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Stern-Stunden

Ich beschäftige mich seit etwas mehr als zehn Jahren mit der Produktion von Videos, mit einem Medium also, das nicht an Bedeutung verliert wie Print, sondern dessen Stellenwert durch die Entwicklung der digitalen Produktions- und Abspielmöglichkeiten ständig wächst. Das Metier ist komplex und wirtschaftlich (von Ausnahmen abgesehen) nicht lukrativ. Und trotzdem ist es faszinierend, sich den beachtlichen Anforderungen auszuliefern. Ich drehe und schneide, interviewe und gestalte auch die Musik (wo sie gebraucht wird). Und weiß, dass man ziemlich kreativ sein muss, wenn man das umsetzen will, wofür man früher zehntausende von Euro verbraten durfte. Dies ist das jüngste Beispiel und die Geschichte dahinter.

 

„Selfie Sticks and Superstars“ – The Making of the new Nervous Germans video from Juergen Kalwa on Vimeo.

Wir haben schon auf vielerlei Weise zusammengearbeitet. Micki Meuser, Grant Stevens und ich. Und jedes Mal hatte es mit Musik zu tun. Es gab Arbeitskonstellationen wie „Texter und Komponist“, „Musikproduzent und Bandbetreuer“, „Plattenkritiker und Künstler mit neuem Album“. Zuletzt konnte ich mich als Grafiker einbringen, als für Songs vom Album Volatile Videolösungen gebraucht wurden. Dabei kam zum Beispiel das hier heraus: ¡Yeah, Yeah!

Eine Konstellation wie die jüngste hatten wir allerdings noch nicht: Da haben wir gemeinsam zwei aufwändig gestaltete und intensiv vorbereitete Musikvideos produziert. Für die sind wir im März eigens in ein Berliner Studio gegangen. Das erste Belegexemplar dieses Projekts ist vor ein paar Tagen erschienen, um die Veröffentlichung des Albums From Prussia With Love einzuläuten, auf dem der Song Superstars (and Superheroes) so etwas wie ein Headliner ist.

Das zweite, Liberation Day, wird in wenigen Wochen publiziert.

Die Zusammenarbeit verlief hervorragend. Also so wie immer. Was für mich ein sehr wesentlicher Teilaspekt solcher Vorhaben ist. Denn nur wenn man sich rundum gut versteht, kann man überhaupt von so weit weg eine gar nicht leicht zu formulierende, komplexe Idee mit der notwendigen Intensität anreichern, wie uns das in diesem Beispiel gelungen ist.

Vielleicht sollte man vorab zur Erläuterung wissen: Das Video spielt auf drei Ebenen gleichzeitig.

• Da ist die Aktion der Band in Form einer klassischen Lip-Sync-Performance,

• dazu gibt es eine Bildfolge aus alten Hollywood-Filmen mit berühmten Gesichtern, die an eine weiße Wand projiziert wird und dabei auch die Musiker anstrahlt und

• den parodistischen Einsatz von Smart Phones und Selfie Sticks, um den Text des Songs und seine eingängigsten Zeilen auf eine ironische Weise zu interpretieren.

Was die Melange so faszinierend macht: Die drei visuellen Ebenen ließen sich auf fast schon magische Weise ineinander verschränken und so ein Spiel aus Hintergründigkeit und humorvoller Vordergründigkeit inszenieren, was ich in dieser Form noch nirgendwo gesehen habe.

Wer unsere Arbeit an der von anderen messen und mit anderen vergleichen will (nachdem er eventuell netterweise den Like-Button bei YouTube angeklickt hat), mag das gerne tun. Mehr noch: Feedback ist wirklich erwünscht. Als Anhaltspunkt gäbe es sicher ein paar richtig gute Beispiele. Und natürlich auch ein paar richtig gute Regisseure. Sie sind die Messlatte für das Genre, in dem ich mich hiermit zum ersten Mal versucht habe.

Aber man sollte dann zumindest wissen, dass man uns auf einer Ebene ganz und gar nicht nebeneinander stellen darf. Die besten Videos haben ein Budget von mehreren 1000 Euro, um damit wenigstens einen erheblichen Teil der Kosten zu decken. Wenn nicht sogar mehr. Unsere Produktionskosten lagen bei Zero. Was möglich war, weil einige sehr nette Menschen sich mit Rat und Tat und Ausrüstung und Studioräumlichkeiten beteiligt haben. Wir hatten also sehr praktische Hilfe, das darf man nicht verhehlen. Und für die kann man sich gar nicht ausgiebig genug bedanken.

Zero Budget-Dollars – das heißt natürlich nicht, dass man sich damit aus den Erwartungen herausstehlen kann, die an Videos in dieser Liga gestellt werden. Konsumenten von Musik und von Musikvideos haben schließlich Ansprüche und ein geschultes Auge.  Sie möchten – Minimum – nicht gelangweilt und – Maximum – gut unterhalten werden.

Für uns war es ganz sicher ein erheblicher Pluspunkt, dass wir uns schon lange kennen und die Verbindungen selbst über die große Distanz zwischen New York und Berlin hinweg aufrecht erhalten haben. Was damit zu tun haben dürfte, dass unsere musikalischen Sensibilitäten auf einer Wellenlänge liegen.

