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„Ein Mensch aus purem guten Willen“

Ali BooksDer Text ist schon etwas älter, die Gedanken über seine Hauptfigur blieben allerdings auch noch lange danach aktuell: Denn auch noch, nachdem der einstmals laute und unüberhörbare Muhammad Ali aufgrund seiner Krankheit verstummt war, faszinierte er Menschen rund um den Globus schlichtweg durch seine Präsenz. Er war zum Symbol einer Idee von Sport geworden, die er geschickt und unermüdlich verbreitete, Etwas, was in seinem Auftritt bei den Olympischen Spielen 1996 in Atlanta, als er das Olympische Feuer anzündete, auf einen einzigen aussagestarken Moment reduziert wurde.

An den genialischen, unberechenbaren Boxer, der bereits früh die Rap-Kultur des schwarzen Amerika ankündigte und eine einflussreiche Rolle als Bürgerrechtler spielte, und das nicht nur, weil er sich weigerte, als Soldat nach Vietnam zu gehen, wird seit gestern in allen Nachrufen ausführlich erinnert. An die Magie, die er in den Jahren nach seinem Rücktritt vom Sport ausstrahlte, eher wenig. Dabei zeigt gerade sie, wie nachhaltig das alles gewesen war, was er in seiner aktiven Zeit angedeutet und vorgelebt hatte.

Ich habe den Text schon vor einiger Zeit vertont und mit Musiken angereichert, die überwiegend aus der eigenen Werkstatt stammen. Wer Zeit hat: Das Ganze ist etwas über 13 Minuten lang.

Müllermania

Gibt’s nicht gibt’s nicht. Deshalb gab es nicht nur dieses eine Spiel. Sondern gibt es nun auch dieses eine Heft zu diesem einen Spiel.Titelseite 54749014…was mehr war als ein Spiel (wo die Betonung in diesem Satz liegt, weiß ich nicht: mehr als ein Spiel, mehr als ein Spiel, alles denkbar).

Auf die Beine gestellt wurde das Ganze von Oliver Wurm, dessen Leidenschaft für Fußball, kombiniert mit der für Printprodukte ganz außerordentliche Resultate möglich werden lässt. Und zwar ganz ohne Verlag im Kreuz. Alle Achtung.

Er hat für dieses Heft natürlich auch wieder eine stattliche Reihe von – teilweise recht prominenten – Autoren gewonnen und bringt das bunte Blatt nun auf den Markt. Wer wissen will, was ich dazu beisteuern konnte, kann sich hier schon mal einen Eindruck verschaffen. Ich wollte es ein weniger spannender machen und habe das Lesestück vertont. Es hat den Titel „Müllermania“ und versucht, die Geschichte über den man of the match von Belo Horizonte neu zu schreiben.

Wer mehr wissen und vor allem LESEN will, der geht entweder zum Kiosk seines Vertrauens. Oder auf die Webseite. Gerne auch auf dem Umweg über den Trailer. Den haben sich schon ein paar Menschen angeschaut. Das stärkt das Gänsehautgefühl.

Der Fall nach dem Fall

Meine Erinnerung an den Sommer, als ich mich zum ersten Mal mit Lance Armstrong beschäftigen musste, ist schon etwas verblasst. Eigentlich besteht sie nur aus einem kurzen Dialog mit einem Redakteur. Er: Radsportspezialist und unverhohlener Fan. Ich: Agnostiker. Zweifler. Skeptiker. Er bat mich, einen Artikel zu schreiben, der die amerikanischen Reaktionen auf die Leistungen des Fahrers bei der Tour de France einfangen sollte.

Verständlich angesichts der Ausgangslage. Ein vormals sterbenskranker Sportler gewinnt den Prolog, ein Einzelzeitfahren, und verblüfft die Fachwelt und die Konkurrenz. Und er verblüfft vor allem seine Landsleute.

