Archiv der Kategorie: Komponieren

Da ist Musik drin

Sonntag war Nachspielzeit. Womit das lange Radiostück gemeint ist, das in der gleichnamigen Reihe von Deutschlandradio Kultur lief. Das hatten neben Lance Armstrong vor allem seine Seilschaften, Mitwisser und Mittäter im Blickwinkel. Und sollte den Komplex aktuell um jenen Gedanken erweitern, den der Doping-Experte Hajo Seppelt in der Sendung so formulierte: „Da gab es genug, die geschwiegen haben, die mit Armstrong kollaboriert haben, die davon auch profitiert haben. Es ist schon so, dass wir in der öffentlichen Wahrnehmung dazu neigen, dieses auszublenden. Das ist wirklich ein Skandal, der noch nicht zu Ende ist.”

Wer das Ganze nachholen und nachhören möchte, kann das noch eine Weile tun. Der Sender hat das Manuskript und die fertige Produktion mit Sprechern, Interview-Segmenten und Musiken hochgeladen. Weil der Skandal noch nicht zu Ende ist, werde ich mich sicher auch in der Zukunft mit dem Thema beschäftigen. Und zwar je nach Nachrichtenlage und Brisanz. Ich nehme mal an, der Kinofilm, der laut Hörensagen den doppeldeutigen Titel Icon hat („I con“ heißt auf Englisch frei übersetzt „ich trickse andere aus“, con artists ist der Begriff für Hochstapler), wird uns alle demnächst auf jeden Fall noch einmal auf die Sache zu sprechen kommen lassen.

Vielleicht werde ich jedoch etwas anderes zu den Akten legen: Ich habe für die Sendung mehrere Instrumentalmusiken aus meiner Produktion verwendet, die man getreu eines alten Gedankens aus der künstlerischen Sphäre nur einmal einsetzt und danach nie wieder. Das hat Tradition. Zum Beispiel bei Filmmusik. Kein Mensch würde in dem Genre auf die Idee kommen, solche Hinzufügungen zum kreativen Ensemble noch einmal als Erkennungsmerkmal eines anderen Films einzusetzen. Je nach Bekanntheitsgrad werden sie allenfalls zu Stoff für Parodien. Sie sind mit dem Werk untrennbar verschmolzen.

Ich verstehe, wie so etwas passiert. Denn irgendwie hängen wir alle an einem Kunstbegriff, in dem Originalität eine wichtige Rolle spielt. Selbst bei einer Kunstgattung, die qua Gestaltungsabsicht erst noch aufgeführt werden muss, damit sie überhaupt hörbar wird. Wir versuchen auch nicht dieselben Gedanken noch mal zu Papier zu bringen und zu publizieren. Wir wollen, wo es geht, originär sein und originell.

Das Konzept und die Haltung dahinter sind anspruchsvoll und reizvoll. Aber so einfach ist das alles gar nicht. Nicht, dass es mir an Ideen mangelt. Wen es interessiert, dem verrate ich gerne, dass ich im Laufe der letzten Jahre mehr als 400 Musikstücke komponiert habe, von denen etwas mehr als 50 über die eine oder andere Schiene medial (in Videos, in Radiosendungen, in Podcasts) verwertet wurden. Sie sind damit Teil eines eines ganz spezifischen atmosphärischen und gestalterischen Kontexts geworden. (Videobeispiele auf meiner Webseite americanarena.net) 

Es sind so viele Musiken, weil ich ständig zwischendurch neue Sachen entwerfe. Musik machen entlastet und entspannt die andere Seite des Gehirns ungeheuer, die den sprachbasierten journalistischen Output produziert.

