eigenen Lernschritte“ ein. Ich muss weiterkommen mit diesem Zeug. Egal, ob die potenziellen Auftraggeber ebenfalls weiterkommen oder nicht.

Es mag der Tag kommen, an dem ich sagen kann, wir haben es tatsächlich geschafft, das zu überwinden, was meistens wie Fernsehen für Arme aussieht. Dass wir dahin kommen und zeigen können, dass wir im Umgang mit Kamera und Mikrofon viel gelernt und viel kapiert haben – von den filmischen Mitteln und Notwendigkeiten, die wir ja – theoretisch – zur Verfügung haben. Aber der Tag ist noch nicht da. Ich hatte das Gefühl, ich war im Frühjahr ziemlich nahe dran und habe das in einem Blog-Text, der auch auf Carta publiziert wurde, zumindest angedeutet.

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Auch weil ich mit diesem Foto in dem Moment das Sinnbild dafür gefunden hatte: Alles alleine bewältigt. Alles alleine geschleppt. Alles alleine gedreht. Alles alleine musikalisch und mit Schriften angereichert. Alles alleine geschnitten. Ein Video, das bei YouTube inzwischen auf eine rechtschaffen ansehnliche Zahl von 5000 Klicks zusteuert.

Das wird das nächste Video übrigens nicht schaffen. Aber das macht nichts. Deshalb habe ich es nicht produziert. Es ist auch keine Arbeit für eine Redaktion in Deutschland oder der Schweiz, sondern für einen kleinen amerikanischen Verlag, der den hochtalentierten Schriftsteller Jim Herity publiziert hat, und dessen Buch – ein Roman-Debüt in den USA – immerhin bereits einen recht respektablen Preis gewonnen hat. Der Roman ist sehr lesenswert. Amazon sollte in der Lage sein, es über den Teich zu schippern.

Das Gewürm muss seine Arche selber bauen

Der selbstkritische “Innovation Report” der New York Times zeigt, wie schwer es ist, ein altes Medienunternehmen vor der digitalen Sintflut zu bewahren. Aber er liefert gleichzeitig Grund für die Hoffnung, dass die beste Zeitung der Welt nicht untergeht, wenn sie den notwendigen und hier skizzierten Kulturwandel tatsächlich hinbekommt. Ob die deutschen Verlage daraus etwas lernen, steht auf einem anderen Blatt.

Vor ein paar Wochen war ich mit dem Auto in Maine unterwegs, um ein Projekt zu realisieren, das man mit Fug und Recht multimedial nennen könnte. Ich habe Bewegtbilder fürs Fernsehen gedreht, aus dem Material ein Video für den YouTube-Kanal eines Sportverbandes geschnitten, in dem rund 50 unterschiedliche Kameraeinstellungen verarbeitet sind. Die Tonaufnahmen flossen in einen Radiobeitrag ein und natürlich warf das eingeholte lange Interview noch ein paar Zeilen für einen Print-Text ab.
Wie man das heute so macht, habe ich mit dem Trip auch noch die Social-Media-Plattformen bespielt, die ich seit ein paar Jahren nutze. Unter anderem mit einem Foto, das ich morgens in Portland gemacht hatte, weil ich ziemlich stolz darauf war, meine gesamte Ausrüstung – Kamera, Stativ, Licht, Mikrofone, Computer und die Tasche mit der Garderobe zum Wechseln – in einer einzigen Aktion aus dem Hotelzimmer zum Parkplatz herausgeschleppt zu haben. Dem Handkarren sei Dank.20140516-115115.jpg

Das Bild ist für mich mehr als das Symbolfoto für das Schicksal des Multimedien-Arbeiters, der aus Mangel an Ressourcen alles irgendwie alleine bewerkstelligen muss (wozu auch die Vorfinanzierung gehört und die Terminplanung sowie die Anschaffung der Geräte). Es ist die Erinnerung daran, dass unsereins selbst das Nachdenken über Inhalte und deren Umsetzung in den klassischen und noch-nicht-so-klassischen Medien alleine bewerkstelligt. Wenn man so will: Auch das schleppt man in diesen Taschen und Koffern und Rucksäcken mit sich herum.