Am interessantesten daran finde ich übrigens die Umstände unseres Kennenlernens angesichts der Erosion des Musikmarktes. Uns hat vor Jahren tatsächlich eine dieser klassischen Institutionen zusammengebracht, die es in dieser Form gar nicht mehr gibt. Es handelte sich um eine Schallplattenfirma, deren A&R-Leute in Micki Meuser und Grant Stevens die idealen Produzenten für eine Band sahen, für die ich damals den größten Teil der Songs schrieb. Ja, solche Firmen gab es. Und sie haben damals im Idealfall gezielt unterschiedliche Talente und Figurationen zusammengeführt, weil sie sich davon ein verwertbares Resultat erhofften. Eine Hoffnung, die oft eingelöst wurde.

Seitdem ist viel passiert. Unter anderem die schon erwähnte Selbstzerstörung einer nachwievor profitablen Industrie, die nicht mehr an die eigene kreative Kraft glaubt. Und auch das ist passiert: Micki Meuser und Grant Stevens haben ihre alte gemeinsame Band – Nervous Germans – die mangels durchschlagenden Erfolges den Weg allen Vergänglichen gegangen war, wiederauferstehen lassen. Ohne die finanzielle Unterstützung und die manpower, die Schallplattenfirmen früher aufbrachten, um solche Projekte zielstrebig auf dem Markt durchzusetzen.

Foto: Micki Meuser

Es bringt nichts, es zu bedauern, wieviel schwieriger es geworden ist, Musik zu verkaufen. Und bei den Nervous Germans tut das auch niemand. Man hat die eiskalte Realität akzeptiert, die besagt, dass es sich für Musiker sehr empfiehlt, das Geld möglichst erstmal mit etwas anderem zu verdienen.

Aber das heißt nicht, dass man es nicht versuchen sollte, seine künstlerischen Ziele voranzutreiben. Bar jener alten Regeln und ohne das Reinreden von Firmenangestellten, die einem ihre oft ziemlich irritierenden Kommentare zu allem und jedem unterjubelten.

Stilistisch durfte man die Nervous Germans einst wohl dem Post-Punk zuordnen, was neugierige Musikliebhaber in Großbritannien und sogar in den USA als kleine künstlerische Delikatesse durchaus ernst genommen haben. Anders sah es in Deutschland aus. Da wirkten sie als Kontrastprogramm gegenüber dem zur gleichen Zeit aufblühenden dilettantischen Nonsens der sogenannten Neuen Deutschen Welle wie querköpfige Exoten. Die nervösen Deutschen wollten nicht Deutsch singen. Sie standen in einer anderen Tradition.

Die Nervous Germans von heute machen übrigens eine mit ihrer Vorgeschichte genetisch verwandte, aber andere Musik. Eingängiger und melodischer, was von den Gitarrensounds abgestützt wird und von jenen Bass-Ideen, die der Komponist der meisten Songs, Micki Meuser, in seiner Rolle als Sekundant in Sachen tiefen Tönen beisteuert. Immer noch auffällig: die Stimme des Sängers Grant Stevens, der auch die Texte schreibt. Neu: das Getrommel einer vergleichsweise zierlichen Frau, die allerdings mit Krawumm reinhaut.

Foto: Grant Stevens

Als wir im März ins Studio gingen, zeigte sich, dass wir stimmige Konzepte und Ausgangsmaterialien hatten. Weshalb wir nur einen knappen Tag lang zu drehen brauchten. Dann war das Rohmaterial für den Schnitt im Kasten. Nun kann sich jeder das Ergebnis anschauen und anhören. Weshalb ich dachte, ich schreibe das alles mal auf. Eine Empfehlung in eigener Sache. Denn ich bin sicher, dass man die Energie spürt, die aus dem Song herausscheppert. Die musikalische und kreative.

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An dritter Stelle

Der Chef von Ringier hat vor ein paar Tagen ein paar Grundsätze formuliert, die er klassischen Verlagsunternehmen anrät, die den Übergang von der Herstellung und dem Handel mit gedruckten Zeitungen und Zeitschriften auf neue digitale Plattformen und Angebote für Mobilgeräte schaffen wollen. Es waren fünf Kerngedanken, die das Wesentliche beschreiben. An dritter Stelle forderte er, „viel stärker auf Videoformate zu setzen als bisher“. Er scheint dies mit der iPad-Ausgabe der Zeitschrift Monopol aus seinem eigenen Verlagshaus derzeit noch zu unterstreichen.

Was man mit Video machen kann und wie beschränkt man derzeit als Zulieferer für diese Maxime arbeiten muss, wenn einem tatsächlich mal ein Auftrag beschert wird, dafür kann Marc Walder sicher nichts. Er kümmert sich nicht um Details. Also nicht um die Honorare. Und nicht um faire Taxameter für die Leute wie unsereins da draußen, die arbeiten, aber nicht aus purem Techno-Idealismus verhungern wollen.

So kommen in solchen General-Ansagen keine Überlegungen vor, was das finanziell bedeutet. Dass es Geld kostet, all das Equipment zu besitzen, das man braucht, um vernünfte Videos zu drehen. Und dass es sich um eine erhebliche Investition handelt, sich das handwerkliche Wissen anzueignen, um Videos zu drehen und zu schneiden. Dass dies nie angesprochen wird, könnte leicht den Eindruck erwecken, als seien also die inhaltlich wichtigsten Fragen rund um das Herstellen von Videos für Verlags-Digitalplattformen längst geklärt und abgehakt: Wer produziert das eigentlich alles unter welchen Bedingungen? Und wie kommt er bei seiner Arbeit auf ein ernstzunehmendes Qualitätsniveau?

