Archiv der Kategorie: Unterwegs

Der Fall nach dem Fall

Meine Erinnerung an den Sommer, als ich mich zum ersten Mal mit Lance Armstrong beschäftigen musste, ist schon etwas verblasst. Eigentlich besteht sie nur aus einem kurzen Dialog mit einem Redakteur. Er: Radsportspezialist und unverhohlener Fan. Ich: Agnostiker. Zweifler. Skeptiker. Er bat mich, einen Artikel zu schreiben, der die amerikanischen Reaktionen auf die Leistungen des Fahrers bei der Tour de France einfangen sollte.

Verständlich angesichts der Ausgangslage. Ein vormals sterbenskranker Sportler gewinnt den Prolog, ein Einzelzeitfahren, und verblüfft die Fachwelt und die Konkurrenz. Und er verblüfft vor allem seine Landsleute.

Alle – auch der besagte Redakteur – wollten sie glauben. Diese Geschichte von einem Mann, der nach einer intensiven Krebsbehandlung zum aktiven Sport zurückgekehrt war. Denn sie war verführerisch schön. Erst recht aus dem Blickwinkel von Millionen von Amerikanern, über die ich dann im Tagesanzeiger in Zürich während der Tour schließlich dieses schrieb: “Selbst zwei Jahrhunderte nach der Entwicklung des Velos steht der durchschnittliche Amerikaner dem Prinzip des Etappenrennens ratlos gegenüber. Die Tour de France ist ‚eines unserer großen sportlichen Mysterien‘, gab die Philadelphia Daily News vor ein paar Tagen zu, als sich Lance Armstrong an die Spitze setzte: ‚Wir sind von den Bildern beeindruckt, aber wir lieben sie nicht. Wir können die Anstrengungen erkennen, aber wir verstehen sie nicht.‘ Vielleicht ist das der Grund, weshalb die US-Medien in diesen Tagen mit jener riesigen Übersetzung fahren, wenn sie versuchen, die Erfolge des 27-jährigen Texaners in einen historischen Rahmen zu stellen. So schrieb USA Today: ‚Vor über 2200 Jahren begann Hannibal, der Karthager, seine Attacke auf die Alpen. Am Dienstag hat Lance Armstrong, der Texaner, mit seinem Angriff auf die Alpen begonnen.'“

Begonnen hatte allerdings ein ganz anderer Angriff. Der auf die Glaubwürdigkeit aller Beteiligten – der Fahrer, Verbandsfunktionäre, Sponsoren und Medien etwa, die wenige Tage später erfuhren,  dass Armstrong bereits beim Prolog positiv auf Kortison getestet wurde. Und dass anschließend folgendes passiert war, wie Dominique Eigenmann auf den selben Seiten feststellte: Der Weltverband rettete Armstrong vor der obligatorischen Sperre, in dem er gegen das eigene Reglement verstieß: “Dort steht nämlich (Artikel 43, Kapitel 4, Abschnitt 14), dass jede Anwendung von Medikamenten, die auf der Dopingliste stehen, auf dem Protokoll der Dopingprobe zwingend vermerkt werden müsse. Armstrong hatte in dieser Rubrik – gemäss Le Monde – aber notiert: ‘Medikamente: keine.’ Das Reglement sagt weiter: Wenn ein Athlet keine dopinghaltigen Substanzen deklariert, das Kontrolllabor aber solche findet, dann gilt das Resultat seiner Probe als positiv, und zwar auch dann, wenn der Sportler im Nachhinein noch ein ärztliches Attest vorweisen sollte.”

1999 war das alles. Neunzehnhundert-fucking-neunundneunzig. Da hätte ein Verband nur seine Regeln anwenden müssen, um den Sportbetrüger Lance Armstrong aus dem Verkehr zu ziehen. Ehe das ganze Lügengebäude errichtet wurde. Ein Gebäude, an dem viele bastelten, darunter die Firma Nike, die später mit diesem Werbespot die Zweifler gezielt verhöhnte:

“This is my body. And I can do whatever I want to it. I can push it. Study it. Tweak it. Listen to it. Everybody wants to know what I’m on? What am I on? I’m on my bike. Busting my ass. Six hours a day. What are you on?”

“Jeder will wissen, auf was man mich gesetzt hat”, sagte Armstrong in dem Werbespot und spielte mit der doppelten Bedeutung eines Ausdrucks, der sowohl für die Verordnung von Arzneimitteln als auch den Ritt auf einem Rad gelten konnte. “Auf was wurde ich gesetzt? Ich sitze auf meinem Fahrrad. Reiße mir den Arsch auf. Sechs Stunden am Tag.”

15 Jahre später versteht man diese Vorgehensweise natürlich viel besser. Die amerikanische Anti-Doping-Agentur hat sie akribisch dokumentiert. Ich selbst habe parallel zahllose Geschichten und Radiobeiträge produziert und Interviews geführt mit Männern wie Tyler Hamilton und Frankie Andreu. Auch das nicht ganz unwichtig zum besseren Verständnis. Wie die Gespräche mit Journalisten wie Juliet Macur und Bill Gifford und Selena Roberts, die alle jeweils mit intensiven Recherchen Teile des Lügengebäudes enthüllten. Und mit dem Filmemacher Alex Gibney, der damals an seinem Dokumentarfilm The Armstrong Lie arbeitete. Ich konnte mit Frauen wie Betsy Andreu reden, die eine besondere Rolle bei den Enthüllungen spielte. Mit Anwälten wie Jeff Tillotson, der die Firma SCA vertritt, die von Armstrong um Millionen von Dollar betrogen wurde. Und mit Vertretern der Radfirma Trek, die auf verstörende Weise den Eindruck erweckt, als gehöre sie nicht zu den Mitwissern und Mittätern des größten Sportbetrugs aller Zeiten, sondern als sei sie so eine Art Opfer.

Ich war im Laufe der letzten Jahre für die vielen Recherchen in Salt Lake City, in Montana, in Washington und natürlich auch in New York unterwegs. Ich war in Detroit. Und in Waterloo/Wisconsin. Mit der Sperre, die die amerikanische Anti-Dopingagentur 2012 auf den Weg brachte und die anschließend vom Weltradsportverband bestätigt wurde, hat der größte Teil der Öffentlichkeit das Kapitel zugeklappt. Tatsächlich ging seitdem die Geschichte weiter. Und das wird sie auch noch in den nächsten Monaten. Wenn so einiges herauskommt, was bisher noch unter dem Deckel war.

Eine gute Phase übrigens, um für die großartige Sendereihe Nachspiel auf Deutschlandradio Kultur ein ausführliches Feature produzieren, in dem ein erheblicher Teil der Aufmerksamkeit auf den Hintermännern, Mitwissern und Mittätern liegt, auf die bislang noch wenig Licht gefallen ist. Und dies vor allem deshalb, weil sich Armstrong konstant weigert, seine Helfershelfer zu verraten. Es ist Teil seines Spiels, das genauso wie der Doping-Missbrauch irgendwann noch in den Vordergrund rücken wird. Wenn klar wird, wer alles Meineide schwor, um Armstrong zu helfen. Und wer von Armstrong eingeschüchtert und durch seinen Einfluss wirtschaftlichen Schaden erlitt. Ganovenehre ist kein Ding von Ewigkeitswert.

Sendetermin: Sonntag, den 23. November

http://www.deutschlandradiokultur.de/radfahrer-der-fall-armstrong.966.de.html?dram:article_id=300138

Ein paar Links zur Einstimmung? Gerne

Interview mit der Journalistin Juliet Macur, die das Buch geschrieben hat: Lance Armstrong – Wie der erfolgreichste Radprofi aller Zeiten die Welt betrog

Bericht über den Gibney-Film The Armstrong Lie und einige der Figuren im Hintergrund des Skandals. Titel: Das Phantom der Seifenoper.

Das große Tyler-Hamilton-Interview im Züricher Tagesanzeiger.

Die dubiose Rolle des Radherstellers Trek, der Anfang 2014 ein eigenes Profi-Team an den Start brachte.

Meine Einschätzung von Lance Armstrongs Fernsehbeichte in der FAZ.

Eine von mehreren, die sich ihre Hände dreckig gemacht haben, um Armstrong ins rechte Licht zu rücken. Und die dabei sehr viel Geld verdient hat.

Addendum: Eine Fassung der fertigen Sendung ohne Voiceover.

Good news is bad news – eine Geschichte aus dem Berliner November 1989 (Teil 3)

Vor 25 Jahren bekam ich zufälligerweise die Chance, in einem Team mit amerikanischen Fernsehleuten nach Berlin zu fliegen, die den Auftrag hatten,  über den Fall der Mauer zu berichten. Es war ein einprägsames Erlebnis. Und das nicht mal aus den ganz offensichtlichen Gründen. Eine Geschichte in drei Teilen.

TEIL 3 und Schluss

Im Laufe des Montags, mit einer Verspätung von immerhin vier Tagen nach den entscheidenden Ereignissen, wurden die in Berlin produzierten Beiträge von Inside Edition amerikaweit ausgestrahlt. Zu den Werkstücken gehörten Bill O’Reillys am Samstag aufgenommener Aufsager an der Mauer vor dem Brandenburger Tor. Und unsere Versuche, es für die Kamera, so gut es ging, menscheln zu lassen.

