Archiv der Kategorie: Radio

Da ist Musik drin

Sonntag war Nachspielzeit. Womit das lange Radiostück gemeint ist, das in der gleichnamigen Reihe von Deutschlandradio Kultur lief. Das hatten neben Lance Armstrong vor allem seine Seilschaften, Mitwisser und Mittäter im Blickwinkel. Und sollte den Komplex aktuell um jenen Gedanken erweitern, den der Doping-Experte Hajo Seppelt in der Sendung so formulierte: „Da gab es genug, die geschwiegen haben, die mit Armstrong kollaboriert haben, die davon auch profitiert haben. Es ist schon so, dass wir in der öffentlichen Wahrnehmung dazu neigen, dieses auszublenden. Das ist wirklich ein Skandal, der noch nicht zu Ende ist.”

Wer das Ganze nachholen und nachhören möchte, kann das noch eine Weile tun. Der Sender hat das Manuskript und die fertige Produktion mit Sprechern, Interview-Segmenten und Musiken hochgeladen. Weil der Skandal noch nicht zu Ende ist, werde ich mich sicher auch in der Zukunft mit dem Thema beschäftigen. Und zwar je nach Nachrichtenlage und Brisanz. Ich nehme mal an, der Kinofilm, der laut Hörensagen den doppeldeutigen Titel Icon hat („I con“ heißt auf Englisch frei übersetzt „ich trickse andere aus“, con artists ist der Begriff für Hochstapler), wird uns alle demnächst auf jeden Fall noch einmal auf die Sache zu sprechen kommen lassen.

Vielleicht werde ich jedoch etwas anderes zu den Akten legen: Ich habe für die Sendung mehrere Instrumentalmusiken aus meiner Produktion verwendet, die man getreu eines alten Gedankens aus der künstlerischen Sphäre nur einmal einsetzt und danach nie wieder. Das hat Tradition. Zum Beispiel bei Filmmusik. Kein Mensch würde in dem Genre auf die Idee kommen, solche Hinzufügungen zum kreativen Ensemble noch einmal als Erkennungsmerkmal eines anderen Films einzusetzen. Je nach Bekanntheitsgrad werden sie allenfalls zu Stoff für Parodien. Sie sind mit dem Werk untrennbar verschmolzen.

Ich verstehe, wie so etwas passiert. Denn irgendwie hängen wir alle an einem Kunstbegriff, in dem Originalität eine wichtige Rolle spielt. Selbst bei einer Kunstgattung, die qua Gestaltungsabsicht erst noch aufgeführt werden muss, damit sie überhaupt hörbar wird. Wir versuchen auch nicht dieselben Gedanken noch mal zu Papier zu bringen und zu publizieren. Wir wollen, wo es geht, originär sein und originell.

Das Konzept und die Haltung dahinter sind anspruchsvoll und reizvoll. Aber so einfach ist das alles gar nicht. Nicht, dass es mir an Ideen mangelt. Wen es interessiert, dem verrate ich gerne, dass ich im Laufe der letzten Jahre mehr als 400 Musikstücke komponiert habe, von denen etwas mehr als 50 über die eine oder andere Schiene medial (in Videos, in Radiosendungen, in Podcasts) verwertet wurden. Sie sind damit Teil eines eines ganz spezifischen atmosphärischen und gestalterischen Kontexts geworden. (Videobeispiele auf meiner Webseite americanarena.net) 

Es sind so viele Musiken, weil ich ständig zwischendurch neue Sachen entwerfe. Musik machen entlastet und entspannt die andere Seite des Gehirns ungeheuer, die den sprachbasierten journalistischen Output produziert.

Trotz dieser Menge und Vielfalt habe ich einige wenige Stücke schon mehr als einmal irgendwo untergebracht. So wie am Sonntag im Nachspiel, in dem ich mich für den Einstieg und einen weiteren atmosphärische Farbtupfer bei Material bedient habe, das ich vor wenigen Wochen (damals neu und frisch) eigens für dieses Video geschrieben habe – ein Interview mit dem amerikanischen Schriftsteller Jim Herity. Ein weiteres Stück hatte ich vor ein paar Jahren für das Video über einen österreichischen Architekten komponiert. Ich bin mir relativ sicher, dass diese Klangbeispiele zwar in ihrem visuellen Kontext bestens passen, aber dass sie auch so etwas wie eine universellere Einsetzbarkeit besitzen (zumindest für den Rundfunk, wo wir keine Bilder haben und die Funktionalität von Musik einen etwas anderen Zuschnitt hat.

Allerdings gibt es in der Armstrong-Sendung auch etwas ganz Neues, sozusagen exklusiv: die Musik am Ende.

Die hat, das ist so Usus, nämlich tatsächlich eine sehr eigene, radiospezifische Funktion zu erfüllen. Sie soll zum Schluss etwas von der Stimmung des Features mitnehmen, aber so angelegt sein, dass sie anschließend einem Sprecher erlaubt, eine Moderation draufzusetzen. Und sie soll quasi jeder Zeit ausklingen dürfen. Sie ist der Puffer für die Zeit, bis die nächste Sendung anfängt. Das heißt, sie braucht ein gewisses Tempo, gewisse Klangfarben und eine Emotionalität, die eher Bewegung signalisiert als Stillstand. Sie ist Endsignal und Übergang in einem.

Ich habe für beinahe alle Nachspiel-Sendungen, die ich in den letzten Jahren erarbeitet habe – über die Halls of Fame im Sport, die Eskimo-Olympiade, das Trend-Brett Snowboard – solche Ausklangmusiken geschrieben. Auch weil ich auf dem Markt der vorhandenen Stücke fast nie etwas finde, was ich für wirklich passend halte. Das soll nicht anmaßend klingen. Theoretisch muss man nur lange genug suchen. Aber dazu habe ich ehrlicherweise keine große Lust. Die Lust verwende ich lieber auf die Kreativität, etwas Neues zu erschaffen. Etwas, was dann tatsächlich originär ist, keine Konfektion aus dem Kaufhaus der Klänge. Etwas, was im optimalen Fall vorher im öffentlichen Rahmen noch niemand gehört hat.

Manchmal wünscht man sich, dass diese Arbeit mal jemand zur Kenntnis nimmt, ja, das vielleicht sogar jemand käme, der sagt: Hey, kannst du uns/mir nicht auch eine Musik stiften, die funktional und inspirierend ist und einen zum Zuhören animiert? Aber damit sollte ich bis auf weiteres nicht rechnen. Mit solchen Klängen am Rand zur Unaufdringlichkeit bewegt man sich wie ein gesichtsloser Typ in einer Masse. So wie wenn man durch die Straßen von New York läuft, wo einen auch keiner anspricht und keiner einen kennt. Auf der anderen Seite: Warum nicht wenigstens hier in diesem Blog mal darüber reden? Und ein paar Beispiele vorführen, die womöglich die eine oder andere Reaktion produzieren. Kann nicht schaden. Oder?Audacity Screen Shot "Nachspiel Armstrong alle Musiken"

Diese ist die Ausklangmusik vom Sonntag. Titel: 4tilehuffed

Dies ist das Stück, mit dem die Sendung Museen, Medaillen, Mythen zu Ende ging. Es heißt Cooperstown.

Die Eskimo-Olympiade und die Musik, die sie in Alaska spielen, inspirierte mich zu diesem Stück: Down the Chena River

Dies ist der Ausstieg aus der Trend-Brett-Sendung. Der Titel When You Push Me I Won’t Fall

Tatsächlich habe ich diese drei Musiken noch nie irgendwo anders eingesetzt und würde das wahrscheinlich auch inhaltlich und innerlich gar nicht hinbekommen. Irgendwie sind sie hier genau richtig platziert und würden woanders sicher längst nicht so gut passen. Ähnlich geht es mir bisher mit den Titelmusiken, die ich Videos verwendet habe. Sie sind Signaturmerkmale geworden, die sich nicht einfach verpflanzen lassen. Es sei denn, es kommt der Tag und jemand sieht oder besser hört das anders. Ich bin gespannt, ob das jemals passiert.

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Der Fall nach dem Fall

Meine Erinnerung an den Sommer, als ich mich zum ersten Mal mit Lance Armstrong beschäftigen musste, ist schon etwas verblasst. Eigentlich besteht sie nur aus einem kurzen Dialog mit einem Redakteur. Er: Radsportspezialist und unverhohlener Fan. Ich: Agnostiker. Zweifler. Skeptiker. Er bat mich, einen Artikel zu schreiben, der die amerikanischen Reaktionen auf die Leistungen des Fahrers bei der Tour de France einfangen sollte.

