Archiv der Kategorie: Musik

Stern-Stunden

Ich beschäftige mich seit etwas mehr als zehn Jahren mit der Produktion von Videos, mit einem Medium also, das nicht an Bedeutung verliert wie Print, sondern dessen Stellenwert durch die Entwicklung der digitalen Produktions- und Abspielmöglichkeiten ständig wächst. Das Metier ist komplex und wirtschaftlich (von Ausnahmen abgesehen) nicht lukrativ. Und trotzdem ist es faszinierend, sich den beachtlichen Anforderungen auszuliefern. Ich drehe und schneide, interviewe und gestalte auch die Musik (wo sie gebraucht wird). Und weiß, dass man ziemlich kreativ sein muss, wenn man das umsetzen will, wofür man früher zehntausende von Euro verbraten durfte. Dies ist das jüngste Beispiel und die Geschichte dahinter.

 

„Selfie Sticks and Superstars“ – The Making of the new Nervous Germans video from Juergen Kalwa on Vimeo.

Wir haben schon auf vielerlei Weise zusammengearbeitet. Micki Meuser, Grant Stevens und ich. Und jedes Mal hatte es mit Musik zu tun. Es gab Arbeitskonstellationen wie „Texter und Komponist“, „Musikproduzent und Bandbetreuer“, „Plattenkritiker und Künstler mit neuem Album“. Zuletzt konnte ich mich als Grafiker einbringen, als für Songs vom Album Volatile Videolösungen gebraucht wurden. Dabei kam zum Beispiel das hier heraus: ¡Yeah, Yeah!

Eine Konstellation wie die jüngste hatten wir allerdings noch nicht: Da haben wir gemeinsam zwei aufwändig gestaltete und intensiv vorbereitete Musikvideos produziert. Für die sind wir im März eigens in ein Berliner Studio gegangen. Das erste Belegexemplar dieses Projekts ist vor ein paar Tagen erschienen, um die Veröffentlichung des Albums From Prussia With Love einzuläuten, auf dem der Song Superstars (and Superheroes) so etwas wie ein Headliner ist.

Das zweite, Liberation Day, wird in wenigen Wochen publiziert.

Die Zusammenarbeit verlief hervorragend. Also so wie immer. Was für mich ein sehr wesentlicher Teilaspekt solcher Vorhaben ist. Denn nur wenn man sich rundum gut versteht, kann man überhaupt von so weit weg eine gar nicht leicht zu formulierende, komplexe Idee mit der notwendigen Intensität anreichern, wie uns das in diesem Beispiel gelungen ist.

Vielleicht sollte man vorab zur Erläuterung wissen: Das Video spielt auf drei Ebenen gleichzeitig.

• Da ist die Aktion der Band in Form einer klassischen Lip-Sync-Performance,

• dazu gibt es eine Bildfolge aus alten Hollywood-Filmen mit berühmten Gesichtern, die an eine weiße Wand projiziert wird und dabei auch die Musiker anstrahlt und

• den parodistischen Einsatz von Smart Phones und Selfie Sticks, um den Text des Songs und seine eingängigsten Zeilen auf eine ironische Weise zu interpretieren.

Was die Melange so faszinierend macht: Die drei visuellen Ebenen ließen sich auf fast schon magische Weise ineinander verschränken und so ein Spiel aus Hintergründigkeit und humorvoller Vordergründigkeit inszenieren, was ich in dieser Form noch nirgendwo gesehen habe.

Wer unsere Arbeit an der von anderen messen und mit anderen vergleichen will (nachdem er eventuell netterweise den Like-Button bei YouTube angeklickt hat), mag das gerne tun. Mehr noch: Feedback ist wirklich erwünscht. Als Anhaltspunkt gäbe es sicher ein paar richtig gute Beispiele. Und natürlich auch ein paar richtig gute Regisseure. Sie sind die Messlatte für das Genre, in dem ich mich hiermit zum ersten Mal versucht habe.

Aber man sollte dann zumindest wissen, dass man uns auf einer Ebene ganz und gar nicht nebeneinander stellen darf. Die besten Videos haben ein Budget von mehreren 1000 Euro, um damit wenigstens einen erheblichen Teil der Kosten zu decken. Wenn nicht sogar mehr. Unsere Produktionskosten lagen bei Zero. Was möglich war, weil einige sehr nette Menschen sich mit Rat und Tat und Ausrüstung und Studioräumlichkeiten beteiligt haben. Wir hatten also sehr praktische Hilfe, das darf man nicht verhehlen. Und für die kann man sich gar nicht ausgiebig genug bedanken.

Zero Budget-Dollars – das heißt natürlich nicht, dass man sich damit aus den Erwartungen herausstehlen kann, die an Videos in dieser Liga gestellt werden. Konsumenten von Musik und von Musikvideos haben schließlich Ansprüche und ein geschultes Auge.  Sie möchten – Minimum – nicht gelangweilt und – Maximum – gut unterhalten werden.

Für uns war es ganz sicher ein erheblicher Pluspunkt, dass wir uns schon lange kennen und die Verbindungen selbst über die große Distanz zwischen New York und Berlin hinweg aufrecht erhalten haben. Was damit zu tun haben dürfte, dass unsere musikalischen Sensibilitäten auf einer Wellenlänge liegen.

Am interessantesten daran finde ich übrigens die Umstände unseres Kennenlernens angesichts der Erosion des Musikmarktes. Uns hat vor Jahren tatsächlich eine dieser klassischen Institutionen zusammengebracht, die es in dieser Form gar nicht mehr gibt. Es handelte sich um eine Schallplattenfirma, deren A&R-Leute in Micki Meuser und Grant Stevens die idealen Produzenten für eine Band sahen, für die ich damals den größten Teil der Songs schrieb. Ja, solche Firmen gab es. Und sie haben damals im Idealfall gezielt unterschiedliche Talente und Figurationen zusammengeführt, weil sie sich davon ein verwertbares Resultat erhofften. Eine Hoffnung, die oft eingelöst wurde.

Seitdem ist viel passiert. Unter anderem die schon erwähnte Selbstzerstörung einer nachwievor profitablen Industrie, die nicht mehr an die eigene kreative Kraft glaubt. Und auch das ist passiert: Micki Meuser und Grant Stevens haben ihre alte gemeinsame Band – Nervous Germans – die mangels durchschlagenden Erfolges den Weg allen Vergänglichen gegangen war, wiederauferstehen lassen. Ohne die finanzielle Unterstützung und die manpower, die Schallplattenfirmen früher aufbrachten, um solche Projekte zielstrebig auf dem Markt durchzusetzen.

Foto: Micki Meuser

Es bringt nichts, es zu bedauern, wieviel schwieriger es geworden ist, Musik zu verkaufen. Und bei den Nervous Germans tut das auch niemand. Man hat die eiskalte Realität akzeptiert, die besagt, dass es sich für Musiker sehr empfiehlt, das Geld möglichst erstmal mit etwas anderem zu verdienen.

Aber das heißt nicht, dass man es nicht versuchen sollte, seine künstlerischen Ziele voranzutreiben. Bar jener alten Regeln und ohne das Reinreden von Firmenangestellten, die einem ihre oft ziemlich irritierenden Kommentare zu allem und jedem unterjubelten.

Stilistisch durfte man die Nervous Germans einst wohl dem Post-Punk zuordnen, was neugierige Musikliebhaber in Großbritannien und sogar in den USA als kleine künstlerische Delikatesse durchaus ernst genommen haben. Anders sah es in Deutschland aus. Da wirkten sie als Kontrastprogramm gegenüber dem zur gleichen Zeit aufblühenden dilettantischen Nonsens der sogenannten Neuen Deutschen Welle wie querköpfige Exoten. Die nervösen Deutschen wollten nicht Deutsch singen. Sie standen in einer anderen Tradition.

