An dritter Stelle

Der Chef von Ringier hat vor ein paar Tagen ein paar Grundsätze formuliert, die er klassischen Verlagsunternehmen anrät, die den Übergang von der Herstellung und dem Handel mit gedruckten Zeitungen und Zeitschriften auf neue digitale Plattformen und Angebote für Mobilgeräte schaffen wollen. Es waren fünf Kerngedanken, die das Wesentliche beschreiben. An dritter Stelle forderte er, „viel stärker auf Videoformate zu setzen als bisher“. Er scheint dies mit der iPad-Ausgabe der Zeitschrift Monopol aus seinem eigenen Verlagshaus derzeit noch zu unterstreichen.

Was man mit Video machen kann und wie beschränkt man derzeit als Zulieferer für diese Maxime arbeiten muss, wenn einem tatsächlich mal ein Auftrag beschert wird, dafür kann Marc Walder sicher nichts. Er kümmert sich nicht um Details. Also nicht um die Honorare. Und nicht um faire Taxameter für die Leute wie unsereins da draußen, die arbeiten, aber nicht aus purem Techno-Idealismus verhungern wollen.

So kommen in solchen General-Ansagen keine Überlegungen vor, was das finanziell bedeutet. Dass es Geld kostet, all das Equipment zu besitzen, das man braucht, um vernünfte Videos zu drehen. Und dass es sich um eine erhebliche Investition handelt, sich das handwerkliche Wissen anzueignen, um Videos zu drehen und zu schneiden. Dass dies nie angesprochen wird, könnte leicht den Eindruck erwecken, als seien also die inhaltlich wichtigsten Fragen rund um das Herstellen von Videos für Verlags-Digitalplattformen längst geklärt und abgehakt: Wer produziert das eigentlich alles unter welchen Bedingungen? Und wie kommt er bei seiner Arbeit auf ein ernstzunehmendes Qualitätsniveau?

Sind diese Fragen wirklich beantwortet? Ach was. Ganz und gar nicht. Die Professionalisierung der Journalisten in diesem Bereich findet nur dort statt, wo die Journalisten selbst dazu in der Lage sind. Ich riskiere mal eine Schätzung: Dabei handelt es sich bestenfalls um 10 Prozent aller Medienmenschen, deren bisheriges Betätigungsfeld hauptsächlich aus dem Schreiben von Texten bestand. Vermutlich sind es weniger.

Mit Schuld am – eindeutig falschen – Eindruck ist sicher, dass Milliarden von Videos im Internet herumgeistern. Und dass es mittlerweile zahllose professionelle Fotografen gibt, die im Rahmen ihrer alltäglichen Arbeit für Verlage zusätzlich zu den Fotos, die sie schießen, mit ihren videofähigen Kameras bewegte Bilder drehen. Das tun sie ungerne. Und kommen dabei auf ziemlich bescheidene Resultate. Aber sie tun es. Was bleibt ihnen denn auch anderes übrig?

Und so entstehen also Videos, irgendwie. Manchmal sind sogar ganz attraktive darunter. Aber leider produziert von Menschen ohne ein ausgebildetes Ohr für Ton und das gesprochene Wort. Also sieht sich vieles, was über diesen Transmissionsriemen entsteht, verflucht ähnlich. Es sind vorherrschend visuelle Eindrücke, ein Panoptikum einer ganz bestimmen Auffassung des Mediums. Mal geprägt von der Ästhetik von Musikvideos, die inzwischen auch nicht mehr das sind, was sie mal zu den besten Zeiten von MTV waren. Mal beeinflusst von einer kontemplativen Zuneigung zu leer geräumten Dokumentarfilm-Szenerien. Oft bevölkert von überkandidelten Talking Heads, die zwar nicht das Zeug zum Performer haben, aber es trotzdem riskieren, sich vor eine Kamera zu setzen.

Man kann sich fragen: Haben uns all diese Anstrengungen und Experimente wirklich weitergebracht?

Meine Antwort: Irgendwie schon, aber sicher nicht dahin, wo Videos dann tatsächlich jenen Stellenwert erhalten, den sich Verlagsmanager wie Marc Walder ausmalen, wenn sie tatsächlich „viel stärker auf Videoformate“ setzen wollen.

Ich drehe seit ein paar Jahren Videos und gehöre sicher nicht zu den Visionären und Innovatoren des Metiers. Ich finde bis heute die schlichte Herausforderung, eine sinnvolle Videoarbeit mit vernünftigen Interviewaussagen und originären visuellen Facetten auf die Beine zu stellen, schwer genug. Denn man arbeitet unter sehr heftigen Bedingungen: meistens ganz alleine, mit Engpässen und Handicaps, die man im Soloakt bewältigen muss. Ohne Kameramann und ohne Tonmann und ohne Beleuchter und ohne Cutter/Editor, die allesamt dem fertigen Produkt so viel kreatives Leben einhauchen könnten, wenn man sie denn einsetzen könnte. Und die es dem Reporter gestatten würden, sich hauptsächlich auf das zu konzentrieren, was die Gesprächspartner sagen und um welche Inhalte es gehen sollte. Dafür bräuchte man eher mehr Zeit und nicht weniger. Aber diese Zeit finanziert einem niemand.

Dieses Ansinnen hat nichts damit zu tun, dass man nach dem klassischen Zerrbild jener Zeit, als die E-Lok eingeführt wurde, noch gerne ein paar Heizer beschäftigen würde. Ich hätte gewiss gerne Fachleute zur Seite wie etwa die hervorragende Cutterin Sabine Krayenbühl, die mir vermutlich schon während der Produktion dieses Videos das gesagt hätte, was sie mir netterweise hinterweise schrieb: „Meine größte Kritik ist die Handhabung der Zwischen- und ID-Titel. Es ist zu busy und zu ablenkend von der Geschichte.“

Aber sollte das nicht möglich sein, solche Sachkompetenz einzubinden (weil die ja schließlich auch Geld kostet), gäbe es sicher andere Lösungen. Vorausgesetzt: die vielen Mittelspersonen in der Produktionskette ziehen mit.

Angesichts der Schwierigkeiten erlahmt jedoch zwischendurch leider schon mal das Interesse. Vor allem daran, Redaktionen immer und immer wieder anzuteasern und zu bedienen, wenn die am Ende sowieso nur wenig vom Entstehen solcher Produkte wissen. Und die sich am Ende lieber über Klickzahlen definieren wollen und nicht über inhaltliche und ästhetische Aussagen.

Weshalb ich mich bis auf weiteres auf die Position zurückziehe, dass jedes Video, das ich mache, aus meiner Sicht nicht die Aufgabe haben kann, Verlagen wirklich dabei behilflich zu sein, ihr Denken weiterzuentwickeln. Ich sortiere sie notgedrungen in die Abteilung „meine eigenen Lernschritte“ ein. Ich muss weiterkommen mit diesem Zeug. Egal, ob die potenziellen Auftraggeber ebenfalls weiterkommen oder nicht.

Es mag der Tag kommen, an dem ich sagen kann, wir haben es tatsächlich geschafft, das zu überwinden, was meistens wie Fernsehen für Arme aussieht. Dass wir dahin kommen und zeigen können, dass wir im Umgang mit Kamera und Mikrofon viel gelernt und viel kapiert haben – von den filmischen Mitteln und Notwendigkeiten, die wir ja – theoretisch – zur Verfügung haben. Aber der Tag ist noch nicht da. Ich hatte das Gefühl, ich war im Frühjahr ziemlich nahe dran und habe das in einem Blog-Text, der auch auf Carta publiziert wurde, zumindest angedeutet.

20140516-115115.jpg

Auch weil ich mit diesem Foto in dem Moment das Sinnbild dafür gefunden hatte: Alles alleine bewältigt. Alles alleine geschleppt. Alles alleine gedreht. Alles alleine musikalisch und mit Schriften angereichert. Alles alleine geschnitten. Ein Video, das bei YouTube inzwischen auf eine rechtschaffen ansehnliche Zahl von 5000 Klicks zusteuert.

Das wird das nächste Video übrigens nicht schaffen. Aber das macht nichts. Deshalb habe ich es nicht produziert. Es ist auch keine Arbeit für eine Redaktion in Deutschland oder der Schweiz, sondern für einen kleinen amerikanischen Verlag, der den hochtalentierten Schriftsteller Jim Herity publiziert hat, und dessen Buch – ein Roman-Debüt in den USA – immerhin bereits einen recht respektablen Preis gewonnen hat. Der Roman ist sehr lesenswert. Amazon sollte in der Lage sein, es über den Teich zu schippern.