Verständlich angesichts der Ausgangslage. Ein vormals sterbenskranker Sportler gewinnt den Prolog, ein Einzelzeitfahren, und verblüfft die Fachwelt und die Konkurrenz. Und er verblüfft vor allem seine Landsleute.

Alle – auch der besagte Redakteur – wollten sie glauben. Diese Geschichte von einem Mann, der nach einer intensiven Krebsbehandlung zum aktiven Sport zurückgekehrt war. Denn sie war verführerisch schön. Erst recht aus dem Blickwinkel von Millionen von Amerikanern, über die ich dann im Tagesanzeiger in Zürich während der Tour schließlich dieses schrieb: “Selbst zwei Jahrhunderte nach der Entwicklung des Velos steht der durchschnittliche Amerikaner dem Prinzip des Etappenrennens ratlos gegenüber. Die Tour de France ist ‚eines unserer großen sportlichen Mysterien‘, gab die Philadelphia Daily News vor ein paar Tagen zu, als sich Lance Armstrong an die Spitze setzte: ‚Wir sind von den Bildern beeindruckt, aber wir lieben sie nicht. Wir können die Anstrengungen erkennen, aber wir verstehen sie nicht.‘ Vielleicht ist das der Grund, weshalb die US-Medien in diesen Tagen mit jener riesigen Übersetzung fahren, wenn sie versuchen, die Erfolge des 27-jährigen Texaners in einen historischen Rahmen zu stellen. So schrieb USA Today: ‚Vor über 2200 Jahren begann Hannibal, der Karthager, seine Attacke auf die Alpen. Am Dienstag hat Lance Armstrong, der Texaner, mit seinem Angriff auf die Alpen begonnen.'“

Begonnen hatte allerdings ein ganz anderer Angriff. Der auf die Glaubwürdigkeit aller Beteiligten – der Fahrer, Verbandsfunktionäre, Sponsoren und Medien etwa, die wenige Tage später erfuhren,  dass Armstrong bereits beim Prolog positiv auf Kortison getestet wurde. Und dass anschließend folgendes passiert war, wie Dominique Eigenmann auf den selben Seiten feststellte: Der Weltverband rettete Armstrong vor der obligatorischen Sperre, in dem er gegen das eigene Reglement verstieß: “Dort steht nämlich (Artikel 43, Kapitel 4, Abschnitt 14), dass jede Anwendung von Medikamenten, die auf der Dopingliste stehen, auf dem Protokoll der Dopingprobe zwingend vermerkt werden müsse. Armstrong hatte in dieser Rubrik – gemäss Le Monde – aber notiert: ‘Medikamente: keine.’ Das Reglement sagt weiter: Wenn ein Athlet keine dopinghaltigen Substanzen deklariert, das Kontrolllabor aber solche findet, dann gilt das Resultat seiner Probe als positiv, und zwar auch dann, wenn der Sportler im Nachhinein noch ein ärztliches Attest vorweisen sollte.”

1999 war das alles. Neunzehnhundert-fucking-neunundneunzig. Da hätte ein Verband nur seine Regeln anwenden müssen, um den Sportbetrüger Lance Armstrong aus dem Verkehr zu ziehen. Ehe das ganze Lügengebäude errichtet wurde. Ein Gebäude, an dem viele bastelten, darunter die Firma Nike, die später mit diesem Werbespot die Zweifler gezielt verhöhnte:

“This is my body. And I can do whatever I want to it. I can push it. Study it. Tweak it. Listen to it. Everybody wants to know what I’m on? What am I on? I’m on my bike. Busting my ass. Six hours a day. What are you on?”

“Jeder will wissen, auf was man mich gesetzt hat”, sagte Armstrong in dem Werbespot und spielte mit der doppelten Bedeutung eines Ausdrucks, der sowohl für die Verordnung von Arzneimitteln als auch den Ritt auf einem Rad gelten konnte. “Auf was wurde ich gesetzt? Ich sitze auf meinem Fahrrad. Reiße mir den Arsch auf. Sechs Stunden am Tag.”

15 Jahre später versteht man diese Vorgehensweise natürlich viel besser. Die amerikanische Anti-Doping-Agentur hat sie akribisch dokumentiert. Ich selbst habe parallel zahllose Geschichten und Radiobeiträge produziert und Interviews geführt mit Männern wie Tyler Hamilton und Frankie Andreu. Auch das nicht ganz unwichtig zum besseren Verständnis. Wie die Gespräche mit Journalisten wie Juliet Macur und Bill Gifford und Selena Roberts, die alle jeweils mit intensiven Recherchen Teile des Lügengebäudes enthüllten. Und mit dem Filmemacher Alex Gibney, der damals an seinem Dokumentarfilm The Armstrong Lie arbeitete. Ich konnte mit Frauen wie Betsy Andreu reden, die eine besondere Rolle bei den Enthüllungen spielte. Mit Anwälten wie Jeff Tillotson, der die Firma SCA vertritt, die von Armstrong um Millionen von Dollar betrogen wurde. Und mit Vertretern der Radfirma Trek, die auf verstörende Weise den Eindruck erweckt, als gehöre sie nicht zu den Mitwissern und Mittätern des größten Sportbetrugs aller Zeiten, sondern als sei sie so eine Art Opfer.

Ich war im Laufe der letzten Jahre für die vielen Recherchen in Salt Lake City, in Montana, in Washington und natürlich auch in New York unterwegs. Ich war in Detroit. Und in Waterloo/Wisconsin. Mit der Sperre, die die amerikanische Anti-Dopingagentur 2012 auf den Weg brachte und die anschließend vom Weltradsportverband bestätigt wurde, hat der größte Teil der Öffentlichkeit das Kapitel zugeklappt. Tatsächlich ging seitdem die Geschichte weiter. Und das wird sie auch noch in den nächsten Monaten. Wenn so einiges herauskommt, was bisher noch unter dem Deckel war.

Eine gute Phase übrigens, um für die großartige Sendereihe Nachspiel auf Deutschlandradio Kultur ein ausführliches Feature produzieren, in dem ein erheblicher Teil der Aufmerksamkeit auf den Hintermännern, Mitwissern und Mittätern liegt, auf die bislang noch wenig Licht gefallen ist. Und dies vor allem deshalb, weil sich Armstrong konstant weigert, seine Helfershelfer zu verraten. Es ist Teil seines Spiels, das genauso wie der Doping-Missbrauch irgendwann noch in den Vordergrund rücken wird. Wenn klar wird, wer alles Meineide schwor, um Armstrong zu helfen. Und wer von Armstrong eingeschüchtert und durch seinen Einfluss wirtschaftlichen Schaden erlitt. Ganovenehre ist kein Ding von Ewigkeitswert.

Sendetermin: Sonntag, den 23. November

http://www.deutschlandradiokultur.de/radfahrer-der-fall-armstrong.966.de.html?dram:article_id=300138

Ein paar Links zur Einstimmung? Gerne

Interview mit der Journalistin Juliet Macur, die das Buch geschrieben hat: Lance Armstrong – Wie der erfolgreichste Radprofi aller Zeiten die Welt betrog

Bericht über den Gibney-Film The Armstrong Lie und einige der Figuren im Hintergrund des Skandals. Titel: Das Phantom der Seifenoper.

Das große Tyler-Hamilton-Interview im Züricher Tagesanzeiger.

Die dubiose Rolle des Radherstellers Trek, der Anfang 2014 ein eigenes Profi-Team an den Start brachte.

Meine Einschätzung von Lance Armstrongs Fernsehbeichte in der FAZ.

Eine von mehreren, die sich ihre Hände dreckig gemacht haben, um Armstrong ins rechte Licht zu rücken. Und die dabei sehr viel Geld verdient hat.

Addendum: Eine Fassung der fertigen Sendung ohne Voiceover.

Märchen mit Macken

Im Mai nahm sich der Oscar-Preisträger Malik Bendjellouler Malik Bendjelloul das Leben, als er in einem U-Bahnhof in Stockholm vor einen einfahrenden Zug trat. Warum er so abrupt aus dem Leben schied, ist nur schwer zu verstehen. Zwar gibt es Menschen, die ihn kannten, die sagten, er sei depressiv gewesen. Aber es gibt auch welche, die davon nichts registriert hatten. Nach allem, was wir wissen, gibt es keinen Abschiedsbrief, der diesen Schritt erklären oder wenigstens verständlich machen könnte. Der schwedische Regisseur wird ein Rätsel bleiben. Und seine Hinterlassenschaft in Form eines wirklich bemerkenswerten Films mit dem Titel Searching for Sugarman wird es auch.22cover_lores

Stoffe wie Sugarman werden gewöhnlich nicht als „Dokumentarfilm“ inszeniert, sondern mit einer adäquaten Sensibilität nacherzählt. So wie Schindlers Liste von Stephen Spielberg, auch eine mit dem Oscar ausgezeichnete Arbeit. Dafür gibt es hauptsächlich dramaturgische Gründe. Geschichten, die das richtige Leben schreibt, lassen Vereinfachungen und Verdichtungen, die man im Kino haben will, normalerweise nicht zu. Es sei denn, man verbiegt die Realität.