Wir waren am Sonntag ganz früh an den Potsdamer Platz gefahren, damals eine riesige Brache, wo die DDR-Verantwortlichen kurzfristig mit einem Kran ein paar Platten aus der Betonmauer herausbrachen, um noch mal einen riesigen Schwall von Menschen herauszulassen, die an diesem kalten, aber wenigstens sonnigen Tag den Westen erkunden wollten. Es war mein Job, so viele wie möglich anzusprechen, um herauszufinden, ob sie eine interessante Geschichte hätten und ob sie uns wohl an der teilhaben lassen würden. „Amerikanisches Fernsehen“ war zwar ein Zauberwort, aber keines, mit dem man Stroh zu Gold machen konnte.

FirefoxScreenSnapz004Ein Zufall wollte es, dass einer der Kameramänner ein junges Ehepaar mit einem kleinen Sohn einfing, als der Vater durch die Öffnung der Mauer kam und Tränen der Rührung weinte. Wir hatten also Tränen auf Band. Das war wie wenigstens drei Richtige im Lotto. Nun mussten wir nur noch diese Menschen überreden, daraus etwas machen zu dürfen und den Tippschein so richtig auszureizen.

„Sprechen Sie Englisch?“, fragte ich ihn. Und er sagte: „Ein bisschen.“

„Dürfen wir Sie auf Ihrem Ausflug begleiten?“

Man sträubte sich, war skeptisch, bis sich dann doch die Neugier  durchsetzte. Zumal wir ein Auto anbieten konnten. Was vermutlich den Ausschlag gab. Sicher vor allem angesichts der Vorstellung, dass der junge Sohn irgendwann Schlapp machen und die tour d’horizon durch den Westen ein rasches Ende nehmen würde. Wir boten die bequemere Lösung.

Wir haben damals ganz konventionelle Aufnahmen gedreht – mit diesen netten jungen Ossis beim Blick in die Schaufensterauslagen am Tauentzien, beim Verzehr der ersten Pizza ihres Lebens und bei der ersten Verarbeitung dieser Erfahrungen in allzu dürren englischen Worten. Das war’s. Kein echter Lottogewinn.

Dafür waren wir tausende Kilometer gereist, hatten hunderte von Leuten angesprochen und uns in hässlichem Wetter durch eine Stadt manövriert, die vermutlich in diesen Tagen eine Unmenge von hervorragenden Geschichten bereit hielt. Die man aber auf diese Inside-Edition-Weise gar nicht finden konnte.

Ich blieb noch in Berlin, nachdem Bill O’Reilly am Montag wieder abgeflogen war und beschloss, mich zur Abwechslung auf der anderen Seite der Mauer umzuschauen. Ich hatte keinen Plan. Ich wollte mich einfach nur treiben lassen und kam am späten Nachmittag  am Übergang Heinrich-Heine-Straße an, wo ich den Grenzpolizisten meinen Pass zeigte. Auf deren Reaktion war ich nicht vorbereitet. Ich könne nicht in die Hauptstadt ihrer Republik einreisen, sagte man mir, weil man als bundesdeutscher Passbürger nur bis um 16 Uhr jedes Tages ein Visum erhalten würde, dass dann bis Mitternacht gültig war. Es war die Kuriosität schlechthin: Während jeder DDR-Bürger auf einmal nach Gutdünken und jeder Zeit die Grenze überqueren konnte, musste ich als Westler deren Bestimmungen respektieren. Die DDR pfiff aus dem letzten Loch. Aber sie pfiff auf preußische Art.

Ich weiß, das war nicht die „Freiheit des Ostens“, über die Martin Ahrends ein paar Tage später in der Zeit so eloquent schrieb. Und so wanderte ich noch ein bisschen durch Kreuzberg und stand irgendwann im Dunkeln an einem weiteren Loch in der Mauer, das eher wie ein Riss wirkte und wo zwei gut gelaunte DDR-Grenzer patrouillierten  die ein paar Tage vorher noch auf jeden gezielt geschossen hätten, der sich in den Todesstreifen getraut hätte. Wir tauschten ein paar Freundlichkeiten aus und ich fragte sie, ob ich wenigstens eines der herumliegenden, kleinen  Betonstücke mitnehmen könne.

„Na, klar“, lachten sie.

Ich wusste, irgendwann in ferner Zukunft würde mir – im Zweifelsfall  – niemand die Authentizität dieses Stücks deutscher Geschichte abkaufen. Aber ich hatte ohnehin nicht die Absicht,  dieses Souvenir zu behalten. Ich wollte es Bob Young schenken, den ich nach der Rückkehr in seinem Büro besuchte. Und der davon sichtlich beeindruckt war. Bill O’Reilly hatte an solche Mitbringsel wohl offensichtlich nicht gedacht, ehe er nach Hause flog. Es hatte ihm  gereicht, sich vor der Mauer aufgebaut und in die Kamera gesprochen zu haben. „Let’s keep in touch“, rief er mir zu, als ich ihn kurz sah.

Youngs Tochter trug den Brocken später in ihre Schule und zeigte ihn im Unterricht vor. Während ich mit etwas sehr viel Erhabeneren  nach Hause zurückkehrte.

Nein, nicht mit der Erkenntnis, dass man in den Fängen dieser Tabloid-Fernsehredaktionen (und wahrscheinlich der meisten Fernsehredaktionen) ganz schnell seinen inneren journalistischen Kompass verlieren konnte. Das war mir schon vorher klar gewesen. Mich beschäftigte vielmehr dieser Essay von Martin Ahrends in der Ausgabe der Zeit vom 17. November, die ich mir vor dem Einsteigen in die Maschine nach New York mitgenommen hatte, um in aller Ruhe das Geschehene und Gesehene nachzuarbeiten.

Ahrends schaffte es mit diesem Text, mir die Essenz all dessen zu vermitteln, was mich und meine ureigene, alte Neugier auf die DDR betraf. Etwas, was ich in den Jahren, in denen ich in Charlottenburg, im Wedding und in Schöneberg gelebt, an der FU studiert und für das Tip-Magazin über Berliner Filmer und Musiker (auch DDR-Musiker auf Westbesuch) geschrieben hatte, zwar irgendwie gespürt, aber nie verstanden hatte.

Ich hatte deren Radio gehört und ihre Pop-Musik geschätzt. Ich hatte ihr Brecht-Ensemble besucht und ihre Buchläden. Ich war über die von Schlaglöchern übersäte Transitstrecke gefahren und dabei jedes Mal trotz schneller Fahrt den Radarkontrollen entgangen. Ich hatte eine Vorstellung von dem Leben, das sich nun angesichts dessen, was Ahrends schrieb, offensichtlich einfach als ein Phantasiegeflecht entlarvte. Und das vermutlich ähnlich klischeehaft war wie das der amerikanischen Fernsehreporter, mit denen ich nach Berlin gekommen war. Nur anders. Denn die Schicht unter der Oberfläche – die Freiheit des Ostens – die hatte ich nie kennengelernt.

Und nun, prophezeite Martin Ahrends, der ein paar Jahre vorher aus politischen Gründen in den Westen gegangen war, würde es dazu auch keine Möglichkeit mehr geben. Die DDR brach auf. Sie brach den selbstgebauten Wall auf. Und sie brach zusammen. Alles zur selben Zeit. Und damit war die Geschichte wirklich zu Ende. „Wohlan denn, investiert euer Kapital, schickt eure Renovierungstruppen“, schrieb er, „aber bedenket, was ihr verliert an der Freiheit des Ostens.“

Auch mich bestrafte das Leben. Ich war zu spät gekommen.

So wie Bill O’Reilly, der in der Sendung diese historischen Sätze sprach: „Hello and welcome to Inside Edition. I’m Bill O’Reilly Behind me is the Brandenburg Gate in East Berlin, the symbol of a divided Germany. Over the last few days many of us have seen reports coming from here. Not since the defeat of the Nazis in 1945 has Europe experienced such an emotional story. It is all about freedom, and today we will bring you the drama and some of the people caught up in the opening of the Berlin Wall.“

In dieser Woche wird er bestimmt den Schnipsel mit diesem Auftritt wieder abspielen. Er war ja offensichtlich damals nur aus einem Grund in Berlin: um sich selbst zu filmen. Ein Selfie-Made-Man.

P. S.:

Vor fünf Jahren nahm sich die Daily Show ebenfalls des Themas an. Es war ein reizvolles, bizarres Echo auf das, was mir all diese Jahre durch den Kopf gegangen war, und entlarvte die Motive all dieser Selbstdarsteller in einem  Beitrag von zehn Minuten Länge, Es war nicht so schwer, wie es vielleicht klingt, denn eine Reihe von Fernsehleuten hatten in den Tagen zuvor ihre Zuschauer mit Nachdruck daran erinnert. dass sie selbst höchstpersönlich damals vor Ort gewesen waren.

P.P.S.
Ich habe die Gelegenheit bekommen, für die aktuelle Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung einen Text zu schreiben, der meine Erfahrung mit dem amerikanischen Fernsehen vor 25 Jahren in Berlin zusammenfasst. Enstanden ist er auf der Basis dieses Blog-Textes. Ich werde ihn verlinken, sobald er online gestellt wurde.