Dabei wäre es viel besser, sich in Sachen Zukunft auf langen Autofahrten nicht nur mit sich selbst zu unterhalten, sondern sich mit anderen auszutauschen. Das ist mir einmal mehr klar geworden, als ich am Donnerstag den Innovation Report 2014 der besten Zeitung der Welt las. Den hatte jemand in der New York Times kurz zuvor der Internet-Infomaschine BuzzFeed zugespielt.

Der New York Times geht es nicht gut. Sie leidet unter wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Unter Führungskrisen. Und unter einer ganz bestimmten Beklemmung, weil sie nach mehreren Jahren noch immer nicht den “Kulturwandel, der für den Umstieg ins Digitale notwendig ist”, vollzogen hat. So stand es im Vorspann zu der großen Geschichte von Joshua Benton, dem Begründer des Nieman Journalism Lab, über den Innovation Report.

Kulturwandel ist schwer. Selbst wenn er von den sozialdarwinistischen Mechanismen des Kapitalismus erzwungen wird. Trotzdem erwischt man sich immer wieder dabei, dass man staunt, warum er ausgerechnet in einer angeblich so kreativen Branche wie dem Journalismus nicht von innen heraus passiert. Nun: Die New York Times versucht es. Weshalb man Benton Recht geben möchte. Die Selbstbespiegelung der Redaktion ist wirklich “eines der Schlüsseldokumente dieses Medienzeitalters” geworden. Denn sie benennt nicht nur auf eine bewundernswerte Weise auf der Basis von zahllosen Einzelinterviews die unterschiedlichen Schwachstellen der gegenwärtigen Lebensform. Ein verwirrendes Dasein, das mich unweigerlich an das aus zahlreichen alten Nachbarhäusern zusammengefügte und zusammengewachsene, verschachtelte Verlagsgebäude erinnert, in dem ich vor einiger Zeit als Journalist angefangen habe – alles zusammengepfercht unter einem Dach: die Bleisatz-Abteilung, die Druckerei, die Rotationsmaschine, die Buchbinderei. Ein kleines Labyrinth mit vielen Treppenhäusern, einem Gemenge aus vielen Gerüchen und einer Kakophonie unterschiedlicher, lauter Geräusche.

Dieses Dokument zeigt auch, wie ein Traditionsunternehmen überhaupt nur den schleichenden Untergang vermeiden kann: Durch eine rigorose Selbstbefragung. Durch das Anzapfen ganz vieler Leute mit Ideen. Und durch das Bewusstsein, dass die unmittelbare Konkurrenz für eine Redaktion mit über 1000 ziemlich klugen Journalisten gar nicht die wirkliche Konkurrenz ist. Für die New York Times etwa ist nicht das auflagenstärkere Wall Street Journal zum Beispiel das Problem, obwohl das von Rupert Murdoch nach seiner Übernahme konsequent gegen die Times positioniert wurde. Es sind die neuen Geschöpfe im Medienzoo mit anderen Ansprüchen und anderen Vorstellungen davon, wie man ein Massenpublikum erreicht (und dabei auch noch Geld verdient).

Was einem spätestens ab da klar sein sollte, wenn die eigene Website mit einer selbst recherchierten Geschichte weniger Klicks einfährt als ein Aggregator wie die Huffington Post, der dasselbe Material einfach nur nacherzählt und keinen müden Euro in die Erarbeitung und leserfreundliche Umsetzung des Themas gesteckt hat.

Auf den ersten Blick deprimiert einen vermutlich dieser Report. Erst recht, wenn man sich vergegenwärtigt, um wieviel weiter zurück die deutschen Presseverlage sind. Eine Szene, die einen an die Ereignisse erinnert, kurz bevor die Arche Noah in See stach. Alle scheinen zu hoffen, dass es auch bei dieser Sintflut so kommt, wie damals, als der 600 Jahre alte Noah und der liebe Gott einen Plan hatten: “Von den reinen Tieren und von den unreinen, von den Vögeln und von allem Gewürm auf Erden gingen sie zu ihm in die Arche paarweise, je ein Männchen und Weibchen”.

Man hat das Gefühl, in Deutschland wartet eine ganze Zunft auf die entscheidende göttliche Anweisung sowie auf ein Rettungsboot und einen Kapitän, der’s organisiert.