Alle – auch der besagte Redakteur – wollten sie glauben. Diese Geschichte von einem Mann, der nach einer intensiven Krebsbehandlung zum aktiven Sport zurückgekehrt war. Denn sie war verführerisch schön. Erst recht aus dem Blickwinkel von Millionen von Amerikanern, über die ich dann im Tagesanzeiger in Zürich während der Tour schließlich dieses schrieb: “Selbst zwei Jahrhunderte nach der Entwicklung des Velos steht der durchschnittliche Amerikaner dem Prinzip des Etappenrennens ratlos gegenüber. Die Tour de France ist ‚eines unserer großen sportlichen Mysterien‘, gab die Philadelphia Daily News vor ein paar Tagen zu, als sich Lance Armstrong an die Spitze setzte: ‚Wir sind von den Bildern beeindruckt, aber wir lieben sie nicht. Wir können die Anstrengungen erkennen, aber wir verstehen sie nicht.‘ Vielleicht ist das der Grund, weshalb die US-Medien in diesen Tagen mit jener riesigen Übersetzung fahren, wenn sie versuchen, die Erfolge des 27-jährigen Texaners in einen historischen Rahmen zu stellen. So schrieb USA Today: ‚Vor über 2200 Jahren begann Hannibal, der Karthager, seine Attacke auf die Alpen. Am Dienstag hat Lance Armstrong, der Texaner, mit seinem Angriff auf die Alpen begonnen.'“

Begonnen hatte allerdings ein ganz anderer Angriff. Der auf die Glaubwürdigkeit aller Beteiligten – der Fahrer, Verbandsfunktionäre, Sponsoren und Medien etwa, die wenige Tage später erfuhren,  dass Armstrong bereits beim Prolog positiv auf Kortison getestet wurde. Und dass anschließend folgendes passiert war, wie Dominique Eigenmann auf den selben Seiten feststellte: Der Weltverband rettete Armstrong vor der obligatorischen Sperre, in dem er gegen das eigene Reglement verstieß: “Dort steht nämlich (Artikel 43, Kapitel 4, Abschnitt 14), dass jede Anwendung von Medikamenten, die auf der Dopingliste stehen, auf dem Protokoll der Dopingprobe zwingend vermerkt werden müsse. Armstrong hatte in dieser Rubrik – gemäss Le Monde – aber notiert: ‘Medikamente: keine.’ Das Reglement sagt weiter: Wenn ein Athlet keine dopinghaltigen Substanzen deklariert, das Kontrolllabor aber solche findet, dann gilt das Resultat seiner Probe als positiv, und zwar auch dann, wenn der Sportler im Nachhinein noch ein ärztliches Attest vorweisen sollte.”

1999 war das alles. Neunzehnhundert-fucking-neunundneunzig. Da hätte ein Verband nur seine Regeln anwenden müssen, um den Sportbetrüger Lance Armstrong aus dem Verkehr zu ziehen. Ehe das ganze Lügengebäude errichtet wurde. Ein Gebäude, an dem viele bastelten, darunter die Firma Nike, die später mit diesem Werbespot die Zweifler gezielt verhöhnte:

“This is my body. And I can do whatever I want to it. I can push it. Study it. Tweak it. Listen to it. Everybody wants to know what I’m on? What am I on? I’m on my bike. Busting my ass. Six hours a day. What are you on?”

“Jeder will wissen, auf was man mich gesetzt hat”, sagte Armstrong in dem Werbespot und spielte mit der doppelten Bedeutung eines Ausdrucks, der sowohl für die Verordnung von Arzneimitteln als auch den Ritt auf einem Rad gelten konnte. “Auf was wurde ich gesetzt? Ich sitze auf meinem Fahrrad. Reiße mir den Arsch auf. Sechs Stunden am Tag.”