Good News is Bad News – eine Geschichte aus dem Berliner November 1989 (Teil 2)

Vor 25 Jahren bekam ich zufälligerweise die Chance, in einem Team mit amerikanischen Fernsehleuten nach Berlin zu fliegen, die den Auftrag hatten,  über den Fall der Mauer zu berichten. Es war ein einprägsames Erlebnis. Und das nicht mal aus den ganz offensichtlichen Gründen. Eine Geschichte in drei Teilen.

TEIL 2

Als wir am Samstag auf der Westseite des Brandenburger Tors ankamen, sah ich ein erstaunliches Detail. Am Ende der Straße des 17. Juni standen zusammengestöpselte Plattformen, auf denen Fernsehkameras postiert waren. Man hockte in einem Meter Höhe – nicht eng zusammen wie auf Pressekonferenzen – sondern in gebührendem Abstand voneinander, jeweils drei Sender in einer Reihe. Am frühen Nachmittag passierte da oben nicht viel. Es war morgens in den USA. Da standen keine Live-Satellitenschaltungen an. Nicht mal CNN litt damals unter Schilddrüsenüberfunktion. Satellitenzeit war noch sehr teuer und wurde quasi vom Mund abgespart.

Ich hatte keine Zeit herauszufinden, wer dieses Plattformen-Puzzle organisiert hatte. Aber ich fand es bezeichnend genug, dass sich in der ersten Reihe nicht jene Leute befanden, die hier in Berlin ein Heimspiel gehabt hätten. ARD und ZDF hatten es mal gerade in die dritte Reihe geschafft. Vorne hingegen hatten sich die drei großen amerikanischen Networks postiert, dahinter CNN, BBC und jemand, an den ich mich nicht mehr erinnere. Es war das Symbolbild für die gemächliche Arbeitsweise so vieler deutscher Medienmenschen. Und es entsprach den Geschichten, die ich in den nächsten Tagen in Berlin aufschnappte. Wie jene, wonach das deutsche Gebührenfernsehen nachts wie gewohnt einfach abgeschaltet hatte anstatt zu senden. Die Bilder, ich live in New York dank NBC und Anchorman Tom Brokaw geliefert bekam, sah man in Deutschland erst später. Brokaw hatte noch einen Scoop gelandet, als er Stunden vorher mit Günther Schabowski im Osten ein Interview führen konnte, um sich von ihm – auf Englisch – erklären zu lassen, was denn das soeben verkündete Dekret zum freien Reisen der DDR-Bürger tatsächlich bedeutete. Brokaw erinnerte sich  vor einiger Zeit in einem Interview für den Kabelkanal OWN TV an die Ereignisse.

Ich hörte Geschichten über deutsche Print-Reporter, die irgendwann beschlossen hatten, selbst nach Berlin zu fliegen, aber bei ihrer Ankunft auf dem Flughafen entdecken mussten, dass man ihre Sitze an amerikanische Kollegen gegeben hatten. Man hatte sie auf ihrem eigenen Turf über den Löffel balbiert. Die Amerikaner wollten das Rennen gewinnen und taten alles, um es auch zu schaffen.

Mich beeindruckte das damals sehr, und deshalb nahm ich mir vor, in Zukunft ebenfalls so energisch meinen Job zu machen. Wozu ich am frühen Montagmorgen bereits Gelegenheit bekam, als ich dem unsympathischen Scott Rapoport einen Platz in einer ausgebuchten PANAM-Maschine besorgte. Der hatte die Nacht über im Videostudio am Kudamm an seinem Beitrag geschnitten, während ich im Hotel seine schmutzige Wäsche zusammengepackt und den Trip nach Paris für ihn klar gemacht hatte. Dort sollte er die Concorde erreichen und mit den MAZ-Bändern nach New York düsen. Das war Plan B für den Fall, dass bei der Satellitenübertragung irgendetwas schief gelaufen wäre. Es klappte. Er kam rechtzeitig in dem Studiokomplex von Inside Edition auf der Upper Eastside an. Für ihn hatte der Berlin-Trip aus einem schnellen, hektischen Hin und Her bestanden. Viel gesehen und erlebt hatte er nicht.

Anders als Anchorman Maury Povich von der Tabloid-TV-Konkurrenz A Current Affair. Diese Sendung war das Vorbild für Inside Edition gewesen und der erste Abenteuerspielplatz in diesem damals neuen Genre für den wieseligen Chef-Produzenten Bob Young, einen Australier, der zusammen mit einigen Landsleuten und  ein paar Fleet-Street-Typen als bestens bezahlter Angestellter des Medien-Maniacs Rupert Murdoch in die USA ausgewandert war. Als Inside Edition Anfang 1989 startete, wechselte er jedoch. Ich nehme an, vor allem deshalb, weil die Bezahlung besser war. Denn das Konzept war das gleiche.

Povich hatte O’Reilly ebenso abgehängt wie die anderen, weshalb der Wikipedia-Eintrag falsch ist. Er sei „einer der ersten amerikanischen Fernsehleute gewesen, die über den Fall der Berliner Mauer berichteten“, heißt es da. Was für ein Unsinn. Die Murdoch-Leute hatten ihren Verleger überzeugt, dass man angesichts der Brokaw-Bilder aus Berlin aus dem Stand ein eigenes Flugzeug chartern musste, um gleich die komplette Redaktion nach Deutschland zu bringen und jeden Stress mit überbuchten Maschinen und Umsteigen zu vermeiden. Sie brachen noch am Donnerstagabend auf und waren am Freitag vor Ort. Einen Tag vor uns, die noch am Freitagmorgen in New York ständig hingehalten wurden, weil die Verantwortlichen nicht wussten, ob sie das viele Geld ausgeben sollten, um das anzupacken, was für Povich die größte Geschichte in seiner journalistischen Karriere wurde.

Erstaunlich eigentlich eine solche Kategorisierung, wenn man weiß, was der Jahre danach für Anekdoten schilderte. Bei einer Episode handelte es sich um eine Familienzusammenführungs-Story, was mir im Nachhinein klar machte, dass A Current Affair und wir auf ähnlichen Fährten unterwegs waren. Diese Murdoch-geschulten und an der Fleet Street abgehärteten Typen tickten alle auf dieselbe Weise.

„Die Current Affair Art, über ein solches Ereignis zu berichten, war: Wir würden zwei Brüder, einen ostdeutschen und einen westdeutschen, zusammenbringen, die sich vorher noch nie gesehen hatten.“ In wie weit die Details der Geschichte überhaupt stimmen, ist schwer zu sagen. Denn einer der Producer, der damals mit vor Ort war und vor fünf Jahren der New York Times einen Kurzbericht samt Foto mit Povich in der Menge auf der Ostseite der Mauer reinreichte, erinnerte sich an „ostdeutsche Wälder“, in die sie mit einem Mercedes und dem West-Bruder fuhren und eine steife Wiederbegegnungszene einfingen. Die Verwandten waren einander nicht grün. Vielleicht ja auch, weil der Westbruder in New York lebte, wo man ihn kurz vor der Abreise in einer Kneipe auf der Upper Eastside von Manhattan aufgespürt und quasi gekidnappt hatte.

Auch Povichs hyperaktiver Kollege Gordon Elliott hatte Pläne. Er kaufte einer Berliner Feuerwehrwache eine große Axt ab, stellte sich selbst damit auf die Mauer und begann, Stücke herauszubrechen. Povich fand das journalistisch nicht gelungen. „Gib die einem Deutschen“, sagte er ihm und ahnte schon kurz darauf, dass das keine schlechte Idee gewesen war. „Eine Woche später war dieser Deutsche mit Gordons Axt auf den Titelseiten von Time und Newsweek. Besser geht gar nicht“, grinste Povich, als er das alles zum Besten gab (siehe Video oben).

Auch an diesem Teil der Erinnerungen ist wahrscheinlich das eine oder andere falsch. Ob erfunden oder einfach nur durch allzu häufiges Erzählen umredigiert, kann ich nicht beurteilen.  Meine Recherchen ergaben jetzt, dass zumindest, was Time betrifft, es niemanden mit einer Axt auf dem Cover gab. Was es aber gab, war die beindruckende Auswahl von Bildern des Fotografen Anthony Suau, den man von New York aus am selben Tag wie uns losschickte. Vor Ort gelang ihm damals ein ziemlich berühmt gewordenes Bild, auf dem  ein Mann auf der Westseite mit einer Axt ein Loch in die Mauer schlägt, während ihm von der anderen Seite eine Dusche aus einem ostdeutschen Wasserwerfer verpasst wurde. Er hatte das und die anderen Bilder gefunden und nicht inszeniert. Weshalb ich nur jedem empfehlen kann, sich das Interview mit ihm anzuschauen, was man auf der Webseite von Time finden kann.

Vielleicht meinte Povich Newsweek, das eine speziale Ausgabe mit diesem Titelblatt herausbrachte:

NewsweekBerlinDoch diese Axt sah nicht wie ein Spezialwerkzeug der Feuerwehr aus. Weshalb derjenige, der vergleicht, wie sich der Fotograf Suau an seine Tage in Berlin erinnert und mit welchem persönlichen Engagement und welcher Anteilnahme er arbeitete, ziemlich schnell versteht, dass es einen gravierenden Unterschied gibt zwischen guten Journalisten und Selbstdarstellern, die so tun, als seien sie Journalisten.