Die Verführung ist groß. Denn das Publikum scheint auf solche verbogene Darstellungen versessen. Je unglaublicher, desto besser.  Man kann es auch so formulieren, wie das Bendjelloul getan hat, als er zum ersten Mal davon hörte, dass es da diesen amerikanischen Singer/Songwriter gab, der jahrelang keine Ahnung gehabt hatte, dass seine Platten in Südafrika Megahits gewesen waren: “Wow, das ist die beste Geschichte, die ich je in meinem Leben gehört habe.”

Ich habe vor einem Jahr in einem Beitrag für DRadio Wissen das Problem im Bereich der Literatur schon einmal ins Visier genommen. Damals waren neue Hinweise aufgetaucht, dass der Schriftsteller Truman Capote in seinem Buch Kaltblütig, dem Vorbild für ein ganzes Genre in der Literatur, den Dokumentarroman, eine Regel komplett ignoriert hatte: Die Fakten müssen stimmen.

Das war auch deshalb vermeldenswert, weil man in den USA in letzter Zeit häufiger Autoren erwischt hat, die Bestseller geschrieben haben, die deshalb so gut laufen, weil die Leser glauben, die Fakten würden wirklich stimmen. Tatsächlich entsprangen die staunenswerten Details der Fantasie der Autoren.

Den Beitrag kann man heute nicht mehr im Netz finden, weshalb ich ihn aus aktuellem Anlass hier im Blog-Archiv einstelle. Auch um zu illustrieren, dass das Problem mit einem Film wie Sugarman oder dem gerade in die deutschen Kinos gekommenen Finding Vivan Maier die Verbreitung eines Virus anzeigt, der inzwischen auch die Kategorie Dokumentarfilm befällt. Geopfert wird die Wahrheit, damit eine vermeintlich authentische, aber geschickt manipulierte Geschichte erzählt werden kann,  die ansonsten in sich zusammenfallen würde. Worüber ich gestern in der Sendung Kompressor in Deutschlandradio Kultur ein paar wesentliche Dinge berichten konnte. Verbunden mit der Warnung: Geschichten, die zu schön, um wahr zu sein, sind vermutlich bestenfalls nur halbwahr.

Kompressor Vivian Screenshot

Der Anlass: die Deutschland-Premiere von Finding Vivian Maier, einen Film, über den ich ebenfalls bereits vor einiger Zeit einen Radio-Beitrag für Fazit produziert hatte. Allerdings waren mir einige Dinge erst seitdem so richtig klar geworden. Darunter das Thema Urheberrecht, das womöglich dem Chicagoer Maier-Finder John Maloof noch Probleme verschaffen könnte.

Was mich seitdem stärker denn je irritiert, ist das, was Leute an Akademikern stört, die ihre Doktorarbeiten zusammen plagiiiert haben. Was mich stört, ist die Frechheit, mit der Kreative die  Grenze ins Phantasialand überschreiten und so tun, als sei es nicht so wichtig, was sie damit anrichten. Malik Bendjelloul verteidigte das indirekt natürlich bereits, als noch niemand die vielen Versatzstücke zur Hand hatte, die seinen Film als geschickt montiertes Kreativ-Opus entlarven. Er habe nicht versucht, „die Tantiemen-Frage aufzuklären“, sagte er einem Interviewer. „Denn die Geschichte dreht sich wirklich nicht um Geld.”

Das konnte nur der glauben, der an das Märchenhafte dieser Geschichte glauben wollte, wozu die enormen Anstrengungen des Filmemachers gehörten, dem kurz vor Schluss das Geld ausging und der das Glück hatte, dass ihm ein Produzent beisprang. Tatsächlich dreht sich die Geschichte des Songwriters hauptsächlich um Geld und wohin es geflossen sein könnte. Und wer wen betrogen hat, damit der Songwriter keinen Cent während der Apartheid-Jahre  aus Südafrika  bekam. So musste Sixto Rodriguez auf den Bau arbeiten gehen, weil er als Musiker nicht genug verdiente.

Aber das ist nicht mal der schwerste Vorwurf, den man dem Film machen muss. Er lässt tatsächlich einfach aus, was der Rolling Stone ziemlich lässig in seiner Liste von zehn Dingen vermerkte, die man schlichtweg nicht wissen konnte, wenn man zu diesem Komplex nur den Film gesehen hatte.

Tatsächlich war es zu einem ähnlich überraschenden Erfolg in den siebziger Jahren in Australien gekommen. Damals jedoch bekam Rodriguez irgendwann mit, wie populär seine Musik war und spielte vor tausenden von Fans. Das Interesse ebbte wieder ab. Aber nicht, ehe junge australische Musiker ihre Zuneigung zu seinen Songs entdeckt hatten. Merke: Rodriguez war also nicht ein ahnungsloser Typ, gefangen in einem trostlosen Leben. Er hatte einen beträchtlichen Kenntnisstand über das Potenzial seiner Musik und seiner Karriere. Und das schließt die Art und Weise ein, wie er vor der Produktion des ersten Albums in Detroit einem Musikverlag von der Fahne ging, mit dem er ganz offensichtlich einen gültigen Vertrag hatte. Das wissen wir auch nicht etwa, weil uns das der Film verraten hätte, der Rodriguez erneut zu einem Verkaufserfolg und zu einem gefragten Livemusiker machte. Das stand  in ein paar Publikationen, die sich für die Musikbranche interessieren. Als Bendjelloul endlich davon Kenntnis nahm, so schrieb der Hollywood Reporter neulich, entlockte ihm das auch nur ein kurzes „Wow“.

Es war derselbe Mann, der in einem Interview mit CNN vor der Oscar-Verleihung 2013 immerhin zugab, dass er bewusst und mit sehr viel Begeisterung Originalfilmmaterial aus Archiven verfremdet und eigene Szenen mit einer 1,99 Dollar teuren iPhone App gedreht hatte, die 8mm Vintage heißt. Ein Stilmittel, wenn es man es positiv sehen will. Billig noch dazu. Aber Authentizität sieht anders aus als auf siebziger Jahre manipuliertes Bewegtbild. Typisch: die CNN-Reporterin war schwer begeistert. Auch weil sie sich auf die Suche nach dem dahin unbekannten chinesischen App-Entwickler machte und ihn tatsächlich auch fand.

Unterm Strich: Ein geschickt geleimtes Publikum, das auf die  Märchenhaftigkeit einer Geschichte hereinfällt, sorgt für den  Erfolg (auch wirtschaftlichen Erfolg) eines Musikers, eines Filmemachers, eines Film-Produzenten, einer Plattenfirma. Und niemand kommt zu schaden?

Das denken viele. Nicht zuletzt die, die irgendwann ertappt werden wie der Autor James Frey, der mit seinem Buch A Millionen Little Pieces (auf Deutsch Tausend kleine Scherben) zum Posterboy dieser Form des Betrugs wurde, nachdem er genötigt wurde, in der populären Talkshow von Oprah Winfrey einzugestehen, dass seine sehr erfolgreiche autobiographische Geschichte über das Leben als Suchtkranker und als Gefängnisinsasse ein modernes Märchen ist.

Frey haderte später in einem Interview im kanadischen Rundfunk mit dem Puritanismus seiner Landsleute. Als wäre der das Problem.
“It was a big deal. My agent dropped me. My contracts were cancelled. People fled. I became a pariah. But outside the US it almost had the opposite effect. In Europe they understood, I wrote a book. I took liberties in a book to tell a story better. In America they freaked out about it. America was founded by Puritans. In a way it is still a puritan culture.”

Wenn das tatsächlich wahr wäre, hätte Puritanismus sogar etwas Gutes.

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Hier das Manuskript zu meinem Nachruf auf Malik Bendjelloul, der am 13. Mai in der Sendung Fazit in Deutschlandradio Kultur ausgestrahlt wurde. Dies ist das Link zur gesendeten Fassung.

Märchen mit Macken
Der 2013 mit dem Oscar ausgezeichnete Film “Searching for Sugar Man” erzählt die wahre Geschichte des amerikanischen Singer-Songwriters Sixto Rodriguez, der – zuhause erfolglos – erst Jahrzehnte später erfährt, dass er im fernen Südafrika ein großer Star ist. Was Regisseur Malik Bendjelloul nur antippt, wird nun in Michigan vor Gericht verhandelt: War Tantiemen-Betrug im Spiel? Und wusste der Künstler davon?