15 Jahre später versteht man diese Vorgehensweise natürlich viel besser. Die amerikanische Anti-Doping-Agentur hat sie akribisch dokumentiert. Ich selbst habe parallel zahllose Geschichten und Radiobeiträge produziert und Interviews geführt mit Männern wie Tyler Hamilton und Frankie Andreu. Auch das nicht ganz unwichtig zum besseren Verständnis. Wie die Gespräche mit Journalisten wie Juliet Macur und Bill Gifford und Selena Roberts, die alle jeweils mit intensiven Recherchen Teile des Lügengebäudes enthüllten. Und mit dem Filmemacher Alex Gibney, der damals an seinem Dokumentarfilm The Armstrong Lie arbeitete. Ich konnte mit Frauen wie Betsy Andreu reden, die eine besondere Rolle bei den Enthüllungen spielte. Mit Anwälten wie Jeff Tillotson, der die Firma SCA vertritt, die von Armstrong um Millionen von Dollar betrogen wurde. Und mit Vertretern der Radfirma Trek, die auf verstörende Weise den Eindruck erweckt, als gehöre sie nicht zu den Mitwissern und Mittätern des größten Sportbetrugs aller Zeiten, sondern als sei sie so eine Art Opfer.

Ich war im Laufe der letzten Jahre für die vielen Recherchen in Salt Lake City, in Montana, in Washington und natürlich auch in New York unterwegs. Ich war in Detroit. Und in Waterloo/Wisconsin. Mit der Sperre, die die amerikanische Anti-Dopingagentur 2012 auf den Weg brachte und die anschließend vom Weltradsportverband bestätigt wurde, hat der größte Teil der Öffentlichkeit das Kapitel zugeklappt. Tatsächlich ging seitdem die Geschichte weiter. Und das wird sie auch noch in den nächsten Monaten. Wenn so einiges herauskommt, was bisher noch unter dem Deckel war.

Eine gute Phase übrigens, um für die großartige Sendereihe Nachspiel auf Deutschlandradio Kultur ein ausführliches Feature produzieren, in dem ein erheblicher Teil der Aufmerksamkeit auf den Hintermännern, Mitwissern und Mittätern liegt, auf die bislang noch wenig Licht gefallen ist. Und dies vor allem deshalb, weil sich Armstrong konstant weigert, seine Helfershelfer zu verraten. Es ist Teil seines Spiels, das genauso wie der Doping-Missbrauch irgendwann noch in den Vordergrund rücken wird. Wenn klar wird, wer alles Meineide schwor, um Armstrong zu helfen. Und wer von Armstrong eingeschüchtert und durch seinen Einfluss wirtschaftlichen Schaden erlitt. Ganovenehre ist kein Ding von Ewigkeitswert.

Sendetermin: Sonntag, den 23. November

http://www.deutschlandradiokultur.de/radfahrer-der-fall-armstrong.966.de.html?dram:article_id=300138

Ein paar Links zur Einstimmung? Gerne

Interview mit der Journalistin Juliet Macur, die das Buch geschrieben hat: Lance Armstrong – Wie der erfolgreichste Radprofi aller Zeiten die Welt betrog

Bericht über den Gibney-Film The Armstrong Lie und einige der Figuren im Hintergrund des Skandals. Titel: Das Phantom der Seifenoper.

Das große Tyler-Hamilton-Interview im Züricher Tagesanzeiger.

Die dubiose Rolle des Radherstellers Trek, der Anfang 2014 ein eigenes Profi-Team an den Start brachte.

Meine Einschätzung von Lance Armstrongs Fernsehbeichte in der FAZ.

Eine von mehreren, die sich ihre Hände dreckig gemacht haben, um Armstrong ins rechte Licht zu rücken. Und die dabei sehr viel Geld verdient hat.

Addendum: Eine Fassung der fertigen Sendung ohne Voiceover.