Ich muss zugeben, dass mir das damals durchaus zumindest theoretisch längst bewusst war, aber nicht in dieser praktischen Dimension. Weshalb ich die Institution, für die ich in Berlin antrat – das amerikanische Fernsehen – zunächst dummerweise eher bewunderte. Mich beeindruckte das Machertum, die Energie, die Durchschlagskraft und die Fähigkeit, dies dann auch noch zusammenzubringen in drei bis vier Minuten langen Beiträgen, die aus Aufsagern und Interviews, B-Roll und einem gesprochenen Text bestanden. Was mich am meisten faszinierte, war die Art und Weise wie man produzierte. Der Reporter schrieb, nachdem er das Sammelsurium des Rohmaterials ausgewertet hatte, seinen Text und nahm ihn auf. Der Text wurde das Fundament für den Bildschnitt, während man in Deutschland stets exakt andersherum vorging. Man schnitt erst die Bilder und legte dann einen Text darunter.

Ein paar Tage später schrieb ich einen Artikel für das Berlin Tip-Magazin, in dem ich über den Auftritt der Medien berichtete. Der Text wirkte im Rückblick eher kurzatmig und nicht besonders durchdacht. Die Arbeit der angereisten amerikanischen Fernsehsender in Berlin hatte es nämlich nur rein oberflächlich betrachtet geschafft, ein so wichtiges Ereignis adäquat einzufangen und zu beleuchten. Unter der Oberfläche gab es so gut wie nur Klischees, die wie Slogans aus den Wahlkämpfen klangen. Man wollte da gewesen sein, um zu zeigen, dass man das wichtig nahm. Aber man wollte es auf eine Weise zeigen, die fast alle Nuancen vermied. Es hatte die geistige Tiefe der Berichterstattung vom rheinischen Karneval.

(Es folgt Teil 3)

Good news is bad news – Eine Geschichte aus dem Berliner November 1989

Vor 25 Jahren bekam ich zufälligerweise die Chance, in einem Team mit amerikanischen Fernsehleuten nach Berlin zu fliegen, die den Auftrag hatten,  über den Fall der Mauer zu berichten. Es war ein einprägsames Erlebnis. Und das nicht mal aus den ganz offensichtlichen Gründen. Eine Geschichte in drei Teilen.

TEIL 1

Diese Geschichte ist wirklich nicht über Bill O’Reilly, obwohl er darin vorkommt und eine nicht ganz unwichtige Rolle spielt. Hauptsächlich in dieser einen Rolle als Fernsehreporter, der im Trenchcoat vor der Berliner Mauer steht und etwas von Drama faselt.  Zwei Tage nach dem eigentlichen Drama und der entscheidenden Nacht, in der junge Leute aus dem Westen angerückt waren und Stimmung machten und zu hunderten, wenn nicht tausenden ungehindert von den DDR-Grenzsoldaten auf die Krone kletterten.

Diese Geschichte ist auch nicht über mich. Obwohl ich neben der Kamera stand, angeheuert als ortskundiger Producer mit einem Sinn für die Bedürfnisse des amerikanischen Fernsehens. Eingeflogen mit diesem Bill O’Reilly, der damals die noch ziemlich neue und ziemlich ambitionierte Magazinsendung Inside Edition moderierte, und einem zweiten, jungen und naseweisen Reporter namens Scott Rapoport aus New York. Es ging darum, einen historischen Moment auf eine Art einzufangen, der sich abhob von dem, was damals hunderte von Kameras und zahllose Fernsehjournalisten zu dokumentieren versuchten. So wie wir.  Ich kann bis heute nicht sagen, dass es uns sehr gut gelungen ist. Weshalb so einiges wieder aus dem Gedächtnis gerutscht ist. Denn was war schon wirklich dramatisch an diesem Auszug der Massen, die aus Ost-Berlin in den Westen kamen und jeden Abend brav wieder nach Hause gingen?

Ich würde mich deshalb auch gar nicht so gut an diesen nebeltrüben, grauen Nachmittag am Brandenburger Tor erinnern, wenn O’Reilly die Bilder von damals nicht immer mal wieder auspacken würde. So wie vor fünf Jahren, als er einen kurzen Clip in seiner Sendung The O’Reilly Factor auf dem Kabelkanal Fox News laufen ließ, der einen Tag später von Jon Stewart in der Daily Show wiederholt wurde, um den extrem eitlen, alten Mann ins Lächerliche zu ziehen. Wer ist so selbst verliebt und liefert als einzige Reminszenz an eine politische Entwicklung von historischen Ausmaßen nichts anderes als eine antiquierte Form eines Selfies? O’Reilly.

Er war schon damals, trotz aller Professionalität, nur schwer zu ertragen. Was an seinen politischen Ansichten lag. Und an seinem  Mangel an Geschichtswissen. Und an dieser fernsehgerechten Art, zu lügen, die auf eine Weise gehäkelt wurde, dass es nicht jeder gleich merken würde: Lügen wie diese in dem Text, den er an diesem Novembersamstag auf der Straße des 17. Juni in die Kamera sprach, was als Teaser für die Ausgabe von Inside Edition zwei Tage später ausgestrahlt wurde. „And today we will bring you the drama und some of the people caught up in the opening of the Berlin Wall.“

Bill O'Reilly Berliner Mauer 1Bill O’Reilly war in Berlin, als die Mauer fiel. Aber nicht am 9. November, sondern erst zwei Tage später.

Today? Welches „Today“? Das Samstags-„Today“? Das Montags-„Today“?

Nicht nur täuschte er vor Ort damit eine Live-Berichterstattung vor, die es gar nicht gab. Nicht nur waren die Geschichten, die wir an diesem Wochenende in Berlin drehten, am Sendetag eigentlich kalter Kaffee. Wir hatten auch nicht die Vorgaben erfüllt, die er mit diesem Teaser-Text vornweweg formulierte, ehe wir denen dann anschließend anderthalb Tage lang nachjagten. Die Redaktion in New York hatte uns die Aufgabe gestellt, nahe Verwandte zu finden, die sich zum ersten Mal seit 30 Jahren in die Arme fielen (während unsere Kameras liefen). Die dann bereit waren, sich von uns stundenlang  begleiten und abfragen zu lassen, während sie 30 Jahre nachholten. Und die natürlich auch noch Englisch sprachen, was fast ebenso absurd war wie die beiden ersten Konzeptideen.

Aber das entsprach der naiven Dümmlichkeit dieser vom Boulevard-Denken beeinflussten amerikanischen Reporter. Sie glaubten, dass es das geben würde: die passende, runde Geschichte, die man im Kopf hatte, ehe man vor Ort aufschlug, Statt der richtig guten, die man erst noch suchen und finden musste.

Ich erzähle das nicht, weil ich nach einem Weg suche, um nachträglich eine Herablassung zu produzieren, mit der ich meine eigene Mitwirkung bei diesem Projekt übertünchen könnte. Sondern weil es vor allem eine Lernerfahrung war. Eine, von der ich später beschloss, sie nicht noch einmal zu machen.

Zugegeben, ein bisschen irritiert war ich damals schon. Aber mir war noch nicht klar, wie kaltschnäuzig und frivol diese Bilder eines Tages aussehen würden. Wie austauschbar und beliebig.

Wir waren nicht die einzigen. Andere gaben das Tempo vor. Und O’Reilly war gar nicht mal der schlimmste Selbstdarsteller. Das waren seine Kollegen von den großen Networks, vor allem Peter Jennings (ABC) und Dan Rather (CBS), die, weil sie um die eigentliche News-Geschichte von ihrem Kollegen Tom Brokaw (NBC) geschlagen worden waren, nun mit einem Tag Verspätung nach Kräften den Grad ihrer Bedeutung für das Gewicht und das Gesicht einer Story hochputschten. „Es wirkte fast so, als würden verschiedene Elemente des Fernsehens, Teil der Geschichte für ihre eigenen Zwecke zurechtstutzen, während Deutsche Teil der Mauer abschlugen und Stücke wegschleppten, um sie für alle Ewigkeit zu behalten oder zu verkaufen“, schrieb Howard Rosenberg damals in der Los Angeles Times über das, was er nur im Fernsehen sah. Es war einer der wenigen kritischen Kommentare über diese Mischpoke. Rosenberg war klar: Dieses Trio wurde wirklich „kaum gebraucht, um zu signalisieren, wie enorm dieses letzte, lauteste, betäubende Echo von Glasnot“ war. Aber darum ging es auch gar nicht. Sinnen und Trachten der Fernsehdramaturgie war es offensichtlich nur, jene „mit Stars durchsetzte Seele der Fernsehnachrichten wiederzuspiegeln“, die den Zuschauern vorzugaukeln versuchte, dass erst ihre Anwesenheit das Niveau der Berichterstattung anheben könne. Es ging um tatsächlich um so etwas wie Höhe. Einige der Anchormen stiegen für die Kamera sogar auf die Mauer.