Dabei funktioniert das Überleben der eigenen Art im Normalfall ganz bestimmt nicht so. Selbst wenn, wie im Fall der New York Times der Verlegersohn Arthur Gregg Sulzberger an der Spitze des Gremiums steht, der Kapitän in spe, und offensichtlich “die Probleme versteht, mit denen die Institution konfrontiert ist” (Benton). Die Arche muss das Gewürm wohl noch immer selber bauen.

Nützliche Anregungen für deren strukturelle Qualität findet man in den Bericht zuhauf. Ob sie umgesetzt werden, steht auf einem anderen – Verzeihung für den Kalauer – Blatt. Dies sind die zwölf wichtigsten Erkenntnisse:

1. Selbst die New York Times, die jede Menge Leute in Bereichen wie Research and Development, Mobillösungen, Grafik und Technik beschäftigt, leidet darunter, dass die Zeit und Energie fehlt, größere Lösungen und konzeptionelle Überlegungen anzuschieben. Die Tagesarbeit frisst die Leute auf. Und Fragen wie „Was müssen wir ändern? „Wie sieht die Zukunft aus?“ werden verdrängt.

2. Strategisches Denken in Sachen Vermarktung und Monetarisierung gibt es im Newsroom so gut wie nicht. Überhaupt gilt der Newsroom als defensiv, risikoscheu und ein Kraftfeld, aus dem heraus meistens eher blockiert wird statt experimentiert.

3. Die Berührungsängste sind enorm. In anderen, neuen digitalen Medienhäusern hingegen scheuen sich deren Repräsentanten nicht davor, sich mit Konkurrenten aus anderen Läden auszutauschen. Es ist eine Methode, um auf innovative Erkenntnisse zu stoßen, die man anschließend in die eigene Arbeit einfließen lassen kann.

4. Was die Geschwindigkeit angeht, mit der die Zeitung reagieren muss, um Leser anzulocken und zu halten, hat die New York Times als klassisches Sammelgefäß mit vielen Themengebieten mehr als einen Konkurrenten im Visier. Auch ein Problem. Manche lassen sich leichter in Schach halten als andere. Im Sport angesichts solcher Giganten wie Yahoo oder ESPN wird das schon viel schwieriger. Tatsächlich ist intern der Kampf um die Frage, was man für die gedruckte Ausgabe einen Tag später übrig lässt und was man digital so gut wie komplett abfrühstückt, noch immer nicht entschieden. Dabei geht es gar nicht mehr so sehr um das Konzipieren von Geschichten, die man noch für den nächsten Tag bereit halten sollte, sondern bereits um solche, die man in der nächsten Stunde nach Bekanntwerden der News nachlegt.

5. Ähnlich wie in Deutschland, wo die Hoodie-Fraktion neulich einen Candystorm in Sachen SZ und deren Online-Chef Plöchinger entfachte, fühlen sich die Onliner bei der Times als Journalisten und Medienarbeiter zweiter Klasse. Karrieremöglichkeiten? Nein, nicht so wirklich.

6. Auch heute gibt es bei den Ressortleitern und in der Chefredaktion eine Fixierung auf die Titelseite. Das mag für die Printausgabe noch angehen. Aber, hallo, leider verliert auch die Home Page im Webkonsum der Leser mehr und mehr an Bedeutung. Und je höher der Social-Media-Konsum der Nutzer desto mehr.

7. Journalisten müssen begreifen, was es bedeutet, die eigene Arbeit zu promoten und über die bestmöglichen Kanäle weiterzuempfehlen. Aber das kann man nicht Spezialisten von der SEO-Fachschaft überlassen. So kommt man eben nur auf 10 Prozent Twitter-Traffic statt 60 Prozent wie BuzzFeed. Was gebraucht wird: natürlich Journalisten, aber solche, die keine Angst davor haben, dass, sobald die strikte Trennung von Redaktion und Verlag und damit auch der Anzeigenabteilung überdacht wird, ihre journalistische Unabhängigkeit in Frage gestellt wird.

8. Es ist Verschwendung, wenn man dem Nutzer nicht die Perlen aus dem riesigen eigenen Archiv anbietet, insbesondere wenn sich das aufgrund aktueller Ereignisse eigentlich aufdrängt.

9. Was die Autoren im Feuilleton machen, schreit geradezu nach Zusammenfassungen und Verlinkungen und vor allem nach Ratgeberformaten und Überblick-Seiten.