Über eine solche Geschichte stolpert man nur einmal im Leben. Wenn überhaupt. Und selbst wenn, muss man noch Jahre lang unerschrocken dran bleiben, um die wichtigsten Personen zu finden und vor die Kamera zu bekommen. Also das tun, was der schwedische Fernsehjournalist Malik Bendjelloul gemacht hat: ganz viel Zeit und Geld und Energie investieren.
Denn ohne das alles wäre diese Geschichte wohl noch immer ein komplettes Mysterium Und Sixto Rodriguez, der Singer-Songwriter, der absolut keine Ahnung hatte, dass er im fernen Südafrika ein Idol war, wäre noch heute ein alter anonymer Musiker in Detroit.
Diese Geschichte hat faszinierende Ingredienzien. Sie ist halb Märchen und halb Detektivroman und zeigt, dass am Ende – selbst in der harten Realität – tatsächlich manchmal die Guten gewinnen.
Zu den Guten gehört auch Malik Bendjelloul. Der reanimierte mit seinem Dokumentarfilm Searching for Sugar Man nicht nur die jahrezehntelang zuvor eingemottete Karriere von Rodriguez, sondern empfahl sich damit einem weltweiten Publikum als Regisseur, der komplexe Stoffe schlüssig zu erzählen versteht und seine Hauptfiguren und deren Lebensgefühl mit der gebotenen Sensibilität abbildet.
Searching for Sugar Man erhielt viele Preise. Nicht nur den Oscar. Nebenbei sorgte der Film dafür, dass es die lang vergessene Musik von Rodriguez aus den siebziger Jahren erstmals in den USA in die Charts schaffte. Der Sänger, der im Moment auf Tourneereise durch die Vereinigten Staaten unterwegs ist, gibt inzwischen Konzerte vor mehreren tausend Zuschauern.
Die Musik hat eine besondere Qualität, fand Malik Bendjelloul:
“Ich mag diese alten Jungs nicht besonders. Aber Rodriguez war anders. Zugänglich. Seine Stimme vermittelt Intimität. Wenn du Crucify Your Mind zum ersten Mal hörst, ist das wirklich emotional. Dir kommen fast die Tränen. Solch magische Lieder sind selten.”
Zu Bendjellouls Arbeiten gehörten bis dahin Dokumentarfilme über Sänger wie Elton John und Rod Stewart und die Elektronik-Musiker Kraftwerk. Auf die Sugarman-Geschichte stieß er ganz zufällig auf einer Recherchenreise in Afrika. Doch Rodriguez, der in Detroit auf dem Bau arbeitete, nachdem nichts aus seiner Musikkarriere geworden war, hatte zunächst kein Interesse an dem Projekt.
“I was reluctant. I gave Malik Bendjelloul a hard time”, erzählte er, als er mit dem Regisseur unterwegs war, um den fertigen Film einem größeren Publikum zu präsentieren. “It wasn’t until the last two months that I agreed with Malik and said ‘Let’s do this’.”
Jemand wie Clarence Avant hatte allerdings keine Beklemmungen. Er, der im Laufe seine Karriere als einflussreicher Manager sogar Vorstandsvorsitzender des berühmten Motown-Labels  war, hatte Rodriguez damals für seine eigene Plattenfirma unter Vertrag genommen. Und er hatte anderen die Auslandsrechte überlassen.
Allein in Südafrika wurden über 500.000 Langspielplatten verkauft. Aber von den Tantiemen kam kein Cent beim Künstler an. Im Film fragt Malik Bendjelloul ganz direkt nach dem Geld und bekommt von Avant eine ausweichende Antwort: “Wenn Sie glauben, dass sich irgendjemand Gedanken über einen Vertrag von 1970 macht, haben Sie den Verstand verloren.”
Diese Prognose sollte sich als falsch erweisen. Anfang Mai reichte der  Musikverlag Gomba Inc. vor einem Bundesgericht in Michigan eine Klage gegen Avant ein. Der Vorwurf lautet: Der Musikmanager soll damals auf betrügerische Weise herumgetrickst haben, um Rodriguez mit seinen Liedern exklusiv an sich binden zu können.
Theoretisch muss der Künstler selbst von diesem Manöver gewusst haben. Und womöglich erklärt das auch die Zurückhaltung, mit der er damals auf das Interesse des schwedischen Regisseurs reagierte. Aber der klagende Musikverlag hat davon abgesehen, sich an dem Sänger schadlos zu halten. Sein Anwalt erklärte gegenüber Fazit, dass er ihn allerdings als Zeugen vernehmen lassen will.
Malik Bendjelloul, der das alles – ungewollt – ins Rollen brachte, hatte vor zwei Jahren in einem Interview erklärt, dass ihn diese Facette nicht besonders interessiert: “Ich habe nicht versucht, die Tantiemen-Frage aufzuklären. Denn die Geschichte dreht sich wirklich nicht um Geld.”
Schade eigentlich. Denn hinter der Frage nach Geld steckt die Antwort darauf, wie es kam, dass Rodriguez nichts von seinem Ruhm im fernen Afrika erfuhr und so viele Jahrzehnte eine der mysteriösesten Figuren der Musikgeschichte war.
Diese Antwort hätte Malik Bendjelloul den Stoff für eine Fortsetzung gegeben. Und vermutlich hätte er daraus einen ähnlich dichten und anrührenden Film gemacht wie Searching for Sugar Man. Doch dazu wird es nun nicht mehr kommen.

Der amerikanische Traum

IMG_1644Ich habe mich an einer kurzen Promo-Minute für die nächste Sendung auf Deutschlandradio Kultur versucht. Diesmal lautet das Thema in der Reihe Nachspiel: Der amerikanische Traum. Ich habe dazu von Seattle über Indianapolis und Miami über New York und Storrs in Connecticut bis Regensburg viele deutsche Sportler (und Ex-Sportler) interviewt, um mit dem Mythos aufzuräumen, der immer dann aufgewärmt wird, wenn junge Talente von amerikanischen Teams im Baseball, Basketball, Football oder Eishockey verpflichtet werden. Nicht nur verbreiten die Berichterstatter in der Heimat gerne das Gefühl, dass es die Auswanderer bereits zu etwas gebracht hätten. Sie beleben ebenso gerne den Mythos vom Erfolg gleichsam über Nacht.

Tatsächlich bestätigt der Wechsel in den USA nichts anderes als die harte Geschichte vom Mythos des Sisyphos, den nur der Typ erträgt und zumindest wirtschaftlich einigermaßen gut überlebt, der das kapiert, was Albert Camus vor Jahren bereits beschrieben hat: „Darin besteht die verborgene Freude des Sisyphos. Sein Schicksal gehört ihm. Sein Fels ist seine Sache.“ Und den Fels rollt er notfalls jahrelang immer wieder den Berg hoch. Also einer wie Dirk Nowitzki.

Die Sendezeit ist sicher nur etwas für ziemlich Hartgesottene: 25. Dezember, 17.30 Uhr. Da genießt man gewöhnlich die Weihnachtsstimmung. Aber: Wer’s verpasst, der sei vorgewarnt. Mit diesem Format ist der Sender bisher online immer etwas verhalten umgegangen. Es gibt keine Garantie, das man das Ganze irgendwann noch auf der Webseite deutschlandradio.de nachhören kann.

Ansonsten, wenn wir uns nicht mehr sprechen sollten bis dahin: Das Beste zum Feste.