Pech für O’Reilly: Als wir einen weiteren Tag später eintrafen, hatten die Grenzer der DDR das Spektakel des Tanzes auf dem platten Wall vor dem Brandenburger Tor beendet.

Aber Möglichkeiten, symbolische Bilder einzusammeln, gab es satt. Das sahen wir spätestens, als wir kurz darauf am Checkpoint Charlie eintrafen, wo Ostberliner in ihren stinkenden Zweitaktern ohne Ende aus ihrem Betongefängnis herausquollen, empfangen von angetrunkenen, heiteren Menschen, von denen eine Reihe gleich nebenan mit Spitzhacken und Vorschlaghammern die Mauer  attackierten.  O’Reilly war begeistert. Ich glaube, er hätte am liebsten selbst Hand angelegt. So wie jemand von der Konkurrenzsendung A Current Affair das bereits getan hatte, wie die LA Times berichtete. Aber es wurde dann bald dunkel, und dieser amerikanische Freiheitskämpfer-Reporter wusste, dass er noch einiges an Material werde drehen müssen. Nicht nur Beton-Chipper.

Am frühen Abend brachte ich uns zur Gedächtniskirche und zu der Disco im Europa-Center, wo es leichter war, junge DDR-Bürger ausfindig zu machen und aus den Anwesenden jene herauszufiltern, die nicht so ängstlich waren, vor Westkameras aufzutreten und die genug Englisch sprachen, um das Voiceover-Problem zu umschiffen. Aber dann ging ich ins Hotel und versuchte, erst mal, gegen den Jet-Lag anzuschlafen. Ich hatte organisiert, was man organisieren konnte.

Wir waren erst am späten Vormittag in Tegel gelandet und hätten am liebsten gleich drauf losgedreht. Aber die beiden für uns in Paris gebuchten Kamerateams waren noch nicht eingetroffen. Sonst hätten wir uns bestimmt auf die ellenlange Schlange gestürzt, die vor einem Bankschalter auf dem Flughafen geduldig wartete, um ihr Begrüßungsgeld in Empfang zu nehmen.

Empfangen wurden wir von einer Berlinerin, die ich für unseren Dreh verpflichtet hatte.  O’Reilly wollte als erstes von ihr wissen, auf welche Weise wir wohl die geplanten Human-Interest-Geschichten auf die Beine stellen könnten. Doch ihre Antwort wirkte so Deutsch, wie ich das noch aus jener Zeit in Erinnerung hatte, ehe ich nach New York gezogen war: „Das wird sehr schwierig“, sagte sie und machte dabei ein Gesicht, dass ihrer Antwort den Eindruck beimischte, als wollte sie eigentlich sagen: „Das ist unmöglich.“

O’Reilly schaute mich an, sagte aber nichts. Und ich wusste, dass es nur einen Weg gab, nicht gleich von Anfang schlechte Laune zu verbreiten: in dem ich der guten Frau klar machte, die ich blind gebucht hatte, weil sie mir jemand empfohlen hatte, dass wir bei der gut bezahlten Arbeit für die Amerikaner nicht die skeptischen Deutschen heraushängen lassen, die alles in Frage stellen und so wirken, als ob sie sich nicht den Arsch aufreißen würden. „Gibt’s nicht gibt’s nicht“, sagte ich und fing an, einen nach dem anderen in der Schlange anzusprechen.

(Es folgt Teil 2)

Ein eingesperrter Reporter

Ich tippe mal, dass das Heft, das ich heute morgen in einem Stoß von alten Vinyl-Platten entdeckt habe, um die 35 Dollar wert ist. Ein Preis, der mit Angebot und Nachfrage zu tun hat, der Sammler interessiert und ein Konzept aus der Wirtschaftstheorie widerspiegelt, das mit dem wahren Warenwert einer Sache rein gar nichts zu tun hat.

Das Heft muss schon eine Weile unter den Alben gelegen haben. Denn ich kann mich nicht erinnern, wie und wann es in unseren Besitz gekommen ist. Egal. Das Heft – die Ausgabe des New Yorker vom 12. November 1938 – ist ein richtiger Fund. Rea Irvin hat das Titelbild gemalt, von dem ich nur das weiß, was bei Wikipedia steht. Was aber ziemlich nützlich ist, um den Stellenwert dieser Ausgabe einzuordnen. Er war ein wichtiger Mann in der Geschichte des Magazins. Zu seinen Hinterlassenschaften gehört der Schriftzug des Zeitschriftennamens. Jemand hat ausgezählt, dass er 169 Titelbilder produziert hat. Was heißt: Irvin muss vielseitig, schnell und beliebt gewesen sein. In seinem Strich steckte Humor.

Ich habe  diese Ausgabe – in diesem Herbst fast 75 Jahre alt – ganz gerne, aber ziemlich ziellos durchgeblättert. Doch die steckt auf ihren 100 Seiten voller Entdeckungen und bestätigt vor allem eines: Dass dieses Magazin schon damals eine raffiniert gemachte Mischung aus intelligentem Schreiben, witzigen Beobachtungen und kleinen Seitenhieben war, die einen ganz bestimmten Ausschnitt aus dem Leben von New York einfing und zelebrierte. Eine Facette des Journalismus, die so noch heute in dem Blatt weiterexistiert und die noch heute wirtschaftlich funktioniert.

Der Blick zurück offenbarte aber noch etwas mehr. Ich war in der Lage, eine gerade Linie zu ziehen zu den Erlebnissen einer anderen Generation, die 1938 noch mit mit dem Schiff nach Amerika reiste. Wie sich doch manchmal die Verhältnisse ähneln. Die alte Geschichte mit dem Titel „A Reporter Confined“  und die Erlebnisse eines  Flugzeugreisenden von heute, die zur Zeit im Netz viel verlinkt wird. Schon damals gab es Schwierigkeiten bei der Einreise. Und das selbst für Leute, die Nazi-Deutschland zu entkommen und in Amerika  ihre Haut zu retten versuchten. Einer der Hauptschauplätze war Ellis Island, eine Insel vor Manhattan, wo die Behörden einen riesigen Komplex betrieben, in dem missliebige Reisende inhaftiert werden konnten. John Strachey (ich nehme an: dieser John Strachey) schilderte im New Yorker damals, auf welche Weise er und eine Reihe von Mitmenschen behandelt wurden. Ihm wurde damals zur Last gelegt, so schrieb er, dass er sich auf betrügerische Weise ein Visum besorgt hatte. Er nutzte die Zeit und arbeitete in der Haft an einem Buch und schien die Zeit auf sarkastische Weise zu genießen. Wenn auch mit einer Einschränkung: „There is an even sharper edge to human anxiety on Ellis Island that elsewhere. For after all, this is the island of decision.“  Die Angst von Ellis Island schnitt tiefer und war schärfer als die ganz normale Sorgen, die sich Menschen um ihre Existenz machten. Denn die Entscheidung der Behörden darüber, ob man in die USA einreisen durfte oder nicht, bedeutete für einige den Unterschied zwischen Überleben und eine Rückkehr in Verhältnisse, die tödlich waren.

Zwei Wochen später druckte die Redaktion eine Stellungnahme des zuständigen Commissioners Rudolph Reimer, der sich über den Artikel beschwerte. „I’m trying to sell Ellis Island to the world as a place where order & happiness prevail, not as the hellhole of America“, schrieb er. Was aus dem Abstand von heute, wo man die Details nicht mehr nachrechechieren kann, wenigstens zwei Schlussfolgerungen zulässt: Der Artikel hatte einen wunden Punkt getroffen, und der New Yorker hatte dreizehn Jahre nach seiner Gründung einen Stellenwert im öffentlichen Leben erlangt, der sich nicht länger ignorieren ließ.

Wer weiß, ob eines Tages eine Webseite wie die deutschsprachige Ausgabe von Vice.com einen solchen Stellenwert erreichen wird. Irgendetwas sagt mir, dass es so weit nicht erst kommen wird. Die Kommentatoren fanden den wunden Punkt in dem fraglichen Artikel ziemlich schnell: Der Autor hatte so getan, als hätten die ziemlich unfreundlichen Beamten von Homeland Security Informationen über ihn zusammengetragen, die ihnen aus dem Archiv der NSA zugespielt worden waren. Dabei waren diese Erkenntnisse über das Leben des Autors wohl bereits durch einfaches Googlen ausfindig zu machen. Natürlich hätte diese Enthüllung den Wert der Geschichte mitsamt der Headline („America knows everything“) gekillt. Und so musste sie einer anderen Deutung weichen. A propos „weichen“: Von der Facebookseite, auf der die Info bis vor einiger Zeit noch nachzulesen waren („US Tour Updates: August 18th Trip Santa Montica….“), ist sie mittlerweile verschwunden. Was sicher weder von der NSA noch Homeland Security oder von Facebook veranlasst wurde.FirefoxScreenSnapz001

Aus dem Schotten John Strachey übrigens, ein ziemlich talentierter Schreiber und damals ein ausgewiesener marxistisch-leninistischer Theoretiker, wurde noch ein erfolgreicher britischer Politiker, der für die Labour Party einen Wahlkreis im schottischen Dundee gewann und bis zu seinem Tod Anfang der sechziger Jahre im House of Commons saß. Was aus dem jungen Journalisten und Musiker wird, der zur Zeit in London Philosophie studiert, vermag man nicht zu prophezeien. Viele haben mal klein angefangen und dann wurde doch noch was aus ihnen.