Trotz dieser Menge und Vielfalt habe ich einige wenige Stücke schon mehr als einmal irgendwo untergebracht. So wie am Sonntag im Nachspiel, in dem ich mich für den Einstieg und einen weiteren atmosphärische Farbtupfer bei Material bedient habe, das ich vor wenigen Wochen (damals neu und frisch) eigens für dieses Video geschrieben habe – ein Interview mit dem amerikanischen Schriftsteller Jim Herity. Ein weiteres Stück hatte ich vor ein paar Jahren für das Video über einen österreichischen Architekten komponiert. Ich bin mir relativ sicher, dass diese Klangbeispiele zwar in ihrem visuellen Kontext bestens passen, aber dass sie auch so etwas wie eine universellere Einsetzbarkeit besitzen (zumindest für den Rundfunk, wo wir keine Bilder haben und die Funktionalität von Musik einen etwas anderen Zuschnitt hat.

Allerdings gibt es in der Armstrong-Sendung auch etwas ganz Neues, sozusagen exklusiv: die Musik am Ende.

Die hat, das ist so Usus, nämlich tatsächlich eine sehr eigene, radiospezifische Funktion zu erfüllen. Sie soll zum Schluss etwas von der Stimmung des Features mitnehmen, aber so angelegt sein, dass sie anschließend einem Sprecher erlaubt, eine Moderation draufzusetzen. Und sie soll quasi jeder Zeit ausklingen dürfen. Sie ist der Puffer für die Zeit, bis die nächste Sendung anfängt. Das heißt, sie braucht ein gewisses Tempo, gewisse Klangfarben und eine Emotionalität, die eher Bewegung signalisiert als Stillstand. Sie ist Endsignal und Übergang in einem.

Ich habe für beinahe alle Nachspiel-Sendungen, die ich in den letzten Jahren erarbeitet habe – über die Halls of Fame im Sport, die Eskimo-Olympiade, das Trend-Brett Snowboard – solche Ausklangmusiken geschrieben. Auch weil ich auf dem Markt der vorhandenen Stücke fast nie etwas finde, was ich für wirklich passend halte. Das soll nicht anmaßend klingen. Theoretisch muss man nur lange genug suchen. Aber dazu habe ich ehrlicherweise keine große Lust. Die Lust verwende ich lieber auf die Kreativität, etwas Neues zu erschaffen. Etwas, was dann tatsächlich originär ist, keine Konfektion aus dem Kaufhaus der Klänge. Etwas, was im optimalen Fall vorher im öffentlichen Rahmen noch niemand gehört hat.

Manchmal wünscht man sich, dass diese Arbeit mal jemand zur Kenntnis nimmt, ja, das vielleicht sogar jemand käme, der sagt: Hey, kannst du uns/mir nicht auch eine Musik stiften, die funktional und inspirierend ist und einen zum Zuhören animiert? Aber damit sollte ich bis auf weiteres nicht rechnen. Mit solchen Klängen am Rand zur Unaufdringlichkeit bewegt man sich wie ein gesichtsloser Typ in einer Masse. So wie wenn man durch die Straßen von New York läuft, wo einen auch keiner anspricht und keiner einen kennt. Auf der anderen Seite: Warum nicht wenigstens hier in diesem Blog mal darüber reden? Und ein paar Beispiele vorführen, die womöglich die eine oder andere Reaktion produzieren. Kann nicht schaden. Oder?Audacity Screen Shot "Nachspiel Armstrong alle Musiken"

Diese ist die Ausklangmusik vom Sonntag. Titel: 4tilehuffed

Dies ist das Stück, mit dem die Sendung Museen, Medaillen, Mythen zu Ende ging. Es heißt Cooperstown.

Die Eskimo-Olympiade und die Musik, die sie in Alaska spielen, inspirierte mich zu diesem Stück: Down the Chena River

Dies ist der Ausstieg aus der Trend-Brett-Sendung. Der Titel When You Push Me I Won’t Fall

Tatsächlich habe ich diese drei Musiken noch nie irgendwo anders eingesetzt und würde das wahrscheinlich auch inhaltlich und innerlich gar nicht hinbekommen. Irgendwie sind sie hier genau richtig platziert und würden woanders sicher längst nicht so gut passen. Ähnlich geht es mir bisher mit den Titelmusiken, die ich Videos verwendet habe. Sie sind Signaturmerkmale geworden, die sich nicht einfach verpflanzen lassen. Es sei denn, es kommt der Tag und jemand sieht oder besser hört das anders. Ich bin gespannt, ob das jemals passiert.