Jahresrückblick mal anders

ImageFünfzehn Radiobeiträge aus dem ablaufenden Jahr und zwölf Musikstücke aus der eigenen Produktion, um die vielen unterschiedlichen Themen hinreichend voneinander zu trennen – daraus besteht mein erstes Jahresrückblick-Album. Ein ziemlich volles Programm, das über insgesamt 90 Minuten läuft (der Informationsanteil überwiegt deutlich und liegt bei rund 80 Prozent). Weil es ein Experiment ist, vermag ich nicht zu sagen, ob diese Zusammenfassung tatsächlich Menschen interessiert, die neugierig auf die USA sind und die hiesige Kulturlandschaft. Aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

Früher hätten vermutlich Sportthemen einen solchen Mix dominiert. In diesem Jahr sind es Themen zu Kunst und Museen, Kultur und Literatur und Musik. Oft mit Querverbindungen zu aktuellen politischen Strömungen – wie in dem Stück über die Schriftstellerin und Pseudophilosophin Ayn Rand oder in dem Beitrag über den amerikanischen Exzeptionalismus. Mich haben in diesem Jahr Fragen und Diskussionsansätze beschäftigt, wie ich sie vor einer Weile in Texten für Zeitschriften wie die Gazette oder Feld Hommes behandelt habe. Fürs Radio geht man selbstverständlich anders ran. Es geht jedes Mal darum, authentische Stimmen einzusammeln. Und manchmal auch darum, atmosphärische Stimmungen mitzubringen. Was mehr Aufwand bedeutet, aber lohnend ist.photo-1Was gibt es im Angebot? Gespräche mit Professoren wie Morris Berman, einen der schärfsten Kritiker des imperialen amerikanischen Größenwahns. Und mit solchen, die sich mit Hollywood und den Nazis beschäftigt haben. Mit Architekturkritikern wie Paul Goldberger, der für Vanity Fair schreibt und den Status eines Starkritikers von Ada Louise Huxtable übernommen hat, deren Nachruf ich im Januar für die Sendung Fazit auf Deutschlandradio Kultur produziert habe (wir hatten uns eine Zeit lang vor ihrem Tod ausführlich unterhalten, auf der CD war allerdings kein Platz mehr für dieses Stück). Außerdem: Ich habe die beste Tortenbäckerin Amerikas porträtiert, die aufstrebende Münchner Band Claire in den Straßen von Downtown New York interviewt und mich mit dem Buchautor Alan Light im Central Park getroffen, wo wir uns über sein Buch unterhalten haben, das das erstaunliche Leben des Leonard-Cohen-Songs Hallelujah schildert. Der Anlass war gut gewählt. Im letzten Jahr war Cohen auf Tournee in Deutschland. Obendrein konnte ich im Frühjahr in Chicago einen Mini-Scoop landen: Ich war der erste, der mit dem Physiker geredet hat, der nachweisen kann, das Picasso teilweise mit Wandfarbe gearbeitet hat. Die Besonderheit. Wir haben uns in seiner Muttersprache Deutsch unterhalten. Dr. Rose lebt zwar in den USA, kommt aber aus Aachen.

Das Jahr ist noch nicht zu Ende. Weshalb ich mich freue, dass am 25. Dezember die Sendung mit dem Titel Der amerikanische Traum laufen wird, (ab 17.30 h auf Deutschlandradio Kultur). Das 30 Minuten lange Stück wird in der sehr verdienstvollen Reihe Nachspiel ausgestrahlt, der einzigen Plattform im deutschsprachigen Raum, in der Sportthemen wirklich umfassend und gründlich abgehandelt werden. Es ist meine fünfte Sendung für die Reihe, in der ich mich mit Halls of Fame, den Eskimo Olympics, Snowboard-Marktführer Burton und der Champions Tour der Golfer in den USA beschäftigt habe. Um was geht es in diesem amerikanischen Traum? Um junge deutsche Sportler, die in einer wachsenden Zahl in den USA Erfolg haben. Und das selbst in solchen uramerikanischen Sportarten wie Baseball und Football. Für die Sendung habe ich im Laufe der letzten Monate viele bemerkenswerte Sportler, Berater und Ex-Profis getroffen und interviewt. Im Sommer in Seattle konnte ich zum Beispiel Detlef Schrempf treffen, der als erster NBA-Spieler aus Deutschland in seinem Heimatland so etwas wie Begeisterung für diese Liga ausgelöst hatte. Das Interview fand auf dem Golfplatz statt, auf dem gerade sein großes jährliches Benefiz-Turnier lief. Schrempf hat für eine seit 20 Jahren bestehende Stiftung im Laufe der Jahre mehrere Millionen Dollar an Spenden gesammelt und an gute Zwecke weitergereicht. Wir ritten zusammen im Golf-Cart über die Anlage.

Donald Lutz, der mehrere Wochen lang bei den Cincinnati Reds die Luft der obersten Baseball-Liga inhalieren durfte, habe ich in der Umkleidekabine im neuen Stadion der New York Mets getroffen. Ich war aber auch in Regensburg, weil ich mich für die Anstrengungen dort rund um das Baseball-Internat interessiert habe. Und ich habe zwischendurch die College-Basketballer der University of Connecticut besucht und mich mit den drei jungen Deutschen unterhalten, die zu einer wachsenden Gruppe von Talenten gehören, die von College-Trainern amerikaweit angeworben werden.

Natürlich hätte es Gründe gegeben, sich ebenso intensiv mit deutschen Eishockeyprofis zu beschäftigen, die in der NHL arbeiten. Oder auch mit einem Footballspieler wie Sebastian Vollmer. Aber mit dem habe ich mich schon vor einer Weile abgemüht und festgestellt, dass er keine Lust hat, sich zu öffnen und einem die Faszination für das brutale Spiel zu erklären. Da bringt man nicht viel mit nach Hause. Leider. Deshalb war ich froh über Markus Kuhn, der nach einer längeren Verletzungspause wieder bei den New York Giants an seiner Karriere in der NFL arbeitet. Er ist der Musterfall eines Athleten, der aus seiner Begeisterung kein Hehl macht. Ein Typ, der unglaublich sympathisch rüberkommt.

Die Sendung schlägt aber auch ohne die, die fehlen, einen großen Bogen und hat mir gestattet, die vielen Sportthemen, mit denen ich mich in den letzten zwanzig Jahren in den USA beschäftigt habe, noch einmal neu aus dem Blickwinkel deutscher Athleten zu sortieren. Ich habe sie ja im Laufe der Jahre immer wieder getroffen – von Schrempf über Matthäus und Nowitzki bis Ehrhoff, Klinsmann und Kaymer. Aber nicht alle passen in das Profil einer solchen Sendung.

A propos Profil. In der Beschäftigung mit dem Thema bin ich auf eine Aussage des englischen Philosophen Bertrand Russell gestoßen, die erklären hilft, was im Kern am Sport in den USA und eigentlich an der ganzen Gesellschaft so anders ist. Wer wissen will, was der gute Mann einst geschrieben hat, sollte sich die Sendung anhören. Wer wissen will, wie der Jahresrückblick klingt, der unter dem Titel Objects in mirrors are closer than they appear auf CD erscheinen wird, möge sich melden.

C418, Minecraft und die Resultate einer Recherche

Es gibt keine verbindliche Leitlinie für journalistische Recherchen. Nicht mal einen vernünftigen Kompass. Man sucht. Man findet. Man interviewt. Man schreibt oder produziert (wie in diesem Fall). Aber das heißt nicht, dass es nicht Redaktionen gäbe, die das Gefühl verbreiten, dass es so etwas gibt wie den verbindlichen Leitfaden. Weshalb so vieles an journalistischer Arbeit so kalkuliert und berechenbar ist und am Ende auch so rüberkommt.

Solche Konventionen haben eine erhebliche Bremswirkung, wie ich in den letzten Monaten mal wieder feststellen konnte, weil ich von meinem Standort New York aus eine faszinierende Erfolgsgeschichte ausfindig gemacht hatte, die mich zu einem jungen Komponisten führte, der in Chemnitz bei seinen Eltern lebt und nicht im Telefonbuch steht, sich nicht auf jede Email meldet, die man an seine Webseite schickt. Und der überhaupt so gar nicht an dieser Inszenierung aus Ruhm und Ehre interessiert scheint, die Teil der Medienmaschinerie ist.

avatars-000000151396-5f160a-cropDas Porträt über C418 – so nennt er sich im Internet – kann man seit heute online nachlesen und nachhören. Es wurde in der Sendung Corso beim Deutschlandfunk ausgestrahlt. Wie es überhaupt dazu kam, ist eine faszinierende Geschichte in sich selbst: Die Geschichte einer ungewöhnlichen Recherche, die in New York begann und über Paris und Köln bis nach Sachsen führte. Ein Weg, auf dem ich drei komplett unterschiedliche Radiogeschichten einsammeln und sehr viel über eine Szene heraufinden konnte, von der ich bis dahin nur wenig wusste.

lvcakeEs begann vor ein paar Monaten mit einer Ubahn-Fahrt nach Brooklyn. Mein Teil der Welt, in der eine Menge von dem passiert, was andere interessiert. In Brooklyn – dort sitzt in einem kleinen Laden an der Washington Avenue eine junge, sehr erfolgreiche Tortenbäckerin mit einem Stab von Angestellten, die unter dem Namen BCakeNY ganz Erstaunliches fabrizieren. Das hatte nur einen gewissen Neuigkeitswert, denn Miriam Milord war zuvor bereits vom ZDF und von Spiegel Online porträtiert worden. Es ging also darum, fürs Radio dem Thema noch die eine oder andere Facette abzugewinnen. Das Resultat klingt so.