Englisch für Fortgeschrittene

Grönemeyer in ChicagoMeine Vorstellung vom Potenzial des Sängers und Komponisten Herbert Grönemeyer hat sich schon vor ein paar Jahren geformt. Damals, als er mit einem Begleiter seiner Kölner Plattenfirma auf Redaktionsbesuch unterwegs war und mit Walkman und Kassette Journalisten vorab sein neues Album 4630 Bochum präsentierte. Ich fand es gut und einen ganz beachtlichen Entwicklungsschritt im Vergleich zu der Musik, die er bis dahin gemacht hatte. Aber die massive Kraft, die diese Lieder-Sammlung besaß und was sie bewirkte, das habe ich damals nicht erkannt. Grönemeyer brach 1984 erstmals einen Verkaufsrekord für Alben deutscher Musiker und toppte diese Bestsellerleistung 2002 mit Mensch und etablierte sich seit jener Begegnung als der erfolgreichste deutsche Popmusiker aller Zeiten. Maßstab und Meilenstein zugleich, an dem sich nicht nur andere seitdem messen müssen, sondern auch er selbst.
Wichtig für diese Betrachtung wäre noch dies: Grönemeyer gehört zu einer Generation, die zunächst in ihrem Musikschaffen mit englischer Sprache herumhantiert hatte. Eine Generation, deren Vorbilder aus England und den USA sie auf indirekte Weise sprachlos gemacht hatten. Englisch war nicht Beleg für Weltläufigkeit und poetische Grandesse. Englisch war ein Versatzstück, Vehikel, Füllsel, eine Pose, um sich abzugrenzen von den nervtötenden Schlager-Fuzzys, die seit den fünfziger Jahren eine Hausmacht in den Plattenfirmen aufgebaut hatten. Und deren Texte an eine politisch fragwürdige deutsche Tradition anschlossen, die von den Nazis mehr als nur besudelt worden war.
Herbert Grönemeyer hat seinen Anteil beigesteuert, dass dieser Komplex abgearbeitet wurde. Und das ging ihm nicht gleich sehr gepflegt von der Hand. Das brauchte seine Zeit. Bis Bochum eben und zu dem klaren Bekenntnis zu Herkunft, Wurzeln und zu einer Haltung. Sein Beitrag besteht seither aus einer ganz beachtlichen Fähigkeit und einem ganz besonderen Gespür für die Ausdrucksweisen, die in Deutschland möglich sind. Das betrifft die Musik, aber auch die Texte.
Warum schreibt so jemand englische Songtexte mit demselben Ernst und demselben sinnsucherischen Anspruch?
Ich bin nach meinem Besuch des Konzerts am Samstag in Chicago keinen Deut schlauer. Zumal ich, anders als damals vor Bochum, keine Gelegenheit bekam, ihm Fragen zu stellen. Die Gründe für diesen Mangel an Kommunikationsbereitschaft sind zu kurios, um sie hier aufzuzählen. Das Resultat ist ohnehin das gleiche: In der Auseinandersetzung mit diesem Grönemeyer ist man ausschließlich auf die Signale angewiesen, die alle empfangen konnten, die im Chicago Theatre saßen. Signale wie zunächst mal die Musik selbst. Dann aber auch die Ansagen zwischen den Songs und der Charakter der Performance bis hin zum Bühnenbild, das von großen Projektionen dominiert wird. Darunter auch: das riesige Logo „HG“, das einen seltsamen Ego-Trip artikuliert.
Ich habe eine erste Bewertung in der Sendung Fazit auf Deutschlandradio Kultur gegeben, die vor allem die Reaktion des überwiegend deutschen Publikums thematisierte. Und damit, wie Grönemeyer damit umging. Was dort aus Platzgründen fehlt, ist eine dezidierte Beschäftigung mit den Feinheiten der Mission des Artisten. Eine Beschäftigung, die, um es vorweg zu sagen, in dem weitreichenden Urteil mündet, dass es sich um eine Art Wenders-dreht-Hammett-Moment handelt. Wenn auch mit anderen Vorzeichen und anderen Kautelen seitens der Beteiligten. Und mit dem Unterschied, dass Grönemeyer keinen Francis Ford Coppola hat, der ihn vor kreativen Fehleinschätzungen bewahrt. Grönemeyer ist Coppola.
Wer nicht weiß, was Wim Wenders erlebt hat, als er sich nach einer Serie von sehr deutschen Filmen seinen großen Traum erfüllte, einmal in Hollywood als Drehbuchautor und Regisseur zu arbeiten, kann das nachlesen. Und er wird vielleicht verstehen, weshalb man den Flirt deutscher Künstler mit der Ikonographie von Amerika und vor allem mit der Realität von Amerika jedes Mal mit gemischtem Sentiment verfolgt. Um Grönemeyer und den Titel eines seiner ganz hervorragenden Songs zu zitieren: Was soll das?
Es gab da in einer Presseerklärung vorab einen Hinweis, wonach sich Grönemeyer mit diesem neuen Album (Titel: I Walk) auf “eine begrenzte Weise neu erfinden” wolle. Von der Suche nach neuen Herausforderungen war die Rede. Und zwar von solchen, die er sich selbst stellen müsse. Fazit nach dem Durchhören der Studioaufnahmen und dem Konzert in Chicago: Tatsächlich wirkt das Projekt vor allem eher begrenzt und nicht wirklich neu. Typisch etwa die reflexhafte Absicherung, für das Album und die englische Version von Mensch einen solchen Ausnahmesänger wie Bono von U2 zu verpflichten. Dabei offenbaren gerade Bonos interpretative sängerische Fähigkeiten etwas, was den Englisch singenden Grönemeyer total entzaubert. Bono schwebt spielerisch und leicht in der Melodie und damit im Lied und steigert so den Reiz an der exzellenten Komposition des deutschen Musikers, der schon oft gezeigt hat, dass er ein sehr gutes Ohr für das Schreiben von attraktiven Melodien hat. Das Duett offenbart – womöglich ungewollt – jedoch auch etwas, das sich durch Grönemeyers Darbietung wie ein roter Faden zieht. Seine englischen Worte mögen Gehalt haben, aber sein Gesangsstil ist Un-Englisch. Un-Rhythm and Blues. Und dabei irgendwie un-heimlich.
Er kappt die Vokale ab, statt ihnen Platz zu geben. Er setzt Silben durchgängig und ganz exakt – wie vom Metronom vorgegeben – auf die Achtel- und Sechzehntel-Noten. Eine Phrasierung, die nahezu synkopenfrei ist. So leben die Lieder, wie von einer Maschine künstlich beatmet, auf einer imaginären Intensivstation. Eine deutsche Insuffizienz im Umgang mit dem Genre? Also so etwas wie Airplanes in My Head (um auf den Titel eines anderen Songs anzuspielen)? Er weiß vermutlich, wovon die Rede ist, denn er hat das mal so formuliert, als er verriet, dass er beim Komponieren gerne mit englischen Fetzen sogenannte „Bananentexte“ herstellt, ehe er die Verse ausarbeitet: „Deutsch ist die Rhythmussprache. Englisch schmiert man ja mehr.“
Sein Erfolg in Deutschland basierte darauf, dass er sowohl mit seinen Texten als auch seiner Musikalität ein Vakuum füllte. Und dass er eine Eigenwilligkeit im Gesang pflegte, die einen starken Wiedererkennungswert besitzt. Die Lücke übrigens ist in Amerikas überbordendem kreativen Spektrum beim besten Willen nicht vorhanden.
Und die enge Nische, die es vielleicht doch noch gäbe und in die sich jemand mit Wucht hineinschieben müsste, die findet er nicht. Weshalb? Weil er mit den neuen Stücken künstlerisch so gut wie nichts riskiert. Eine Haltung, die in Chicago noch unterstrichen wurde von der Auswahl der Fremdtitel im Programm. Warum es ausgerechnet I’m on Fire, Always on My Mind und The Letter sein mussten, erschloss sich nicht. Wo es doch sehr viel faszinierender gewesen wäre, Material von den Doors zu nutzen (seine Lieblingsband) oder mit dieser scheppernden Lebensäußerung namens Nirvana zu spielen, deren Smells Like Teen Spirit er in einem Promo-Video als seinen Lieblingsrocksong bezeichnete. Statt dessen lockte er mit seinen knappen Ansagen zu den Songs nicht so gut informierte Menschen auf eine falsche Fährte. The Letter etwa kündigte er als Joe-Cocker-Lied an und spielte es dann auch konsequent nach – im Arrangement vom legendären Live-Album Mad Dogs and Englishmen. Was er nicht verriet: Der Song und seine Soul-Seligkeit stammt aus dem Memphis der sechziger Jahre, wo man auf vielerlei Weise an einer der Nahtstelle von Schwarz und Weiß in den USA die Entwicklung der populären Musik beeinflusste. Dort, wo Elvis Presley lebte, dessen Version von Always on My Mind dem Lied seinen besonderen Glamour verlieh. Aber auch über diese Querverbindung wusste der Sänger nichts zu sagen. Statt dessen kündigte er das Lied als Willie-Nelson-Stück an. Interessanterweise stammt es zu einem Teil von demselben Wayne Carson, der ein paar Jahre vorher The Letter geschrieben hatte. Dafür schien Springsteens Komposition ganz ohne irgendwelche Erklärungen auszukommen. Was durchaus okay war, denn diese Wahl wirkte schlüssig. Statt eine Neudeutung zu probieren, zeigte er das Talent eines Sängers einer Cover-Band. Der Mann aus Bochum – auch stimmlich – eine exakte Kopie des Typen aus Asbury Park.
Chicago Theatre Grönemeyer
Vielleicht war die Berührung mit Amerika auf dieser Konzert-Reise von Anfang an nur aufs Oberflächliche aus. Sonst hätte er bei diesem Besuch sicher mehr entdeckt, als dass Chicago im Vergleich zu seiner Heimat eine Weltstadt ist (eine Bemerkung, die er in den Text des Liedes Bochum einschob, als er es in der Zugabe spielte). Dass es eine Metropole ist, in deren Straßen Musiker an den Ecken stehen, die mindestens genauso gut sind wie die Jungs in seiner wirklich sehr guten Band. Ein kultureller Schmelztiegel, in dem Blues und Jazz kultiviert wurden und House Music seinen Ursprung hat.
Who knows. Vielleicht erscheinen in den nächsten Tagen noch amerikanische Berichte und Kritiken, die – aus dem Blickwinkel des hiesigen Publikums – den englischsprachigen Grönemeyer beschreiben, erklären und einordnen. Das überwiegend deutsche Publikum in Chicago war in seiner Reaktion unverblümt. Schon nach dem fünften Song forderte es lauthals „Deutsch“. Es war keine chauvinistische Parole, sondern entsprach dem nachvollziehbaren Wunsch, Grönemeyer als authentisch erleben zu wollen. In seiner Heimatsprache. Den auf Englisch gebügelten Sänger brauchen sie nicht. Und ich tippe mal, dem Rest der Welt geht es ähnlich.