Sind diese Fragen wirklich beantwortet? Ach was. Ganz und gar nicht. Die Professionalisierung der Journalisten in diesem Bereich findet nur dort statt, wo die Journalisten selbst dazu in der Lage sind. Ich riskiere mal eine Schätzung: Dabei handelt es sich bestenfalls um 10 Prozent aller Medienmenschen, deren bisheriges Betätigungsfeld hauptsächlich aus dem Schreiben von Texten bestand. Vermutlich sind es weniger.

Mit Schuld am – eindeutig falschen – Eindruck ist sicher, dass Milliarden von Videos im Internet herumgeistern. Und dass es mittlerweile zahllose professionelle Fotografen gibt, die im Rahmen ihrer alltäglichen Arbeit für Verlage zusätzlich zu den Fotos, die sie schießen, mit ihren videofähigen Kameras bewegte Bilder drehen. Das tun sie ungerne. Und kommen dabei auf ziemlich bescheidene Resultate. Aber sie tun es. Was bleibt ihnen denn auch anderes übrig?

Und so entstehen also Videos, irgendwie. Manchmal sind sogar ganz attraktive darunter. Aber leider produziert von Menschen ohne ein ausgebildetes Ohr für Ton und das gesprochene Wort. Also sieht sich vieles, was über diesen Transmissionsriemen entsteht, verflucht ähnlich. Es sind vorherrschend visuelle Eindrücke, ein Panoptikum einer ganz bestimmen Auffassung des Mediums. Mal geprägt von der Ästhetik von Musikvideos, die inzwischen auch nicht mehr das sind, was sie mal zu den besten Zeiten von MTV waren. Mal beeinflusst von einer kontemplativen Zuneigung zu leer geräumten Dokumentarfilm-Szenerien. Oft bevölkert von überkandidelten Talking Heads, die zwar nicht das Zeug zum Performer haben, aber es trotzdem riskieren, sich vor eine Kamera zu setzen.

Man kann sich fragen: Haben uns all diese Anstrengungen und Experimente wirklich weitergebracht?

Meine Antwort: Irgendwie schon, aber sicher nicht dahin, wo Videos dann tatsächlich jenen Stellenwert erhalten, den sich Verlagsmanager wie Marc Walder ausmalen, wenn sie tatsächlich „viel stärker auf Videoformate“ setzen wollen.

Ich drehe seit ein paar Jahren Videos und gehöre sicher nicht zu den Visionären und Innovatoren des Metiers. Ich finde bis heute die schlichte Herausforderung, eine sinnvolle Videoarbeit mit vernünftigen Interviewaussagen und originären visuellen Facetten auf die Beine zu stellen, schwer genug. Denn man arbeitet unter sehr heftigen Bedingungen: meistens ganz alleine, mit Engpässen und Handicaps, die man im Soloakt bewältigen muss. Ohne Kameramann und ohne Tonmann und ohne Beleuchter und ohne Cutter/Editor, die allesamt dem fertigen Produkt so viel kreatives Leben einhauchen könnten, wenn man sie denn einsetzen könnte. Und die es dem Reporter gestatten würden, sich hauptsächlich auf das zu konzentrieren, was die Gesprächspartner sagen und um welche Inhalte es gehen sollte. Dafür bräuchte man eher mehr Zeit und nicht weniger. Aber diese Zeit finanziert einem niemand.

Dieses Ansinnen hat nichts damit zu tun, dass man nach dem klassischen Zerrbild jener Zeit, als die E-Lok eingeführt wurde, noch gerne ein paar Heizer beschäftigen würde. Ich hätte gewiss gerne Fachleute zur Seite wie etwa die hervorragende Cutterin Sabine Krayenbühl, die mir vermutlich schon während der Produktion dieses Videos das gesagt hätte, was sie mir netterweise hinterweise schrieb: „Meine größte Kritik ist die Handhabung der Zwischen- und ID-Titel. Es ist zu busy und zu ablenkend von der Geschichte.“

Aber sollte das nicht möglich sein, solche Sachkompetenz einzubinden (weil die ja schließlich auch Geld kostet), gäbe es sicher andere Lösungen. Vorausgesetzt: die vielen Mittelspersonen in der Produktionskette ziehen mit.

Angesichts der Schwierigkeiten erlahmt jedoch zwischendurch leider schon mal das Interesse. Vor allem daran, Redaktionen immer und immer wieder anzuteasern und zu bedienen, wenn die am Ende sowieso nur wenig vom Entstehen solcher Produkte wissen. Und die sich am Ende lieber über Klickzahlen definieren wollen und nicht über inhaltliche und ästhetische Aussagen.

Weshalb ich mich bis auf weiteres auf die Position zurückziehe, dass jedes Video, das ich mache, aus meiner Sicht nicht die Aufgabe haben kann, Verlagen wirklich dabei behilflich zu sein, ihr Denken weiterzuentwickeln. Ich sortiere sie notgedrungen in die Abteilung „meine eigenen Lernschritte“ ein. Ich muss weiterkommen mit diesem Zeug. Egal, ob die potenziellen Auftraggeber ebenfalls weiterkommen oder nicht.

Es mag der Tag kommen, an dem ich sagen kann, wir haben es tatsächlich geschafft, das zu überwinden, was meistens wie Fernsehen für Arme aussieht. Dass wir dahin kommen und zeigen können, dass wir im Umgang mit Kamera und Mikrofon viel gelernt und viel kapiert haben – von den filmischen Mitteln und Notwendigkeiten, die wir ja – theoretisch – zur Verfügung haben. Aber der Tag ist noch nicht da. Ich hatte das Gefühl, ich war im Frühjahr ziemlich nahe dran und habe das in einem Blog-Text, der auch auf Carta publiziert wurde, zumindest angedeutet.