Der amerikanische Traum

IMG_1644Ich habe mich an einer kurzen Promo-Minute für die nächste Sendung auf Deutschlandradio Kultur versucht. Diesmal lautet das Thema in der Reihe Nachspiel: Der amerikanische Traum. Ich habe dazu von Seattle über Indianapolis und Miami über New York und Storrs in Connecticut bis Regensburg viele deutsche Sportler (und Ex-Sportler) interviewt, um mit dem Mythos aufzuräumen, der immer dann aufgewärmt wird, wenn junge Talente von amerikanischen Teams im Baseball, Basketball, Football oder Eishockey verpflichtet werden. Nicht nur verbreiten die Berichterstatter in der Heimat gerne das Gefühl, dass es die Auswanderer bereits zu etwas gebracht hätten. Sie beleben ebenso gerne den Mythos vom Erfolg gleichsam über Nacht.

Tatsächlich bestätigt der Wechsel in den USA nichts anderes als die harte Geschichte vom Mythos des Sisyphos, den nur der Typ erträgt und zumindest wirtschaftlich einigermaßen gut überlebt, der das kapiert, was Albert Camus vor Jahren bereits beschrieben hat: „Darin besteht die verborgene Freude des Sisyphos. Sein Schicksal gehört ihm. Sein Fels ist seine Sache.“ Und den Fels rollt er notfalls jahrelang immer wieder den Berg hoch. Also einer wie Dirk Nowitzki.

Die Sendezeit ist sicher nur etwas für ziemlich Hartgesottene: 25. Dezember, 17.30 Uhr. Da genießt man gewöhnlich die Weihnachtsstimmung. Aber: Wer’s verpasst, der sei vorgewarnt. Mit diesem Format ist der Sender bisher online immer etwas verhalten umgegangen. Es gibt keine Garantie, das man das Ganze irgendwann noch auf der Webseite deutschlandradio.de nachhören kann.

Ansonsten, wenn wir uns nicht mehr sprechen sollten bis dahin: Das Beste zum Feste.

Ganz, ganz kleine Freuden

9780061873720Es sollte einen nicht überraschen, dass journalistische Arbeiten aus dem Segment Sportjournalismus in einer Magisterarbeit mit dem Titel „Weisheit und Torheit in der Phraseologie und in der Presse“ auftaucht. Wir vom Spielfeldrand dreschen viele Phrasen, und klug gewählt sind die nur selten. Obwohl, wir klingen meistens schon bedeutend klüger, sobald sich studierte Germanisten etwas genauer mit den verwendeten sprachlichen Mitteln beschäftigen. Wie in diesem Beispiel aus dem Jahr 2007, als ich in einem Text über den NBA-Basketballer Dirk Nowitzki und seine ausgeprägte und nicht immer nachvollziehbare Loyalität zu Trainern und Managern eine Figur der Gebrüder Grimm als Metapher wählte, um den fraglichen Trainer so elegant wie möglich zu verspotten. Das verwendete „nominale Idiom“ schaffte es bis in die Überschrift des Artikels in der FAZ, die lautete: „Doktor Allwissend und der ewige Lehrling“.

Die Verwendung dieses Idioms „Doktor Allwissend“ wiederum schaffte es bis in diese Magisterarbeit von Veronika Chládková, die 2010 an der Masaryk Universität in Brünn eingereicht und dann irgendwann ins Deutsche übersetzt wurde. Hoffentlich wurde sie gut benotet. Selbst wenn sie beim besten Willen nicht klar machte, weshalb die Verwendung des „Doktor Allwissend“-Begriffs im Kontext meines Artikels so reizvoll schien. Denn tatsächlich hatte ich nur die Attitüde des Trainers gemeint, nicht seinen Bildungsgrad, der sicher weit über dem Grimmscher Bauern liegt. Das jedoch schien die Diplomantin nicht zu merken. Genauso wie sie etwas Entscheidendes verwechselte. Nicht Manager und Mentor Holger Geschwindner war mit diesem Etikett belegt worden, sondern der damalige Trainer der Dallas Mavericks, Avery Johnson, der dann auch wenig später mangels Erfolges seinen Posten verlor.