Ein paar Streicheinheiten

rolland_2012_hi-res-download_2Foto: John D. & Catherine T. MacArthur Foundation/CC

Als vor ein paar Monaten die Nachricht über die neuen Preisträger der MacArthur-Stiftung die Runde machte, habe ich neugierig die Liste der Menschen studiert, die mit dieser Auszeichnung als Genies ihres Fachs ausgerufen werden. Von den meisten hat man noch nie etwas gehört. Aber das ist Teil der Absicht. Der Preis rückt die Geehrten aus der anonymen Masse in den Vordergrund. Und zwar wirtschaftlich nachhaltig. Jeder der Preisträger erhält nämlich über die Zeit von fünf Jahren verteilt insgesamt 500.000 Dollar überwiesen. Davon können die oft ziemlich schlecht betuchten Künstler, Schriftsteller, Musiker, Denker, Akademiker eine Weile lang ziemlich gut und sorglos leben. Sie können sich Auszeiten nehmen und neuen Projekten widmen. Alles ohne den tagtäglichen Druck des Geldverdienenmüssens.

Trotz seiner positiven Seiten führt der „MacArthur“ ein selten kurioses Dasein. Man weiß von dieser Förderungseinrichtung. Aber sie fällt irgendwie hinter Nobelpreise und Pulitzerpreise und andere Awards leicht ab. Vermutlich liegt dieses Defizit nur daran, dass es keine Verleihungsshow im Fernsehen gibt. Die Empfänger werden nicht gleich auf Titelseiten hochgejubelt, sondern allenfalls Zug um Zug von der Journaille entdeckt. Meistens von der lokalen Journaille. Mit dem gebührenden Stolz auf den local hero. Ansonsten hat der „MacArthur“ so etwas wie Insider-Status.

Wie dem auch sei, ich habe im Oktober die neue Liste überflogen und bin dabei auf einen Mann gestoßen, dessen Kunst und dessen handwerkliche Besonderheit mich auf Anhieb fasziniert hat. Das liegt sicher auch an diesem abgebrochenen Musikwissenschaftsstudium, in dessen Rahmen ich mich einst seriös mit Dingen beschäftigt habe wie Partiturlesen oder mit dem Fach Akustik. Benoît Rolland, der Franzose in einem Vorort Boston, und seine Spezialität wirkte aus der Ferne wie ein Echo auf diese längst zugeschüttete Ambition, der klassischen Musik etwas Zerebrales abzugewinnen.

Monsieur Rolland, ein distinguierter und sehr informativer Gesprächspartner, war bereit, sehr viel mehr zu erzählen als eine bloße Einführung in sein Metier und die Einzelheiten seiner Biographie. Ich erfuhr zum Beispiel erst dort, dass er ein unglaublich innovativer Kopf ist, dessen jüngste Erfindung erst in den nächsten Monaten auf den Markt kommt. Das nennt man Timing. Oder auch einfach nur Glück. Aus dem Besuch in Watertown wurde so ein stimmungsvolles Radioporträt

und nun in dieser Woche auch ein Artikel in der sehr geschätzten Wochenzeitung Die Zeit.

Wie so oft mit Geschichten, in denen eine optische und akustische Dimension steckt, die man allein mit Worten nur schwer erklären kann, wäre es eigentlich angebracht, die Arbeit von Benoît Rolland filmisch umzusetzen. Aber nicht in den üblichen knappen Fernsehhäppchen, sondern ausführlich. Aber ehe ich mich an eine solche Aufgabe heranwage und das bisschen Glück aufs Spiel setze und mir dafür irgendwelchen Frust einhandle, weil am Ende ja fast nichts so klappt, wie man möchte, lasse ich lieber anderen den Vortritt. Jemandem wie Filmemacher Michael Sheridan etwa, der sein erstes Video zwar gepostet hat, aber leider das Einbetten nicht gestattet. Auch er könnte wohl nochmal etwas Unterstützung gebrauchen.

Im Radiobeitrag spielt Ann-Sophie Mutter das Adagio des Violinkonzerts Nummer 3 in G von Wolfgang Amadeus Mozart (Köchelverzeichnis 216). Es ist ein bezauberndes Werk und wirkt in dieser Aufnahme aus dem Jahr 2006 ungeheuer feinsinnig. Die Dame hat den Bogen raus.

Blick zurück: Über meine Boston-Reise und das Gefühl, als Multimedia-Mensch unterwegs zu sein, hatte ich im November hier im Blog ein wenig mehr geschrieben.

Lastesel auf Tour

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Foto: John Thomas, Wales ca. 1885, Llyfrgell Genedlaethol Cymru / The National Library of Wales

Die Reise vor ein paar Wochen nach Boston war ein Beispiel dafür, was man als Multimedia-Arbeiter mittlerweile alles auf die Beine stellt. Geplant waren in nur zwei Tagen mehrere Termine an mehreren Orten, bei denen das ganze Panorama meines Equipments zum Einsatz kam. Die Videoausrüstung und der Satz Lampen (in Worcester) sowie die Radiomikrofone und das Aufnahmegerät (in Watertown und Hartford). Und der Notitzblock für neue Themenideen (in Boston).
Das Entscheidende ist die Terminplanung und alles so zu arrangieren, dass man tatsächlich genug Zeit hat, um zu reisen, auf- und abzubauen und noch die Gespräche zu führen, wegen deren man gekommen ist. Je öfter man das Prozedere einübt, desto normaler erscheint es einem irgendwann. Zumal viele Gesprächspartner flexibel genug sind und Verständnis für die zeitlichen Vorgaben haben, die man mitbringt. Aber ebenfalls nicht zu unterschätzen ist die reine Transportkonstellation. Man kann solche Projekte nur umsetzen, wenn man mit einem Auto fährt. Anders lassen sich die vielen Taschen und Koffer nicht so ohne weiteres mitschleppen. Und selbst dann darf man froh sein, wenn es vom Parkplatz nicht so weit ist bis zum Drehort und alles, was man braucht auf die Sackkarre passt und der Rest im Rucksack getragen werden kann.
Es wäre alles etwas anders, wenn es für die einzelnen Jobs hohe Honorare gäbe. Dann könnte man sich Assistenten leisten, die den weniger kreativen Teil der Arbeit übernehmen. Die sich freundlicherweise darum kümmern, dass hinreichend Batterien da sind und Abzweigdosen für die Stromkabel, genug Videobänder und Platz auf dem Datenträger im Audioaufnahmegrät. Dass die Linsen der Kamera flusenfrei geputzt sind und die Kamera waagerecht auf dem Stativ steht und nicht etwa leicht gekippt. Dass die drahtlose Mikrofonanlage richtig eingestellt ist und funktioniert und dass der Kontrollmonitor angeschlossen ist. Aber davon ist in meiner Welt nicht die Rede. All das hat unsereins selbst zu bewerkstelligen. Und zwar immer auf die Gefahr hin, dass jede kleine Unachtsamkeit oder Vergesslichkeit einen Fehler produziert, den man hinterher nicht mehr wettmachen kann.
Ich stelle bei solchen Reisen allerdings immer wieder fest, dass so viele Handgriffe und Kontroll-Checks schon fast automatisiert sind. Ich kenne meine Ausrüstung. Ich kann mich auf sie verlassen. Sie bietet hochwertige Ergebnisse und verschleiert in vielen Situationen dankenswerterweise, dass ich nicht Kameramann bin, nicht Toningenieur, kein Lichtspezialist und kein Aufnahmeleiter. Ich bin dann immer wieder froh, dass ich bei der Anschaffung all dieser Geräte nicht zu sehr auf den Dollar geschaut habe. 10.000 Dollar werden es wohl gewesen sein. Ich habe übrigens noch nie genau nachgerechnet, aber ich glaube – wenn überhaupt – dann habe ich diese Ausgaben im Laufe der Zeit so gerade mal eingespielt.
Soviel zur Kosten-Nutzen-Analyse, die sich vermutlich jeder macht, eher er sich überlegt, ob er in solch eine Grundausstattung investiert. „The cost of doing business“ nennt man das hier. Was nicht mehr heißt als: wir haben als freie Journalisten kaum noch eine andere Wahl. Nicht, wenn wir da weitermachen wollen, wo uns die neuen digitalen Techniken und die medialen Möglichkeiten hingeschubst haben.
Am Heiligabend um 10.50 Uhr in der Reihe „Profil“ auf Deutschlandradio Kultur kommt zumindest ein erstes Ergebnis der Reise nach Boston zum Tragen. Es ist das Porträt eines erfolgreichen Geigenbogenbauers, der vor kurzem von der MacArthur Foundation als einer der Genies ausgezeichnet wurde, die im Laufe der nächsten fünf Jahre insgesamt 500.000 Dollar erhalten werden. Nicht, dass ich davon nicht gerne etwas ab hätte. Aber das ist nicht der Punkt. Es würde mich schon freuen, wenn zum Beispiel dieser Beitrag im Laufe der Zeit mehr als einmal ausgestrahlt würde. Das Thema – und der Mann – hätten es verdient.