Advertisements

Märchen mit Macken

Im Mai nahm sich der Oscar-Preisträger Malik Bendjellouler Malik Bendjelloul das Leben, als er in einem U-Bahnhof in Stockholm vor einen einfahrenden Zug trat. Warum er so abrupt aus dem Leben schied, ist nur schwer zu verstehen. Zwar gibt es Menschen, die ihn kannten, die sagten, er sei depressiv gewesen. Aber es gibt auch welche, die davon nichts registriert hatten. Nach allem, was wir wissen, gibt es keinen Abschiedsbrief, der diesen Schritt erklären oder wenigstens verständlich machen könnte. Der schwedische Regisseur wird ein Rätsel bleiben. Und seine Hinterlassenschaft in Form eines wirklich bemerkenswerten Films mit dem Titel Searching for Sugarman wird es auch.22cover_lores

Stoffe wie Sugarman werden gewöhnlich nicht als „Dokumentarfilm“ inszeniert, sondern mit einer adäquaten Sensibilität nacherzählt. So wie Schindlers Liste von Stephen Spielberg, auch eine mit dem Oscar ausgezeichnete Arbeit. Dafür gibt es hauptsächlich dramaturgische Gründe. Geschichten, die das richtige Leben schreibt, lassen Vereinfachungen und Verdichtungen, die man im Kino haben will, normalerweise nicht zu. Es sei denn, man verbiegt die Realität.

Die Verführung ist groß. Denn das Publikum scheint auf solche verbogene Darstellungen versessen. Je unglaublicher, desto besser.  Man kann es auch so formulieren, wie das Bendjelloul getan hat, als er zum ersten Mal davon hörte, dass es da diesen amerikanischen Singer/Songwriter gab, der jahrelang keine Ahnung gehabt hatte, dass seine Platten in Südafrika Megahits gewesen waren: “Wow, das ist die beste Geschichte, die ich je in meinem Leben gehört habe.”

Ich habe vor einem Jahr in einem Beitrag für DRadio Wissen das Problem im Bereich der Literatur schon einmal ins Visier genommen. Damals waren neue Hinweise aufgetaucht, dass der Schriftsteller Truman Capote in seinem Buch Kaltblütig, dem Vorbild für ein ganzes Genre in der Literatur, den Dokumentarroman, eine Regel komplett ignoriert hatte: Die Fakten müssen stimmen.

Das war auch deshalb vermeldenswert, weil man in den USA in letzter Zeit häufiger Autoren erwischt hat, die Bestseller geschrieben haben, die deshalb so gut laufen, weil die Leser glauben, die Fakten würden wirklich stimmen. Tatsächlich entsprangen die staunenswerten Details der Fantasie der Autoren.

Den Beitrag kann man heute nicht mehr im Netz finden, weshalb ich ihn aus aktuellem Anlass hier im Blog-Archiv einstelle. Auch um zu illustrieren, dass das Problem mit einem Film wie Sugarman oder dem gerade in die deutschen Kinos gekommenen Finding Vivan Maier die Verbreitung eines Virus anzeigt, der inzwischen auch die Kategorie Dokumentarfilm befällt. Geopfert wird die Wahrheit, damit eine vermeintlich authentische, aber geschickt manipulierte Geschichte erzählt werden kann,  die ansonsten in sich zusammenfallen würde. Worüber ich gestern in der Sendung Kompressor in Deutschlandradio Kultur ein paar wesentliche Dinge berichten konnte. Verbunden mit der Warnung: Geschichten, die zu schön, um wahr zu sein, sind vermutlich bestenfalls nur halbwahr.

Kompressor Vivian Screenshot

Der Anlass: die Deutschland-Premiere von Finding Vivian Maier, einen Film, über den ich ebenfalls bereits vor einiger Zeit einen Radio-Beitrag für Fazit produziert hatte. Allerdings waren mir einige Dinge erst seitdem so richtig klar geworden. Darunter das Thema Urheberrecht, das womöglich dem Chicagoer Maier-Finder John Maloof noch Probleme verschaffen könnte.

Was mich seitdem stärker denn je irritiert, ist das, was Leute an Akademikern stört, die ihre Doktorarbeiten zusammen plagiiiert haben. Was mich stört, ist die Frechheit, mit der Kreative die  Grenze ins Phantasialand überschreiten und so tun, als sei es nicht so wichtig, was sie damit anrichten. Malik Bendjelloul verteidigte das indirekt natürlich bereits, als noch niemand die vielen Versatzstücke zur Hand hatte, die seinen Film als geschickt montiertes Kreativ-Opus entlarven. Er habe nicht versucht, „die Tantiemen-Frage aufzuklären“, sagte er einem Interviewer. „Denn die Geschichte dreht sich wirklich nicht um Geld.”

Das konnte nur der glauben, der an das Märchenhafte dieser Geschichte glauben wollte, wozu die enormen Anstrengungen des Filmemachers gehörten, dem kurz vor Schluss das Geld ausging und der das Glück hatte, dass ihm ein Produzent beisprang. Tatsächlich dreht sich die Geschichte des Songwriters hauptsächlich um Geld und wohin es geflossen sein könnte. Und wer wen betrogen hat, damit der Songwriter keinen Cent während der Apartheid-Jahre  aus Südafrika  bekam. So musste Sixto Rodriguez auf den Bau arbeiten gehen, weil er als Musiker nicht genug verdiente.

Aber das ist nicht mal der schwerste Vorwurf, den man dem Film machen muss. Er lässt tatsächlich einfach aus, was der Rolling Stone ziemlich lässig in seiner Liste von zehn Dingen vermerkte, die man schlichtweg nicht wissen konnte, wenn man zu diesem Komplex nur den Film gesehen hatte.

Tatsächlich war es zu einem ähnlich überraschenden Erfolg in den siebziger Jahren in Australien gekommen. Damals jedoch bekam Rodriguez irgendwann mit, wie populär seine Musik war und spielte vor tausenden von Fans. Das Interesse ebbte wieder ab. Aber nicht, ehe junge australische Musiker ihre Zuneigung zu seinen Songs entdeckt hatten. Merke: Rodriguez war also nicht ein ahnungsloser Typ, gefangen in einem trostlosen Leben. Er hatte einen beträchtlichen Kenntnisstand über das Potenzial seiner Musik und seiner Karriere. Und das schließt die Art und Weise ein, wie er vor der Produktion des ersten Albums in Detroit einem Musikverlag von der Fahne ging, mit dem er ganz offensichtlich einen gültigen Vertrag hatte. Das wissen wir auch nicht etwa, weil uns das der Film verraten hätte, der Rodriguez erneut zu einem Verkaufserfolg und zu einem gefragten Livemusiker machte. Das stand  in ein paar Publikationen, die sich für die Musikbranche interessieren. Als Bendjelloul endlich davon Kenntnis nahm, so schrieb der Hollywood Reporter neulich, entlockte ihm das auch nur ein kurzes „Wow“.

Es war derselbe Mann, der in einem Interview mit CNN vor der Oscar-Verleihung 2013 immerhin zugab, dass er bewusst und mit sehr viel Begeisterung Originalfilmmaterial aus Archiven verfremdet und eigene Szenen mit einer 1,99 Dollar teuren iPhone App gedreht hatte, die 8mm Vintage heißt. Ein Stilmittel, wenn es man es positiv sehen will. Billig noch dazu. Aber Authentizität sieht anders aus als auf siebziger Jahre manipuliertes Bewegtbild. Typisch: die CNN-Reporterin war schwer begeistert. Auch weil sie sich auf die Suche nach dem dahin unbekannten chinesischen App-Entwickler machte und ihn tatsächlich auch fand.

Unterm Strich: Ein geschickt geleimtes Publikum, das auf die  Märchenhaftigkeit einer Geschichte hereinfällt, sorgt für den  Erfolg (auch wirtschaftlichen Erfolg) eines Musikers, eines Filmemachers, eines Film-Produzenten, einer Plattenfirma. Und niemand kommt zu schaden?