Bei der Produktion des Beitrags stolperte ich über Musik, die mir völlig unerwartet das Tor zu einem ganz anderen Thema öffnete. Es handelte sich um einen Song mit dem Titel Make a Cake, der Teil eines neuen Phänomens ist. Isoliert betrachtet ist es einfach nur eine gut gemachte Parodie eines sehr erfolgreichen Liedes von Katy Perry. Der Song heißt Wide Awake.
Doch wenn man etwas tiefer buddelt, stellt man fest: Make a Cake ist einer der besten Vertreter einer Szene, die sich erst seit wenigen Monaten rund um das Computerspiel Minecraft entwickelt hat. Da greifen sich pfiffige junge Typen populäre Songs, schreiben neue Texte, besorgen sich Sänger, die die Melodie aufnehmen, und führen das Resultat über YouTube dem Rest der Welt vor. Zeit also für einen Beitrag. Für den konnte ich die Make a Cake-Sängerin Lindee Link aus Georgia interviewen und ein paar junge Produzenten, wie den 15-jährigen ZexyZek aus New Hamsphire. Aus den Recherchen und dem Interview-Material wurde ein Radiobeitrag, der bei Dradio Wissen lief: „Musik-Business aus dem Kinderzimmer“. Make a Cake steht inzwischen übrigens bei 6 Millionen Clicks . Das Thema ist ein Selbstläufer. Es bleibt interessant.

Der Erfolg hat viel damit zu tun, wie groß die Faszination ist, die das Spiel Minecraft ausübt. Es wurde mittlerweile auf der ganzen Welt mehr als 25 Millionen mal heruntergeladen und hat eine Fanbasis, die künstlerisch begabte Menschen zu allem Möglichen stimuliert. Was auf eine kaum zu erklärende Weise auch an der Orginal-Musik liegen dürfte. Eine Musik, auf deren Spuren ich über weitere Recherchen kam, als ich mehr über Minecraft herausfinden wollte und in einem Video von der Fan-Veranstaltung Minecon in Paris einen jungen Musiker sah, der über seine Arbeit sprach.

Er redete Englisch, aber mit einem leichten Akzent, was neugierig machte. Der offizielle Komponist der offiziellen Minecraft-Musik – er kam aus Deutschland. Er verbarg sich wie so viele Netz-Aktive unter einem Pseudonym. Journalistische Geschichten in Deutschland über ihn gab es nicht. Vielleicht auch deshalb, weil er er nicht so leicht zu finden ist.

Ich habe diesen hochbegabten Komponisten C418 am Ende doch aufgespürt. In Chemnitz. Bei seinen Eltern. Per Telefon und mit cold calls. Wir verabredeten uns auf eine Unterhaltung via Skype. Woraus ein umfangreiches Gespräch über die noch junge Karriere dieses ungewöhnlichen Musiker wurde. Er heißt übrigens Daniel Rosenfeld.

Fürs Radio produzieren, heißt zuhören können. Man muss wirklich den Gegenüber nicht sehen. Aber Redakteure in Printredaktionen sehen das anders. Die finden, eine lesenswerte Geschichte über einen Menschen und seine Arbeit braucht das einfach, dass der Autor ihn getroffen und beim Kaffeetrinken beobachtet hat. Wenn das nicht klappt, lassen sie die Berichterstattung lieber sausen. Ja, so einfach geht das manchmal. Wissen die Leser, dass ihnen von ihren Redaktionen aufgrund solch banaler Vorbehalte Geschichten vorenthalten werden, die sie theoretisch als erste lesen könnten? Wie sollten sie. Darüber schweigt der Sänger aus lauter Höflichkeit.

Das Volk will mehr als Volksempfänger

Foto: Paulo Lopez/NPR Digital Media

Das amerikanische Wochenmagazin Time kam Ende des letzten Jahres in einer Bewertung der “30 besten Apps für Apples neuen iPad” nach nur wenigen Empfehlungen auf eine Plattform für Leute zu sprechen, die ihre Informationen von einem der bestgehüteten Geheimnisse der amerikanischen Informationskultur beziehen. Es ist die von National Public Radio, das von Washington aus mit seinem enormen redaktionellen Angebot ein Netz von knapp tausend UKW-Sendern im ganzen Land bedient.“NPR hatte eine der allerersten iPad-Apps überhaupt und ist noch immer eine der nützlichsten, wenn es darum geht, sich mit Nachrichten zu versorgen”, lautete die Bewertung. Das besondere an dem Modul, das einen nicht im geringsten an ein Radiogerät erinnert, ja, nicht mal mehr an eine Webseite: “Durch die Geschichten zu stöbern, geht ganz schnell, und es gibt jede Menge Audiomaterial, entweder aufgenommen oder live.”

Wenn man dieses Angebot mit dem von einem seiner entfernten Verwandten in Deutschland vergleicht, fällt zunächst mal eines auf: Da gibt es nichts zu vergleichen. Die App von Deutschlandradio, von der hier kurz die Rede sein soll, ist das moderne Gegenstück eines Volksempfängers. Es sieht schick aus, aber man kann nur drei Kanäle haben. Und die nur live. Und alles, was die ARD im Rahmen ihrer Mediathek anbietet, ist schwierig zu navigieren.

Das ist nicht die Schuld der Designer, die für die Öffentlich-Rechtlichen arbeiten. Denn sie werden massiv von den Auflagen aus dem politischen Deutschland gehandikapt. Die Printverlage, die so etwas wie den Alleinvertretungsanspruch auf Online- und Mobilgeräteinformationen erheben, haben dafür gesorgt, dass der deutsche Radiokonsument nichts Besonderes für das Geld bekommt, das er bereits in Form von Gebühren bezahlt hat.

Dass es in den USA ganz anders läuft, dass Radioredaktionen Fotos und sogar Videos einsetzen, um ihre Berichte zu illustrieren und zu vertiefen, ja, dass sie überhaupt über den Tellerrand der ausgestrahlten Beiträge hinausblicken, ist nichts anderes als Teil ihrer Überlebensstrategie. Public Radio in den Vereinigten Staaten ist seit seiner Gründung Anfang der siebziger Jahre auf die Gunst der Hörer angewiesen. Das Programm zu empfangen, kostet nichts. Und das gilt natürlich auch für die digitalen Vermittlungswege. Im Gegenzug laufen alle vier Monate sogenannten “Pledge Drives”, in denen die Programmmacher jeweils tagelang die normalen Sendungen unterbrechen und um Spenden bitten. Zusätzlich werden Stiftungen um Unterstützung gebeten und privatwirtschaftliche Unternehmen eingeladen, sich an der Finanzierung zu beteiligen.

Wirtschaften kann der Betrieb mit knapp 200 Millionen Dollar im Jahr, was reicht, um eines der größten Korrespondentennetzwerke zu unterhalten. Mit Büros in den USA und in vielen Ländern der Welt. Der konstant hohe Informationsgehalt der überwiegend in Magazinformaten produzierten Sendungen wie Morning Edition und All Things Considered hat landesweit für ein wachsendes Publikum gesorgt, das inzwischen – im Wochentakt berechnet – bei über 20 Millionen Hörern liegt. Das Durchschnittsalter liegt bei knapp 50. Ihr Haushaltseinkommen liegt weit über dem amerikanischen Schnitt.

Und natürlich wollen sie heute anders angesprochen und mitgenommen werden als früher, wo die meisten Radiohörer im Auto während des Berufsverkehrs die Frequenzen fanden, auf denen die NPR-Sender ausstrahlen. Weshalb die Zugriffe auf die Apps und ihre Nutzung ständig wachsen. So schalten von den über die NPR-Twitter-News angestubbsten Nutzer nur noch 67 Prozent ein Radio ein. Die Facebook-Seite hat mehr als zwei Millionen Fans. (https://en.wikipedia.org/wiki/NPR#Digital_media) Im digitalen Alltag erreicht Public Radio auf diese Weise tatsächlich ein jüngeres Publikum und leidet nicht unter einer gerontologischen Befindlichkeit.

Das kam nicht einfach über Nacht und durch Handauflegen. Die Umstellung auf eine digitale Zukunft begann 2007 und sorgte dafür, dass 600 Mitarbeiter, einschließlich Reportern, Producern und Redakteuren sukzessive beigebracht bekamen, die Ausdrucksformate des Webs und der Apps anzueignen und natürlich auch die neuen Audio-Programme zu beherrschen. Video und Foto galten von Anfang an nicht als Fremdkörper oder Farbtupfer, sondern als Bereicherung. Einen erheblichen Teil der Kosten dieser Schulung (rund 1,5 Millionen Dollar) übernahm die John S. and James L. Knight Foundation (http://www.knightfoundation.org/publications/npr-assessment), die ihre Spendengelder in Innovationsprojekte in den amerikanischen Medien steckt.