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C418, Minecraft und die Resultate einer Recherche

Es gibt keine verbindliche Leitlinie für journalistische Recherchen. Nicht mal einen vernünftigen Kompass. Man sucht. Man findet. Man interviewt. Man schreibt oder produziert (wie in diesem Fall). Aber das heißt nicht, dass es nicht Redaktionen gäbe, die das Gefühl verbreiten, dass es so etwas gibt wie den verbindlichen Leitfaden. Weshalb so vieles an journalistischer Arbeit so kalkuliert und berechenbar ist und am Ende auch so rüberkommt.

Solche Konventionen haben eine erhebliche Bremswirkung, wie ich in den letzten Monaten mal wieder feststellen konnte, weil ich von meinem Standort New York aus eine faszinierende Erfolgsgeschichte ausfindig gemacht hatte, die mich zu einem jungen Komponisten führte, der in Chemnitz bei seinen Eltern lebt und nicht im Telefonbuch steht, sich nicht auf jede Email meldet, die man an seine Webseite schickt. Und der überhaupt so gar nicht an dieser Inszenierung aus Ruhm und Ehre interessiert scheint, die Teil der Medienmaschinerie ist.

avatars-000000151396-5f160a-cropDas Porträt über C418 – so nennt er sich im Internet – kann man seit heute online nachlesen und nachhören. Es wurde in der Sendung Corso beim Deutschlandfunk ausgestrahlt. Wie es überhaupt dazu kam, ist eine faszinierende Geschichte in sich selbst: Die Geschichte einer ungewöhnlichen Recherche, die in New York begann und über Paris und Köln bis nach Sachsen führte. Ein Weg, auf dem ich drei komplett unterschiedliche Radiogeschichten einsammeln und sehr viel über eine Szene heraufinden konnte, von der ich bis dahin nur wenig wusste.

lvcakeEs begann vor ein paar Monaten mit einer Ubahn-Fahrt nach Brooklyn. Mein Teil der Welt, in der eine Menge von dem passiert, was andere interessiert. In Brooklyn – dort sitzt in einem kleinen Laden an der Washington Avenue eine junge, sehr erfolgreiche Tortenbäckerin mit einem Stab von Angestellten, die unter dem Namen BCakeNY ganz Erstaunliches fabrizieren. Das hatte nur einen gewissen Neuigkeitswert, denn Miriam Milord war zuvor bereits vom ZDF und von Spiegel Online porträtiert worden. Es ging also darum, fürs Radio dem Thema noch die eine oder andere Facette abzugewinnen. Das Resultat klingt so.

Bei der Produktion des Beitrags stolperte ich über Musik, die mir völlig unerwartet das Tor zu einem ganz anderen Thema öffnete. Es handelte sich um einen Song mit dem Titel Make a Cake, der Teil eines neuen Phänomens ist. Isoliert betrachtet ist es einfach nur eine gut gemachte Parodie eines sehr erfolgreichen Liedes von Katy Perry. Der Song heißt Wide Awake.
Doch wenn man etwas tiefer buddelt, stellt man fest: Make a Cake ist einer der besten Vertreter einer Szene, die sich erst seit wenigen Monaten rund um das Computerspiel Minecraft entwickelt hat. Da greifen sich pfiffige junge Typen populäre Songs, schreiben neue Texte, besorgen sich Sänger, die die Melodie aufnehmen, und führen das Resultat über YouTube dem Rest der Welt vor. Zeit also für einen Beitrag. Für den konnte ich die Make a Cake-Sängerin Lindee Link aus Georgia interviewen und ein paar junge Produzenten, wie den 15-jährigen ZexyZek aus New Hamsphire. Aus den Recherchen und dem Interview-Material wurde ein Radiobeitrag, der bei Dradio Wissen lief: „Musik-Business aus dem Kinderzimmer“. Make a Cake steht inzwischen übrigens bei 6 Millionen Clicks . Das Thema ist ein Selbstläufer. Es bleibt interessant.