Das denken viele. Nicht zuletzt die, die irgendwann ertappt werden wie der Autor James Frey, der mit seinem Buch A Millionen Little Pieces (auf Deutsch Tausend kleine Scherben) zum Posterboy dieser Form des Betrugs wurde, nachdem er genötigt wurde, in der populären Talkshow von Oprah Winfrey einzugestehen, dass seine sehr erfolgreiche autobiographische Geschichte über das Leben als Suchtkranker und als Gefängnisinsasse ein modernes Märchen ist.

Frey haderte später in einem Interview im kanadischen Rundfunk mit dem Puritanismus seiner Landsleute. Als wäre der das Problem.
“It was a big deal. My agent dropped me. My contracts were cancelled. People fled. I became a pariah. But outside the US it almost had the opposite effect. In Europe they understood, I wrote a book. I took liberties in a book to tell a story better. In America they freaked out about it. America was founded by Puritans. In a way it is still a puritan culture.”

Wenn das tatsächlich wahr wäre, hätte Puritanismus sogar etwas Gutes.

———–

Hier das Manuskript zu meinem Nachruf auf Malik Bendjelloul, der am 13. Mai in der Sendung Fazit in Deutschlandradio Kultur ausgestrahlt wurde. Dies ist das Link zur gesendeten Fassung.

Märchen mit Macken
Der 2013 mit dem Oscar ausgezeichnete Film “Searching for Sugar Man” erzählt die wahre Geschichte des amerikanischen Singer-Songwriters Sixto Rodriguez, der – zuhause erfolglos – erst Jahrzehnte später erfährt, dass er im fernen Südafrika ein großer Star ist. Was Regisseur Malik Bendjelloul nur antippt, wird nun in Michigan vor Gericht verhandelt: War Tantiemen-Betrug im Spiel? Und wusste der Künstler davon?

Über eine solche Geschichte stolpert man nur einmal im Leben. Wenn überhaupt. Und selbst wenn, muss man noch Jahre lang unerschrocken dran bleiben, um die wichtigsten Personen zu finden und vor die Kamera zu bekommen. Also das tun, was der schwedische Fernsehjournalist Malik Bendjelloul gemacht hat: ganz viel Zeit und Geld und Energie investieren.
Denn ohne das alles wäre diese Geschichte wohl noch immer ein komplettes Mysterium Und Sixto Rodriguez, der Singer-Songwriter, der absolut keine Ahnung hatte, dass er im fernen Südafrika ein Idol war, wäre noch heute ein alter anonymer Musiker in Detroit.
Diese Geschichte hat faszinierende Ingredienzien. Sie ist halb Märchen und halb Detektivroman und zeigt, dass am Ende – selbst in der harten Realität – tatsächlich manchmal die Guten gewinnen.
Zu den Guten gehört auch Malik Bendjelloul. Der reanimierte mit seinem Dokumentarfilm Searching for Sugar Man nicht nur die jahrezehntelang zuvor eingemottete Karriere von Rodriguez, sondern empfahl sich damit einem weltweiten Publikum als Regisseur, der komplexe Stoffe schlüssig zu erzählen versteht und seine Hauptfiguren und deren Lebensgefühl mit der gebotenen Sensibilität abbildet.
Searching for Sugar Man erhielt viele Preise. Nicht nur den Oscar. Nebenbei sorgte der Film dafür, dass es die lang vergessene Musik von Rodriguez aus den siebziger Jahren erstmals in den USA in die Charts schaffte. Der Sänger, der im Moment auf Tourneereise durch die Vereinigten Staaten unterwegs ist, gibt inzwischen Konzerte vor mehreren tausend Zuschauern.
Die Musik hat eine besondere Qualität, fand Malik Bendjelloul:
“Ich mag diese alten Jungs nicht besonders. Aber Rodriguez war anders. Zugänglich. Seine Stimme vermittelt Intimität. Wenn du Crucify Your Mind zum ersten Mal hörst, ist das wirklich emotional. Dir kommen fast die Tränen. Solch magische Lieder sind selten.”
Zu Bendjellouls Arbeiten gehörten bis dahin Dokumentarfilme über Sänger wie Elton John und Rod Stewart und die Elektronik-Musiker Kraftwerk. Auf die Sugarman-Geschichte stieß er ganz zufällig auf einer Recherchenreise in Afrika. Doch Rodriguez, der in Detroit auf dem Bau arbeitete, nachdem nichts aus seiner Musikkarriere geworden war, hatte zunächst kein Interesse an dem Projekt.
“I was reluctant. I gave Malik Bendjelloul a hard time”, erzählte er, als er mit dem Regisseur unterwegs war, um den fertigen Film einem größeren Publikum zu präsentieren. “It wasn’t until the last two months that I agreed with Malik and said ‘Let’s do this’.”
Jemand wie Clarence Avant hatte allerdings keine Beklemmungen. Er, der im Laufe seine Karriere als einflussreicher Manager sogar Vorstandsvorsitzender des berühmten Motown-Labels  war, hatte Rodriguez damals für seine eigene Plattenfirma unter Vertrag genommen. Und er hatte anderen die Auslandsrechte überlassen.
Allein in Südafrika wurden über 500.000 Langspielplatten verkauft. Aber von den Tantiemen kam kein Cent beim Künstler an. Im Film fragt Malik Bendjelloul ganz direkt nach dem Geld und bekommt von Avant eine ausweichende Antwort: “Wenn Sie glauben, dass sich irgendjemand Gedanken über einen Vertrag von 1970 macht, haben Sie den Verstand verloren.”
Diese Prognose sollte sich als falsch erweisen. Anfang Mai reichte der  Musikverlag Gomba Inc. vor einem Bundesgericht in Michigan eine Klage gegen Avant ein. Der Vorwurf lautet: Der Musikmanager soll damals auf betrügerische Weise herumgetrickst haben, um Rodriguez mit seinen Liedern exklusiv an sich binden zu können.
Theoretisch muss der Künstler selbst von diesem Manöver gewusst haben. Und womöglich erklärt das auch die Zurückhaltung, mit der er damals auf das Interesse des schwedischen Regisseurs reagierte. Aber der klagende Musikverlag hat davon abgesehen, sich an dem Sänger schadlos zu halten. Sein Anwalt erklärte gegenüber Fazit, dass er ihn allerdings als Zeugen vernehmen lassen will.
Malik Bendjelloul, der das alles – ungewollt – ins Rollen brachte, hatte vor zwei Jahren in einem Interview erklärt, dass ihn diese Facette nicht besonders interessiert: “Ich habe nicht versucht, die Tantiemen-Frage aufzuklären. Denn die Geschichte dreht sich wirklich nicht um Geld.”
Schade eigentlich. Denn hinter der Frage nach Geld steckt die Antwort darauf, wie es kam, dass Rodriguez nichts von seinem Ruhm im fernen Afrika erfuhr und so viele Jahrzehnte eine der mysteriösesten Figuren der Musikgeschichte war.
Diese Antwort hätte Malik Bendjelloul den Stoff für eine Fortsetzung gegeben. Und vermutlich hätte er daraus einen ähnlich dichten und anrührenden Film gemacht wie Searching for Sugar Man. Doch dazu wird es nun nicht mehr kommen.

Das Gewürm muss seine Arche selber bauen

Der selbstkritische “Innovation Report” der New York Times zeigt, wie schwer es ist, ein altes Medienunternehmen vor der digitalen Sintflut zu bewahren. Aber er liefert gleichzeitig Grund für die Hoffnung, dass die beste Zeitung der Welt nicht untergeht, wenn sie den notwendigen und hier skizzierten Kulturwandel tatsächlich hinbekommt. Ob die deutschen Verlage daraus etwas lernen, steht auf einem anderen Blatt.

Vor ein paar Wochen war ich mit dem Auto in Maine unterwegs, um ein Projekt zu realisieren, das man mit Fug und Recht multimedial nennen könnte. Ich habe Bewegtbilder fürs Fernsehen gedreht, aus dem Material ein Video für den YouTube-Kanal eines Sportverbandes geschnitten, in dem rund 50 unterschiedliche Kameraeinstellungen verarbeitet sind. Die Tonaufnahmen flossen in einen Radiobeitrag ein und natürlich warf das eingeholte lange Interview noch ein paar Zeilen für einen Print-Text ab.
Wie man das heute so macht, habe ich mit dem Trip auch noch die Social-Media-Plattformen bespielt, die ich seit ein paar Jahren nutze. Unter anderem mit einem Foto, das ich morgens in Portland gemacht hatte, weil ich ziemlich stolz darauf war, meine gesamte Ausrüstung – Kamera, Stativ, Licht, Mikrofone, Computer und die Tasche mit der Garderobe zum Wechseln – in einer einzigen Aktion aus dem Hotelzimmer zum Parkplatz herausgeschleppt zu haben. Dem Handkarren sei Dank.20140516-115115.jpg

Das Bild ist für mich mehr als das Symbolfoto für das Schicksal des Multimedien-Arbeiters, der aus Mangel an Ressourcen alles irgendwie alleine bewerkstelligen muss (wozu auch die Vorfinanzierung gehört und die Terminplanung sowie die Anschaffung der Geräte). Es ist die Erinnerung daran, dass unsereins selbst das Nachdenken über Inhalte und deren Umsetzung in den klassischen und noch-nicht-so-klassischen Medien alleine bewerkstelligt. Wenn man so will: Auch das schleppt man in diesen Taschen und Koffern und Rucksäcken mit sich herum.