Immerhin: meine Formulierung war eine von 76 ausgewählten Zitatstellen aus einem ziemlichen Panorama von journalistischen Texten, darunter auch einige, die Sportjournalisten benutzt hatten: Erik Eggers („der Weisheit letzter Schluss“), Oskar Beck („den Verstand verlieren“) und Steffen Dobbert („der Teufelskerl“). Es gehört dies wohl zu den kleinen Freuden des Lebens. Den ganz, ganz kleinen, die sich damit beschäftigen, es zu genießen, dass die eigene Arbeit irgendwo da draußen ein Echo produziert.

Schnell und Bumm

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Es mag ein kurioses Geständnis sein – gleich zu Anfang – wenn ich erwähne, dass ich schon einige ziemlich attraktive Berge gesehen habe. Und zwar im Winter. Aber ich will es aus bestimmten Gründen in diesem Fall schon mal vorneweg los werden: Ich habe noch nie auf einem Snowboard gestanden. Hahnenkamm. Aspen Mountain. Die Olympiastrecken von Park City und Snowbasin in Utah. Und dann Lake Louise in Kanada – alles nur auf Skiern. Das halbwegs zu meistern, war schwer genug.

Wenn ich die Erfahrung einer ziemlich sportlichen Nachbarin – sie reitet, joggt, ist mit Langlaufskiern unterwegs – aus diesem Winter auf einem eisigen Hang in Connecticut höre, wird sich das mit dem Snowboard wahrscheinlich gar nicht ändern. Sie hat sich bei ihrer ersten Beschäftigung mit dem Brett (mit Lehrer) auf einem gar nicht so attraktiven Berg ganz erheblich weh getan. Das war’s für sie. Sie wird es nie wieder probieren.

Wer etwas nicht wagt, was Millionen mit sehr viel Erfolg treiben, setzt sich einer uralten Frage aus: Muss man nicht selbst angetestet haben, worüber man berichtet? Okay: Kann man über Restaurants schreiben, wenn man nicht kochen kann? Über Kunst, wenn man nicht malen kann? Über Fallschirmspringen, wenn man sich nicht aus einem Flugzeug stürzt?

Wenn das die Vorgabe wäre, würden ganz viele Geschichten wohl gar nicht erst entstehen. Und das wäre nicht gut. Es fallen ohnehin schon viel zu viele unter den Tisch, nur weil die Konstellation der Umstände nicht stimmt. Oder weil es einfach nur an Geld fehlt.

Ob man dieser Sendung – Das Trendbrett, eine Produktion für die Sendereihe Nachspiel von Deutschlandradio Kultur – anmerkt, dass der Autor noch nie auf einem Snowboard gestanden hat? Ich vermute mal: nein. Denn sich einfühlen in das Erlebnis kann ich mich durchaus. Was dann am Ende fehlt – diese allerprofanste Basiserfahrung im Umgang mit dem Thema – lässt sich allemal kompensieren. Zumal ich mit diesem Projekt nicht die Absicht verband, Leuten das Boarden madig zu machen, sondern zu beschreiben, welche Faktoren eine Rolle gespielt haben und immer noch spielen, dass dieses ziemlich junge Sportgerät so rasch so populär geworden ist.

Bei einem solchen Projekt geht man so vor: Mit jeder Menge purer Neugier auf das, was man etwa beim Marktführer und Trendsetzer der Branche namens Burton auf die Beine stellt. Weshalb ich denn auch nicht nur einmal, sondern zweimal für diese Produktion in Vermont war. Teil der Mitbringsel: ein Interview mit Firmengründer Jake Burton, inzwischen 58, und damit der Hauptzielgruppe lange entwachsen.

Neugier auch auf das, was die erste Olympiasiegerin zu sagen hatte. Weshalb ich unbedingt Nicola Thost sprechen wollte. Sie im Studio in München. Ich in New York am Telefon. Das klappte hervorragend. Und natürlich Neugier auf das, an was sich Scott Starr erinnert, der die Snowboard-Entwicklung von Santa Barbara in Kalifornien als Fotograf aus begleitet hat und den ich durch ein paar intensive Recherchen aufstöbern konnte.