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Auch weil ich mit diesem Foto in dem Moment das Sinnbild dafür gefunden hatte: Alles alleine bewältigt. Alles alleine geschleppt. Alles alleine gedreht. Alles alleine musikalisch und mit Schriften angereichert. Alles alleine geschnitten. Ein Video, das bei YouTube inzwischen auf eine rechtschaffen ansehnliche Zahl von 5000 Klicks zusteuert.

Das wird das nächste Video übrigens nicht schaffen. Aber das macht nichts. Deshalb habe ich es nicht produziert. Es ist auch keine Arbeit für eine Redaktion in Deutschland oder der Schweiz, sondern für einen kleinen amerikanischen Verlag, der den hochtalentierten Schriftsteller Jim Herity publiziert hat, und dessen Buch – ein Roman-Debüt in den USA – immerhin bereits einen recht respektablen Preis gewonnen hat. Der Roman ist sehr lesenswert. Amazon sollte in der Lage sein, es über den Teich zu schippern.

Guckst du hier


Man nehme: einen hervorragenden Song, jede Menge Videomaterial aus der Kiste mit der Überschrift Public Domain, eine Schrift, die gegen das optische Gewitter standhält (die heißt, kein Witz,  Volkswagen) und ein bisschen Zeit und Phantasie, um die Mischung dieser Zutaten gut auszubacken.

Das war das Rezept  für ein neues Video, das ich vor ein paar Wochen für die Berliner Band Nervous Germans produzieren durfte. Der Song heißt ¡Yeah, Yeah! und wird als Single in diesen Tagen die Veröffentlichung des Albums der Gruppe mit dem Titel Volatile in Schwung bringen.

Über die nervösen Deutschen habe ich vor einem Jahr schon mal kurz hier im Blog ein paar Zeilen zusammengeschmiedet.  Anlass war auch damals ein Video. Darin haben Grant Stevens, der Sänger und Texter der Band, und ich eine Koproduktion auf die Beine gestellt, um den Text des Songs Rainbow auf eine plakative Weise zu inszenieren. Diesmal wird entlang des Textes eine – zugegeben – etwas mysteriöse kleine Geschichte in Bildern erzählt, die das alte Dilemma illustriert: dass es Jungs und Mädels im direkten Miteinander wohl nie ganz leicht miteinander haben. Schon gar nicht im Fall von Mädels, über die es in dem Song heißt „no European female soul got the power like to terrify“.

Das Video und die Veröffentlichung sind nur der Auftakt zu einer sehr ordentlichen Kampagne, in deren Rahmen die vierköpfige Band auch live auftreten wird. Unter anderem am 1. Mai im Quasimodo in Berlin. Selbstverständlich wäre ich gerne dabei. Denn diese Art von Rockmusik bekommt im Konzert noch mal eine ganz andere Druckstufe mit auf den Weg.

Aber das wird wohl erst etwas, wenn die Nervous Germans in den USA angreifen. Schaun wer mal.

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Für alle, die’s gerne schriftlich hätten

Das gehört zu den schönsten Seiten dieses Jobs: Bei der Gestaltung eines Musikvideos beteiligt zu sein. Es ist sicher nicht immer so schön wie in diesem Fall: Mit einem Song, den man nicht mehr aus dem Ohr bekommt, und mit der im Prinzip sehr simplen Aufgabe, dessen Text auf eine vorhandene Animation zu legen. Aber man will ja, dass das Ganze rund wird, also testet man viele Schriften. Weil das Kaleidoskop-Thema schon vorgegeben war, lag es nahe, in Richtung Retro-Anstrich weiterzudenken. Mit einem Font, der lebt und Unruhe ausstrahlt und gleichzeitig viele Assoziationen weckt. Dies ist das Resultat: mit dem Text gesetzt in „Distro Vinyl“.

Wer sind die Nervous Germans? Vier Songwriter und Musiker aus Berlin, die mit neuen Songs ein Projekt wiederbeleben, das in den achtziger Jahren auf vielversprechende Weise begann, aber sich dann wieder verlief. Zwei aus der Gründerzeit – Micki Meuser  und Grant Stevens – haben die Idee vor einer Weile wiederbelebt, Songs geschrieben und aufgenommen und treten hin und wieder live auf. Man kann die ersten Produktionen übrigens hier herunterladen: http://www.itunes.de/nervousgermans.

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Lastesel auf Tour

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Foto: John Thomas, Wales ca. 1885, Llyfrgell Genedlaethol Cymru / The National Library of Wales