Die Nervous Germans von heute machen übrigens eine mit ihrer Vorgeschichte genetisch verwandte, aber andere Musik. Eingängiger und melodischer, was von den Gitarrensounds abgestützt wird und von jenen Bass-Ideen, die der Komponist der meisten Songs, Micki Meuser, in seiner Rolle als Sekundant in Sachen tiefen Tönen beisteuert. Immer noch auffällig: die Stimme des Sängers Grant Stevens, der auch die Texte schreibt. Neu: das Getrommel einer vergleichsweise zierlichen Frau, die allerdings mit Krawumm reinhaut.

Foto: Grant Stevens

Als wir im März ins Studio gingen, zeigte sich, dass wir stimmige Konzepte und Ausgangsmaterialien hatten. Weshalb wir nur einen knappen Tag lang zu drehen brauchten. Dann war das Rohmaterial für den Schnitt im Kasten. Nun kann sich jeder das Ergebnis anschauen und anhören. Weshalb ich dachte, ich schreibe das alles mal auf. Eine Empfehlung in eigener Sache. Denn ich bin sicher, dass man die Energie spürt, die aus dem Song herausscheppert. Die musikalische und kreative.

Da ist Musik drin

Sonntag war Nachspielzeit. Womit das lange Radiostück gemeint ist, das in der gleichnamigen Reihe von Deutschlandradio Kultur lief. Das hatten neben Lance Armstrong vor allem seine Seilschaften, Mitwisser und Mittäter im Blickwinkel. Und sollte den Komplex aktuell um jenen Gedanken erweitern, den der Doping-Experte Hajo Seppelt in der Sendung so formulierte: „Da gab es genug, die geschwiegen haben, die mit Armstrong kollaboriert haben, die davon auch profitiert haben. Es ist schon so, dass wir in der öffentlichen Wahrnehmung dazu neigen, dieses auszublenden. Das ist wirklich ein Skandal, der noch nicht zu Ende ist.”

Wer das Ganze nachholen und nachhören möchte, kann das noch eine Weile tun. Der Sender hat das Manuskript und die fertige Produktion mit Sprechern, Interview-Segmenten und Musiken hochgeladen. Weil der Skandal noch nicht zu Ende ist, werde ich mich sicher auch in der Zukunft mit dem Thema beschäftigen. Und zwar je nach Nachrichtenlage und Brisanz. Ich nehme mal an, der Kinofilm, der laut Hörensagen den doppeldeutigen Titel Icon hat („I con“ heißt auf Englisch frei übersetzt „ich trickse andere aus“, con artists ist der Begriff für Hochstapler), wird uns alle demnächst auf jeden Fall noch einmal auf die Sache zu sprechen kommen lassen.

Vielleicht werde ich jedoch etwas anderes zu den Akten legen: Ich habe für die Sendung mehrere Instrumentalmusiken aus meiner Produktion verwendet, die man getreu eines alten Gedankens aus der künstlerischen Sphäre nur einmal einsetzt und danach nie wieder. Das hat Tradition. Zum Beispiel bei Filmmusik. Kein Mensch würde in dem Genre auf die Idee kommen, solche Hinzufügungen zum kreativen Ensemble noch einmal als Erkennungsmerkmal eines anderen Films einzusetzen. Je nach Bekanntheitsgrad werden sie allenfalls zu Stoff für Parodien. Sie sind mit dem Werk untrennbar verschmolzen.

Ich verstehe, wie so etwas passiert. Denn irgendwie hängen wir alle an einem Kunstbegriff, in dem Originalität eine wichtige Rolle spielt. Selbst bei einer Kunstgattung, die qua Gestaltungsabsicht erst noch aufgeführt werden muss, damit sie überhaupt hörbar wird. Wir versuchen auch nicht dieselben Gedanken noch mal zu Papier zu bringen und zu publizieren. Wir wollen, wo es geht, originär sein und originell.

Das Konzept und die Haltung dahinter sind anspruchsvoll und reizvoll. Aber so einfach ist das alles gar nicht. Nicht, dass es mir an Ideen mangelt. Wen es interessiert, dem verrate ich gerne, dass ich im Laufe der letzten Jahre mehr als 400 Musikstücke komponiert habe, von denen etwas mehr als 50 über die eine oder andere Schiene medial (in Videos, in Radiosendungen, in Podcasts) verwertet wurden. Sie sind damit Teil eines eines ganz spezifischen atmosphärischen und gestalterischen Kontexts geworden. (Videobeispiele auf meiner Webseite americanarena.net) 

Es sind so viele Musiken, weil ich ständig zwischendurch neue Sachen entwerfe. Musik machen entlastet und entspannt die andere Seite des Gehirns ungeheuer, die den sprachbasierten journalistischen Output produziert.

Trotz dieser Menge und Vielfalt habe ich einige wenige Stücke schon mehr als einmal irgendwo untergebracht. So wie am Sonntag im Nachspiel, in dem ich mich für den Einstieg und einen weiteren atmosphärische Farbtupfer bei Material bedient habe, das ich vor wenigen Wochen (damals neu und frisch) eigens für dieses Video geschrieben habe – ein Interview mit dem amerikanischen Schriftsteller Jim Herity. Ein weiteres Stück hatte ich vor ein paar Jahren für das Video über einen österreichischen Architekten komponiert. Ich bin mir relativ sicher, dass diese Klangbeispiele zwar in ihrem visuellen Kontext bestens passen, aber dass sie auch so etwas wie eine universellere Einsetzbarkeit besitzen (zumindest für den Rundfunk, wo wir keine Bilder haben und die Funktionalität von Musik einen etwas anderen Zuschnitt hat.

Allerdings gibt es in der Armstrong-Sendung auch etwas ganz Neues, sozusagen exklusiv: die Musik am Ende.

Die hat, das ist so Usus, nämlich tatsächlich eine sehr eigene, radiospezifische Funktion zu erfüllen. Sie soll zum Schluss etwas von der Stimmung des Features mitnehmen, aber so angelegt sein, dass sie anschließend einem Sprecher erlaubt, eine Moderation draufzusetzen. Und sie soll quasi jeder Zeit ausklingen dürfen. Sie ist der Puffer für die Zeit, bis die nächste Sendung anfängt. Das heißt, sie braucht ein gewisses Tempo, gewisse Klangfarben und eine Emotionalität, die eher Bewegung signalisiert als Stillstand. Sie ist Endsignal und Übergang in einem.

Ich habe für beinahe alle Nachspiel-Sendungen, die ich in den letzten Jahren erarbeitet habe – über die Halls of Fame im Sport, die Eskimo-Olympiade, das Trend-Brett Snowboard – solche Ausklangmusiken geschrieben. Auch weil ich auf dem Markt der vorhandenen Stücke fast nie etwas finde, was ich für wirklich passend halte. Das soll nicht anmaßend klingen. Theoretisch muss man nur lange genug suchen. Aber dazu habe ich ehrlicherweise keine große Lust. Die Lust verwende ich lieber auf die Kreativität, etwas Neues zu erschaffen. Etwas, was dann tatsächlich originär ist, keine Konfektion aus dem Kaufhaus der Klänge. Etwas, was im optimalen Fall vorher im öffentlichen Rahmen noch niemand gehört hat.

