Hommage an einen Song

Einige der Themen, mit denen sich unserseits beschäftigt, haben eine lange Anlaufzeit. Manchmal läuft man Jahre mit ein bisschen Teilwissen und ersten Recherchen herum, ehe sich die Gelegenheit ergibt, den Stoff gründlich zu bearbeiten. Oft ergeben sich die ersten Ansätze, weil man sich für eine Konstellation ganz persönlich interessiert. Nicht, weil aus einer klassischen journalistischen Distanz heraus, wie man sie als Auslandskorrespondent durchaus besitzt und schult, weil man beim besten Willen nicht in jedem Text und in jedem Radiobeitrag ein Stück seines privaten Interessensspektrums wiederfindet. Denn das hat man im Laufe der Zeit ja gelernt: das Handwerk, mit dem man kompetent und sachlich unanfechtbar den relevanten Teil von Themen in den Griff bekommt, selbst wenn man kein Experte ist.

So hantiere ich zur Zeit mit einem Stoff herum, der mich 2007 und 2008 intensiv in Anspruch genommen hat – es geht um eine Gruppe von Juden, die in den dreißiger Jahren einen Weg fanden, Deutschland zu verlassen und die im Exil ihren Zusammenhalt gepflegt haben. Daraus soll jetzt eine Ausstellung werden. Die Gespräche darüber laufen.

Ich sinniere auch daüber nach, wie ein Buch über Dirk Nowitzki aussehen könnte, das nach Möglichkeit ziemlich bald auf den Markt muss. Vor allem dann, wenn Nowitzki in den kommenden Wochen den NBA-Titel gewinnen sollte. Dann wäre er nicht länger dieser „Nowinski“, wie er manchmal genannt wurde, weil sein enormes Talent nie ganz reichte für den großen Wurf . Ich habe 1999 ein erstes Interview mit ihm geführt. Das ist lange her.

Aber auch im kleinen, dem täglichen Allerlei, gibt es diese Phasen, in denen man sein eigenes Gedankenarchiv besucht und etwas herauszieht, was in einer anderen Form und in einem anderen Format durchaus wert ist, einem Publikum präsentiert zu werden. So mündete die Beschäftigung mit Bob Dylan und – konkreter – mit dem Song Like a Rolling Stone vor ein paar Tagen in einen Radiobeitrag für DRadio Wissen. Aufhänger: der 70. Geburtstag des großen Meisters. Der Clou: ein Interview mit seinem wichtigsten Biographen, dem amerikanischen Musikjournalisten Greil Marcus. Es war ein faszinierendes Gespräch über ein Ereignis von zwei Tagen Länge im Juni 1965 in New York, zwei für die Musikgeschichte ganz entscheidende Tage, an denen ein Song entstand, der heute als der beste Rock-Song aller Zeiten gilt. Man entdeckt eine Menge, wenn man sich die sechs Minuten noch einmal komplett anhört. Vor allem, wenn man von Greil Marcus erfährt, dass die Musiker an den zwei Tagen es nur zweimal geschafft haben, das ganze Stück von vorne bis hinten durchzuspielen. Die veröffentlichte Version war die allererste Fassung, die Dylan bis zum letzten Mundharmonika-Riff aufnehmen ließ. Davor hatten sie bei jedem Anlauf immer wieder irgendwo abgebrochen. Dylan hatte am ersten Tag Klavier gespielt, am zweiten Rhythmusgitarre. Gleichzeitig musste er singen. Die Studiotechnik von damals bedeutete, dass alle Teilnehmer gleichzeitig aufgenommen werden mussten, nicht nacheinander so wie heute.

Der Beitrag wurde am Geburtstag von Dylan, dem 24. Mai, ausgestrahlt Wie der Song „Like A Rolling Stone“ von Bob Dylan entstand Online ist er leider nicht mit der passenden Musik zu hören Es gehört zur Ironie der Geschichte, dass man bei DRadio Wissen aufgrund der Ansprüche der GEMA solche Themen dann lieber ohne Klangbeispiele bereitstellt. Also kann ich von dieser Stelle aus nur empfehlen, mal eine YouTube-Seite anzuklicken. Und dann genau hinzuhören.

Weiter hinten, im letzten Teil der Aufnahme, hört man, dass einige Musiker ein bisschen aus dem Tempo herausfallen. Aber dann finden sie sich wieder zusammen. Wenn Dylan damals nicht diese Schnitzer übersehen/überhört hätte (was er sicher ganz bewusst getan hat), hätten wir diesen Song vielleicht nie in dieser Fassung gehört. Wie traurig.