Die Reise vor ein paar Wochen nach Boston war ein Beispiel dafür, was man als Multimedia-Arbeiter mittlerweile alles auf die Beine stellt. Geplant waren in nur zwei Tagen mehrere Termine an mehreren Orten, bei denen das ganze Panorama meines Equipments zum Einsatz kam. Die Videoausrüstung und der Satz Lampen (in Worcester) sowie die Radiomikrofone und das Aufnahmegerät (in Watertown und Hartford). Und der Notitzblock für neue Themenideen (in Boston).
Das Entscheidende ist die Terminplanung und alles so zu arrangieren, dass man tatsächlich genug Zeit hat, um zu reisen, auf- und abzubauen und noch die Gespräche zu führen, wegen deren man gekommen ist. Je öfter man das Prozedere einübt, desto normaler erscheint es einem irgendwann. Zumal viele Gesprächspartner flexibel genug sind und Verständnis für die zeitlichen Vorgaben haben, die man mitbringt. Aber ebenfalls nicht zu unterschätzen ist die reine Transportkonstellation. Man kann solche Projekte nur umsetzen, wenn man mit einem Auto fährt. Anders lassen sich die vielen Taschen und Koffer nicht so ohne weiteres mitschleppen. Und selbst dann darf man froh sein, wenn es vom Parkplatz nicht so weit ist bis zum Drehort und alles, was man braucht auf die Sackkarre passt und der Rest im Rucksack getragen werden kann.
Es wäre alles etwas anders, wenn es für die einzelnen Jobs hohe Honorare gäbe. Dann könnte man sich Assistenten leisten, die den weniger kreativen Teil der Arbeit übernehmen. Die sich freundlicherweise darum kümmern, dass hinreichend Batterien da sind und Abzweigdosen für die Stromkabel, genug Videobänder und Platz auf dem Datenträger im Audioaufnahmegrät. Dass die Linsen der Kamera flusenfrei geputzt sind und die Kamera waagerecht auf dem Stativ steht und nicht etwa leicht gekippt. Dass die drahtlose Mikrofonanlage richtig eingestellt ist und funktioniert und dass der Kontrollmonitor angeschlossen ist. Aber davon ist in meiner Welt nicht die Rede. All das hat unsereins selbst zu bewerkstelligen. Und zwar immer auf die Gefahr hin, dass jede kleine Unachtsamkeit oder Vergesslichkeit einen Fehler produziert, den man hinterher nicht mehr wettmachen kann.
Ich stelle bei solchen Reisen allerdings immer wieder fest, dass so viele Handgriffe und Kontroll-Checks schon fast automatisiert sind. Ich kenne meine Ausrüstung. Ich kann mich auf sie verlassen. Sie bietet hochwertige Ergebnisse und verschleiert in vielen Situationen dankenswerterweise, dass ich nicht Kameramann bin, nicht Toningenieur, kein Lichtspezialist und kein Aufnahmeleiter. Ich bin dann immer wieder froh, dass ich bei der Anschaffung all dieser Geräte nicht zu sehr auf den Dollar geschaut habe. 10.000 Dollar werden es wohl gewesen sein. Ich habe übrigens noch nie genau nachgerechnet, aber ich glaube – wenn überhaupt – dann habe ich diese Ausgaben im Laufe der Zeit so gerade mal eingespielt.
Soviel zur Kosten-Nutzen-Analyse, die sich vermutlich jeder macht, eher er sich überlegt, ob er in solch eine Grundausstattung investiert. „The cost of doing business“ nennt man das hier. Was nicht mehr heißt als: wir haben als freie Journalisten kaum noch eine andere Wahl. Nicht, wenn wir da weitermachen wollen, wo uns die neuen digitalen Techniken und die medialen Möglichkeiten hingeschubst haben.
Am Heiligabend um 10.50 Uhr in der Reihe „Profil“ auf Deutschlandradio Kultur kommt zumindest ein erstes Ergebnis der Reise nach Boston zum Tragen. Es ist das Porträt eines erfolgreichen Geigenbogenbauers, der vor kurzem von der MacArthur Foundation als einer der Genies ausgezeichnet wurde, die im Laufe der nächsten fünf Jahre insgesamt 500.000 Dollar erhalten werden. Nicht, dass ich davon nicht gerne etwas ab hätte. Aber das ist nicht der Punkt. Es würde mich schon freuen, wenn zum Beispiel dieser Beitrag im Laufe der Zeit mehr als einmal ausgestrahlt würde. Das Thema – und der Mann – hätten es verdient.

Vergeben, aber nicht vergessen

Es ist ein Projekt, das vor vielen Jahren durch einen dieser klassischen Zufälle begann. Da suchte jemand hier in New York einen Menschen mit der Fähigkeit, Videos zu drehen und zu schneiden, konnte nicht viel bezahlen, aber kam mit einem Thema, in dem – wie sich nach und nach herausstellte – ganz viel schlummerte. Mehr jedenfalls, als der durchschnittliche Amerikaner zu erkennen in der Lage ist, selbst wenn er schon mal von den Deutschen und dem Holocaust gehört hat. Es geht nämlich heute, viele Jahre nach den historischen Ereignissen, mehr um Nuancen und Zwischentöne, um kulturelle Besonderheiten und ungelöste innere Widersprüche. Denn das Thema der großen Zahlen, wie das Dr. Frank Mecklenburg, der Chefarchivar des Leo Baeck Instituts in New York mal gesagt hat, das haben die Historiker und wir als Konsumenten dieser Informationen bereits ausgiebig abgehandelt. Wenn es aber um die Nuancen geht, dann sollte man bei diesem Thema sicher Deutsch verstehen, die Urtexte und Dokumente lesen können. Und persönlich von der wichtigsten aller Fragen gequält werden. Sie lautet: Wie konnte das alles nur passieren?

Es wäre sicher angebracht, erst einmal zu berichten, was aus diesem Projekt über ein paar Umwege und Verzögerungen geworden ist, nachdem ich die Gelegenheit bekam, viele Zeitzeugen zu interviewen, die mittlerweile fast alle gestorben sind: Es ist eine Radiosendung geworden, die am 7. November auf Deutschlandradio Kultur um 19.30 Uhr in der Reihe Zeitreise ausgestrahlt wird. Der Titel: „Vom Tode bedroht“. Programmhinweis an alle, die sich für das Schicksal von Juden im Deutschland der Nazi-Zeit interessieren und dafür, was aus denen wurde, die rechtzeitig emigrieren konnten – es lohnt sich, sich die Uhrzeit vorzumerken. Diese Geschichte wurde nämlich noch nirgendwo so erzählt. Nicht in Deutschland. Und in den USA nicht in dieser Gründlichkeit.