Manchmal wünscht man sich, dass diese Arbeit mal jemand zur Kenntnis nimmt, ja, das vielleicht sogar jemand käme, der sagt: Hey, kannst du uns/mir nicht auch eine Musik stiften, die funktional und inspirierend ist und einen zum Zuhören animiert? Aber damit sollte ich bis auf weiteres nicht rechnen. Mit solchen Klängen am Rand zur Unaufdringlichkeit bewegt man sich wie ein gesichtsloser Typ in einer Masse. So wie wenn man durch die Straßen von New York läuft, wo einen auch keiner anspricht und keiner einen kennt. Auf der anderen Seite: Warum nicht wenigstens hier in diesem Blog mal darüber reden? Und ein paar Beispiele vorführen, die womöglich die eine oder andere Reaktion produzieren. Kann nicht schaden. Oder?Audacity Screen Shot "Nachspiel Armstrong alle Musiken"

Diese ist die Ausklangmusik vom Sonntag. Titel: 4tilehuffed

Dies ist das Stück, mit dem die Sendung Museen, Medaillen, Mythen zu Ende ging. Es heißt Cooperstown.

Die Eskimo-Olympiade und die Musik, die sie in Alaska spielen, inspirierte mich zu diesem Stück: Down the Chena River

Dies ist der Ausstieg aus der Trend-Brett-Sendung. Der Titel When You Push Me I Won’t Fall

Tatsächlich habe ich diese drei Musiken noch nie irgendwo anders eingesetzt und würde das wahrscheinlich auch inhaltlich und innerlich gar nicht hinbekommen. Irgendwie sind sie hier genau richtig platziert und würden woanders sicher längst nicht so gut passen. Ähnlich geht es mir bisher mit den Titelmusiken, die ich Videos verwendet habe. Sie sind Signaturmerkmale geworden, die sich nicht einfach verpflanzen lassen. Es sei denn, es kommt der Tag und jemand sieht oder besser hört das anders. Ich bin gespannt, ob das jemals passiert.

Guckst du hier


Man nehme: einen hervorragenden Song, jede Menge Videomaterial aus der Kiste mit der Überschrift Public Domain, eine Schrift, die gegen das optische Gewitter standhält (die heißt, kein Witz,  Volkswagen) und ein bisschen Zeit und Phantasie, um die Mischung dieser Zutaten gut auszubacken.

Das war das Rezept  für ein neues Video, das ich vor ein paar Wochen für die Berliner Band Nervous Germans produzieren durfte. Der Song heißt ¡Yeah, Yeah! und wird als Single in diesen Tagen die Veröffentlichung des Albums der Gruppe mit dem Titel Volatile in Schwung bringen.

Über die nervösen Deutschen habe ich vor einem Jahr schon mal kurz hier im Blog ein paar Zeilen zusammengeschmiedet.  Anlass war auch damals ein Video. Darin haben Grant Stevens, der Sänger und Texter der Band, und ich eine Koproduktion auf die Beine gestellt, um den Text des Songs Rainbow auf eine plakative Weise zu inszenieren. Diesmal wird entlang des Textes eine – zugegeben – etwas mysteriöse kleine Geschichte in Bildern erzählt, die das alte Dilemma illustriert: dass es Jungs und Mädels im direkten Miteinander wohl nie ganz leicht miteinander haben. Schon gar nicht im Fall von Mädels, über die es in dem Song heißt „no European female soul got the power like to terrify“.

Das Video und die Veröffentlichung sind nur der Auftakt zu einer sehr ordentlichen Kampagne, in deren Rahmen die vierköpfige Band auch live auftreten wird. Unter anderem am 1. Mai im Quasimodo in Berlin. Selbstverständlich wäre ich gerne dabei. Denn diese Art von Rockmusik bekommt im Konzert noch mal eine ganz andere Druckstufe mit auf den Weg.

Aber das wird wohl erst etwas, wenn die Nervous Germans in den USA angreifen. Schaun wer mal.

8ec43e80ba59dae7b13f5d9235bdf9b4f35dae18

Jahresrückblick mal anders

ImageFünfzehn Radiobeiträge aus dem ablaufenden Jahr und zwölf Musikstücke aus der eigenen Produktion, um die vielen unterschiedlichen Themen hinreichend voneinander zu trennen – daraus besteht mein erstes Jahresrückblick-Album. Ein ziemlich volles Programm, das über insgesamt 90 Minuten läuft (der Informationsanteil überwiegt deutlich und liegt bei rund 80 Prozent). Weil es ein Experiment ist, vermag ich nicht zu sagen, ob diese Zusammenfassung tatsächlich Menschen interessiert, die neugierig auf die USA sind und die hiesige Kulturlandschaft. Aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

Früher hätten vermutlich Sportthemen einen solchen Mix dominiert. In diesem Jahr sind es Themen zu Kunst und Museen, Kultur und Literatur und Musik. Oft mit Querverbindungen zu aktuellen politischen Strömungen – wie in dem Stück über die Schriftstellerin und Pseudophilosophin Ayn Rand oder in dem Beitrag über den amerikanischen Exzeptionalismus. Mich haben in diesem Jahr Fragen und Diskussionsansätze beschäftigt, wie ich sie vor einer Weile in Texten für Zeitschriften wie die Gazette oder Feld Hommes behandelt habe. Fürs Radio geht man selbstverständlich anders ran. Es geht jedes Mal darum, authentische Stimmen einzusammeln. Und manchmal auch darum, atmosphärische Stimmungen mitzubringen. Was mehr Aufwand bedeutet, aber lohnend ist.photo-1Was gibt es im Angebot? Gespräche mit Professoren wie Morris Berman, einen der schärfsten Kritiker des imperialen amerikanischen Größenwahns. Und mit solchen, die sich mit Hollywood und den Nazis beschäftigt haben. Mit Architekturkritikern wie Paul Goldberger, der für Vanity Fair schreibt und den Status eines Starkritikers von Ada Louise Huxtable übernommen hat, deren Nachruf ich im Januar für die Sendung Fazit auf Deutschlandradio Kultur produziert habe (wir hatten uns eine Zeit lang vor ihrem Tod ausführlich unterhalten, auf der CD war allerdings kein Platz mehr für dieses Stück). Außerdem: Ich habe die beste Tortenbäckerin Amerikas porträtiert, die aufstrebende Münchner Band Claire in den Straßen von Downtown New York interviewt und mich mit dem Buchautor Alan Light im Central Park getroffen, wo wir uns über sein Buch unterhalten haben, das das erstaunliche Leben des Leonard-Cohen-Songs Hallelujah schildert. Der Anlass war gut gewählt. Im letzten Jahr war Cohen auf Tournee in Deutschland. Obendrein konnte ich im Frühjahr in Chicago einen Mini-Scoop landen: Ich war der erste, der mit dem Physiker geredet hat, der nachweisen kann, das Picasso teilweise mit Wandfarbe gearbeitet hat. Die Besonderheit. Wir haben uns in seiner Muttersprache Deutsch unterhalten. Dr. Rose lebt zwar in den USA, kommt aber aus Aachen.