Dabei wäre es viel besser, sich in Sachen Zukunft auf langen Autofahrten nicht nur mit sich selbst zu unterhalten, sondern sich mit anderen auszutauschen. Das ist mir einmal mehr klar geworden, als ich am Donnerstag den Innovation Report 2014 der besten Zeitung der Welt las. Den hatte jemand in der New York Times kurz zuvor der Internet-Infomaschine BuzzFeed zugespielt.

Der New York Times geht es nicht gut. Sie leidet unter wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Unter Führungskrisen. Und unter einer ganz bestimmten Beklemmung, weil sie nach mehreren Jahren noch immer nicht den “Kulturwandel, der für den Umstieg ins Digitale notwendig ist”, vollzogen hat. So stand es im Vorspann zu der großen Geschichte von Joshua Benton, dem Begründer des Nieman Journalism Lab, über den Innovation Report.

Kulturwandel ist schwer. Selbst wenn er von den sozialdarwinistischen Mechanismen des Kapitalismus erzwungen wird. Trotzdem erwischt man sich immer wieder dabei, dass man staunt, warum er ausgerechnet in einer angeblich so kreativen Branche wie dem Journalismus nicht von innen heraus passiert. Nun: Die New York Times versucht es. Weshalb man Benton Recht geben möchte. Die Selbstbespiegelung der Redaktion ist wirklich “eines der Schlüsseldokumente dieses Medienzeitalters” geworden. Denn sie benennt nicht nur auf eine bewundernswerte Weise auf der Basis von zahllosen Einzelinterviews die unterschiedlichen Schwachstellen der gegenwärtigen Lebensform. Ein verwirrendes Dasein, das mich unweigerlich an das aus zahlreichen alten Nachbarhäusern zusammengefügte und zusammengewachsene, verschachtelte Verlagsgebäude erinnert, in dem ich vor einiger Zeit als Journalist angefangen habe – alles zusammengepfercht unter einem Dach: die Bleisatz-Abteilung, die Druckerei, die Rotationsmaschine, die Buchbinderei. Ein kleines Labyrinth mit vielen Treppenhäusern, einem Gemenge aus vielen Gerüchen und einer Kakophonie unterschiedlicher, lauter Geräusche.

Dieses Dokument zeigt auch, wie ein Traditionsunternehmen überhaupt nur den schleichenden Untergang vermeiden kann: Durch eine rigorose Selbstbefragung. Durch das Anzapfen ganz vieler Leute mit Ideen. Und durch das Bewusstsein, dass die unmittelbare Konkurrenz für eine Redaktion mit über 1000 ziemlich klugen Journalisten gar nicht die wirkliche Konkurrenz ist. Für die New York Times etwa ist nicht das auflagenstärkere Wall Street Journal zum Beispiel das Problem, obwohl das von Rupert Murdoch nach seiner Übernahme konsequent gegen die Times positioniert wurde. Es sind die neuen Geschöpfe im Medienzoo mit anderen Ansprüchen und anderen Vorstellungen davon, wie man ein Massenpublikum erreicht (und dabei auch noch Geld verdient).

Was einem spätestens ab da klar sein sollte, wenn die eigene Website mit einer selbst recherchierten Geschichte weniger Klicks einfährt als ein Aggregator wie die Huffington Post, der dasselbe Material einfach nur nacherzählt und keinen müden Euro in die Erarbeitung und leserfreundliche Umsetzung des Themas gesteckt hat.

Auf den ersten Blick deprimiert einen vermutlich dieser Report. Erst recht, wenn man sich vergegenwärtigt, um wieviel weiter zurück die deutschen Presseverlage sind. Eine Szene, die einen an die Ereignisse erinnert, kurz bevor die Arche Noah in See stach. Alle scheinen zu hoffen, dass es auch bei dieser Sintflut so kommt, wie damals, als der 600 Jahre alte Noah und der liebe Gott einen Plan hatten: “Von den reinen Tieren und von den unreinen, von den Vögeln und von allem Gewürm auf Erden gingen sie zu ihm in die Arche paarweise, je ein Männchen und Weibchen”.

Man hat das Gefühl, in Deutschland wartet eine ganze Zunft auf die entscheidende göttliche Anweisung sowie auf ein Rettungsboot und einen Kapitän, der’s organisiert.

Dabei funktioniert das Überleben der eigenen Art im Normalfall ganz bestimmt nicht so. Selbst wenn, wie im Fall der New York Times der Verlegersohn Arthur Gregg Sulzberger an der Spitze des Gremiums steht, der Kapitän in spe, und offensichtlich “die Probleme versteht, mit denen die Institution konfrontiert ist” (Benton). Die Arche muss das Gewürm wohl noch immer selber bauen.

Nützliche Anregungen für deren strukturelle Qualität findet man in den Bericht zuhauf. Ob sie umgesetzt werden, steht auf einem anderen – Verzeihung für den Kalauer – Blatt. Dies sind die zwölf wichtigsten Erkenntnisse:

1. Selbst die New York Times, die jede Menge Leute in Bereichen wie Research and Development, Mobillösungen, Grafik und Technik beschäftigt, leidet darunter, dass die Zeit und Energie fehlt, größere Lösungen und konzeptionelle Überlegungen anzuschieben. Die Tagesarbeit frisst die Leute auf. Und Fragen wie „Was müssen wir ändern? „Wie sieht die Zukunft aus?“ werden verdrängt.

2. Strategisches Denken in Sachen Vermarktung und Monetarisierung gibt es im Newsroom so gut wie nicht. Überhaupt gilt der Newsroom als defensiv, risikoscheu und ein Kraftfeld, aus dem heraus meistens eher blockiert wird statt experimentiert.

3. Die Berührungsängste sind enorm. In anderen, neuen digitalen Medienhäusern hingegen scheuen sich deren Repräsentanten nicht davor, sich mit Konkurrenten aus anderen Läden auszutauschen. Es ist eine Methode, um auf innovative Erkenntnisse zu stoßen, die man anschließend in die eigene Arbeit einfließen lassen kann.

4. Was die Geschwindigkeit angeht, mit der die Zeitung reagieren muss, um Leser anzulocken und zu halten, hat die New York Times als klassisches Sammelgefäß mit vielen Themengebieten mehr als einen Konkurrenten im Visier. Auch ein Problem. Manche lassen sich leichter in Schach halten als andere. Im Sport angesichts solcher Giganten wie Yahoo oder ESPN wird das schon viel schwieriger. Tatsächlich ist intern der Kampf um die Frage, was man für die gedruckte Ausgabe einen Tag später übrig lässt und was man digital so gut wie komplett abfrühstückt, noch immer nicht entschieden. Dabei geht es gar nicht mehr so sehr um das Konzipieren von Geschichten, die man noch für den nächsten Tag bereit halten sollte, sondern bereits um solche, die man in der nächsten Stunde nach Bekanntwerden der News nachlegt.

5. Ähnlich wie in Deutschland, wo die Hoodie-Fraktion neulich einen Candystorm in Sachen SZ und deren Online-Chef Plöchinger entfachte, fühlen sich die Onliner bei der Times als Journalisten und Medienarbeiter zweiter Klasse. Karrieremöglichkeiten? Nein, nicht so wirklich.

6. Auch heute gibt es bei den Ressortleitern und in der Chefredaktion eine Fixierung auf die Titelseite. Das mag für die Printausgabe noch angehen. Aber, hallo, leider verliert auch die Home Page im Webkonsum der Leser mehr und mehr an Bedeutung. Und je höher der Social-Media-Konsum der Nutzer desto mehr.