Dabei spielt es übrigens keine Rolle, dass die meisten Zeitzeugen, die ich im Laufe der letzten Jahre in New York, Boston, Albany, Fort Lauderdale, Berlin und Bad Nenndorf treffen konnte, am liebsten Englisch sprechen. Ihre Erfahrungen und ihre Einschätzung der damaligen Zeit lassen sich durchaus in jeder Sprache vermitteln. Aber Interviews  sind bei Themen mit Tiefgang nur Bausteine. Zur Abrundung des Bildes gehört mehr. Nicht zuletzt das Quellenmaterial und die Sekundärliteratur, die die Zusammenhänge verständlich machen. Gerade dabei ist es hilfreich, wenn man die schwarz-weiße, schlichte Denkschablone, mit der in den USA ältere und neue Geschichte betrachtet wird, möglichst nicht benutzt.

Wie wurde aus einer ursprünglich als Videoproduktion gedachten Arbeit eine Radiosendung? Das liegt an einer Reihe von Begebenheiten, die mir halfen, den eigentlichen Wert des Materials zu erkennen. Der besteht nämlich nicht in den bewegten Bildern. Bildern, die unter erschwerten, weil kostengünstigen Bedingungen entstanden sind und mit mir als Fragesteller, Kameramann, Tontechniker und Beleuchter in einer Person.

Gut, wenn die Interviewten sowieso vor allem auf das gesprochene Wort Wert legen. Denn, das was sie sagen, das trägt ihre Botschaft. Das transportiert den Kern ihrer Geschichte.

Was diese Menschen zu erzählen hatten – ihre Erinnerungen über das Leben auf einem Auswanderungslehrgut in Oberschlesien und die Zeit danach – das ließ sich zum Glück tontechnisch mit der Videokamera durchaus sehr ordentlich aufnehmen. Diese Aufnahmen wuchsen zu einem enormen Fundus heran, der sich in einem Sendeformat von 30 Minuten Länge gar nicht richtig aufblättern lässt. Zumal die Sendung bewusst auf ein weiteres Element zurückgreift, das dieser ganz besonderen Geschichte seinen ganz besonderen Charakter gibt. Die jungen Juden von Groß Breesen haben nämlich, obwohl – oder besser: weil – nach der Emigration in alle Himmelsrichtungen und auf alle Kontinente verstreut, nie Kontakt zueinander verloren. Ihre Rundbriefe wurden später von einem Mitglied der Gruppe zusammengestellt. Als Kompendium legen sie Zeugnis ab von der ungewöhnlichen und unter dem Strich erstaunlich positiven Geschichte einer Gruppe von Menschen, die fliehen mussten, zahllose Angehörige in der Vernichtungsmaschine der Nazis verloren, die teilweise monatelang im KZ waren, zu Teil als Soldaten in den Armeen der Alliierten die Tyrannei zu beenden halfen und dabei ihr Leben riskierten. Und die hinterher trotzdem immer fast sehnsuchtsvoll an jene Zeit zurückdenken mussten, als sie auf dem Acker und im Kuhstall in Oberschlesien arbeiten mussten und ihnen, den durch die Nürnberger Gesetze rechtlos gewordenen Teenagern, ein charismatischer pädagogischer Leiter viele Wertbegriffe vermittelte. Nachhaltig vermittelte. Den aufrechten Gang zum Beispiel, die Verantwortung für sich und die Gemeinschaft, in der man lebt, und die Zuneigung zu – deutscher – Literatur und Musik.

In der Arbeit an diesem Thema musste ich oft daran denken, was mir Abraham Foxman, der Chef der Anti-Defamation League, mal in einem Interview gesagt hatte, als es um die Frage ging, weshalb man in New York, dem Zufluchtsort so vieler Juden, einer deutschen Firma wie der Allianz es nicht gestatten möchte, ihren Namen auf ein Sportstadium zu pflanzen: „We can forgive, but we cannot forget.“ Die Allianz gehörte in der Nazi-Zeit zu den Steigbügelhaltern und Profiteuren des Regimes. Das zu vergessen, dazu möchte man hier in diesem Teil der USA nicht genötigt werden.

Nein, wir können nicht vergessen. Auch wenn die meisten inzwischen in hohem Alter gestorben sind. So wie Ernst Cramer, der am 27. Januar 2006 im Bundestag zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus eine Rede gehalten hatte und stets sehr skeptisch gewesen war, dass jemand die Erfahrungen der Gruppe überhaupt nuanciert genug begreifen und darstellen kann. Ich erinnere mich noch an den grauen Berliner Tag, als ich ihn, den Journalisten, der um die Bedeutung von Worten und von Sprache wusste, in seinem Büro hoch oben im Axel-Springer-Verlagsgebäude traf.

Ein kurzes Video als Teaser soll es demnächst trotzdem geben. Vorher vielleicht noch etwas anderes zur Einstimmung: eines der  Musikstücke, die ich für die Sendung komponiert habe. Es hat den schlichten Titel Groß Breesen.


Nachtrag: Wie ich festgestellt habe, wurde bedauerlicherweise keine der Musiken aus meiner Werktstatt verwendet. Über den Grund kann ich nichts sagen. Dies ist das Link zur Aufnahme der Sendung.