Das Jahr ist noch nicht zu Ende. Weshalb ich mich freue, dass am 25. Dezember die Sendung mit dem Titel Der amerikanische Traum laufen wird, (ab 17.30 h auf Deutschlandradio Kultur). Das 30 Minuten lange Stück wird in der sehr verdienstvollen Reihe Nachspiel ausgestrahlt, der einzigen Plattform im deutschsprachigen Raum, in der Sportthemen wirklich umfassend und gründlich abgehandelt werden. Es ist meine fünfte Sendung für die Reihe, in der ich mich mit Halls of Fame, den Eskimo Olympics, Snowboard-Marktführer Burton und der Champions Tour der Golfer in den USA beschäftigt habe. Um was geht es in diesem amerikanischen Traum? Um junge deutsche Sportler, die in einer wachsenden Zahl in den USA Erfolg haben. Und das selbst in solchen uramerikanischen Sportarten wie Baseball und Football. Für die Sendung habe ich im Laufe der letzten Monate viele bemerkenswerte Sportler, Berater und Ex-Profis getroffen und interviewt. Im Sommer in Seattle konnte ich zum Beispiel Detlef Schrempf treffen, der als erster NBA-Spieler aus Deutschland in seinem Heimatland so etwas wie Begeisterung für diese Liga ausgelöst hatte. Das Interview fand auf dem Golfplatz statt, auf dem gerade sein großes jährliches Benefiz-Turnier lief. Schrempf hat für eine seit 20 Jahren bestehende Stiftung im Laufe der Jahre mehrere Millionen Dollar an Spenden gesammelt und an gute Zwecke weitergereicht. Wir ritten zusammen im Golf-Cart über die Anlage.

Donald Lutz, der mehrere Wochen lang bei den Cincinnati Reds die Luft der obersten Baseball-Liga inhalieren durfte, habe ich in der Umkleidekabine im neuen Stadion der New York Mets getroffen. Ich war aber auch in Regensburg, weil ich mich für die Anstrengungen dort rund um das Baseball-Internat interessiert habe. Und ich habe zwischendurch die College-Basketballer der University of Connecticut besucht und mich mit den drei jungen Deutschen unterhalten, die zu einer wachsenden Gruppe von Talenten gehören, die von College-Trainern amerikaweit angeworben werden.

Natürlich hätte es Gründe gegeben, sich ebenso intensiv mit deutschen Eishockeyprofis zu beschäftigen, die in der NHL arbeiten. Oder auch mit einem Footballspieler wie Sebastian Vollmer. Aber mit dem habe ich mich schon vor einer Weile abgemüht und festgestellt, dass er keine Lust hat, sich zu öffnen und einem die Faszination für das brutale Spiel zu erklären. Da bringt man nicht viel mit nach Hause. Leider. Deshalb war ich froh über Markus Kuhn, der nach einer längeren Verletzungspause wieder bei den New York Giants an seiner Karriere in der NFL arbeitet. Er ist der Musterfall eines Athleten, der aus seiner Begeisterung kein Hehl macht. Ein Typ, der unglaublich sympathisch rüberkommt.

Die Sendung schlägt aber auch ohne die, die fehlen, einen großen Bogen und hat mir gestattet, die vielen Sportthemen, mit denen ich mich in den letzten zwanzig Jahren in den USA beschäftigt habe, noch einmal neu aus dem Blickwinkel deutscher Athleten zu sortieren. Ich habe sie ja im Laufe der Jahre immer wieder getroffen – von Schrempf über Matthäus und Nowitzki bis Ehrhoff, Klinsmann und Kaymer. Aber nicht alle passen in das Profil einer solchen Sendung.

A propos Profil. In der Beschäftigung mit dem Thema bin ich auf eine Aussage des englischen Philosophen Bertrand Russell gestoßen, die erklären hilft, was im Kern am Sport in den USA und eigentlich an der ganzen Gesellschaft so anders ist. Wer wissen will, was der gute Mann einst geschrieben hat, sollte sich die Sendung anhören. Wer wissen will, wie der Jahresrückblick klingt, der unter dem Titel Objects in mirrors are closer than they appear auf CD erscheinen wird, möge sich melden.

C418, Minecraft und die Resultate einer Recherche

Es gibt keine verbindliche Leitlinie für journalistische Recherchen. Nicht mal einen vernünftigen Kompass. Man sucht. Man findet. Man interviewt. Man schreibt oder produziert (wie in diesem Fall). Aber das heißt nicht, dass es nicht Redaktionen gäbe, die das Gefühl verbreiten, dass es so etwas gibt wie den verbindlichen Leitfaden. Weshalb so vieles an journalistischer Arbeit so kalkuliert und berechenbar ist und am Ende auch so rüberkommt.

Solche Konventionen haben eine erhebliche Bremswirkung, wie ich in den letzten Monaten mal wieder feststellen konnte, weil ich von meinem Standort New York aus eine faszinierende Erfolgsgeschichte ausfindig gemacht hatte, die mich zu einem jungen Komponisten führte, der in Chemnitz bei seinen Eltern lebt und nicht im Telefonbuch steht, sich nicht auf jede Email meldet, die man an seine Webseite schickt. Und der überhaupt so gar nicht an dieser Inszenierung aus Ruhm und Ehre interessiert scheint, die Teil der Medienmaschinerie ist.

avatars-000000151396-5f160a-cropDas Porträt über C418 – so nennt er sich im Internet – kann man seit heute online nachlesen und nachhören. Es wurde in der Sendung Corso beim Deutschlandfunk ausgestrahlt. Wie es überhaupt dazu kam, ist eine faszinierende Geschichte in sich selbst: Die Geschichte einer ungewöhnlichen Recherche, die in New York begann und über Paris und Köln bis nach Sachsen führte. Ein Weg, auf dem ich drei komplett unterschiedliche Radiogeschichten einsammeln und sehr viel über eine Szene heraufinden konnte, von der ich bis dahin nur wenig wusste.

lvcakeEs begann vor ein paar Monaten mit einer Ubahn-Fahrt nach Brooklyn. Mein Teil der Welt, in der eine Menge von dem passiert, was andere interessiert. In Brooklyn – dort sitzt in einem kleinen Laden an der Washington Avenue eine junge, sehr erfolgreiche Tortenbäckerin mit einem Stab von Angestellten, die unter dem Namen BCakeNY ganz Erstaunliches fabrizieren. Das hatte nur einen gewissen Neuigkeitswert, denn Miriam Milord war zuvor bereits vom ZDF und von Spiegel Online porträtiert worden. Es ging also darum, fürs Radio dem Thema noch die eine oder andere Facette abzugewinnen. Das Resultat klingt so.

Bei der Produktion des Beitrags stolperte ich über Musik, die mir völlig unerwartet das Tor zu einem ganz anderen Thema öffnete. Es handelte sich um einen Song mit dem Titel Make a Cake, der Teil eines neuen Phänomens ist. Isoliert betrachtet ist es einfach nur eine gut gemachte Parodie eines sehr erfolgreichen Liedes von Katy Perry. Der Song heißt Wide Awake.
Doch wenn man etwas tiefer buddelt, stellt man fest: Make a Cake ist einer der besten Vertreter einer Szene, die sich erst seit wenigen Monaten rund um das Computerspiel Minecraft entwickelt hat. Da greifen sich pfiffige junge Typen populäre Songs, schreiben neue Texte, besorgen sich Sänger, die die Melodie aufnehmen, und führen das Resultat über YouTube dem Rest der Welt vor. Zeit also für einen Beitrag. Für den konnte ich die Make a Cake-Sängerin Lindee Link aus Georgia interviewen und ein paar junge Produzenten, wie den 15-jährigen ZexyZek aus New Hamsphire. Aus den Recherchen und dem Interview-Material wurde ein Radiobeitrag, der bei Dradio Wissen lief: „Musik-Business aus dem Kinderzimmer“. Make a Cake steht inzwischen übrigens bei 6 Millionen Clicks . Das Thema ist ein Selbstläufer. Es bleibt interessant.