Der Musikjournalist Greil Marcus hat übrigens eine Reihe von Büchern über Bob Dylan geschrieben, darunter auch über Like a Rolling Stone. Zum 70. Geburtstag ist soeben im Verlag Rogner & Bernhard der Klassiker Basement Blues. Bob Dylan und das alte, unheimliche Amerika in einer überarbeiteten Wiederauflage erschienen. Im Herbst kommt im Edel Verlag Bob Dylan by Greil Marcus heraus. Eine Sammlung von Texten, die Marcus im Laufe der Jahre verfasst. Sein Buch Like a Rolling Stone: Bob Dylan at the Crossroads” gibt es nur auf Englisch. Man kann es online erhalten.

Dazu vielleicht noch ein Hinweis auf diesen Blog-Eintrag von neulich, in dem das Lied eine besondere Rolle spielte.

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Thunder, Lightning

In diesem Frühjahr jährt sich ein Ereignis zum 25. Mal, das nicht nur zeitlich und räumlich, sondern auch stilistisch weit entfernt ist. Damals wurde von einer jungen Münchner Band eine erste Single veröffentlicht, die sich in den Monaten danach den Status eines Achtungserfolges erwarb. Mehrere Fernsehkanäle luden die Band in Sendungen ein, in denen zu jener Zeit Popmusik noch ein Programmpunkt war.
Die vier Musiker kamen aus München und dem Umland und wirkten ambitioniert genug, um sich durch eine Mühle langsam nach oben zu arbeiten, in der einerseits so einiges von der ureigenen, noch ziemlich unausgereiften Identität abgeraspelt wird, die aber im Idealfall in diesem Prozess eine andere, eine nachvollziehbare Authentizität finden, die ein großes Publikum anspricht.
Eine Rockband ist ein vielschichtiges Gebilde aus unterschiedlichen Charakteren und Typen, die einander ergänzen und sich antreiben, die von einander lernen und die einander trotz der vielen gemeinsamen Stunden ertragen, selbst wenn sie sich auf die Nerven gehen. Eine Rockband mit einem Plattenvertrag ist eine Firma, die sich einen Markennamen erarbeiten möchte und einer möglichst großen Gruppe von Leuten mit ihrer Musik und ihrer Ausstrahlung ganz nahe kommen möchte. Eine Rockband mit einem Plattenvertrag produziert Erwartungen und wandert in eine Zone, in der der Druck von außen wächst. Plötzlich werden Fragen des Erscheinungsbildes und der Kleidung sehr wichtig. Auf einmal braucht man Geld für teure und gut aussehende Instrumente. Und nur in wenigen Dingen kann man sich auf die Plattenfirma stützen, die das Projekt aus monetären Überlegungen vorantreibt und nun auf einen Return für ihr Investment hofft.
Diese – quote unquote – Szene betrat vor 25 Jahren die Band Angel & the Pack, nachdem sie aus markenrechtlichen Gründen ihren alten Namen abgelegt und einen neuen gefunden hatte. Nachdem sie aus künstlerischen Gründen einen neuen Bassisten integriert hatte. Nachdem sie aus Repertoiregründen einen Weggefährten ins Boot genommen hatte, der einen erheblichen Teil der Musik und Texte schrieb. Und nachdem sie in der Frage, mit welchem Schallplattenproduzenten sie bei der Arbeit im Studio am ehesten harmonieren würden, einen entscheidenden Schritt weiter gekommen waren. Die Sterne standen damals ziemlich gut, als Angel & the Pack mit dem Song „Thunder, Lightning“ auf den – quote unquote – Markt kam. Das Lied formulierte die neue Identität der jungen Sängerin mit ihrer enormen Stimme und der drei Musiker mit ihrem formidablen Hard-Rock-Sound gleich in der ersten Textzeile: „Bring on the weekend. I go out to dance.