Der Erfolg hat viel damit zu tun, wie groß die Faszination ist, die das Spiel Minecraft ausübt. Es wurde mittlerweile auf der ganzen Welt mehr als 25 Millionen mal heruntergeladen und hat eine Fanbasis, die künstlerisch begabte Menschen zu allem Möglichen stimuliert. Was auf eine kaum zu erklärende Weise auch an der Orginal-Musik liegen dürfte. Eine Musik, auf deren Spuren ich über weitere Recherchen kam, als ich mehr über Minecraft herausfinden wollte und in einem Video von der Fan-Veranstaltung Minecon in Paris einen jungen Musiker sah, der über seine Arbeit sprach.

Er redete Englisch, aber mit einem leichten Akzent, was neugierig machte. Der offizielle Komponist der offiziellen Minecraft-Musik – er kam aus Deutschland. Er verbarg sich wie so viele Netz-Aktive unter einem Pseudonym. Journalistische Geschichten in Deutschland über ihn gab es nicht. Vielleicht auch deshalb, weil er er nicht so leicht zu finden ist.

Ich habe diesen hochbegabten Komponisten C418 am Ende doch aufgespürt. In Chemnitz. Bei seinen Eltern. Per Telefon und mit cold calls. Wir verabredeten uns auf eine Unterhaltung via Skype. Woraus ein umfangreiches Gespräch über die noch junge Karriere dieses ungewöhnlichen Musiker wurde. Er heißt übrigens Daniel Rosenfeld.

Fürs Radio produzieren, heißt zuhören können. Man muss wirklich den Gegenüber nicht sehen. Aber Redakteure in Printredaktionen sehen das anders. Die finden, eine lesenswerte Geschichte über einen Menschen und seine Arbeit braucht das einfach, dass der Autor ihn getroffen und beim Kaffeetrinken beobachtet hat. Wenn das nicht klappt, lassen sie die Berichterstattung lieber sausen. Ja, so einfach geht das manchmal. Wissen die Leser, dass ihnen von ihren Redaktionen aufgrund solch banaler Vorbehalte Geschichten vorenthalten werden, die sie theoretisch als erste lesen könnten? Wie sollten sie. Darüber schweigt der Sänger aus lauter Höflichkeit.

Was mit Musical

Das gesamte Stück besteht aus sehr vielen Elementen. Zwei Akte und fünfzehn Szenen, eine Besetzung von mehr als zehn Schauspielern, über 20 fertige Songtexte. Und es kommt in seiner Skriptform auf mehr als 90 Seiten. Man könnte sagen: Es ist ziemlich dick und schwer, was einem da in der Hand liegt, wenn man sich mit ihm beschäftigt, diesem Projekt. Unten auf der Aufmacherseite ist noch eine Zeile offen. „music by“ steht da. Mehr nicht. Kein Name.

Warum? Für dieses ansonsten rundum fertige Musical mit all seinen Regieanweisungen gibt es noch keinen Komponisten.

Ich kenne Songschreiber und Filmkomponisten. Aber darunter ist keiner, der ein Musical vertont hat. Ich weiß also nur, dass es ein schwieriges Unterfangen ist, ein solches Projekt auf die Bühne zu bringen. Mindestens so schwierig, wie eine der wenigen verbliebenen Plattenfirmen dazu zu bringen, ein Album zu veröffentlichen, wenn der Interpret noch keinen Publikumserfolg hatte. Aber so seltsam es klingen mag: irgendwie mag ich mich nicht davon beeindrucken lassen, dass es mühsam ist, Menschen zu finden, die das Geld und die Darsteller, die Musiker und Aufführungsorte finden. Das kommt später. Erst mal ist Komponieren an der Reihe.