Der Erfolg hat viel damit zu tun, wie groß die Faszination ist, die das Spiel Minecraft ausübt. Es wurde mittlerweile auf der ganzen Welt mehr als 25 Millionen mal heruntergeladen und hat eine Fanbasis, die künstlerisch begabte Menschen zu allem Möglichen stimuliert. Was auf eine kaum zu erklärende Weise auch an der Orginal-Musik liegen dürfte. Eine Musik, auf deren Spuren ich über weitere Recherchen kam, als ich mehr über Minecraft herausfinden wollte und in einem Video von der Fan-Veranstaltung Minecon in Paris einen jungen Musiker sah, der über seine Arbeit sprach.

Er redete Englisch, aber mit einem leichten Akzent, was neugierig machte. Der offizielle Komponist der offiziellen Minecraft-Musik – er kam aus Deutschland. Er verbarg sich wie so viele Netz-Aktive unter einem Pseudonym. Journalistische Geschichten in Deutschland über ihn gab es nicht. Vielleicht auch deshalb, weil er er nicht so leicht zu finden ist.

Ich habe diesen hochbegabten Komponisten C418 am Ende doch aufgespürt. In Chemnitz. Bei seinen Eltern. Per Telefon und mit cold calls. Wir verabredeten uns auf eine Unterhaltung via Skype. Woraus ein umfangreiches Gespräch über die noch junge Karriere dieses ungewöhnlichen Musiker wurde. Er heißt übrigens Daniel Rosenfeld.

Fürs Radio produzieren, heißt zuhören können. Man muss wirklich den Gegenüber nicht sehen. Aber Redakteure in Printredaktionen sehen das anders. Die finden, eine lesenswerte Geschichte über einen Menschen und seine Arbeit braucht das einfach, dass der Autor ihn getroffen und beim Kaffeetrinken beobachtet hat. Wenn das nicht klappt, lassen sie die Berichterstattung lieber sausen. Ja, so einfach geht das manchmal. Wissen die Leser, dass ihnen von ihren Redaktionen aufgrund solch banaler Vorbehalte Geschichten vorenthalten werden, die sie theoretisch als erste lesen könnten? Wie sollten sie. Darüber schweigt der Sänger aus lauter Höflichkeit.

Für alle, die’s gerne schriftlich hätten

Das gehört zu den schönsten Seiten dieses Jobs: Bei der Gestaltung eines Musikvideos beteiligt zu sein. Es ist sicher nicht immer so schön wie in diesem Fall: Mit einem Song, den man nicht mehr aus dem Ohr bekommt, und mit der im Prinzip sehr simplen Aufgabe, dessen Text auf eine vorhandene Animation zu legen. Aber man will ja, dass das Ganze rund wird, also testet man viele Schriften. Weil das Kaleidoskop-Thema schon vorgegeben war, lag es nahe, in Richtung Retro-Anstrich weiterzudenken. Mit einem Font, der lebt und Unruhe ausstrahlt und gleichzeitig viele Assoziationen weckt. Dies ist das Resultat: mit dem Text gesetzt in „Distro Vinyl“.

Wer sind die Nervous Germans? Vier Songwriter und Musiker aus Berlin, die mit neuen Songs ein Projekt wiederbeleben, das in den achtziger Jahren auf vielversprechende Weise begann, aber sich dann wieder verlief. Zwei aus der Gründerzeit – Micki Meuser  und Grant Stevens – haben die Idee vor einer Weile wiederbelebt, Songs geschrieben und aufgenommen und treten hin und wieder live auf. Man kann die ersten Produktionen übrigens hier herunterladen: http://www.itunes.de/nervousgermans.

8ec43e80ba59dae7b13f5d9235bdf9b4f35dae18

Ganz in Nicht-mehr-ganz-Weiß

ImageDie Ausstellung geht in dieser Woche zu Ende. Weshalb ich froh bin, am Montag noch kurz einen Abstecher gemacht und mit dem Künstler geredet zu haben. Mit jemandem, der mehr als 700 Exemplare eines einzigen Doppelalbums gesammelt und in einer Galerie ausgestellt hat.

Wir reden im Grunde von Vinyl und Pappe. Und wir reden von Vergänglichkeit, die dieser Epoche des Schallplattengeschäfts anhaftet. Für Rutherford Chang, der seine Ausstellung „We Buy White Albums“ nennt und das tatsächlich auch tut (im Schnitt kostet ihn die Offerte 10 Dollar pro Album), ein Mittdreißiger, der da ein Objekt der späten sechziger Jahre zu seinem Lieblingskunstgegenstand gemacht hat, dürfte die Beschäftigung mit dem Material einem eher oberflächlichen Reiz entsprungen sein. Oder einem zerebralen Impuls. Ein bisschen hipsterhaft, vermutlich.

Aber das ändert nichts daran, dass ER auf diese Idee gekommen ist. Und dass sich unsereins dafür bei ihm bedanken möchte. Denn ohne seinen künstlerischen Impuls würde man sich nicht mit den darunter liegenden Schichten und Bezugspunkten der eigenen Vergangenheit beschäftigen. Da Rutherford Chang nicht an solchen Geschichten interessiert ist (sondern nur an den Objekten und dem Projekt, die 30 Lieder in einer gesandwichten Form herauszubringen), war es seltsam, ihm diese Ge-Schichten beim Interviewbesuch aufzudrängen. Als Journalist geht man ja nicht zu den Leuten, um ihnen etwas aus dem eigenen Leben zu erzählen.

Aber am Ende lässt sich so etwas gar nicht vermeiden. Manche Fragen hat man ja nur, weil man eine begründete und erklärungsnotwendige Beziehung zu einem Thema hat. So habe ich Rutherford Chang erzählt, dass meine Version des White Album (das eigentlich The Beatles heißt) aus einer ganz besonderen Serie stammt und auf dem Sammlermarkt sehr viel mehr wert ist als die abgegriffenen und vergilbte reguläre Version in seiner Ausstellung. Er wusste nichts über diesen Aspekt der Audiophilie, der in den achtziger Jahren einen kurze, aber heftige Blütezeit erlebt hatte. Kurz bevor Vinyl von der CD als handelsüblicher Tonträger abgelöst wurde.

Ich habe ihm auch davon erzählt, dass ich 1968, als die Songs herauskamen, Back in the USSR in einer Band gesungen habe. Wir waren fünf, die in jener Zeit einiges an Beatles-Material ausprobiert haben, aber unser Repertoire stark mischten. Mit Sachen von den Kinks, Creedence Clearwater Revival, 1910 Fruitgum Company, Yardbirds etc. Die Konzertbesucher schienen die Mischung zu mögen.

Ich habe ihm auch erzählt, dass ich mich daran erinnere, dass mir mein Plattenspieler damals ein Problem verschafft hat, von dem ich lange nicht wusste, dass es eines war. Der Plattenspieler konnte nur Mono. Das Weiße Album war Stereo, aber auf eine wild gemischte Weise, bei der manche Instrumente so konsequent getrennt wurden, dass sie nur über einen Kanal zu hören waren. Mein Mono-Spieler tastete den linken Kanal ab. Ich  fand erst Jahre später heraus, dass Savoy Shuffle kein Instrumentalstück war. Als ich mitbekam, dass der gesamte Gesang exklusiv im rechten Kanal läuft.