Auf der Suche nach dem Markt…und einem Preis

Manchmal denke ich, ein Teil der ach so schönen Zukunft liegt bereits hinter uns. Zumindest dann, wenn ich angelegentlich feststelle, welche Qualität in der Produktion von Videos man mit iPhones erzielt. Gestern bei einer Party, die sich zur Überraschung fast aller Gäste als ziemlich aufwändige Hochzeitsfeier entpuppte, habe ich das erneut erlebt. Bei einer Fingerübung in Sachen Dokumentarfilm.

Schon klar. Es hapert am Ton, besonders, wenn man sich nicht nah genug an die handelnden Personen heranrobbt oder wenn laute Hintergrundgeräusche hineinplärren. Den Apparat still zu halten, ist auch nicht einfach. Doch wenn man solche Schwierigkeiten einkalkuliert und sich beim Drehen hinreichend Gedanken zur Gestaltung des Films macht, kommt durchaus ein passables Resultat dabei heraus. Verbesserungsfähig gewiss, aber stilistisch bereits ziemlich brauchbar. So etwas wie ein Baustein auf dem Weg zu einer dokumentarischen Bildsprache, die Anleihen bei den YouTube-Amateuren macht und Ideen einer anspruchsvollen Erzählweise aufgreift. Ein Stück Hybrid-Kultur. Wahrscheinlich werden weniger als 5 Prozent aller iPhone-Besitzer das Potenzial ihrer Apparate erkennen und nutzen und noch sehr viel weniger die Fähigkeit besitzen, die Aufnahmen sinnvoll zu schneiden.

Das soll jemanden, der das Handwerk beherrscht, eigentlich eher ermuntern. Ob man angesichts der allgemeinen Marktlage als Videograph allerdings Geld verdienen kann, vermag ich nicht abzuschätzen. Ich weiß nur, dass das Hochzeitsvideo, das ich gestern gedreht und heute geschnitten habe, nach alter Rechenart mehr als 1000 Dollar wert ist. Da ich es dem Ehepaar schenken werde, werden wir gar nicht erst in die Verlegenheit kommen, seinen Marktpreis auszuhandeln.

Fast alles, was zur Zeit in der Medienwelt passiert, macht die Preise kaputt, weil außer im Radio und im Fernsehen nirgendwo mehr ein Sinn für das Erzeugen von Qualität regiert. Jemandem solch ein Video zu schenken, trägt natürlich exakt dazu bei. Aber das ist nicht halb so gravierend wie die Tatsache, dass professionelle Fotografen immer mehr angehalten werden, so ganz nebenbei auch noch Videos zu drehen und zu schneiden, was oft in unvorhersehbare technische Probleme mündet, weil sich die Welt nun mal nicht locker flockig mit diesen komplexen Geräten abbilden lässt. Nicht mal, wenn mal alles auf Automatik stellt. Für eine einzelne Person ist es im entscheidenden Moment einfach zu viel verlangt, Kamera- und Tontechnik im Griff zu haben. Das zeigt die Erfahrung immer wieder. Aber solange die Preise für diese Arbeit nicht steigen, lassen sich auch keine besseren Arbeitsbedingungen herstellen. Und ob sie steigen, wage ich nicht zu prophezeien.

Auf der Suche nach dem richtigen Ton

Man muss ein bisschen Suchenergie aufbringen, bis man den kleinen Pfeil links oben auf der Aufmacher-Seite gefunden hat und mit einem Klick darauf das Video abfahren kann. 3:27 Minuten ist es lang und eine aufschlussreiche Ergänzung zu einer ausführlichen Betrachtung und Einschätzung des großartigen Jazz-Bassisten Ron Carter. Der Ausgangspunkt für das Video war ein ganz klassischer: Die eigentliche Aufgabenstellung lautete, diesen klugen Mann, der auf über 2500 Aufnahmen mitgespielt hat, zu besuchen, ihn zu interviewen und darüber einen ausführlichen Text zu schreiben, und zwar am selben Tag, an dem ein New Yorker Fotograf die Bilder für die Geschichte schießt.

Nachdem der Interviewtermin feststand, kam jedoch noch folgender Zusatzwunsch aus der Redaktion: „Nimm doch deine Videokamera mit.“ Das bedeutet in der Realität ein bisschen mehr Aufwand: zur Kamera kommen zwei Objektive, ein Stativ, mehrere Mikrofone und ein Koffer mit Lampen.

Es ist nicht ganz leicht, bei einem solchen Projekt die unterschiedlichen konzeptionellen Bedürfnisse und Vorstellungen unter einen Hut zu bekommen. Nicht mal, wenn man sich an einen Ort begibt, der von der New Yorker Sonne verwöhnt wird und gleich um die Ecke von meiner Wohnung auf der Upper Westside in Manhattan liegt. Ich erinnere mich, dass Ron Carter während eines Teils des Interviews im Hintergrund Musik aus der Stereoanlage laufen ließ, weil es ihn in eine gute Stimmung brachte. Es war nicht leicht, ihn dazu zu bringen, den Apparat abzustellen. Es war jedoch nachgerade unmöglich, die Presslufthammer-Arbeiter unten auf dem Hinterhof abzustellen, deren nerviger Sound bis hoch in den elften Stock perlte und die Aufnahmen von Carters Bassspiel einfärbte.

Für den Fotografen war das kein Problem. Und für mich in meinem Hauptjob als schreibender Journalist, der das alles beobachtet und aus dem Interview die entscheidenden Sätze herauspuhlt, wäre es das auch nicht gewesen. Aber für den Videojournalisten in mir wurde das dann sehr viel komplizierter. Sicher kann man bei so etwas improvisieren. Und man muss es auch so gut wie jedes Mal tun. Denn man kann sich vor Ort die Welt nicht so backen, wie sie auf anderer Leute Flimmerkiste am besten aussieht. Aber manche Begleiterscheinungen der Abbildung von Realität sind einfach nicht zu gebrauchen. Der Sound eines Presslufthammers gehört absolut in diese Kategorie.