Ich habe mich vor ein paar Wochen daran gemacht, erste Musiken für diesen Stoff zu schreiben, der auf einem alten Roman beruht und eine Geschichte aus dem 19. Jahrhundert erzählt. Das sind zeitgenössische Kompositionen, keine, die eine längst abgelaufene Epoche musikalisch nachzuempfinden versuchen. Es gibt eigentlich nur ein Arbeitsziel bei einem solchen Projekt: Hier in New York nennt man das „to write catchy tunes“. Natürlich werden die Meinungen darüber, was catchy ist und was nicht, auseinander gehen. Und schon darin liegt ein Reiz dieses Experiments. Ganz abgesehen von der Dimension, sich mit einem ausgetüftelten Ganzen zu konfrontieren: einem Stück mit vielen Figuren, Stimmungen und dramatischen Entwicklungen und Abläufen.

Eigentlich ist die Geschichte, wie ich an dieses Projekt gekommen bin – nämlich auf der langen Schiffsreise über den Atlantik – sehr viel reizvoller und ungewöhnlicher als die Beschreibung eines Arbeitsprozesses, bei dem von ungelegten oder zumindest noch auszubrütenden Eiern die Rede ist. Aber diesen wunderbaren, fast schon magischen Teil spare ich mir lieber auf für die Zeit, wenn bei der Entstehung dieses Musicals so etwas wie Land in Sicht ist. Nur soviel sei schon mal verraten: In ein paar Wochen werde ich die Gelegenheit haben, die ersten Kompositionen zu präsentieren.

Das wird ein spannender Moment. Dafür suche ich übrigens den einen oder anderen hilfsbereiten Menschen, der mir sagen kann, wie ich am besten mit einem Mac (und Programmen wie Logic und Garageband) sogenannte Leadsheets herstellen kann. Die Songs werden in Noten vorgelegt. Nicht nur als Hörprobe via Lautsprecher. Bei mir spielt Logic nicht richtig mit, sondern nervt. Ich habe keine Lust, alles von Hand zu notieren. Denn vieles wird sich noch ändern. Songs sind Baustellen bis zum Schluss. Wie Romane. Wie Filme. Wie das Leben.

Kurven lesen bei YouTube

Es gehört zu den Reflexen, die man nicht abstellen kann, wenn man Videos auf YouTube oder Vimeo hochlädt: Man möchte wissen, ob sich die Klickzahlen nach oben bewegen. Wenn man kaum etwas tut, um seine Videos der weiten Öffentlichkeit da draußen näher zu bringen, bleiben diese Zahlen bescheiden. Knapp über tausend Klicks für Der Rest wurde am Boden zerstört mit Memoiren-Autor Johannes Buchmann ist der höchste Wert von allen Videos, die ich bislang produziert habe (mehr zu dem Thema hier und hier).

YouTube ermöglicht einem einen relativ guten Eindruck davon, wie die Zahlen zustande kommen und schlüsselt die Klicks zum Beispiel danach auf, ob jemand über eine Google-Suche das Link entdeckt hat oder ob jemand das Video angeschaut hat, weil er es eingebettet in irgendeinem Teil des Webs aufgespürt hat. Die aufgeschlüsselten Daten bestätigen jedoch eigentlich nur, was man ohnehin geahnt hatte: Die Masse der Leute kommt, weil sie sich verlaufen hat. Nicht weil sie exakt nach diesem Thema gesucht hat.