Das sind meine persönlichen Geschichten rund um dieses Album, zu dem andere sicher noch viele andere beisteuern könnten. Wie jene, dass man, wenn man die Platten rückwärts abspielte, angeblich eine versteckte Nachricht hören konnte, wonach Paul McCartney tot sei. Ein Doppelgänger hatte demnach seine Stelle eingenommen. Jener McCartney, der bei beim Komponieren in Indien solche Melodien wie Hey, Jude und Helter, Skelter geschrieben hatte. Helter, Skelter wurde die Inspiration für den Massenmörder Charles Manson. Tatsächlich hört man den 30 Songs vor allem eines an: Dass das Autorenteam Lennon/McCartney auf dem Weg war, komplett auseinanderzudriften. Weshalb es wirklich nur noch eine Frage der Zeit war, bis diese ungeheuer kreative Band auseinanderfiel. Mit Yoko Ono hatte das rein gar nichts zu tun. Da wuchs etwas auseinander, was nicht mehr zuammengehörte. Deshalb klingen die beiden Platten auch nicht nach einem guten Gesamtkunstwerk, sondern nach einer Kollektion von vielen relativ zusammenhanglosen Arbeiten von hohem handwerklichen Standard.

Die Zeitschrift Rolling Stone hat vor einer Weile in einer Umfrage die 500 besten Alben der Rock-Geschichte in einer Rangliste zusammengestellt. Das White Album steht immerhin auf Platz 10. Aber drei Beatles-Alben sind höher bewertet: Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band (1.), Revolver (3.). Rubber Soul (5.). Das würde ich so unterschreiben.

P.S.: Das Cover meines Weißen Albums ist an den Rändern angegilbt. Nicht nur außen (was ich wegen der Lichteinwirkung noch verstehen kann), sondern auch innen.

P.P.S. Aus dem Besuch bei Rutherford Chang wurde ein Radiobeitrag für Corso im Deutschlandfunk. Kann man sich anhören.

Englisch für Fortgeschrittene

Grönemeyer in ChicagoMeine Vorstellung vom Potenzial des Sängers und Komponisten Herbert Grönemeyer hat sich schon vor ein paar Jahren geformt. Damals, als er mit einem Begleiter seiner Kölner Plattenfirma auf Redaktionsbesuch unterwegs war und mit Walkman und Kassette Journalisten vorab sein neues Album 4630 Bochum präsentierte. Ich fand es gut und einen ganz beachtlichen Entwicklungsschritt im Vergleich zu der Musik, die er bis dahin gemacht hatte. Aber die massive Kraft, die diese Lieder-Sammlung besaß und was sie bewirkte, das habe ich damals nicht erkannt. Grönemeyer brach 1984 erstmals einen Verkaufsrekord für Alben deutscher Musiker und toppte diese Bestsellerleistung 2002 mit Mensch und etablierte sich seit jener Begegnung als der erfolgreichste deutsche Popmusiker aller Zeiten. Maßstab und Meilenstein zugleich, an dem sich nicht nur andere seitdem messen müssen, sondern auch er selbst.
Wichtig für diese Betrachtung wäre noch dies: Grönemeyer gehört zu einer Generation, die zunächst in ihrem Musikschaffen mit englischer Sprache herumhantiert hatte. Eine Generation, deren Vorbilder aus England und den USA sie auf indirekte Weise sprachlos gemacht hatten. Englisch war nicht Beleg für Weltläufigkeit und poetische Grandesse. Englisch war ein Versatzstück, Vehikel, Füllsel, eine Pose, um sich abzugrenzen von den nervtötenden Schlager-Fuzzys, die seit den fünfziger Jahren eine Hausmacht in den Plattenfirmen aufgebaut hatten. Und deren Texte an eine politisch fragwürdige deutsche Tradition anschlossen, die von den Nazis mehr als nur besudelt worden war.
Herbert Grönemeyer hat seinen Anteil beigesteuert, dass dieser Komplex abgearbeitet wurde. Und das ging ihm nicht gleich sehr gepflegt von der Hand. Das brauchte seine Zeit. Bis Bochum eben und zu dem klaren Bekenntnis zu Herkunft, Wurzeln und zu einer Haltung. Sein Beitrag besteht seither aus einer ganz beachtlichen Fähigkeit und einem ganz besonderen Gespür für die Ausdrucksweisen, die in Deutschland möglich sind. Das betrifft die Musik, aber auch die Texte.
Warum schreibt so jemand englische Songtexte mit demselben Ernst und demselben sinnsucherischen Anspruch?
Ich bin nach meinem Besuch des Konzerts am Samstag in Chicago keinen Deut schlauer. Zumal ich, anders als damals vor Bochum, keine Gelegenheit bekam, ihm Fragen zu stellen. Die Gründe für diesen Mangel an Kommunikationsbereitschaft sind zu kurios, um sie hier aufzuzählen. Das Resultat ist ohnehin das gleiche: In der Auseinandersetzung mit diesem Grönemeyer ist man ausschließlich auf die Signale angewiesen, die alle empfangen konnten, die im Chicago Theatre saßen. Signale wie zunächst mal die Musik selbst. Dann aber auch die Ansagen zwischen den Songs und der Charakter der Performance bis hin zum Bühnenbild, das von großen Projektionen dominiert wird. Darunter auch: das riesige Logo „HG“, das einen seltsamen Ego-Trip artikuliert.
Ich habe eine erste Bewertung in der Sendung Fazit auf Deutschlandradio Kultur gegeben, die vor allem die Reaktion des überwiegend deutschen Publikums thematisierte. Und damit, wie Grönemeyer damit umging. Was dort aus Platzgründen fehlt, ist eine dezidierte Beschäftigung mit den Feinheiten der Mission des Artisten. Eine Beschäftigung, die, um es vorweg zu sagen, in dem weitreichenden Urteil mündet, dass es sich um eine Art Wenders-dreht-Hammett-Moment handelt. Wenn auch mit anderen Vorzeichen und anderen Kautelen seitens der Beteiligten. Und mit dem Unterschied, dass Grönemeyer keinen Francis Ford Coppola hat, der ihn vor kreativen Fehleinschätzungen bewahrt. Grönemeyer ist Coppola.
Wer nicht weiß, was Wim Wenders erlebt hat, als er sich nach einer Serie von sehr deutschen Filmen seinen großen Traum erfüllte, einmal in Hollywood als Drehbuchautor und Regisseur zu arbeiten, kann das nachlesen. Und er wird vielleicht verstehen, weshalb man den Flirt deutscher Künstler mit der Ikonographie von Amerika und vor allem mit der Realität von Amerika jedes Mal mit gemischtem Sentiment verfolgt. Um Grönemeyer und den Titel eines seiner ganz hervorragenden Songs zu zitieren: Was soll das?
Es gab da in einer Presseerklärung vorab einen Hinweis, wonach sich Grönemeyer mit diesem neuen Album (Titel: I Walk) auf “eine begrenzte Weise neu erfinden” wolle. Von der Suche nach neuen Herausforderungen war die Rede. Und zwar von solchen, die er sich selbst stellen müsse. Fazit nach dem Durchhören der Studioaufnahmen und dem Konzert in Chicago: Tatsächlich wirkt das Projekt vor allem eher begrenzt und nicht wirklich neu. Typisch etwa die reflexhafte Absicherung, für das Album und die englische Version von Mensch einen solchen Ausnahmesänger wie Bono von U2 zu verpflichten. Dabei offenbaren gerade Bonos interpretative sängerische Fähigkeiten etwas, was den Englisch singenden Grönemeyer total entzaubert. Bono schwebt spielerisch und leicht in der Melodie und damit im Lied und steigert so den Reiz an der exzellenten Komposition des deutschen Musikers, der schon oft gezeigt hat, dass er ein sehr gutes Ohr für das Schreiben von attraktiven Melodien hat. Das Duett offenbart – womöglich ungewollt – jedoch auch etwas, das sich durch Grönemeyers Darbietung wie ein roter Faden zieht. Seine englischen Worte mögen Gehalt haben, aber sein Gesangsstil ist Un-Englisch. Un-Rhythm and Blues. Und dabei irgendwie un-heimlich.
Er kappt die Vokale ab, statt ihnen Platz zu geben. Er setzt Silben durchgängig und ganz exakt – wie vom Metronom vorgegeben – auf die Achtel- und Sechzehntel-Noten. Eine Phrasierung, die nahezu synkopenfrei ist. So leben die Lieder, wie von einer Maschine künstlich beatmet, auf einer imaginären Intensivstation. Eine deutsche Insuffizienz im Umgang mit dem Genre? Also so etwas wie Airplanes in My Head (um auf den Titel eines anderen Songs anzuspielen)? Er weiß vermutlich, wovon die Rede ist, denn er hat das mal so formuliert, als er verriet, dass er beim Komponieren gerne mit englischen Fetzen sogenannte „Bananentexte“ herstellt, ehe er die Verse ausarbeitet: „Deutsch ist die Rhythmussprache. Englisch schmiert man ja mehr.“
Sein Erfolg in Deutschland basierte darauf, dass er sowohl mit seinen Texten als auch seiner Musikalität ein Vakuum füllte. Und dass er eine Eigenwilligkeit im Gesang pflegte, die einen starken Wiedererkennungswert besitzt. Die Lücke übrigens ist in Amerikas überbordendem kreativen Spektrum beim besten Willen nicht vorhanden.
Und die enge Nische, die es vielleicht doch noch gäbe und in die sich jemand mit Wucht hineinschieben müsste, die findet er nicht. Weshalb? Weil er mit den neuen Stücken künstlerisch so gut wie nichts riskiert. Eine Haltung, die in Chicago noch unterstrichen wurde von der Auswahl der Fremdtitel im Programm. Warum es ausgerechnet I’m on Fire, Always on My Mind und The Letter sein mussten, erschloss sich nicht. Wo es doch sehr viel faszinierender gewesen wäre, Material von den Doors zu nutzen (seine Lieblingsband) oder mit dieser scheppernden Lebensäußerung namens Nirvana zu spielen, deren Smells Like Teen Spirit er in einem Promo-Video als seinen Lieblingsrocksong bezeichnete. Statt dessen lockte er mit seinen knappen Ansagen zu den Songs nicht so gut informierte Menschen auf eine falsche Fährte. The Letter etwa kündigte er als Joe-Cocker-Lied an und spielte es dann auch konsequent nach – im Arrangement vom legendären Live-Album Mad Dogs and Englishmen. Was er nicht verriet: Der Song und seine Soul-Seligkeit stammt aus dem Memphis der sechziger Jahre, wo man auf vielerlei Weise an einer der Nahtstelle von Schwarz und Weiß in den USA die Entwicklung der populären Musik beeinflusste. Dort, wo Elvis Presley lebte, dessen Version von Always on My Mind dem Lied seinen besonderen Glamour verlieh. Aber auch über diese Querverbindung wusste der Sänger nichts zu sagen. Statt dessen kündigte er das Lied als Willie-Nelson-Stück an. Interessanterweise stammt es zu einem Teil von demselben Wayne Carson, der ein paar Jahre vorher The Letter geschrieben hatte. Dafür schien Springsteens Komposition ganz ohne irgendwelche Erklärungen auszukommen. Was durchaus okay war, denn diese Wahl wirkte schlüssig. Statt eine Neudeutung zu probieren, zeigte er das Talent eines Sängers einer Cover-Band. Der Mann aus Bochum – auch stimmlich – eine exakte Kopie des Typen aus Asbury Park.
Chicago Theatre Grönemeyer
Vielleicht war die Berührung mit Amerika auf dieser Konzert-Reise von Anfang an nur aufs Oberflächliche aus. Sonst hätte er bei diesem Besuch sicher mehr entdeckt, als dass Chicago im Vergleich zu seiner Heimat eine Weltstadt ist (eine Bemerkung, die er in den Text des Liedes Bochum einschob, als er es in der Zugabe spielte). Dass es eine Metropole ist, in deren Straßen Musiker an den Ecken stehen, die mindestens genauso gut sind wie die Jungs in seiner wirklich sehr guten Band. Ein kultureller Schmelztiegel, in dem Blues und Jazz kultiviert wurden und House Music seinen Ursprung hat.
Who knows. Vielleicht erscheinen in den nächsten Tagen noch amerikanische Berichte und Kritiken, die – aus dem Blickwinkel des hiesigen Publikums – den englischsprachigen Grönemeyer beschreiben, erklären und einordnen. Das überwiegend deutsche Publikum in Chicago war in seiner Reaktion unverblümt. Schon nach dem fünften Song forderte es lauthals „Deutsch“. Es war keine chauvinistische Parole, sondern entsprach dem nachvollziehbaren Wunsch, Grönemeyer als authentisch erleben zu wollen. In seiner Heimatsprache. Den auf Englisch gebügelten Sänger brauchen sie nicht. Und ich tippe mal, dem Rest der Welt geht es ähnlich.