10. Selbsterkenntnis beginnt an vielen Stellen. Zum Beispiel hier: “Wir neigen dazu, unsere Ressourcen in große einmalige Projekte zu stecken und uns durch die technischen Schwierigkeiten, die entstehen, durchzuwursteln. Was wir übersehen ist die nicht so glamouröse Arbeit, Tools, Templates und generelle Lösungen zu entwickeln, die den Journalisten helfen können, Zeit zu sparen und die Berichterstattung aufwerten. Replizierbarkeit wird von uns unterbewertet.”

11. Um herauszufinden, was die einzelnen Nutzer gerne lesen und was sie im konkreten Fall womöglich übersehen haben und gerne empfohlen hätten, muss man Dialog-Formate schaffen.

12. Dass die Times nicht etwas auf die Beine stellt wie TED Talks, ist ein starkes und symptomatisches Minus. Nicht nur was die Einnahmemöglichkeiten angeht, sondern auch den Werbewert. Aber das kommt davon, wenn man seine eigene Arbeit immer nur in einem engen Rahmen definiert.

Das ist nicht alles, was der Report bereit hält, weshalb ich jedem nur empfehle, zur Abwechslung mal den Konsum anderer Informationen zu drosseln und dieses Dokument zu lesen. In diesem Fall gilt tatsächlich: Lesen bildet.

Auf den Schlips getreten

JK SchlipsDisclaimer: In den nächsten Zeilen ist jedes Wort ganz genau abgewogen und abgezirkelt. Denn dies ist ein Text, der einerseits vermeiden möchte, von Menschen falsch verstanden zu werden, die sich in ihrer Ehre als Journalist gekränkt fühlen könnten. Aber er soll gleichzeitig ein Beitrag sein, um die Kirche wieder ins Dorf zu holen.

Das Thema ist schnell skizziert: Journalisten unterschiedlicher Provinienz haben in den letzten Tagen Selbstporträts verbreitet, in denen sie ihre Kapuzenjacke zur Schau stellten und je nach Stimmungslage ein mal mehr, mal weniger grimmiges Gesicht. Was macht man nicht alles, um seiner Twitter-Timeline immer wieder etwas Neues zukommen zu lassen?

Kaum auf Touren gekommen, wurde die Bilder-Kampagne mit hochschwangeren Wörtern versehen. Der Tagesspiegel taufte den Vorgang eine “Debatte”. Andere nannten das Spontangeschehen eine “Twitter-Welle von Solidarität”. Ja, so weit sind wir gekommen, dass wir das Verhalten von Seilschaften und kleinen Interessensgruppen in der Kommunikationsindustrie mit Begriffen adeln, die nichts mit dem Vorgang selbst zu tun haben.

Debatte? Das war doch eher Comedy. Solidarität? Mit wem oder was?

Weil die Sache nach einem Oberbegriff giert, möchte ich einen vorschlagen: Geisterbahn. Das ist diese große Kirmes-Bude, in der im Dunkeln ein paar Meinungsmacher das Ersteigen von Karriereleitern und das Antichambrieren erfolgreicher Aufsteiger zu einem Ereignis mit Relevanz-Verdacht umdeuten und den Rest der Branche da draußen zu einer Fahrt durch die Galerie der Schreckgespenster einladen.

Wenn man, so wie ich das tue, die Online-Facette von Journalismus schon seit ein paar Jahren ernst nimmt und mit Bloggen und Twitter und Instagram und mit der Arbeit an Online-Videos schon ziemlich gut dabei ist, kommt man bei solchen Geisterbahn-Spektakeln immer wieder ins Grübeln.

Gewiss. Debatten sollten wir tatsächlich führen. Aber richtige. Über die Honorierung von Online-Journalismus zum Beispiel und das Bezahlen von Kosten, die entstehen, wenn man rausgeht und recherchiert. Und Solidarität sollten wir tatsächlich üben, aber auf breiter Basis, um vielleicht mal endlich solche Stichwörter wie Arbeitskampf in die Runde zu werfen und mit Konsequenzen zu drohen.

Nur was steht statt dessen immer wieder auf der Agenda? Auch so eine Art Kampf. “Kulturkampf” nannte etwa Jens Rehländer das
@ploechinger-Dramolett am Montag in seinem Blog und stellte den Kollegen Harald Staun von der FAS kurz in den Stiefel.