7. Journalisten müssen begreifen, was es bedeutet, die eigene Arbeit zu promoten und über die bestmöglichen Kanäle weiterzuempfehlen. Aber das kann man nicht Spezialisten von der SEO-Fachschaft überlassen. So kommt man eben nur auf 10 Prozent Twitter-Traffic statt 60 Prozent wie BuzzFeed. Was gebraucht wird: natürlich Journalisten, aber solche, die keine Angst davor haben, dass, sobald die strikte Trennung von Redaktion und Verlag und damit auch der Anzeigenabteilung überdacht wird, ihre journalistische Unabhängigkeit in Frage gestellt wird.

8. Es ist Verschwendung, wenn man dem Nutzer nicht die Perlen aus dem riesigen eigenen Archiv anbietet, insbesondere wenn sich das aufgrund aktueller Ereignisse eigentlich aufdrängt.

9. Was die Autoren im Feuilleton machen, schreit geradezu nach Zusammenfassungen und Verlinkungen und vor allem nach Ratgeberformaten und Überblick-Seiten.

10. Selbsterkenntnis beginnt an vielen Stellen. Zum Beispiel hier: “Wir neigen dazu, unsere Ressourcen in große einmalige Projekte zu stecken und uns durch die technischen Schwierigkeiten, die entstehen, durchzuwursteln. Was wir übersehen ist die nicht so glamouröse Arbeit, Tools, Templates und generelle Lösungen zu entwickeln, die den Journalisten helfen können, Zeit zu sparen und die Berichterstattung aufwerten. Replizierbarkeit wird von uns unterbewertet.”

11. Um herauszufinden, was die einzelnen Nutzer gerne lesen und was sie im konkreten Fall womöglich übersehen haben und gerne empfohlen hätten, muss man Dialog-Formate schaffen.

12. Dass die Times nicht etwas auf die Beine stellt wie TED Talks, ist ein starkes und symptomatisches Minus. Nicht nur was die Einnahmemöglichkeiten angeht, sondern auch den Werbewert. Aber das kommt davon, wenn man seine eigene Arbeit immer nur in einem engen Rahmen definiert.

Das ist nicht alles, was der Report bereit hält, weshalb ich jedem nur empfehle, zur Abwechslung mal den Konsum anderer Informationen zu drosseln und dieses Dokument zu lesen. In diesem Fall gilt tatsächlich: Lesen bildet.

Auf den Schlips getreten

JK SchlipsDisclaimer: In den nächsten Zeilen ist jedes Wort ganz genau abgewogen und abgezirkelt. Denn dies ist ein Text, der einerseits vermeiden möchte, von Menschen falsch verstanden zu werden, die sich in ihrer Ehre als Journalist gekränkt fühlen könnten. Aber er soll gleichzeitig ein Beitrag sein, um die Kirche wieder ins Dorf zu holen.

Das Thema ist schnell skizziert: Journalisten unterschiedlicher Provinienz haben in den letzten Tagen Selbstporträts verbreitet, in denen sie ihre Kapuzenjacke zur Schau stellten und je nach Stimmungslage ein mal mehr, mal weniger grimmiges Gesicht. Was macht man nicht alles, um seiner Twitter-Timeline immer wieder etwas Neues zukommen zu lassen?

Kaum auf Touren gekommen, wurde die Bilder-Kampagne mit hochschwangeren Wörtern versehen. Der Tagesspiegel taufte den Vorgang eine “Debatte”. Andere nannten das Spontangeschehen eine “Twitter-Welle von Solidarität”. Ja, so weit sind wir gekommen, dass wir das Verhalten von Seilschaften und kleinen Interessensgruppen in der Kommunikationsindustrie mit Begriffen adeln, die nichts mit dem Vorgang selbst zu tun haben.

Debatte? Das war doch eher Comedy. Solidarität? Mit wem oder was?

Weil die Sache nach einem Oberbegriff giert, möchte ich einen vorschlagen: Geisterbahn. Das ist diese große Kirmes-Bude, in der im Dunkeln ein paar Meinungsmacher das Ersteigen von Karriereleitern und das Antichambrieren erfolgreicher Aufsteiger zu einem Ereignis mit Relevanz-Verdacht umdeuten und den Rest der Branche da draußen zu einer Fahrt durch die Galerie der Schreckgespenster einladen.

Wenn man, so wie ich das tue, die Online-Facette von Journalismus schon seit ein paar Jahren ernst nimmt und mit Bloggen und Twitter und Instagram und mit der Arbeit an Online-Videos schon ziemlich gut dabei ist, kommt man bei solchen Geisterbahn-Spektakeln immer wieder ins Grübeln.

Gewiss. Debatten sollten wir tatsächlich führen. Aber richtige. Über die Honorierung von Online-Journalismus zum Beispiel und das Bezahlen von Kosten, die entstehen, wenn man rausgeht und recherchiert. Und Solidarität sollten wir tatsächlich üben, aber auf breiter Basis, um vielleicht mal endlich solche Stichwörter wie Arbeitskampf in die Runde zu werfen und mit Konsequenzen zu drohen.

Nur was steht statt dessen immer wieder auf der Agenda? Auch so eine Art Kampf. “Kulturkampf” nannte etwa Jens Rehländer das
@ploechinger-Dramolett am Montag in seinem Blog und stellte den Kollegen Harald Staun von der FAS kurz in den Stiefel.

Das kann man machen, aber ich hätte eigentlich lieber eine Einordnung von Jens Rehländer gelesen, die seine eigene Kolumne von vor ein paar Tagen noch einmal ins Spiel bringt, um dem ganzen Sachverhalt auf diese Weise ein paar Watt mehr Licht zu spenden.

Da stand, sehr gut begründet, eine zentrale Aussage, mit der sich das Dilemma der aktuellen Strukturkrise in den Medien nachvollziehen lässt: Großverlage können keine Innovation (er schrieb im Plural, der Singular wäre genauso korrekt, wenn nicht sogar prägnanter). Die Verlage können allerdings durchaus ihren Mitarbeitern und der Welt da draußen immer wieder etwas vorgaukeln. Die Macht haben sie, dass sie so tun können, als hätten sie Lösungen für die Zukunft im Ärmel. Ich tippe mal, das geht nicht weiter als solche Reflexe wie die Bestallung von “Internetexperten” in führende Positionen von großen Redaktionen wie der Süddeutschen Zeitung. Irgendwann wird man auch die Integration der zwei Hauptplattformen Print und Online hinbekommen haben und die allzu großen Reibungsverluste in der täglichen Arbeit abgebaut. Innovation ist das allerdings nicht, sondern es handelt sich dabei schlichtweg nur um eine verspätete Anpassung des Workflow an die magnetischen Kräfte des Universums.

Staun hat darauf übrigens selbst aufmerksam gemacht, wie man eine solche Entwicklung einordnen sollte. Und zwar in einem Twitter-Text: “Das ist doch Steinzeit: die Vorstellung, dass die Front
zwischen Print und Online verläuft”. Mal sehen, ob er zu diesem Gedanken demnächst noch etwas ausführlicher das Wort ergreift. Ich wäre darauf jedenfalls gespannt.

Die Front verläuft in unser Branche tatsächlich ganz woanders. Wie man immer wieder an der Zeit sehen kann, die mit ihrer Geschichte über die Karriere des Chefredakteurs von sueddeutsche.de (und seine angeblichen journalistischen Schwächen) die entscheidende Rolle in dieser Angelegenheit gespielt hat. Dasselbe Haus, das anderntags einen freien Online-Mitarbeiter aus Russland zu schassen beliebte, nachdem er von einem festangestellten Journalisten von der Funke-Mediengruppe (WAZ etc.) über Twitter zur Zielscheibe gemacht worden war. Muss man erwähnen, dass es sich um eine Mediengruppe handelt, die ihr Geld damit verplempert, sich auf Pump noch mehr Zeitungstitel zu kaufen? Und die dadurch immer größer wird, aber natürlich nicht innovativer?

Die Frage, ob Stefan Plöchinger ein Journalist ist (oder eher ein Manager), verblasst daneben. Genauso wie die Frage danach, welches Weltbild der Medienredakteur der FAS hat und ob sich das aus einer Handvoll von Buchstaben tatsächlich herausfiltern lässt. Leute, die Spaß haben am Durchflöhen von Tumblr-Seiten mit Selfies und Gossip-Geschichten aus der Journo-Welt werden wohl niemals müde werden, ihre Interpretation solcher Kinkerlitzchen hochzuspielen. Und so vergeht die Zeit. Und so verpufft die kreative Energie.