Schnell und Bumm

2013_Burton_Catalog_Cover

Es mag ein kurioses Geständnis sein – gleich zu Anfang – wenn ich erwähne, dass ich schon einige ziemlich attraktive Berge gesehen habe. Und zwar im Winter. Aber ich will es aus bestimmten Gründen in diesem Fall schon mal vorneweg los werden: Ich habe noch nie auf einem Snowboard gestanden. Hahnenkamm. Aspen Mountain. Die Olympiastrecken von Park City und Snowbasin in Utah. Und dann Lake Louise in Kanada – alles nur auf Skiern. Das halbwegs zu meistern, war schwer genug.

Wenn ich die Erfahrung einer ziemlich sportlichen Nachbarin – sie reitet, joggt, ist mit Langlaufskiern unterwegs – aus diesem Winter auf einem eisigen Hang in Connecticut höre, wird sich das mit dem Snowboard wahrscheinlich gar nicht ändern. Sie hat sich bei ihrer ersten Beschäftigung mit dem Brett (mit Lehrer) auf einem gar nicht so attraktiven Berg ganz erheblich weh getan. Das war’s für sie. Sie wird es nie wieder probieren.

Wer etwas nicht wagt, was Millionen mit sehr viel Erfolg treiben, setzt sich einer uralten Frage aus: Muss man nicht selbst angetestet haben, worüber man berichtet? Okay: Kann man über Restaurants schreiben, wenn man nicht kochen kann? Über Kunst, wenn man nicht malen kann? Über Fallschirmspringen, wenn man sich nicht aus einem Flugzeug stürzt?

Wenn das die Vorgabe wäre, würden ganz viele Geschichten wohl gar nicht erst entstehen. Und das wäre nicht gut. Es fallen ohnehin schon viel zu viele unter den Tisch, nur weil die Konstellation der Umstände nicht stimmt. Oder weil es einfach nur an Geld fehlt.

Ob man dieser Sendung – Das Trendbrett, eine Produktion für die Sendereihe Nachspiel von Deutschlandradio Kultur – anmerkt, dass der Autor noch nie auf einem Snowboard gestanden hat? Ich vermute mal: nein. Denn sich einfühlen in das Erlebnis kann ich mich durchaus. Was dann am Ende fehlt – diese allerprofanste Basiserfahrung im Umgang mit dem Thema – lässt sich allemal kompensieren. Zumal ich mit diesem Projekt nicht die Absicht verband, Leuten das Boarden madig zu machen, sondern zu beschreiben, welche Faktoren eine Rolle gespielt haben und immer noch spielen, dass dieses ziemlich junge Sportgerät so rasch so populär geworden ist.