Das kann man machen, aber ich hätte eigentlich lieber eine Einordnung von Jens Rehländer gelesen, die seine eigene Kolumne von vor ein paar Tagen noch einmal ins Spiel bringt, um dem ganzen Sachverhalt auf diese Weise ein paar Watt mehr Licht zu spenden.

Da stand, sehr gut begründet, eine zentrale Aussage, mit der sich das Dilemma der aktuellen Strukturkrise in den Medien nachvollziehen lässt: Großverlage können keine Innovation (er schrieb im Plural, der Singular wäre genauso korrekt, wenn nicht sogar prägnanter). Die Verlage können allerdings durchaus ihren Mitarbeitern und der Welt da draußen immer wieder etwas vorgaukeln. Die Macht haben sie, dass sie so tun können, als hätten sie Lösungen für die Zukunft im Ärmel. Ich tippe mal, das geht nicht weiter als solche Reflexe wie die Bestallung von “Internetexperten” in führende Positionen von großen Redaktionen wie der Süddeutschen Zeitung. Irgendwann wird man auch die Integration der zwei Hauptplattformen Print und Online hinbekommen haben und die allzu großen Reibungsverluste in der täglichen Arbeit abgebaut. Innovation ist das allerdings nicht, sondern es handelt sich dabei schlichtweg nur um eine verspätete Anpassung des Workflow an die magnetischen Kräfte des Universums.

Staun hat darauf übrigens selbst aufmerksam gemacht, wie man eine solche Entwicklung einordnen sollte. Und zwar in einem Twitter-Text: “Das ist doch Steinzeit: die Vorstellung, dass die Front
zwischen Print und Online verläuft”. Mal sehen, ob er zu diesem Gedanken demnächst noch etwas ausführlicher das Wort ergreift. Ich wäre darauf jedenfalls gespannt.

Die Front verläuft in unser Branche tatsächlich ganz woanders. Wie man immer wieder an der Zeit sehen kann, die mit ihrer Geschichte über die Karriere des Chefredakteurs von sueddeutsche.de (und seine angeblichen journalistischen Schwächen) die entscheidende Rolle in dieser Angelegenheit gespielt hat. Dasselbe Haus, das anderntags einen freien Online-Mitarbeiter aus Russland zu schassen beliebte, nachdem er von einem festangestellten Journalisten von der Funke-Mediengruppe (WAZ etc.) über Twitter zur Zielscheibe gemacht worden war. Muss man erwähnen, dass es sich um eine Mediengruppe handelt, die ihr Geld damit verplempert, sich auf Pump noch mehr Zeitungstitel zu kaufen? Und die dadurch immer größer wird, aber natürlich nicht innovativer?

Die Frage, ob Stefan Plöchinger ein Journalist ist (oder eher ein Manager), verblasst daneben. Genauso wie die Frage danach, welches Weltbild der Medienredakteur der FAS hat und ob sich das aus einer Handvoll von Buchstaben tatsächlich herausfiltern lässt. Leute, die Spaß haben am Durchflöhen von Tumblr-Seiten mit Selfies und Gossip-Geschichten aus der Journo-Welt werden wohl niemals müde werden, ihre Interpretation solcher Kinkerlitzchen hochzuspielen. Und so vergeht die Zeit. Und so verpufft die kreative Energie.

Es ist ein Reflex, der allerdings ganz gut die Gefühlslage einer frustrierten Medienarbeiter-Generation widerspiegelt, die prekär ist und mit jedem Tag schlechter wird. Und die natürlich noch verstärkt wird, wenn sie erkennen muss, dass ihnen die etablierten Kollegen keine vernünftige Karriereperspektive gönnen nach all dem Ackern in einem Milieu rapide sinkender Profitabilität.

Klar. Da fühlt man sich auf den Schlips getreten. Auch wenn man keinen hat. Oder nicht mehr trägt.