Improvisieren heißt, dass man eine fertige Fassung produziert, der man gar nicht ansieht, unter welchen Begleitumständen sie entstanden ist. Man ist bei einem solchen Dreh Kameramann und Toningenieur und Interviewer in einer Person. Und man baut am Ende als Cutter auch das Ganze zusammen und sieht sich in diesem Moment womöglich auch noch genötigt, eine kreative Lösung zu finden, um die Atmosphäre und den visuellen Charakter der Arbeit anzureichern. Aber sich derart intensiv auf allen Ebenen der Videographie in den Prozess einzuschalten, ist eine reizvolle Herausforderung. Man ist, um ein schönes Wort aus der Geschichte der von den Franzosen mit sehr viel Stil und Geschmack beeinflussten Cinematographie zu zitieren, ein Auteur. Und jedes Produkt aus dieser Werkstatt ist ein Unikat und nicht geprägt von einer Formatfixierung, wie sie vom Fernsehen gepflegt wird, wo das Rasterdenken King ist. Und wo jeder neue Einfall, der nicht hineinpasst, stört.

Wenn mir jetzt noch iTunes erlauben würde, die iPad-App herunterzuladen, in die das Video (und der lange Text über Ron Carter) eingestrippt wurde, wäre die Welt ziemlich rund. Dass allerdings kann man nur (Schuld hat allein Apple), wenn man ein deutsches iTunes-Konto hat. Denn es handelt sich bei der Zeitschrift um die deutsche Ausgabe des Audi-Magazins, das in Hamburg von einer hervorragenden Redaktion produziert wird, die für solche Schikanen von Steve Jobs nichts kann.

Wer Lust hat, sich ohne Umweg übers iPad in die Geschichte einzulesen (und zwar in den ins Englische übersetzten Text), die Fotos von Jacob Blickenstaff anzuschauen und das Video zu betrachten, möge sich bitte auf die Reise in diese Wundertüte begeben, die Geschichte aufblättern (in der Rubrik „inspire“) und auf der Aufmacherseite des Artikels den kleinen Pfeil oben links anklicken. „Ron Carter. Auf der Suche nach dem richtigen Ton.“ Es lohnt sich übrigens, das Video auf die gesamte Monitorgröße hochzuziehen.

Der Protest, der sich in Luft auflösen ließ

Am Abend vorher auf dem Weg von Altstadt von Montreal hatten wir die vielen Zelte auf dem Square Victoria zum ersten Mal gesehen. Wir wussten nicht, dass es auch das letzte Mal sein würde. Morgens spazierten wir zum Frühstück in Le Cartet und wanderten an einer Szene aus dem Einsatzkommando-Bilderbuch der Polizei vorbei. Occupy Montreal, oder wie man hier sagt, Occupons Montréal, hatte sein Leben ausgehaucht. Ganz friedlich, mit einer eigens für die Medien abgesperrten Mixed Zone, wo die Fernsehleute ungestört die Protestler interviewen konnten, die sich zwischendurch noch mal in dem feuchtkühlen Wetter auf die Straße drapierten, um ihren laxen Widerstand zumindest zu artikulieren.

Der Morgen des 25. November wird in die Geschichte des Landes eingehen – als der Tag, an dem die Artikulation einer politischen Idee mit drei Hundertschaften Uniformierter und einigem Reinigungspersonal samt Bulldozern ganz sachte aus dem Weg geräumt wurde. Dass die Kanadier so friedfertig sind, liegt wahrscheinlich auch daran, dass nicht jedes Land einen derartigen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Notstand vor sich herschiebt wie die USA. Zwei Tage in mehreren Vierteln in Montreal hinterließen auf den Besucher nur einen Eindruck: Die Mittelklasse hat Geld, und sie gibt es gerne aus – vor allem in den Kaufhäusern und Restaurants.

Die Aufnahmen entstanden im Vorbeigehen mit dem iPhone. Sie am selben Tag hochzuladen, verweigerte das Internetzugangsunternehmen des Hotels. Es lag nicht am Inhalt, sondern an der Datenmenge.

Cowboys für die iPad-Welt

Das neue Mercedes-Magazin, das vor ein paar Tagen in seiner gedruckten Form ausgeliefert wurde (Auflage der deutschen Ausgabe über eine halbe Million Exemplare, die ausländischen Varianten nicht eingerechnet), ist bislang noch nicht in meinem Briefkasten gelandet. So etwas dauert bekanntlich. Denn die Post ist nicht so schnell über den Atlantik unterwegs. Die Neugier auf das Produkt ließ sich diesmal allerdings etwas schneller befriedigen. Dank der (englischsprachigen) iPad-Ausgabe, die bereits vor ein paar Tagen zum Herunterladen bei iTunes bereitstand. Es sind ein paar hundert Megabyte, die einem da ins Haus flattern. Besonderer Pluspunkt: die eingebauten Videos. Darunter befindet sich auch eines, das ich im März in Houston gedreht habe und das einen Wagen aus der dritten Generation der M-Klasse präsentiert, der auf dieser ungewöhnlichen und musealen George Ranch vor den Toren der texanischen Metropole zwei Tage lang mit erheblichem Aufwand fotografisch in Szene gesetzt wurde.