Am Ende hatte ich übrigens weit mehr Material beieinander, als ich verwenden konnte. So fiel der Mitschnitt eines Burton-Repräsentanten in einem Wintersportgeschäft in Massachusetts unter den Tisch. Und damit der halbe Tag, den es gekostet hatte, diesen Termin wahrzunehmen. Auch das sehr informative Gespräch mit einem Sprecher des Snowboardverbandes in Deutschland blieb im Filter hängen. Die wirklich klugen Gedanken zweier von drei Boardern, die ich zwischendurch im Burton-Shop in SoHo getroffen hatte, landeten ungenutzt im Archiv.

Man nennt das wohl Schwund. Man investiert viel, um einen kompakten Output zu erzielen. Schwund gibt es selbstverständlich in jedem Metier. Aber das heißt nicht, dass man ihn nicht bedauert. Er hat in diesem Fall vor allem etwas mit den sich beim Schreiben des Manuskripts entwickelnden Vorstellungen von Dramaturgie und Gestaltung zu tun, mit dem Wunsch, Atmosphären und Dokumentarisches einzusetzen, die oft eine plausiblere Dichte schaffen können, als die nackten Worte von klugen Menschen. Und selbst für diese Atmosphären war am Ende kaum Platz. Die 28 Minuten, die dieses Feature programmgemäß füllt, sind randvoll. Immerhin: Sie erzeugen dadurch den gewollten Effekt. Sie wirken nicht so, als ob die Zeit dahinläppert, sondern als wäre sie beim Zuhören sehr, sehr rasch vergangen. So rasch wie die guten Snowboarder die Berge hinuntergleiten.

Die Akzente bilden zwei schöne Musikzitate – von den Beach Boys und von Queen. Dazu habe ich im Archiv meiner eigenen Stücke auch etwas gefunden, was sich knapp und sinnig einfügen ließ. Dieses zum Beispiel.

Heart Goes Fast and Boom

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Blick zurück: Der Blogeintrag zur Erstausstrahlung vor einem Jahr

(Ein Dank noch von dieser Stelle und mit sehr viel Verspätung an den Mann, der mich einst auf das Thema angesetzt hat und mir so den Einstieg ermöglichte. Peter, du weißt, wen ich meine…)

Sünde und Moral, Reue und Vergebung

Das Thema Doping ist mir irgendwann zugelaufen. Ich habe mich nicht danach gereckt. Das ist mit vielen Themen so, die das Geschehen hinter den Kulissen aufhellen – den Betrug, den Missbrauch, die vielen unterschiedlichen Manipulationsbemühungen, die man auch als Verarschung der Massen bezeichnen darf.

Sie haben es verdient, gründlich abgehandelt zu werden. Und sie erfordern einen ganz erheblichen Wissensstand. Aber sie erfordern vor allem auch dies: eine Haltung. Die besteht zunächst aus einer pauschalen Unterstellung, dass eigentlich nichts, was wir im Sport an Oberfläche sehen, wirklich etwas zur Substanz des Interaktionsgefüges beiträgt. Und sie besteht aus den Vorbehalten, dass niemand wirklich möchte, dass die hässliche Seite dieses Geschehens und Geschäfts aufgedeckt wird. Und sie besteht ebenso aus dem Blick dafür, wie denn solche Verhältnisse narrativ oder nachrichtlich den Lesern von Zeitungen und den Hörern von Radiosendungen nahegebracht werden können.