Jahresrückblick mal anders

ImageFünfzehn Radiobeiträge aus dem ablaufenden Jahr und zwölf Musikstücke aus der eigenen Produktion, um die vielen unterschiedlichen Themen hinreichend voneinander zu trennen – daraus besteht mein erstes Jahresrückblick-Album. Ein ziemlich volles Programm, das über insgesamt 90 Minuten läuft (der Informationsanteil überwiegt deutlich und liegt bei rund 80 Prozent). Weil es ein Experiment ist, vermag ich nicht zu sagen, ob diese Zusammenfassung tatsächlich Menschen interessiert, die neugierig auf die USA sind und die hiesige Kulturlandschaft. Aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

Früher hätten vermutlich Sportthemen einen solchen Mix dominiert. In diesem Jahr sind es Themen zu Kunst und Museen, Kultur und Literatur und Musik. Oft mit Querverbindungen zu aktuellen politischen Strömungen – wie in dem Stück über die Schriftstellerin und Pseudophilosophin Ayn Rand oder in dem Beitrag über den amerikanischen Exzeptionalismus. Mich haben in diesem Jahr Fragen und Diskussionsansätze beschäftigt, wie ich sie vor einer Weile in Texten für Zeitschriften wie die Gazette oder Feld Hommes behandelt habe. Fürs Radio geht man selbstverständlich anders ran. Es geht jedes Mal darum, authentische Stimmen einzusammeln. Und manchmal auch darum, atmosphärische Stimmungen mitzubringen. Was mehr Aufwand bedeutet, aber lohnend ist.photo-1Was gibt es im Angebot? Gespräche mit Professoren wie Morris Berman, einen der schärfsten Kritiker des imperialen amerikanischen Größenwahns. Und mit solchen, die sich mit Hollywood und den Nazis beschäftigt haben. Mit Architekturkritikern wie Paul Goldberger, der für Vanity Fair schreibt und den Status eines Starkritikers von Ada Louise Huxtable übernommen hat, deren Nachruf ich im Januar für die Sendung Fazit auf Deutschlandradio Kultur produziert habe (wir hatten uns eine Zeit lang vor ihrem Tod ausführlich unterhalten, auf der CD war allerdings kein Platz mehr für dieses Stück). Außerdem: Ich habe die beste Tortenbäckerin Amerikas porträtiert, die aufstrebende Münchner Band Claire in den Straßen von Downtown New York interviewt und mich mit dem Buchautor Alan Light im Central Park getroffen, wo wir uns über sein Buch unterhalten haben, das das erstaunliche Leben des Leonard-Cohen-Songs Hallelujah schildert. Der Anlass war gut gewählt. Im letzten Jahr war Cohen auf Tournee in Deutschland. Obendrein konnte ich im Frühjahr in Chicago einen Mini-Scoop landen: Ich war der erste, der mit dem Physiker geredet hat, der nachweisen kann, das Picasso teilweise mit Wandfarbe gearbeitet hat. Die Besonderheit. Wir haben uns in seiner Muttersprache Deutsch unterhalten. Dr. Rose lebt zwar in den USA, kommt aber aus Aachen.

Das Jahr ist noch nicht zu Ende. Weshalb ich mich freue, dass am 25. Dezember die Sendung mit dem Titel Der amerikanische Traum laufen wird, (ab 17.30 h auf Deutschlandradio Kultur). Das 30 Minuten lange Stück wird in der sehr verdienstvollen Reihe Nachspiel ausgestrahlt, der einzigen Plattform im deutschsprachigen Raum, in der Sportthemen wirklich umfassend und gründlich abgehandelt werden. Es ist meine fünfte Sendung für die Reihe, in der ich mich mit Halls of Fame, den Eskimo Olympics, Snowboard-Marktführer Burton und der Champions Tour der Golfer in den USA beschäftigt habe. Um was geht es in diesem amerikanischen Traum? Um junge deutsche Sportler, die in einer wachsenden Zahl in den USA Erfolg haben. Und das selbst in solchen uramerikanischen Sportarten wie Baseball und Football. Für die Sendung habe ich im Laufe der letzten Monate viele bemerkenswerte Sportler, Berater und Ex-Profis getroffen und interviewt. Im Sommer in Seattle konnte ich zum Beispiel Detlef Schrempf treffen, der als erster NBA-Spieler aus Deutschland in seinem Heimatland so etwas wie Begeisterung für diese Liga ausgelöst hatte. Das Interview fand auf dem Golfplatz statt, auf dem gerade sein großes jährliches Benefiz-Turnier lief. Schrempf hat für eine seit 20 Jahren bestehende Stiftung im Laufe der Jahre mehrere Millionen Dollar an Spenden gesammelt und an gute Zwecke weitergereicht. Wir ritten zusammen im Golf-Cart über die Anlage.