Das verblüffendste Analyse-Tool ist denn auch dieses hier: „Hot Spots“, ein Kurvenverlauf, der entlang einer Mittelachse dokumentiert, welche Momente und Abschnitte die Zuschauer intensiver betrachtet haben und wo ihnen die Lust ausging. Wie das genau gemessen werden kann, ist mir ein Rätsel. Es ergibt für das Buchmann-Video einen eher klassischen Verlauf, mit einem Pegelausschlag nach oben bei der 5-Minuten-Marke (von 7:10 Minuten), wo der Autor über seine Gefangennahme durch Angehörige der Roten Armee im Mai 1945 spricht. Lässt sich daraus schlussfolgern, dass dieser Aspekt der ganzen Geschichte der spannendste ist und am meisten neugierig macht? Dann wäre es vielleicht klüger gewesen, diese Passage nicht so weit hinten einzubauen, sondern weiter vorne? YouTube lässt einen mit seinen Gedanken und Schlussfolgerungen allein.

Ein zweites Beispiel ist Dear Mrs. Kennedy – 728 Klicks und in der Hauptsache ein Interview mit Buchautor Paul De Angelis. Die Hot-Spot-Kurve steigt erst gegen Ende des Videos deutlich an – in jenem Moment, in dem jenes Musikstück erklingt, das vermutlich ein wirkliches Highlight dieser Produktion ist. Es wurde von einem damals 16jährigen Musiker nach dem Attentat 1963 komponiert. Die Noten landeten in den Archiven, das Stück wurde in dem halben Jahrhundert danach nie gespielt. Erst durch die Initiative von Paul De Angelis, der die Noten in seinem Buch aufnahm und den Komponisten ermunterte, zur Gitarre zu greifen und The Country’s Lament aufzunehmen, wurde dieses Stück zum Leben erweckt. Das Video zum Buch ist der einzige Ort, wo man diese Komposition hören kann. YouTube-Zuschauern scheint sie zu gefallen.