4202932333_1f10eed4cc_bEs gibt viel zu viele Journalisten (gerade im Sport), die nicht im Traum daran denken würden, sich mit diesem Teil ihrer Rolle zu beschäftigen. Ihre Haltung ist simpler. Sie nehmen das Gebotene aus den Arenen und den Pressekonferenzen im tiefen Bauch der großen Stadien für bare Münze und reichen es einfach nur weiter. Manchmal fälschen sie dabei sogar ihr Arbeitsergebnis. Und zwar ohne rot zu werden. (Siehe diese Geschichte von René Martens im Fachorgan Journalist über die Unsitte bestimmter getürkter Interviews, die eigentlich nur Protokolle von Pressekonferenzen sind).

Aber ich schweife ab. Ich sagte: Doping ist mir zugelaufen. BALCO, Marion Jones, Jeff Novitzky – das lag hier in Amerika eines Tages einfach auf dem Tablett. Barry Bonds, Mark McGwire unter Eid im Kongress. All das Herumgeeiere, die Lügen und die Arbeit der staatlichen Ermittler. Es hat mich fasziniert und wurde zu etwas, was Amerikaner mit der idiomatischen Wendung belegen würden: the gift that keeps on giving. Es war ein Geschenk an den neugierigen und gleichzeitig skeptischen Journalisten. So wie das Korruptionsgeschehen bei der Vergabe der Olympischen Spiele von Salt Lake City, wofür ich damals für den stern nach Utah geflogen bin. Oder wie die Sache mit den Langzeitschäden von Football-Profis, über die ich vor einer Weile für die Sendung „sport inside“ auf WDR 3 berichtet habe („Das Elend der Gladiatoren“). Oder die Einmischung in die Diskussion um Meinungsfreiheit und Videorechte im Amateursport, was – teilweise sogar von anderen zitiert wurde (wie hier). Man lernt etwas, man erklärt etwas. Man reicht es weiter. Und manchmal pflanzt sich das, was man schreibt, in anderen Köpfen fort.

Gut so.

Die vergangene Woche allerdings war ein Schlauch. Soviel Doping. Und soviel Lance Armstrong, Lance Armstrong, Lance Armstrong. Für Zeitungen, fürs Radio und am Ende auch noch mit einer Handreichung fürs Fernsehen. Da weiß man irgendwann nicht mehr, ob man noch der Herr seiner eigenen Einschätzungen ist oder ob man eingeholt wurde von den sich überschlagenden Facetten einer hochkomplexen und sich ständig verändernden Realität.

Bis zu seinem Fernseh-Geständnis war Armstrong leichter zu skizzieren und einzuschätzen. Man sah da einen Typen mit einer einfachen Strategie, die der ähnelt, die die Republikaner im amerikanischen Kongress verfolgen. Sie spielen Theater für den mit ihnen sympathisierenden Teil der Galerie und blockieren ansonsten jede sinnvolle Auseinandersetzung mit dem Kern der Sache. Als er sich vor einer Woche in Austin Oprah Winfrey stellte, änderte sich das. Da fühlte ich mich gezwungen, die Motivation dieses Betrügers zu analysieren. Was nicht einfach ist. Der Mann ist ein Psychopath. Was plant der? Was improvisiert der? Ich weiß es nicht und würde da auch gar nicht spekulieren wollen. Ich will auch nicht spekulieren, wie die amerikanische Öffentlichkeit mit einem geständigen Dopinglügner verfährt. Ob er noch mal – als Werbefigur – Geld verdienen wird, ist mir echt egal. Spätestens wenn es so weit ist, nehme ich mich der Frage gerne wieder an.