Was zum Hören sagen

Es hat mit ein paar sporadischen Beiträgen begonnen. Mit einer ersten Geschichte über eine Kunstmesse in Miami in den frühen Tagen des Crashs von 2008 und über die Stimmung dort. Mich hat das interessiert, wie Kunsthändler und Organisatoren auf ein solches Ereignis reagieren, das in den Büchern vieler potenzieller Käufer einen Teil der für den Kauf von Kunst verfügbaren Millionen ausradierte. Die Recherche war ergiebig und machte mich neugierig darauf, den etwas schwierigen Weg in einen Bereich der journalistischen Arbeit anzupeilen, der spät abends eigentlich nur in einer Nische existiert. Der aber sehr viel Respekt bei Connaisseuren genießt. Es handelt sich um die Magazinsendung Fazit auf Deutschlandradio Kultur.

Am letzten Wochenende war ich erneut unterwegs. Diesmal lag das Thema etwas näher. Räumlich gesprochen. Statt nach Miami bin ich nach Tanglewood gefahren. Zum Saisonauftakt beim bedeutendsten Musikfestival der USA, das in diesem Jahr seinen 75. Geburtstag feiert. Ich bin in den vergangenen Jahren schon mehrfach in dieser wunderschönen, weitläufigen Parkanlage gewesen. Die Berkshires im westlichen Massachusetts sind Edel-Neu-England vom Feinsten.Und die kleinen Städte wie Lenox und Stockbridge sind es besonders.

Klassik mit Picknick auf dem grünen Rasen – das hat etwas. Obwohl es auch nicht schlecht ist, wenn man Karten für einen der kargen Stühle unter dem Dach bekommt und näher am Podium sitzt. Es ist ein anderes, genaueres Hören. Wenn es nicht so überkandidelt aussähe, würde ich die Partituren mitbringen und mitlesen. Genuß für Hirn und Ohren. Wir sind übrigens schon früher gegangen. So, dass wir den gesamten zweiten Teil live im Radio auf der Heimfahrt hören konnten. Auch das hat was. Mitsingen und mitsummen – das geht nun mal nur in einem solchen Rahmen.

Tanglewood ist in Deutschland kaum bekannt. Zumindest muss man das schlussfolgern, wenn man in den Archiven der Zeitungen blättert. Was schade ist, denn dort findet mehr statt als das Herunterdudeln von ein paar Greatest Hits der klassischen Konzertliteratur. Zum Angebot gehören auch risikofreudige Darbietungen und wochenlange Meisterklassen für das Beste vom Besten des Musikernachwuchses. Weshalb es wirklich sehr angebracht war, diesen Ort, seine Stimmung mit Hilfe von ein paar Stimmen einzufangen und zu beschreiben. Der Beitrag läuft am Sonntag. Die Sendung wird komplett, wie immer, kurz nach Mitternacht auf dem Deutschlandfunk wiederholt (und anschließend hier im Blog unter „Neueste Veröffentlichungen“ verlinkt.

Seit dem Kunstmarkt-Thema habe ich mich eher behutam in das weite Feld der Kulturberichterstattung hineingewagt. Ein besonderes Thema war unterschiedliche Facetten der amerikanischen Museumsarchitektur und wie es kommt, dass man so viel privates Geld für die Gebäude auftreibt. Ich habe mich aber auch anlässlich des Super-Bowl-Erfolgs der Green Bay Packers mit einem Broadway-Stück über ihren ehemaligen, legendären Trainer beschäftigt, mit den Schwierigkeiten von Sinfonieorchestern in den USA zu überleben. Und neulich – aus Anlass ihres Todes – mit der Drehbuchautorin und Regisseurin Nora Ephron. Ich hatte vor ein paar Monaten die Idee, sie für eine ganz andere Sendung zu interviewen. Dazu kam es dann nicht. Ich weiß heute, dass ich sicher mit diesem Ansinnen zu spät gekommen wäre. Was blieb? Der Versuch, meine Wertschätzung für die ungewöhnliche Hinterlassenschaft dieser Frau in Worte zu fassen. Wenigstens etwas.

Tanglewood Photo: Tim Jarrett (Creative Commons Licence CC BY-SA 2.0)

Eine Reise weg wohin

Ich bin im Laufe der Jahre nicht mit so vielen Schiffen unterwegs gewesen. Der letzte nennenswerte Trip muss der mit der Fähre zwischen den beiden Hauptinseln von Neuseeland gewesen sein. Die allerersten waren ebenfalls Fährschiffe. Die pendelten zwischen Ostende und Dover, lange bevor es den Tunnel gab. Man ist ein paar Stunden unterwegs, sieht wie das eine Ufer ganz langsam davon gleitet und kann schon bald die Landschaft ausmachen, auf die man zusteuert. Man vertrödelt die Zeit und kann von Glück sagen, wenn man sich später an irgendein Detail erinnert. In Neuseeland habe ich ein paar alte abgewetzte braune Lederschuhe feierlich ins Meer befördert, die ich nicht mehr mit nach Hause bringen wollte. Auf der ersten Überfahrt nach Dover habe ich eine zollfrei gekaufte Stange Zigaretten verloren, weil ich die einem Mitreisenden zugesteckt hatte, um bei der Einfuhr nach England keinen Zoll bezahlen zu müssen. Der Junge wurde damals nicht ins Land gelassen. Eine Fahrt zwischen den Orkney-Inseln und der Nordküste von Schottland habe ich konsequent auf dem Deck verbracht und den Horizont angepeilt, weil mir bei dem Seegang im Bauch des Potts nicht ganz geheuer war. Außerdem war da oben die Luft besser.

Eine Passage, wie die jetzt ansteht, habe ich noch nie gemacht: Eine Atlantiküberquerung, zwölf Tage schnurstracks geradeaus von Fort Lauderdale nach Lissabon mit einem einzigen Aufenthalt auf Madeira. Am Mittwoch geht es an Bord. Zwölf Tage zusammen mit 450 anderen Passagieren und mehr als 300 Crew-Mitgliedern auf einem der besten Kreuzfahrtschiffe weltweit (wenn man den Umfragen unter jenen Leuten trauen darf, die auf diesen Dingern öfter unterwegs sind). Vorne: nur Wasser. Hinten: nur Wasser. Links und rechts nichts als Wasser. Das wird ein Selbstversuch, eingefärbt von den nostalgischen Geschichten und Filmen von Leuten, die das in der Zeit erlebt hatten, ehe der Flugverkehr den Transport von Menschen über den Atlantik übernahm.

Der Vergleich hinkt zwar, weil die alten Ozeandampfer in ziemlichem Eiltempo jeweils ein paar tausend Menschen von hier nach da geschippert haben (und an Bord eine Mehrklassengesellschaft widerspiegelten, die auf diesem Kreuzfahrtschiff nicht existiert). Aber was zählt, ist ohnehin, wie dieses Erlebnis auf einen wirkt. Was das alles mit einem macht: die Einsamkeit. Ruhe. Wettergefahren. Lesen. Schreiben. Nachdenken. Genießen.

Eine Videokamera habe ich nicht dabei, aber die Radioausrüstung. Denn über diese Reise will ich hinterher ausführlich berichten. Weshalb es von unterwegs keine großartigen Infos geben wird. Auch wenn man an Bord via Wifi und Satellit ans Netz angeschlossen ist.