“ Es war eine programmatische und unbekümmerte Botschaft an das anonyme Publikum, das bei dieser ersten Gelegenheit keine Band vorgeführt bekam, zu deren Konzerten man gepilgert wäre. Nein, Angel & the Pack war eine Crossover-Konstruktion – die Musik war discotauglich, wofür ein „extended Mix“ von „Thunder, Lightning“ und eine Maxi-Single produziert wurde.
Wir springen in die Gegenwart: Die junge Sängerin von damals, die fleißig alle Videoaufzeichnungen von allen Fernsehauftritten und alle langen Zeitschriftenartikel in Magazinen wie der Bravo gesammelt hat, will übrigens zur Zeit – genau 25 Jahre danach – Angel & the Pack neu aufleben lassen (die Gruppe war zwei Jahre nach der Veröffentlichung der ersten Single auseinandergefallen). Die Auswahl der Musiker kommt gut voran. Warum beschäftigt mich das? Dieses Projekt interessiert mich schon allein deshalb, weil ich damals einen erheblichen Teil von „Thunder, Lightning“ komponiert und getextet habe. Dies wäre also die Fortsetzungsgeschichte, die möglicherweise die alte Frage beantwortet, die einen nie ganz los lässt: Was wäre eigentlich gewesen wenn? (wenn ich wie erhofft, mein Geld mit Musik verdient hätte und mir die Zusammenarbeit mit einer ganzen Reihe von jungen Musikern einen neuen beruflichen Weg eröffnet hätte). Der Vorgang interessiert mich 25 Jahre später aber auch als Medienarbeiter, der damals bei all den Auftritten, Fotosessions und Studioproduktionen dabei war und eines Sonntagmorgens auf der Münchner Leopoldstraße ein unvergessliches Erlebnis hatte: Ich stieg in meinen Wagen, schaltete das Radio an und traute meinen Ohren nicht: Es lief „Thunder, Lightning“.
25 Jahre später ist noch nicht zu spät, um über solche Dinge zu reflektieren – über die Innensicht der Außensicht der Innensicht.
Die Reanimation interessiert mich allerdings auch aus der Erfahrung und dem Blickwinkel von heute, in dem die Plattenindustrie, wie ich sie damals kennengelernt habe, längst tot ist und mumifiziert. Musiker haben es schwerer denn je, Geld mit ihrer künstlerischen Arbeit zu verdienen. Dafür haben sie YouTube, das einem ermöglicht, die alten Sachen ohne viel Federlesen wiederaufleben zu lassen (wenn man sie aufbewahrt und archiviert hat).
Ich kann nicht beurteilen, ob ein Revival von Angel & the Pack und von einem Teil des alten Repertoires heute ein größeres Publikum erreichen kann als damals. Die Chancen stehen, wenn alle Beteiligten mit Volldampf daran arbeiten, vermutlich nicht schlecht. Die Musik hatte was. Die Musiker auch. Vielleicht reicht es auch diesmal nur zu einem Achtungserfolg. Aber dann würde es nicht mehr wie unfinished business wirken. Und auch nicht mehr wie pure Nostalgie. Denn dann hätte jemand das Potential jener Musik von damals wirklich getestet und ausgereizt.