Thunder, Lightning

In diesem Frühjahr jährt sich ein Ereignis zum 25. Mal, das nicht nur zeitlich und räumlich, sondern auch stilistisch weit entfernt ist. Damals wurde von einer jungen Münchner Band eine erste Single veröffentlicht, die sich in den Monaten danach den Status eines Achtungserfolges erwarb. Mehrere Fernsehkanäle luden die Band in Sendungen ein, in denen zu jener Zeit Popmusik noch ein Programmpunkt war.
Die vier Musiker kamen aus München und dem Umland und wirkten ambitioniert genug, um sich durch eine Mühle langsam nach oben zu arbeiten, in der einerseits so einiges von der ureigenen, noch ziemlich unausgereiften Identität abgeraspelt wird, die aber im Idealfall in diesem Prozess eine andere, eine nachvollziehbare Authentizität finden, die ein großes Publikum anspricht.
Eine Rockband ist ein vielschichtiges Gebilde aus unterschiedlichen Charakteren und Typen, die einander ergänzen und sich antreiben, die von einander lernen und die einander trotz der vielen gemeinsamen Stunden ertragen, selbst wenn sie sich auf die Nerven gehen. Eine Rockband mit einem Plattenvertrag ist eine Firma, die sich einen Markennamen erarbeiten möchte und einer möglichst großen Gruppe von Leuten mit ihrer Musik und ihrer Ausstrahlung ganz nahe kommen möchte. Eine Rockband mit einem Plattenvertrag produziert Erwartungen und wandert in eine Zone, in der der Druck von außen wächst. Plötzlich werden Fragen des Erscheinungsbildes und der Kleidung sehr wichtig. Auf einmal braucht man Geld für teure und gut aussehende Instrumente. Und nur in wenigen Dingen kann man sich auf die Plattenfirma stützen, die das Projekt aus monetären Überlegungen vorantreibt und nun auf einen Return für ihr Investment hofft.
Diese – quote unquote – Szene betrat vor 25 Jahren die Band Angel & the Pack, nachdem sie aus markenrechtlichen Gründen ihren alten Namen abgelegt und einen neuen gefunden hatte. Nachdem sie aus künstlerischen Gründen einen neuen Bassisten integriert hatte. Nachdem sie aus Repertoiregründen einen Weggefährten ins Boot genommen hatte, der einen erheblichen Teil der Musik und Texte schrieb. Und nachdem sie in der Frage, mit welchem Schallplattenproduzenten sie bei der Arbeit im Studio am ehesten harmonieren würden, einen entscheidenden Schritt weiter gekommen waren. Die Sterne standen damals ziemlich gut, als Angel & the Pack mit dem Song „Thunder, Lightning“ auf den – quote unquote – Markt kam. Das Lied formulierte die neue Identität der jungen Sängerin mit ihrer enormen Stimme und der drei Musiker mit ihrem formidablen Hard-Rock-Sound gleich in der ersten Textzeile: „Bring on the weekend. I go out to dance.“ Es war eine programmatische und unbekümmerte Botschaft an das anonyme Publikum, das bei dieser ersten Gelegenheit keine Band vorgeführt bekam, zu deren Konzerten man gepilgert wäre. Nein, Angel & the Pack war eine Crossover-Konstruktion – die Musik war discotauglich, wofür ein „extended Mix“ von „Thunder, Lightning“ und eine Maxi-Single produziert wurde.
Wir springen in die Gegenwart: Die junge Sängerin von damals, die fleißig alle Videoaufzeichnungen von allen Fernsehauftritten und alle langen Zeitschriftenartikel in Magazinen wie der Bravo gesammelt hat, will übrigens zur Zeit – genau 25 Jahre danach – Angel & the Pack neu aufleben lassen (die Gruppe war zwei Jahre nach der Veröffentlichung der ersten Single auseinandergefallen). Die Auswahl der Musiker kommt gut voran. Warum beschäftigt mich das? Dieses Projekt interessiert mich schon allein deshalb, weil ich damals einen erheblichen Teil von „Thunder, Lightning“ komponiert und getextet habe. Dies wäre also die Fortsetzungsgeschichte, die möglicherweise die alte Frage beantwortet, die einen nie ganz los lässt: Was wäre eigentlich gewesen wenn? (wenn ich wie erhofft, mein Geld mit Musik verdient hätte und mir die Zusammenarbeit mit einer ganzen Reihe von jungen Musikern einen neuen beruflichen Weg eröffnet hätte). Der Vorgang interessiert mich 25 Jahre später aber auch als Medienarbeiter, der damals bei all den Auftritten, Fotosessions und Studioproduktionen dabei war und eines Sonntagmorgens auf der Münchner Leopoldstraße ein unvergessliches Erlebnis hatte: Ich stieg in meinen Wagen, schaltete das Radio an und traute meinen Ohren nicht: Es lief „Thunder, Lightning“.
25 Jahre später ist noch nicht zu spät, um über solche Dinge zu reflektieren – über die Innensicht der Außensicht der Innensicht.
Die Reanimation interessiert mich allerdings auch aus der Erfahrung und dem Blickwinkel von heute, in dem die Plattenindustrie, wie ich sie damals kennengelernt habe, längst tot ist und mumifiziert. Musiker haben es schwerer denn je, Geld mit ihrer künstlerischen Arbeit zu verdienen. Dafür haben sie YouTube, das einem ermöglicht, die alten Sachen ohne viel Federlesen wiederaufleben zu lassen (wenn man sie aufbewahrt und archiviert hat).
Ich kann nicht beurteilen, ob ein Revival von Angel & the Pack und von einem Teil des alten Repertoires heute ein größeres Publikum erreichen kann als damals. Die Chancen stehen, wenn alle Beteiligten mit Volldampf daran arbeiten, vermutlich nicht schlecht. Die Musik hatte was. Die Musiker auch. Vielleicht reicht es auch diesmal nur zu einem Achtungserfolg. Aber dann würde es nicht mehr wie unfinished business wirken. Und auch nicht mehr wie pure Nostalgie. Denn dann hätte jemand das Potential jener Musik von damals wirklich getestet und ausgereizt.