Diese Nachfrage nach Spekulativem, die von manchen Redaktionen betrieben wird, hat natürlich Gründe. In der Zuspitzung der Armstrong-Geschichte auf ihn als Person und zentrale Figur liegt eine Chance: für eine kurzatmige Berichterstattung der Medien, die es gestattet, die komplizierten Details und Hintergründe auf ein paar wenige Aspekte zu reduzieren. Mehr will kaum jemand wissen als die Geschichte von dem Lügner, der jahrelang nicht erwischt wurde, dann alles abstritt und schließlich nicht anders konnte, als seine Lügen einzugestehen. Diese Sichtweise ist die andere Seite des Personenkults, den die Medien fördern und in ihnen wir Journalisten. Auch beim gesellschaftlichen Abstieg begleitet eine ehemals bewunderte Berühmtheit der einäugige und monotone Chor der auf Leute fixierten Medienmanipulatoren. Zum Glück gibt es Redaktionen, die Platz haben und neugierig sind auf ergänzendes und erhellendes Material. Deren Arbeitsweise von einer Haltung geprägt ist. Von der Haltung, die solchen Fragen nachgeht: Wo sind die noch immer fehlenden Bruchstücke und Mosaiksteine einer massiven mafiaartigen Verschwörung? Wann erhalten wir wirklich das vollständige Bild einer der größten Betrugsmaschinerien, die der Sport je erlebt hat?

Die neue Medienwelt geht mit meinen Beiträgen übrigens oft auf eine kuriose Weise um. Sie werden – etwa in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und im Tagesanzeiger, für die ich schreibe – zwar jedes Mal gedruckt, aber nicht notwendigerweise auch online publiziert. Der Grund hat jedes Mal etwas mit einer Einzelfallentscheidung zu tun, eine wirkliche Linie ist dahinter nicht zu erkennen. Ich hatte mal den Standpunkt, dass mich diese Kleinigkeiten nicht besonders beschäftigen sollten. Mittlerweile bedaure ich es, wenn gedruckte Texte nicht auf den Webseiten der Redaktionen auftauchen. Denn sie werden dadurch einem erheblichen Teil des potenziellen Publikums vorenthalten. Denjenigen, die keine Zeitungen kaufen und keine Zeitungen lesen.

Die Medienrezeption hat sich geändert. Meine auch. Ich nehme Texte, die nicht online veröffentlicht werden, keineswegs als kostbarer und wertvoller wahr, auch wenn hinter dem Vorgang die Absicht steckt, die Zeitung als Objekt und ihre exklusiven Inhalte attraktiver zu machen.

Nur partiell präsent zu sein, nicht über alle zugånglichen Kanäle mit seinen Geschichten durchzudringen, ist ein eigenartiges Gefühl. Es gibt da einige Varianten. Zum Beispiel im Fall von DRadio Wissen, das als dritter Kanal des Deutschlandradios nur online gestreamt wird, aber auf das Publizieren der Manuskripte verzichtet, die während der Produktion von Beiträgen erstellt werden. Eine Praxis, die bei den anderen beiden Programmschienen von Deutschlandradio anders gehandhabt wird. Dort nimmt man jeweils nach sechs Monaten die Audio-Datein aus dem Netz. Die Manuskript-Version jedoch kann sich weiterhin jeder anschauen und durchlesen.

So müsste ich jedem, der sich für einen besonderen Hintergrundaspekt der Armstrong-Beichte der letzten Woche interessiert, dazu nötigen, sich den gesamten Beitrag anzuhören. Es lohnt sich durchaus. Denn er ist audiophon sehr abwechslungsreich gestaltet. Aber was in ihm alles gesagt und erklärt wird, das lässt sich nicht auf der Webseite  schnell mal durchlesen. Das Manuskript wurde nicht ins Netz gestellt. Das ist bei DRadio Wissen eben so. Weshalb es so ist, weiß ich nicht.

Was mir aber just an diesem Tag bei DRadio Wissen aufgefallen ist, als „Die Lüge ist schlimmer als die Tat“ lief: Es steht in einem Themenkontext, der von den Redakteuren hervorragend aufgefächert und zusammengefügt wurde. Ich ziehe meinen Hut vor dieser Kuratierung von Sportthemen, die es verdient haben, genauer und weiträumiger aufgearbeitet zu werden. Für so etwas liefert man gerne ein tiefer schürfendes Stück über Sport, Amerika, Moral und inszenierte Schuldgeständnisse ab. Auch wenn es eigentlich, natürlich, um Doping geht. The gift that keeps on giving.