Bei einem solchen Projekt geht man so vor: Mit jeder Menge purer Neugier auf das, was man etwa beim Marktführer und Trendsetzer der Branche namens Burton auf die Beine stellt. Weshalb ich denn auch nicht nur einmal, sondern zweimal für diese Produktion in Vermont war. Teil der Mitbringsel: ein Interview mit Firmengründer Jake Burton, inzwischen 58, und damit der Hauptzielgruppe lange entwachsen.

Neugier auch auf das, was die erste Olympiasiegerin zu sagen hatte. Weshalb ich unbedingt Nicola Thost sprechen wollte. Sie im Studio in München. Ich in New York am Telefon. Das klappte hervorragend. Und natürlich Neugier auf das, an was sich Scott Starr erinnert, der die Snowboard-Entwicklung von Santa Barbara in Kalifornien als Fotograf aus begleitet hat und den ich durch ein paar intensive Recherchen aufstöbern konnte.

Am Ende hatte ich übrigens weit mehr Material beieinander, als ich verwenden konnte. So fiel der Mitschnitt eines Burton-Repräsentanten in einem Wintersportgeschäft in Massachusetts unter den Tisch. Und damit der halbe Tag, den es gekostet hatte, diesen Termin wahrzunehmen. Auch das sehr informative Gespräch mit einem Sprecher des Snowboardverbandes in Deutschland blieb im Filter hängen. Die wirklich klugen Gedanken zweier von drei Boardern, die ich zwischendurch im Burton-Shop in SoHo getroffen hatte, landeten ungenutzt im Archiv.

Man nennt das wohl Schwund. Man investiert viel, um einen kompakten Output zu erzielen. Schwund gibt es selbstverständlich in jedem Metier. Aber das heißt nicht, dass man ihn nicht bedauert. Er hat in diesem Fall vor allem etwas mit den sich beim Schreiben des Manuskripts entwickelnden Vorstellungen von Dramaturgie und Gestaltung zu tun, mit dem Wunsch, Atmosphären und Dokumentarisches einzusetzen, die oft eine plausiblere Dichte schaffen können, als die nackten Worte von klugen Menschen. Und selbst für diese Atmosphären war am Ende kaum Platz. Die 28 Minuten, die dieses Feature programmgemäß füllt, sind randvoll. Immerhin: Sie erzeugen dadurch den gewollten Effekt. Sie wirken nicht so, als ob die Zeit dahinläppert, sondern als wäre sie beim Zuhören sehr, sehr rasch vergangen. So rasch wie die guten Snowboarder die Berge hinuntergleiten.

Die Akzente bilden zwei schöne Musikzitate – von den Beach Boys und von Queen. Dazu habe ich im Archiv meiner eigenen Stücke auch etwas gefunden, was sich knapp und sinnig einfügen ließ. Dieses zum Beispiel.

Heart Goes Fast and Boom

burton-header

Blick zurück: Der Blogeintrag zur Erstausstrahlung vor einem Jahr

(Ein Dank noch von dieser Stelle und mit sehr viel Verspätung an den Mann, der mich einst auf das Thema angesetzt hat und mir so den Einstieg ermöglichte. Peter, du weißt, wen ich meine…)

Ein paar Streicheinheiten

rolland_2012_hi-res-download_2Foto: John D. & Catherine T. MacArthur Foundation/CC

Als vor ein paar Monaten die Nachricht über die neuen Preisträger der MacArthur-Stiftung die Runde machte, habe ich neugierig die Liste der Menschen studiert, die mit dieser Auszeichnung als Genies ihres Fachs ausgerufen werden. Von den meisten hat man noch nie etwas gehört. Aber das ist Teil der Absicht. Der Preis rückt die Geehrten aus der anonymen Masse in den Vordergrund. Und zwar wirtschaftlich nachhaltig. Jeder der Preisträger erhält nämlich über die Zeit von fünf Jahren verteilt insgesamt 500.000 Dollar überwiesen. Davon können die oft ziemlich schlecht betuchten Künstler, Schriftsteller, Musiker, Denker, Akademiker eine Weile lang ziemlich gut und sorglos leben. Sie können sich Auszeiten nehmen und neuen Projekten widmen. Alles ohne den tagtäglichen Druck des Geldverdienenmüssens.

Trotz seiner positiven Seiten führt der „MacArthur“ ein selten kurioses Dasein. Man weiß von dieser Förderungseinrichtung. Aber sie fällt irgendwie hinter Nobelpreise und Pulitzerpreise und andere Awards leicht ab. Vermutlich liegt dieses Defizit nur daran, dass es keine Verleihungsshow im Fernsehen gibt. Die Empfänger werden nicht gleich auf Titelseiten hochgejubelt, sondern allenfalls Zug um Zug von der Journaille entdeckt. Meistens von der lokalen Journaille. Mit dem gebührenden Stolz auf den local hero. Ansonsten hat der „MacArthur“ so etwas wie Insider-Status.

Wie dem auch sei, ich habe im Oktober die neue Liste überflogen und bin dabei auf einen Mann gestoßen, dessen Kunst und dessen handwerkliche Besonderheit mich auf Anhieb fasziniert hat. Das liegt sicher auch an diesem abgebrochenen Musikwissenschaftsstudium, in dessen Rahmen ich mich einst seriös mit Dingen beschäftigt habe wie Partiturlesen oder mit dem Fach Akustik. Benoît Rolland, der Franzose in einem Vorort Boston, und seine Spezialität wirkte aus der Ferne wie ein Echo auf diese längst zugeschüttete Ambition, der klassischen Musik etwas Zerebrales abzugewinnen.

Monsieur Rolland, ein distinguierter und sehr informativer Gesprächspartner, war bereit, sehr viel mehr zu erzählen als eine bloße Einführung in sein Metier und die Einzelheiten seiner Biographie. Ich erfuhr zum Beispiel erst dort, dass er ein unglaublich innovativer Kopf ist, dessen jüngste Erfindung erst in den nächsten Monaten auf den Markt kommt. Das nennt man Timing. Oder auch einfach nur Glück. Aus dem Besuch in Watertown wurde so ein stimmungsvolles Radioporträt

und nun in dieser Woche auch ein Artikel in der sehr geschätzten Wochenzeitung Die Zeit.

Wie so oft mit Geschichten, in denen eine optische und akustische Dimension steckt, die man allein mit Worten nur schwer erklären kann, wäre es eigentlich angebracht, die Arbeit von Benoît Rolland filmisch umzusetzen. Aber nicht in den üblichen knappen Fernsehhäppchen, sondern ausführlich. Aber ehe ich mich an eine solche Aufgabe heranwage und das bisschen Glück aufs Spiel setze und mir dafür irgendwelchen Frust einhandle, weil am Ende ja fast nichts so klappt, wie man möchte, lasse ich lieber anderen den Vortritt. Jemandem wie Filmemacher Michael Sheridan etwa, der sein erstes Video zwar gepostet hat, aber leider das Einbetten nicht gestattet. Auch er könnte wohl nochmal etwas Unterstützung gebrauchen.

Im Radiobeitrag spielt Ann-Sophie Mutter das Adagio des Violinkonzerts Nummer 3 in G von Wolfgang Amadeus Mozart (Köchelverzeichnis 216). Es ist ein bezauberndes Werk und wirkt in dieser Aufnahme aus dem Jahr 2006 ungeheuer feinsinnig. Die Dame hat den Bogen raus.

Blick zurück: Über meine Boston-Reise und das Gefühl, als Multimedia-Mensch unterwegs zu sein, hatte ich im November hier im Blog ein wenig mehr geschrieben.