Die Investition hat sich gelohnt, sagt David Wright (http://newsroom.journalists.org/ 2012/09/23/nprs-david-wright-on-designing-the-storytelling-experience-for-mobile/), der Digital Design Director von NPR, im letzten Jahr. Er kam 2009 von usatoday.com und kann sich durchaus vorstellen, dass sein Laden in nicht zu ferner Zukunft als erstes Nachrichtenmedium die Schwelle überwindet, an der mehr Nutzer ihren Radiokonsum über Mobilgeräte beziehen als über den PC.

Es war nicht einfach, solche Entwicklungen in einem Betrieb voranzubringen, der ziemlich selbstbewusst über Jahrzehnte ein kluges und erfolgreiches Programm aufgebaut hatte. Reporter, so musste Wright feststellen, lassen sich nicht so gerne für Designfragen begeistern. Obwohl er denen gerne Honig um den Bart schmiert und ihnen klar macht, dass sie als Journalisten durchaus begabt genug seien.

Die schwierigste Phase ist ohnehin vorbei. Die wurde 2010 im Eiltempo durchlaufen, als die iPad-App entwickelt wurde und in den Diskussionen über die Architektur solche Dinge klar wurden: Es ist nicht so einfach, die vorhandene iPhone-App umzutopfen. Manche Uridee für die Gestaltung wurde wieder verworfen. Man hätte das Konzept sonst vermutlich schlichtweg überfrachtet. (http://www.snd.org/2010/04/inside-the- design-process-for-nprs-ipad-app/ )

Die Frage heute ist eher: Warʼs das? Oder gehtʼs weiter mit der Metamorphose? Und wenn ja, auf welchen Kanälen und mit welchen Mitteln?

Von der sehr viel offensichtlicheren Frage gar nicht zu reden: Wann findet eine solche zeitgemäße Umsetzung des alten Radiokonzepts in Deutschland statt? Das Volk will mehr als Volksempfänger.

Eine Thüringer Spezialität

Wenn man hin und wieder die Gelegenheit hat, in richtigen Studios zu arbeiten, dann erlebt man dort immer wieder etwas sehr Angenehmes. Nämlich, dass durch ein vernünftiges Mikrofon die eigene Stimme unterm Kopfhörer so viel besser klingt. Das liegt nicht nur am Mikrofon, sondern auch an der optimalen Raumakustik. Aber ohne das optimale Aufnahmeteil nützt der Raum nur wenig. „Optimal“ liegt in einer Liga oberhalb jeder Reichweite für einen frei arbeitenden Radioreporter – in einer Zone von 10.000 Dollar und mehr. Alles darunter sind Kompromisse, die auszuloten nicht ganz einfach ist. Und das obwohl es Läden etwa in New York gibt, die es mit ihren fix installierten Sprecherkabinen und unterschiedlichen verkabelten Mikrofonen einem gestattet, sich an die Schnittlinie von „Finanzierbar“ und „Wünschbar“ heranzutasten.

Vor einem Jahr dachte ich, ich hätte das Passende gefunden. Dawar ich im Rahmen einer Recherche auf die wiederbelebte Produktmarke Telefunken gestoßen. Ich habe die Firma besucht, die außerhalb von Hartford sitzt und eine erstaunliche Energie und Zielstrebigkeit an den Tag legt, um die legendäre Erbmasse einer deutschen Techniktradition so orginalgetreu wie möglich nachzuempfinden. Dort konnte ich mehrere Mikrofone testen. Aber das, was bezahlbar war, fand ich optisch nicht ganz nach meinem Geschmack. Es ist das CU-29 Copperhead, an dem mich begeistert, dass es eine Röhre enthält. Ganz so wie in der Zeit vor den Transistoren.

© Telefunken-Elektroakustik
© Telefunken-Elektroakustik

Also wurde erst mal nichts aus dem Projekt. Was gut ist, denn ein halbes Jahr später konnte ich ein ganz anderes Mikrofon ausprobieren, das mich im Unterschied zum Telefunken gleich doppelt begeisterte. Grund Nummer eins: das, was hinten herauskam, klang einfach optimal, klar, transparent. Grund Nummer zwei bestand in der Entdeckung, dass dieser Apparat aus Thüringen kam, aus einem in der Entwicklungsgeschichte der Branche wichtigen Ort, von dem ich noch nie etwas gehört hatte.

Das dürfte anderen ähnlich gehen. Denn über Microtech Gefell gibt es nicht mal eine deutsche Wikipedia-Seite, sondern nur eine englische. Hinter dem Namen steckt eine faszinierende Geschichte, die auf niemand anderen als den Urvater der hochwertigen Mikrofon-Technologie zurückgeht. Auf Georg Neumann. Die Sache mit Neumann ist allerdings kompliziert, was an den Wirren des Zweiten Weltkriegs liegt (damals lagerte er seine Produktion aus Berlin in den kleinen Ort Gefell aus). Und an den noch wirreren Nachkriegsjahren und den Komplikationen, die sich aus der Existenz zweier deutscher Staaten ergaben. Neumanns Thüringer Ableger wurde nach DDR-Muster Schritt für Schritt verstaatlicht und büßte so auch die namentliche Beziehung zu seinem Gründer ein. Dessen Neustart in West-Berlin lief unter seinem eigenen Namen weiter, weshalb auch heute noch Mikrofone hergestellt werden, die diesen edelsten aller Qualitätsbegriffe tragen.

© Microtech Gefell
© Microtech Gefell

Die Sache hat jedoch einen Haken. Ein paar Jahre nach seinem Tod übernahm ein anderer deutscher Hersteller – Sennheiser – den Namen und die Produktion und zehrt seitdem von der alten Reputation. Sagen wir: die Sache hat zwei Haken. Diese Neumanns sind zwar teuer, aber haben etwa in den USA nicht annähernd den Ruf, ihren Preis wirklich wert zu sein. Und wenn sich jemand für meinen bescheidene Meinung interessiert (denn ich habe vor einer Woche in Hamburg das in Frage kommende Neumann TLM 103 unter realistischen Bedingungen ausprobiert): Ich wusste danach, was ich wollte, und habe es heute bestellt: das Microtech Gefell M930.

© Microtech Gefell
© Microtech Gefell

Ganz in Nicht-mehr-ganz-Weiß

ImageDie Ausstellung geht in dieser Woche zu Ende. Weshalb ich froh bin, am Montag noch kurz einen Abstecher gemacht und mit dem Künstler geredet zu haben. Mit jemandem, der mehr als 700 Exemplare eines einzigen Doppelalbums gesammelt und in einer Galerie ausgestellt hat.

Wir reden im Grunde von Vinyl und Pappe. Und wir reden von Vergänglichkeit, die dieser Epoche des Schallplattengeschäfts anhaftet. Für Rutherford Chang, der seine Ausstellung „We Buy White Albums“ nennt und das tatsächlich auch tut (im Schnitt kostet ihn die Offerte 10 Dollar pro Album), ein Mittdreißiger, der da ein Objekt der späten sechziger Jahre zu seinem Lieblingskunstgegenstand gemacht hat, dürfte die Beschäftigung mit dem Material einem eher oberflächlichen Reiz entsprungen sein. Oder einem zerebralen Impuls. Ein bisschen hipsterhaft, vermutlich.

Aber das ändert nichts daran, dass ER auf diese Idee gekommen ist. Und dass sich unsereins dafür bei ihm bedanken möchte. Denn ohne seinen künstlerischen Impuls würde man sich nicht mit den darunter liegenden Schichten und Bezugspunkten der eigenen Vergangenheit beschäftigen. Da Rutherford Chang nicht an solchen Geschichten interessiert ist (sondern nur an den Objekten und dem Projekt, die 30 Lieder in einer gesandwichten Form herauszubringen), war es seltsam, ihm diese Ge-Schichten beim Interviewbesuch aufzudrängen. Als Journalist geht man ja nicht zu den Leuten, um ihnen etwas aus dem eigenen Leben zu erzählen.

Aber am Ende lässt sich so etwas gar nicht vermeiden. Manche Fragen hat man ja nur, weil man eine begründete und erklärungsnotwendige Beziehung zu einem Thema hat. So habe ich Rutherford Chang erzählt, dass meine Version des White Album (das eigentlich The Beatles heißt) aus einer ganz besonderen Serie stammt und auf dem Sammlermarkt sehr viel mehr wert ist als die abgegriffenen und vergilbte reguläre Version in seiner Ausstellung. Er wusste nichts über diesen Aspekt der Audiophilie, der in den achtziger Jahren einen kurze, aber heftige Blütezeit erlebt hatte. Kurz bevor Vinyl von der CD als handelsüblicher Tonträger abgelöst wurde.