Donald Lutz, der mehrere Wochen lang bei den Cincinnati Reds die Luft der obersten Baseball-Liga inhalieren durfte, habe ich in der Umkleidekabine im neuen Stadion der New York Mets getroffen. Ich war aber auch in Regensburg, weil ich mich für die Anstrengungen dort rund um das Baseball-Internat interessiert habe. Und ich habe zwischendurch die College-Basketballer der University of Connecticut besucht und mich mit den drei jungen Deutschen unterhalten, die zu einer wachsenden Gruppe von Talenten gehören, die von College-Trainern amerikaweit angeworben werden.

Natürlich hätte es Gründe gegeben, sich ebenso intensiv mit deutschen Eishockeyprofis zu beschäftigen, die in der NHL arbeiten. Oder auch mit einem Footballspieler wie Sebastian Vollmer. Aber mit dem habe ich mich schon vor einer Weile abgemüht und festgestellt, dass er keine Lust hat, sich zu öffnen und einem die Faszination für das brutale Spiel zu erklären. Da bringt man nicht viel mit nach Hause. Leider. Deshalb war ich froh über Markus Kuhn, der nach einer längeren Verletzungspause wieder bei den New York Giants an seiner Karriere in der NFL arbeitet. Er ist der Musterfall eines Athleten, der aus seiner Begeisterung kein Hehl macht. Ein Typ, der unglaublich sympathisch rüberkommt.

Die Sendung schlägt aber auch ohne die, die fehlen, einen großen Bogen und hat mir gestattet, die vielen Sportthemen, mit denen ich mich in den letzten zwanzig Jahren in den USA beschäftigt habe, noch einmal neu aus dem Blickwinkel deutscher Athleten zu sortieren. Ich habe sie ja im Laufe der Jahre immer wieder getroffen – von Schrempf über Matthäus und Nowitzki bis Ehrhoff, Klinsmann und Kaymer. Aber nicht alle passen in das Profil einer solchen Sendung.

A propos Profil. In der Beschäftigung mit dem Thema bin ich auf eine Aussage des englischen Philosophen Bertrand Russell gestoßen, die erklären hilft, was im Kern am Sport in den USA und eigentlich an der ganzen Gesellschaft so anders ist. Wer wissen will, was der gute Mann einst geschrieben hat, sollte sich die Sendung anhören. Wer wissen will, wie der Jahresrückblick klingt, der unter dem Titel Objects in mirrors are closer than they appear auf CD erscheinen wird, möge sich melden.

Ein eingesperrter Reporter

Ich tippe mal, dass das Heft, das ich heute morgen in einem Stoß von alten Vinyl-Platten entdeckt habe, um die 35 Dollar wert ist. Ein Preis, der mit Angebot und Nachfrage zu tun hat, der Sammler interessiert und ein Konzept aus der Wirtschaftstheorie widerspiegelt, das mit dem wahren Warenwert einer Sache rein gar nichts zu tun hat.

Das Heft muss schon eine Weile unter den Alben gelegen haben. Denn ich kann mich nicht erinnern, wie und wann es in unseren Besitz gekommen ist. Egal. Das Heft – die Ausgabe des New Yorker vom 12. November 1938 – ist ein richtiger Fund. Rea Irvin hat das Titelbild gemalt, von dem ich nur das weiß, was bei Wikipedia steht. Was aber ziemlich nützlich ist, um den Stellenwert dieser Ausgabe einzuordnen. Er war ein wichtiger Mann in der Geschichte des Magazins. Zu seinen Hinterlassenschaften gehört der Schriftzug des Zeitschriftennamens. Jemand hat ausgezählt, dass er 169 Titelbilder produziert hat. Was heißt: Irvin muss vielseitig, schnell und beliebt gewesen sein. In seinem Strich steckte Humor.

Ich habe  diese Ausgabe – in diesem Herbst fast 75 Jahre alt – ganz gerne, aber ziemlich ziellos durchgeblättert. Doch die steckt auf ihren 100 Seiten voller Entdeckungen und bestätigt vor allem eines: Dass dieses Magazin schon damals eine raffiniert gemachte Mischung aus intelligentem Schreiben, witzigen Beobachtungen und kleinen Seitenhieben war, die einen ganz bestimmten Ausschnitt aus dem Leben von New York einfing und zelebrierte. Eine Facette des Journalismus, die so noch heute in dem Blatt weiterexistiert und die noch heute wirtschaftlich funktioniert.