Es ist ein Reflex, der allerdings ganz gut die Gefühlslage einer frustrierten Medienarbeiter-Generation widerspiegelt, die prekär ist und mit jedem Tag schlechter wird. Und die natürlich noch verstärkt wird, wenn sie erkennen muss, dass ihnen die etablierten Kollegen keine vernünftige Karriereperspektive gönnen nach all dem Ackern in einem Milieu rapide sinkender Profitabilität.

Klar. Da fühlt man sich auf den Schlips getreten. Auch wenn man keinen hat. Oder nicht mehr trägt.

Guckst du hier


Man nehme: einen hervorragenden Song, jede Menge Videomaterial aus der Kiste mit der Überschrift Public Domain, eine Schrift, die gegen das optische Gewitter standhält (die heißt, kein Witz,  Volkswagen) und ein bisschen Zeit und Phantasie, um die Mischung dieser Zutaten gut auszubacken.

Das war das Rezept  für ein neues Video, das ich vor ein paar Wochen für die Berliner Band Nervous Germans produzieren durfte. Der Song heißt ¡Yeah, Yeah! und wird als Single in diesen Tagen die Veröffentlichung des Albums der Gruppe mit dem Titel Volatile in Schwung bringen.

Über die nervösen Deutschen habe ich vor einem Jahr schon mal kurz hier im Blog ein paar Zeilen zusammengeschmiedet.  Anlass war auch damals ein Video. Darin haben Grant Stevens, der Sänger und Texter der Band, und ich eine Koproduktion auf die Beine gestellt, um den Text des Songs Rainbow auf eine plakative Weise zu inszenieren. Diesmal wird entlang des Textes eine – zugegeben – etwas mysteriöse kleine Geschichte in Bildern erzählt, die das alte Dilemma illustriert: dass es Jungs und Mädels im direkten Miteinander wohl nie ganz leicht miteinander haben. Schon gar nicht im Fall von Mädels, über die es in dem Song heißt „no European female soul got the power like to terrify“.

Das Video und die Veröffentlichung sind nur der Auftakt zu einer sehr ordentlichen Kampagne, in deren Rahmen die vierköpfige Band auch live auftreten wird. Unter anderem am 1. Mai im Quasimodo in Berlin. Selbstverständlich wäre ich gerne dabei. Denn diese Art von Rockmusik bekommt im Konzert noch mal eine ganz andere Druckstufe mit auf den Weg.

Aber das wird wohl erst etwas, wenn die Nervous Germans in den USA angreifen. Schaun wer mal.

8ec43e80ba59dae7b13f5d9235bdf9b4f35dae18

First things first

Bei genauerem Nachdenken war 2013 ein Jahr mit ein paar Firsts, die für sich genommen gar nicht groß der Rede wert sind. Aber in einer kleinen zusammenfassenden Reminiszenz schon ein wenig reizvoller wirken. Also so wie der Besuch im Kino mit der neuen Gefährtin, und die Ex taucht ganz plötzlich auf der Leinwand auf. Wer rechnet mit so etwas? Ist tatsächlich passiert – einmal. Oder wie jener Moment, in dem man in sein Auto steigt, und im Radio läuft gerade ein Song, den man geschrieben hat. Auch das hat stattgefunden. Lang, lang ist’s her.

Ich gebe gerne zu, das sind banale Vorgänge. Mit dem Unterschied, dass sie so selten und so ungewöhnlich sind, dass man sich in dem Moment als superkleines Rädchen in dieser Extra-Ölung der Weltmedienmaschine so richtig aalen möchte. Ein derart besseres Gefühl, als das, was so viele Menschen im Angesicht von Prommis empfinden, wenn sie  in Ehrfurcht vergehen und um ein gemeinsames Foto oder ein Autogramm bitten. Es sind andere Augenblicke, die ich prickelnd finde. Solche wie diese Firsts von 2013:

• Meine erste knappe Würdigung eines Buches, die der Verlag auf den Buchrücken packte. Ein Blurb, wie man das hierzulande nennt. Der Roman von Jim Herety heißt On Anvil, ein lesenswerter Erstling.

• Meinen ersten Beitrag zur Hörbuch-Version eines tollen Romans: Schroders Schweigen von Amity Gaige.  Nachdem ich im Frühsommer die Gelegenheit hatte, sie in Amherst zu interviewen, wurden Auszüge aus dem Gespräch Huckepack auf eine der sechs CDs genommen. Ich stehe ja nicht besonders auf deutsche Übersetzungen von englischsprachiger Literatur. Aber diese ist hervorragend. Und die Vorleseleistung von Hans-Werner Meyer schlichtweg superb.

Ein First war auch, dass sich ein Leser des Berliner Sport-Blogs Textilvergehen danach erkundigt hat, was für einen Song man dort als Intro für den Podcast verwendet.

Aber bedeutend wichtiger: Ich habe 2013 den Zipfel einer Geschichte aus meiner Heimatstadt entdeckt, über die in der Zukunft noch zu berichten sein wird. Es geht um einen SS-Mann, um den Mord an mindestens 150.000 Juden und wie man nach dem Krieg in meinem Umfeld damit umging.

Es geht also weiter….

Der amerikanische Traum

IMG_1644Ich habe mich an einer kurzen Promo-Minute für die nächste Sendung auf Deutschlandradio Kultur versucht. Diesmal lautet das Thema in der Reihe Nachspiel: Der amerikanische Traum. Ich habe dazu von Seattle über Indianapolis und Miami über New York und Storrs in Connecticut bis Regensburg viele deutsche Sportler (und Ex-Sportler) interviewt, um mit dem Mythos aufzuräumen, der immer dann aufgewärmt wird, wenn junge Talente von amerikanischen Teams im Baseball, Basketball, Football oder Eishockey verpflichtet werden. Nicht nur verbreiten die Berichterstatter in der Heimat gerne das Gefühl, dass es die Auswanderer bereits zu etwas gebracht hätten. Sie beleben ebenso gerne den Mythos vom Erfolg gleichsam über Nacht.

Tatsächlich bestätigt der Wechsel in den USA nichts anderes als die harte Geschichte vom Mythos des Sisyphos, den nur der Typ erträgt und zumindest wirtschaftlich einigermaßen gut überlebt, der das kapiert, was Albert Camus vor Jahren bereits beschrieben hat: „Darin besteht die verborgene Freude des Sisyphos. Sein Schicksal gehört ihm. Sein Fels ist seine Sache.“ Und den Fels rollt er notfalls jahrelang immer wieder den Berg hoch. Also einer wie Dirk Nowitzki.

Die Sendezeit ist sicher nur etwas für ziemlich Hartgesottene: 25. Dezember, 17.30 Uhr. Da genießt man gewöhnlich die Weihnachtsstimmung. Aber: Wer’s verpasst, der sei vorgewarnt. Mit diesem Format ist der Sender bisher online immer etwas verhalten umgegangen. Es gibt keine Garantie, das man das Ganze irgendwann noch auf der Webseite deutschlandradio.de nachhören kann.

Ansonsten, wenn wir uns nicht mehr sprechen sollten bis dahin: Das Beste zum Feste.