Ich habe ihm auch davon erzählt, dass ich 1968, als die Songs herauskamen, Back in the USSR in einer Band gesungen habe. Wir waren fünf, die in jener Zeit einiges an Beatles-Material ausprobiert haben, aber unser Repertoire stark mischten. Mit Sachen von den Kinks, Creedence Clearwater Revival, 1910 Fruitgum Company, Yardbirds etc. Die Konzertbesucher schienen die Mischung zu mögen.

Ich habe ihm auch erzählt, dass ich mich daran erinnere, dass mir mein Plattenspieler damals ein Problem verschafft hat, von dem ich lange nicht wusste, dass es eines war. Der Plattenspieler konnte nur Mono. Das Weiße Album war Stereo, aber auf eine wild gemischte Weise, bei der manche Instrumente so konsequent getrennt wurden, dass sie nur über einen Kanal zu hören waren. Mein Mono-Spieler tastete den linken Kanal ab. Ich  fand erst Jahre später heraus, dass Savoy Shuffle kein Instrumentalstück war. Als ich mitbekam, dass der gesamte Gesang exklusiv im rechten Kanal läuft.

Das sind meine persönlichen Geschichten rund um dieses Album, zu dem andere sicher noch viele andere beisteuern könnten. Wie jene, dass man, wenn man die Platten rückwärts abspielte, angeblich eine versteckte Nachricht hören konnte, wonach Paul McCartney tot sei. Ein Doppelgänger hatte demnach seine Stelle eingenommen. Jener McCartney, der bei beim Komponieren in Indien solche Melodien wie Hey, Jude und Helter, Skelter geschrieben hatte. Helter, Skelter wurde die Inspiration für den Massenmörder Charles Manson. Tatsächlich hört man den 30 Songs vor allem eines an: Dass das Autorenteam Lennon/McCartney auf dem Weg war, komplett auseinanderzudriften. Weshalb es wirklich nur noch eine Frage der Zeit war, bis diese ungeheuer kreative Band auseinanderfiel. Mit Yoko Ono hatte das rein gar nichts zu tun. Da wuchs etwas auseinander, was nicht mehr zuammengehörte. Deshalb klingen die beiden Platten auch nicht nach einem guten Gesamtkunstwerk, sondern nach einer Kollektion von vielen relativ zusammenhanglosen Arbeiten von hohem handwerklichen Standard.

Die Zeitschrift Rolling Stone hat vor einer Weile in einer Umfrage die 500 besten Alben der Rock-Geschichte in einer Rangliste zusammengestellt. Das White Album steht immerhin auf Platz 10. Aber drei Beatles-Alben sind höher bewertet: Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band (1.), Revolver (3.). Rubber Soul (5.). Das würde ich so unterschreiben.

P.S.: Das Cover meines Weißen Albums ist an den Rändern angegilbt. Nicht nur außen (was ich wegen der Lichteinwirkung noch verstehen kann), sondern auch innen.

P.P.S. Aus dem Besuch bei Rutherford Chang wurde ein Radiobeitrag für Corso im Deutschlandfunk. Kann man sich anhören.

Schnell und Bumm

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Es mag ein kurioses Geständnis sein – gleich zu Anfang – wenn ich erwähne, dass ich schon einige ziemlich attraktive Berge gesehen habe. Und zwar im Winter. Aber ich will es aus bestimmten Gründen in diesem Fall schon mal vorneweg los werden: Ich habe noch nie auf einem Snowboard gestanden. Hahnenkamm. Aspen Mountain. Die Olympiastrecken von Park City und Snowbasin in Utah. Und dann Lake Louise in Kanada – alles nur auf Skiern. Das halbwegs zu meistern, war schwer genug.

Wenn ich die Erfahrung einer ziemlich sportlichen Nachbarin – sie reitet, joggt, ist mit Langlaufskiern unterwegs – aus diesem Winter auf einem eisigen Hang in Connecticut höre, wird sich das mit dem Snowboard wahrscheinlich gar nicht ändern. Sie hat sich bei ihrer ersten Beschäftigung mit dem Brett (mit Lehrer) auf einem gar nicht so attraktiven Berg ganz erheblich weh getan. Das war’s für sie. Sie wird es nie wieder probieren.

Wer etwas nicht wagt, was Millionen mit sehr viel Erfolg treiben, setzt sich einer uralten Frage aus: Muss man nicht selbst angetestet haben, worüber man berichtet? Okay: Kann man über Restaurants schreiben, wenn man nicht kochen kann? Über Kunst, wenn man nicht malen kann? Über Fallschirmspringen, wenn man sich nicht aus einem Flugzeug stürzt?

Wenn das die Vorgabe wäre, würden ganz viele Geschichten wohl gar nicht erst entstehen. Und das wäre nicht gut. Es fallen ohnehin schon viel zu viele unter den Tisch, nur weil die Konstellation der Umstände nicht stimmt. Oder weil es einfach nur an Geld fehlt.

Ob man dieser Sendung – Das Trendbrett, eine Produktion für die Sendereihe Nachspiel von Deutschlandradio Kultur – anmerkt, dass der Autor noch nie auf einem Snowboard gestanden hat? Ich vermute mal: nein. Denn sich einfühlen in das Erlebnis kann ich mich durchaus. Was dann am Ende fehlt – diese allerprofanste Basiserfahrung im Umgang mit dem Thema – lässt sich allemal kompensieren. Zumal ich mit diesem Projekt nicht die Absicht verband, Leuten das Boarden madig zu machen, sondern zu beschreiben, welche Faktoren eine Rolle gespielt haben und immer noch spielen, dass dieses ziemlich junge Sportgerät so rasch so populär geworden ist.

Bei einem solchen Projekt geht man so vor: Mit jeder Menge purer Neugier auf das, was man etwa beim Marktführer und Trendsetzer der Branche namens Burton auf die Beine stellt. Weshalb ich denn auch nicht nur einmal, sondern zweimal für diese Produktion in Vermont war. Teil der Mitbringsel: ein Interview mit Firmengründer Jake Burton, inzwischen 58, und damit der Hauptzielgruppe lange entwachsen.

Neugier auch auf das, was die erste Olympiasiegerin zu sagen hatte. Weshalb ich unbedingt Nicola Thost sprechen wollte. Sie im Studio in München. Ich in New York am Telefon. Das klappte hervorragend. Und natürlich Neugier auf das, an was sich Scott Starr erinnert, der die Snowboard-Entwicklung von Santa Barbara in Kalifornien als Fotograf aus begleitet hat und den ich durch ein paar intensive Recherchen aufstöbern konnte.

Am Ende hatte ich übrigens weit mehr Material beieinander, als ich verwenden konnte. So fiel der Mitschnitt eines Burton-Repräsentanten in einem Wintersportgeschäft in Massachusetts unter den Tisch. Und damit der halbe Tag, den es gekostet hatte, diesen Termin wahrzunehmen. Auch das sehr informative Gespräch mit einem Sprecher des Snowboardverbandes in Deutschland blieb im Filter hängen. Die wirklich klugen Gedanken zweier von drei Boardern, die ich zwischendurch im Burton-Shop in SoHo getroffen hatte, landeten ungenutzt im Archiv.

Man nennt das wohl Schwund. Man investiert viel, um einen kompakten Output zu erzielen. Schwund gibt es selbstverständlich in jedem Metier. Aber das heißt nicht, dass man ihn nicht bedauert. Er hat in diesem Fall vor allem etwas mit den sich beim Schreiben des Manuskripts entwickelnden Vorstellungen von Dramaturgie und Gestaltung zu tun, mit dem Wunsch, Atmosphären und Dokumentarisches einzusetzen, die oft eine plausiblere Dichte schaffen können, als die nackten Worte von klugen Menschen. Und selbst für diese Atmosphären war am Ende kaum Platz. Die 28 Minuten, die dieses Feature programmgemäß füllt, sind randvoll. Immerhin: Sie erzeugen dadurch den gewollten Effekt. Sie wirken nicht so, als ob die Zeit dahinläppert, sondern als wäre sie beim Zuhören sehr, sehr rasch vergangen. So rasch wie die guten Snowboarder die Berge hinuntergleiten.

Die Akzente bilden zwei schöne Musikzitate – von den Beach Boys und von Queen. Dazu habe ich im Archiv meiner eigenen Stücke auch etwas gefunden, was sich knapp und sinnig einfügen ließ. Dieses zum Beispiel.

Heart Goes Fast and Boom

burton-header

Blick zurück: Der Blogeintrag zur Erstausstrahlung vor einem Jahr

(Ein Dank noch von dieser Stelle und mit sehr viel Verspätung an den Mann, der mich einst auf das Thema angesetzt hat und mir so den Einstieg ermöglichte. Peter, du weißt, wen ich meine…)