Der Blick zurück offenbarte aber noch etwas mehr. Ich war in der Lage, eine gerade Linie zu ziehen zu den Erlebnissen einer anderen Generation, die 1938 noch mit mit dem Schiff nach Amerika reiste. Wie sich doch manchmal die Verhältnisse ähneln. Die alte Geschichte mit dem Titel „A Reporter Confined“  und die Erlebnisse eines  Flugzeugreisenden von heute, die zur Zeit im Netz viel verlinkt wird. Schon damals gab es Schwierigkeiten bei der Einreise. Und das selbst für Leute, die Nazi-Deutschland zu entkommen und in Amerika  ihre Haut zu retten versuchten. Einer der Hauptschauplätze war Ellis Island, eine Insel vor Manhattan, wo die Behörden einen riesigen Komplex betrieben, in dem missliebige Reisende inhaftiert werden konnten. John Strachey (ich nehme an: dieser John Strachey) schilderte im New Yorker damals, auf welche Weise er und eine Reihe von Mitmenschen behandelt wurden. Ihm wurde damals zur Last gelegt, so schrieb er, dass er sich auf betrügerische Weise ein Visum besorgt hatte. Er nutzte die Zeit und arbeitete in der Haft an einem Buch und schien die Zeit auf sarkastische Weise zu genießen. Wenn auch mit einer Einschränkung: „There is an even sharper edge to human anxiety on Ellis Island that elsewhere. For after all, this is the island of decision.“  Die Angst von Ellis Island schnitt tiefer und war schärfer als die ganz normale Sorgen, die sich Menschen um ihre Existenz machten. Denn die Entscheidung der Behörden darüber, ob man in die USA einreisen durfte oder nicht, bedeutete für einige den Unterschied zwischen Überleben und eine Rückkehr in Verhältnisse, die tödlich waren.

Zwei Wochen später druckte die Redaktion eine Stellungnahme des zuständigen Commissioners Rudolph Reimer, der sich über den Artikel beschwerte. „I’m trying to sell Ellis Island to the world as a place where order & happiness prevail, not as the hellhole of America“, schrieb er. Was aus dem Abstand von heute, wo man die Details nicht mehr nachrechechieren kann, wenigstens zwei Schlussfolgerungen zulässt: Der Artikel hatte einen wunden Punkt getroffen, und der New Yorker hatte dreizehn Jahre nach seiner Gründung einen Stellenwert im öffentlichen Leben erlangt, der sich nicht länger ignorieren ließ.

Wer weiß, ob eines Tages eine Webseite wie die deutschsprachige Ausgabe von Vice.com einen solchen Stellenwert erreichen wird. Irgendetwas sagt mir, dass es so weit nicht erst kommen wird. Die Kommentatoren fanden den wunden Punkt in dem fraglichen Artikel ziemlich schnell: Der Autor hatte so getan, als hätten die ziemlich unfreundlichen Beamten von Homeland Security Informationen über ihn zusammengetragen, die ihnen aus dem Archiv der NSA zugespielt worden waren. Dabei waren diese Erkenntnisse über das Leben des Autors wohl bereits durch einfaches Googlen ausfindig zu machen. Natürlich hätte diese Enthüllung den Wert der Geschichte mitsamt der Headline („America knows everything“) gekillt. Und so musste sie einer anderen Deutung weichen. A propos „weichen“: Von der Facebookseite, auf der die Info bis vor einiger Zeit noch nachzulesen waren („US Tour Updates: August 18th Trip Santa Montica….“), ist sie mittlerweile verschwunden. Was sicher weder von der NSA noch Homeland Security oder von Facebook veranlasst wurde.FirefoxScreenSnapz001

Aus dem Schotten John Strachey übrigens, ein ziemlich talentierter Schreiber und damals ein ausgewiesener marxistisch-leninistischer Theoretiker, wurde noch ein erfolgreicher britischer Politiker, der für die Labour Party einen Wahlkreis im schottischen Dundee gewann und bis zu seinem Tod Anfang der sechziger Jahre im House of Commons saß. Was aus dem jungen Journalisten und Musiker wird, der zur Zeit in London Philosophie studiert, vermag man nicht zu prophezeien. Viele haben mal klein angefangen und dann wurde doch noch was aus ihnen.