Eine Arena ohne Löwen

Vor so gut wie jedem Kinofilm läuft ein kurzes Stückchen Bewegtbild, das den Namen der Produktionsfirma in Szene setzt. MGM hatte einen schnaubenden Löwen in echt. Bei Universal dreht sich die Erde. 20th Century Fox simuliert einen Klotz aus gemeißeltem Stein und hat ihn mit riesigen Scheinwerfern umgeben. Obwohl die grafischen Ideen, mit denen diese Branchenriesen arbeiten und zu denen man eine Menge sagen könnte, nicht besonders aufregend wirken, scheinen sie als Markenzeichen für solche Intro-Signets nicht mehr wegzudenken. Ein Film ohne optische Anfangssignale wirkt nackt und bloß. Aus diesem Grund werden die American Arena Videos zukünftig ebenfalls einen kurzen Auftakt mit Signalcharakter haben. So kurz das fertige Filmschnipselchen auch ausgefallen ist, so lange hat es gedauert, eine zufriedenstellende Version zu finden. Auch an der Musik gab es immer wieder etwas zu feilen. Aber jetzt soll es gut sein damit. Wie gut? Das werden wohl andere entscheiden.

„Es gilt das geschriebene Wort“

Man befindet sich beim intensiven Umgang mit dem Medium Video vermutlich in Gefahr, das Schreiben zu verlernen. Oder besser gesagt: das nachdenkliche Schreiben zu verlernen. Gut also, dass es solch scheinbar altmodische Publikationen wie Die Gazette gibt, in denen man als Autor ein spannungsreiches Umfeld dafür findet, die eigenen Gedanken auszubreiten. Die Gazette gibt es seit mehreren Jahren, und sie hat in dieser Zeit einen eigenwilligen Weg zurückgelegt. Ursprünglich existierte sie nur im Internet, wo ihr Titel seltsam schrullig wirkte und wo sie ihr erstes Publikum fand und auch ihre thematische Ausrichtung. Aber irgendwann beschloss Herausgeber Fritz R. Glunck, den Kurs zu ändern: „Aus dem Meer des Internet taucht Die Gazette auf, um künftig ihr Glück als Papierschiffchen zu suchen“, schrieb die taz damals unter der Überschrift: „Lehrreich, gediegen und manchmal sogar amüsant“. Der Deutschlandfunk leuchtete den Hintergrund für die Entscheidung aus.
Ich habe im Laufe der Jahre immer mal wieder für diese Wundertüte des Magazinjournalismus geschrieben. Hier zum Beispiel. Und hier. Und hier. Und hier. Callaway und Golf, Amerikas Schwarze und ihr seltsames Verhältnis zu Afrika, die non-lineare Filmwelt und ihre Spiegelungen in der Politik, Hemingways Einfluss auf den Tourismus und noch manches mehr. Dieser weit gefächerten Mischung durfte ich in der neuen Ausgabe ein neues Stück hinzufügen: „Es gilt das geschriebene Wort“ über die politische Rechte Amerikas, die ihr gefährliches reaktionäres Politik- und Staatsverständnis aus dem puren Wortlaut der Verfassung ableitet, ohne dass die fortschrittlichen Kräfte diese idiomatische Idiotie in die Schranken verweisen.
Zur Webseite der Gazette. Zur Wikipedia-Seite.

Museen, Medaillen, Mythen

City of Cooperstown
Photo: Bari D. (flickr/creativecommons/attribution/no derivative works)

Am Sonntag, dem 13. März wird um 17.30 Uhr auf Deutschlandradio Kultur eine Sendung wiederholt, die ich vor knapp einem Jahr recherchiert und produziert habe. In ihr geht es in einer Länge von 28 Minuten um Museen, Medaillen, Mythen oder genauer: um die amerikanische Verehrung für die Legenden des Sports, die eine enorme Sammlung an sogenannten Halls of Fame hervorgebracht hat. Ich habe mich für die Sendung vor allem auf zwei Ruhmeshallen konzentriert: auf das historische Vorbild von allen in Cooperstown, das dem Baseballspiel gewidmet ist, und auf die Soccer Hall of Fame ein paar Kilometer entfernt in der Stadt Oneonta, die zu jener Zeit ihre Pforten schließen musste, weil es an Spendengeldern mangelte, um den Unterhalt zu bezahlen.

Ehe ich nach Cooperstown aufgebrochen bin, das etwas mehr als drei Stunden mit dem Auto von New York entfernt in jener Gegend liegt, in der James Fenimore Cooper seine Lederstrumpf-Geschichten angesiedelt hat, verfolgte ich ein besonders ehrgeiziges Ziel. Ich wollte den Schriftsteller Richard Ford interviewen und ihn zu seiner Arbeit an dem Buch Unabhängigkeitstag befragen. In dem Roman fährt die Hauptfigur, ein ehemaliger Sportreporter, mit seinem Sohn gleich zu zwei Ruhmeshallen – der Basketball Hall of Fame in Springfield/Massachusetts und zur Baseball Hall of Fame nach Cooperstown. Die Geschichte ist eine wunderbare elegische Selbstbetrachtung und hat zurecht den Pulitzer-Preis erhalten. Ford jedoch wollte nicht über diesen Dreh an seiner Geschichte reden. Er fand ihn sinngemäß gesagt zu banal, als dass er das auch noch mit ein paar Erklärungen seinerseits zu entzaubern gedacht hätte. Seine Absage hat mir damals eine lange winterliche Fahrt nach Maine erspart. Eine Strecke, für die man um die 15 Stunden unterwegs ist. In einer Richtung wohlgemerkt. Was sicher am Ende gar nicht tragisch war. In der Sendung wird nun einfach eine längere Passage aus dem Romantext zitiert. In ihr beschreibt Ford die Hauptstraße von Cooperstown und die Architektur des Hall of Fame-Gebäudes auf seine gekonnt despektierliche Weise.