Jahresrückblick mal anders

ImageFünfzehn Radiobeiträge aus dem ablaufenden Jahr und zwölf Musikstücke aus der eigenen Produktion, um die vielen unterschiedlichen Themen hinreichend voneinander zu trennen – daraus besteht mein erstes Jahresrückblick-Album. Ein ziemlich volles Programm, das über insgesamt 90 Minuten läuft (der Informationsanteil überwiegt deutlich und liegt bei rund 80 Prozent). Weil es ein Experiment ist, vermag ich nicht zu sagen, ob diese Zusammenfassung tatsächlich Menschen interessiert, die neugierig auf die USA sind und die hiesige Kulturlandschaft. Aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

Früher hätten vermutlich Sportthemen einen solchen Mix dominiert. In diesem Jahr sind es Themen zu Kunst und Museen, Kultur und Literatur und Musik. Oft mit Querverbindungen zu aktuellen politischen Strömungen – wie in dem Stück über die Schriftstellerin und Pseudophilosophin Ayn Rand oder in dem Beitrag über den amerikanischen Exzeptionalismus. Mich haben in diesem Jahr Fragen und Diskussionsansätze beschäftigt, wie ich sie vor einer Weile in Texten für Zeitschriften wie die Gazette oder Feld Hommes behandelt habe. Fürs Radio geht man selbstverständlich anders ran. Es geht jedes Mal darum, authentische Stimmen einzusammeln. Und manchmal auch darum, atmosphärische Stimmungen mitzubringen. Was mehr Aufwand bedeutet, aber lohnend ist.photo-1Was gibt es im Angebot? Gespräche mit Professoren wie Morris Berman, einen der schärfsten Kritiker des imperialen amerikanischen Größenwahns. Und mit solchen, die sich mit Hollywood und den Nazis beschäftigt haben. Mit Architekturkritikern wie Paul Goldberger, der für Vanity Fair schreibt und den Status eines Starkritikers von Ada Louise Huxtable übernommen hat, deren Nachruf ich im Januar für die Sendung Fazit auf Deutschlandradio Kultur produziert habe (wir hatten uns eine Zeit lang vor ihrem Tod ausführlich unterhalten, auf der CD war allerdings kein Platz mehr für dieses Stück). Außerdem: Ich habe die beste Tortenbäckerin Amerikas porträtiert, die aufstrebende Münchner Band Claire in den Straßen von Downtown New York interviewt und mich mit dem Buchautor Alan Light im Central Park getroffen, wo wir uns über sein Buch unterhalten haben, das das erstaunliche Leben des Leonard-Cohen-Songs Hallelujah schildert. Der Anlass war gut gewählt. Im letzten Jahr war Cohen auf Tournee in Deutschland. Obendrein konnte ich im Frühjahr in Chicago einen Mini-Scoop landen: Ich war der erste, der mit dem Physiker geredet hat, der nachweisen kann, das Picasso teilweise mit Wandfarbe gearbeitet hat. Die Besonderheit. Wir haben uns in seiner Muttersprache Deutsch unterhalten. Dr. Rose lebt zwar in den USA, kommt aber aus Aachen.

Das Jahr ist noch nicht zu Ende. Weshalb ich mich freue, dass am 25. Dezember die Sendung mit dem Titel Der amerikanische Traum laufen wird, (ab 17.30 h auf Deutschlandradio Kultur). Das 30 Minuten lange Stück wird in der sehr verdienstvollen Reihe Nachspiel ausgestrahlt, der einzigen Plattform im deutschsprachigen Raum, in der Sportthemen wirklich umfassend und gründlich abgehandelt werden. Es ist meine fünfte Sendung für die Reihe, in der ich mich mit Halls of Fame, den Eskimo Olympics, Snowboard-Marktführer Burton und der Champions Tour der Golfer in den USA beschäftigt habe. Um was geht es in diesem amerikanischen Traum? Um junge deutsche Sportler, die in einer wachsenden Zahl in den USA Erfolg haben. Und das selbst in solchen uramerikanischen Sportarten wie Baseball und Football. Für die Sendung habe ich im Laufe der letzten Monate viele bemerkenswerte Sportler, Berater und Ex-Profis getroffen und interviewt. Im Sommer in Seattle konnte ich zum Beispiel Detlef Schrempf treffen, der als erster NBA-Spieler aus Deutschland in seinem Heimatland so etwas wie Begeisterung für diese Liga ausgelöst hatte. Das Interview fand auf dem Golfplatz statt, auf dem gerade sein großes jährliches Benefiz-Turnier lief. Schrempf hat für eine seit 20 Jahren bestehende Stiftung im Laufe der Jahre mehrere Millionen Dollar an Spenden gesammelt und an gute Zwecke weitergereicht. Wir ritten zusammen im Golf-Cart über die Anlage.

Donald Lutz, der mehrere Wochen lang bei den Cincinnati Reds die Luft der obersten Baseball-Liga inhalieren durfte, habe ich in der Umkleidekabine im neuen Stadion der New York Mets getroffen. Ich war aber auch in Regensburg, weil ich mich für die Anstrengungen dort rund um das Baseball-Internat interessiert habe. Und ich habe zwischendurch die College-Basketballer der University of Connecticut besucht und mich mit den drei jungen Deutschen unterhalten, die zu einer wachsenden Gruppe von Talenten gehören, die von College-Trainern amerikaweit angeworben werden.

Natürlich hätte es Gründe gegeben, sich ebenso intensiv mit deutschen Eishockeyprofis zu beschäftigen, die in der NHL arbeiten. Oder auch mit einem Footballspieler wie Sebastian Vollmer. Aber mit dem habe ich mich schon vor einer Weile abgemüht und festgestellt, dass er keine Lust hat, sich zu öffnen und einem die Faszination für das brutale Spiel zu erklären. Da bringt man nicht viel mit nach Hause. Leider. Deshalb war ich froh über Markus Kuhn, der nach einer längeren Verletzungspause wieder bei den New York Giants an seiner Karriere in der NFL arbeitet. Er ist der Musterfall eines Athleten, der aus seiner Begeisterung kein Hehl macht. Ein Typ, der unglaublich sympathisch rüberkommt.

Die Sendung schlägt aber auch ohne die, die fehlen, einen großen Bogen und hat mir gestattet, die vielen Sportthemen, mit denen ich mich in den letzten zwanzig Jahren in den USA beschäftigt habe, noch einmal neu aus dem Blickwinkel deutscher Athleten zu sortieren. Ich habe sie ja im Laufe der Jahre immer wieder getroffen – von Schrempf über Matthäus und Nowitzki bis Ehrhoff, Klinsmann und Kaymer. Aber nicht alle passen in das Profil einer solchen Sendung.

A propos Profil. In der Beschäftigung mit dem Thema bin ich auf eine Aussage des englischen Philosophen Bertrand Russell gestoßen, die erklären hilft, was im Kern am Sport in den USA und eigentlich an der ganzen Gesellschaft so anders ist. Wer wissen will, was der gute Mann einst geschrieben hat, sollte sich die Sendung anhören. Wer wissen will, wie der Jahresrückblick klingt, der unter dem Titel Objects in mirrors are closer than they appear auf CD erscheinen wird, möge sich melden.

Fremd und frisch

Ich kann mir nicht vorstellen, dass Regisseure beim Drehen und Schneiden ihrer Filme darüber nachdenken, welche Zutaten sie brauchen, damit das fertige Werk auch noch mehrere Jahre später so attraktiv aussieht wie bei der Premiere. Dass sie so arbeiten wie kluge Kellermeister, die wissen, dass ihre besten Weine erst in ein paar Jahren all das Potenzial entfalten werden, das in dem einen Jahr ins Fass geholt wurde, in dem die Trauben gewachsen sind und geerntet und gekeltert wurden. Kinofilme sind eine Ware mit kurzer Halbwertzeit. Sie verlieren meistens ganz allmählich, aber stetig. Was die besten parallel ansetzen, ist das Gegenstück zu Patina. Der in sie eingewebte Zeitbezug sorgt dafür, dass sie repräsentativ wirken für längst vergangene Phasen in der Filmgeschichte, für alte Auffassungen von Stil, Dialog, Schnitt. Man kann sie auch Jahre später noch genießen, aber nur wenn man den Entstehungskontext für werthaltig hält. Dazu braucht es ein besonderes Auge und einen besonderen Sinn für die Kinohistorie.

Je mehr Filme nicht länger über die klassische Studio- und Vertriebskanäle und ihre Selektions- und Aufwertungsmechanismen verbreitet werden, desto mehr werden sich boutique-artige Produktionsweisen entwickeln, wie wir sie aus der Lebensmittelbranche kennen oder auch von Winzern, die nicht mehr umsetzen, als das, was in eine etwas größere Garage hinterm Haus passt. Und umso mehr wird die Frage interessant, wie dated oder wie zeitlos werden die Filme sein, die dabei entstehen.

Image

Für jemanden, der sich mit dieser Frage beschäftigt, dürfte ein Film aus dem Jahr 2006 ganz besonders von Interesse sein. Es ist Marc Forsters Stranger Than Fiction, was sehr viel besser passt, „als der ungelenke deutsche Verleihtitel Schräger als Fiktion„, wie David Kleingers anmerkte, als der Film ein Jahr danach in Deutschland ins Kino kam. Nachdem ich gestern zufällig über dieses zwei Stunden lange Stück gestolpert bin, bin ich versucht, mit Jahren Verspätung eine Eloge nachzureichen. Aber nicht etwa, weil der Umgang des Regisseurs mit dieser phantasievollen und sehr kinohaften Geschichte so feinsinnig ist, sondern weil er über seine Bildspache, sein Stilempfinden und selbst im spielerischen Einsatz von grafischen Mitteln im Umgang mit Texten und Zahlen auch noch sieben Jahre später total zeitgemäß ist. Also irgendwie völlig zeitlos geworden ist. Selbst die Schauspieler wirken beinahe alterslos, obwohl sie (Will Ferrell, Maggie Gyllenhaal, Emma Thompson und Dustin Hoffman) ihr eigenes Lebensalter mitbringen. Aber niemand hat sie in das Figuren-Kabinett gezwängt. Sie sind perfekt gecastet, selbst der Komödiant Ferrell, der inzwischen am laufenden Band irgendwelchen groben Krachhumor auf die Leinwand bringt. Hier spielte er jemanden, der hinter einer seltsam unsensiblen und stoischen Fassade ein hilfloses emotionales Spektrum bereithielt. Mit anderen Worten ein Archetyp.

Ich vermute Forster, der aus Deutschland stammende und längst von den Schweizern vereinnahmte Regisseur, dessen Karriereverlauf fest in Hollywood verankert ist und schon einen James-Bond-Film gedreht hat, wird nie wieder etwas so rundum Gelungenes auf die Beine stellen. Der Markt verlangt nach umsatzträchtigem, rasch verkonsumierbarem Zeug, das eher nach Plörre schmeckt und nicht nach terroir-typischen, zahllosen Aromen, die irgendwo herangereift und irgendwie imaginiert sind. Aber es ist gut zu wissen, dass er es zumindest einmal geschafft hat. Ich hoffe, er findet bald etwas ähnliches und verwandelt es in Magie. Ich wünschte ihm nur eine glücklichere Hand bei der Auswahl der Musik.

Verweise:

Stranger Than Fiction: Mark Twains Zitat und andere von ihm zum Thema Wahrheit.

Stranger Than Fiction: Joe Jacksons Lied in einer Live-Version mit reduzierter Begleitung auf YouTube

Stranger Than Fiction: Geschichtenband von Chuck Palahniuk, der solche Bücher wie Fight Club geschrieben hat

Ein eingesperrter Reporter

Ich tippe mal, dass das Heft, das ich heute morgen in einem Stoß von alten Vinyl-Platten entdeckt habe, um die 35 Dollar wert ist. Ein Preis, der mit Angebot und Nachfrage zu tun hat, der Sammler interessiert und ein Konzept aus der Wirtschaftstheorie widerspiegelt, das mit dem wahren Warenwert einer Sache rein gar nichts zu tun hat.

Das Heft muss schon eine Weile unter den Alben gelegen haben. Denn ich kann mich nicht erinnern, wie und wann es in unseren Besitz gekommen ist. Egal. Das Heft – die Ausgabe des New Yorker vom 12. November 1938 – ist ein richtiger Fund. Rea Irvin hat das Titelbild gemalt, von dem ich nur das weiß, was bei Wikipedia steht. Was aber ziemlich nützlich ist, um den Stellenwert dieser Ausgabe einzuordnen. Er war ein wichtiger Mann in der Geschichte des Magazins. Zu seinen Hinterlassenschaften gehört der Schriftzug des Zeitschriftennamens. Jemand hat ausgezählt, dass er 169 Titelbilder produziert hat. Was heißt: Irvin muss vielseitig, schnell und beliebt gewesen sein. In seinem Strich steckte Humor.

Ich habe  diese Ausgabe – in diesem Herbst fast 75 Jahre alt – ganz gerne, aber ziemlich ziellos durchgeblättert. Doch die steckt auf ihren 100 Seiten voller Entdeckungen und bestätigt vor allem eines: Dass dieses Magazin schon damals eine raffiniert gemachte Mischung aus intelligentem Schreiben, witzigen Beobachtungen und kleinen Seitenhieben war, die einen ganz bestimmten Ausschnitt aus dem Leben von New York einfing und zelebrierte. Eine Facette des Journalismus, die so noch heute in dem Blatt weiterexistiert und die noch heute wirtschaftlich funktioniert.

Der Blick zurück offenbarte aber noch etwas mehr. Ich war in der Lage, eine gerade Linie zu ziehen zu den Erlebnissen einer anderen Generation, die 1938 noch mit mit dem Schiff nach Amerika reiste. Wie sich doch manchmal die Verhältnisse ähneln. Die alte Geschichte mit dem Titel „A Reporter Confined“  und die Erlebnisse eines  Flugzeugreisenden von heute, die zur Zeit im Netz viel verlinkt wird. Schon damals gab es Schwierigkeiten bei der Einreise. Und das selbst für Leute, die Nazi-Deutschland zu entkommen und in Amerika  ihre Haut zu retten versuchten. Einer der Hauptschauplätze war Ellis Island, eine Insel vor Manhattan, wo die Behörden einen riesigen Komplex betrieben, in dem missliebige Reisende inhaftiert werden konnten. John Strachey (ich nehme an: dieser John Strachey) schilderte im New Yorker damals, auf welche Weise er und eine Reihe von Mitmenschen behandelt wurden. Ihm wurde damals zur Last gelegt, so schrieb er, dass er sich auf betrügerische Weise ein Visum besorgt hatte. Er nutzte die Zeit und arbeitete in der Haft an einem Buch und schien die Zeit auf sarkastische Weise zu genießen. Wenn auch mit einer Einschränkung: „There is an even sharper edge to human anxiety on Ellis Island that elsewhere. For after all, this is the island of decision.“  Die Angst von Ellis Island schnitt tiefer und war schärfer als die ganz normale Sorgen, die sich Menschen um ihre Existenz machten. Denn die Entscheidung der Behörden darüber, ob man in die USA einreisen durfte oder nicht, bedeutete für einige den Unterschied zwischen Überleben und eine Rückkehr in Verhältnisse, die tödlich waren.

Zwei Wochen später druckte die Redaktion eine Stellungnahme des zuständigen Commissioners Rudolph Reimer, der sich über den Artikel beschwerte. „I’m trying to sell Ellis Island to the world as a place where order & happiness prevail, not as the hellhole of America“, schrieb er. Was aus dem Abstand von heute, wo man die Details nicht mehr nachrechechieren kann, wenigstens zwei Schlussfolgerungen zulässt: Der Artikel hatte einen wunden Punkt getroffen, und der New Yorker hatte dreizehn Jahre nach seiner Gründung einen Stellenwert im öffentlichen Leben erlangt, der sich nicht länger ignorieren ließ.

Wer weiß, ob eines Tages eine Webseite wie die deutschsprachige Ausgabe von Vice.com einen solchen Stellenwert erreichen wird. Irgendetwas sagt mir, dass es so weit nicht erst kommen wird. Die Kommentatoren fanden den wunden Punkt in dem fraglichen Artikel ziemlich schnell: Der Autor hatte so getan, als hätten die ziemlich unfreundlichen Beamten von Homeland Security Informationen über ihn zusammengetragen, die ihnen aus dem Archiv der NSA zugespielt worden waren. Dabei waren diese Erkenntnisse über das Leben des Autors wohl bereits durch einfaches Googlen ausfindig zu machen. Natürlich hätte diese Enthüllung den Wert der Geschichte mitsamt der Headline („America knows everything“) gekillt. Und so musste sie einer anderen Deutung weichen. A propos „weichen“: Von der Facebookseite, auf der die Info bis vor einiger Zeit noch nachzulesen waren („US Tour Updates: August 18th Trip Santa Montica….“), ist sie mittlerweile verschwunden. Was sicher weder von der NSA noch Homeland Security oder von Facebook veranlasst wurde.FirefoxScreenSnapz001

Aus dem Schotten John Strachey übrigens, ein ziemlich talentierter Schreiber und damals ein ausgewiesener marxistisch-leninistischer Theoretiker, wurde noch ein erfolgreicher britischer Politiker, der für die Labour Party einen Wahlkreis im schottischen Dundee gewann und bis zu seinem Tod Anfang der sechziger Jahre im House of Commons saß. Was aus dem jungen Journalisten und Musiker wird, der zur Zeit in London Philosophie studiert, vermag man nicht zu prophezeien. Viele haben mal klein angefangen und dann wurde doch noch was aus ihnen.

Media Matters (still)