Auf der Suche nach Originaltönen für einen langen Radiobeitrag ist man auf Zielstrebigkeit und seine Kreativität angewiesen. Aber auch auf Intuition und Dusel. Das sieht man an folgender Kette von Ereignissen, an deren Schluss ich Auszüge aus einem Archiv-Interview aus dem Jahr 1958 einpflegen konnte, in dem ein aus Deutschland emigrierter Soziologie-Professor damals einer Journalistin unter anderem die Besonderheiten seiner von den USA geprägten wissenschaftlichen Arbeitsmethode erklärte. Der Professor heißt Eugen Rosenstock-Huessy und war mir vorher kein Begriff. Auf ihn gestoßen war ich durch einen seltsamen Zufall, als mich eine Freundin auf einen Artikel in der New York Times aufmerksam machte. Wohlgemerkt auf den Artikel in der Nachbarspalte, den ich allerdings ignoriert hatte, weil ich glaubte, sie wolle mir just diesen Text des Kolumnisten David Brooks empfehlen, der mit einer programmatischen Überschrift daherkam – The Sporting Mind. Brooks zitierte Rosenstock-Huessy ohne Quellenangabe, aber der Satz machte mich neugierig. Und so suchte ich – und fand schließlich über Google Books – die fragliche Passage. Der Text befand sich in einer Anthologie und wirkte auf den zweiten Blick nicht wie ein Essay, sondern wie ein Interview. Eine Fußnote ließ den Verdacht zu, dass es sich um die englische Übersetzung eines Gesprächs handelte, dass der Professor mit Radio Bremen geführt hatte. Eine Anfrage beim Deutschen Rundfunkarchiv bestätigte die Vermutung, denn dort hatte man ein ganzes Datenblatt über die Sendung aus der Reihe Auszug des Geistes von damals und war in der Lage, mich an das Archiv von Radio Bremen zu verweisen. Dort hatte man inzwischen die analoge Bandaufnahme digital archiviert und konnte mir die Datei ohne Probleme in die USA überstellen.

Es war nicht die einzige erstaunliche Ausgrabung, die sich hervorragend in das Projekt einarbeiten ließ. Fast noch verblüffender war die Entdeckung einer CD in meinem eigenen Archiv, auf der der ehemalige Baseball-Commissioner Bartlett Giamatti einen eigenen Text vorträgt. Und zwar diesen ziemlich berühmt gewordenen, die Sportart Baseball und ihren Einklang mit den Jahreszeiten romantisieren Text The Green Fields of the Mind. Ich hatte ihn für das Radioprojekt ausgewählt, um eine bestimmte Art der amerikanischen Sportnostalgie zu illustrieren. Als ich die Aufnahme entdeckte, fühlte ich mich wie ein Goldsucher am Klondike. Giamatti spricht Giamatti – eine besondere Konstellation. Denn der einstige Yale-Professor ist seit zwei Jahrzehnten tot.

Natürlich kommt es am Ende für den Zuhörer nicht darauf an zu wissen, auf welche Weise ein Journalist die Belegstücke für seine Arbeit aufspürt. Wieviel Zeit er gebraucht hat. Was alles nicht geklappt hat. Wichtig ist eigentlich nur, dass die Soundbites und Bruchstücke harmonisch und logisch im großen Ganzen aufgehen, in jenem stream of consciousness, der sich da entfaltet. Und dazu gehören über eine Länge von 28 Minuten mehr als die O-Töne zweier Professoren. Wer sich Museen, Medaillen, Mythen anhört, wird spüren, dass dort sehr viel mehr eingeflossen ist. Nicht nur ein Grundverständnis für die Denkweise der Amerikaner und ihre Lust an der Verklärung von Sporthelden, sondern auch eine Reihe von kritischen Gedanken, die Zev Chafets, der Autor des Buchs Cooperstown Confidential, in einem ausführlichen Gespräch lieferte.

Die Sendung enthält noch mehrere Audio-Zeitdokumente und eine Reihe von illustrativer Musik, die zum größten Teil aus meiner eigenen Werkstatt stammt. Mit diesem Stück – Titel Cooperstown – klang das Ganze bei der Erstausstrahlung im letzten Frühjahr aus:

Buchmanns Buch

Photo: Jürgen Kalwa

Das Projekt begann vor mehr als einem Jahr und war im Dezember 2010 an seinem Ziel angekommen. Da erschien im Helios Verlag in Aachen Der Rest wurde am Boden zerstört. Untertitel: „Erinnerungen an den Luftkrieg im Mittelmeer und an eine abenteuerliche Flucht aus sowjetischer Gefangenschaft“. Es sind die Memoiren von Johannes Buchmann, einem ehemaligen Bordfunker der deutschen Luftwaffe, der nach dem Krieg aus beruflichen Gründen in die USA ausgewandert war. Das Buch ist eine Ko-Produktion. Er hat erzählt. Und ich habe seine Gedanken aufgeschrieben und mit Recherchen zum Thema angereichert. Zu den Fundsachen gehört die Information über das, was wir einen karmischen Bumerang genannt haben. Nachdem er mit seiner Einheit die britische Insel Malta bombardiert hatte, der auf die Fläche umgelegt im Krieg am stärksten aus der Luft verwüstete Landstrich, wurde auch seine Heimatstadt Dorsten in Schutt und Asche gelegt, inklusive des Hauses seiner Familie. Wo wurde die Entscheidung für das Bombardement dieser und anderer Städte gegen Ende des Krieges von den Alliierten getroffen? Auf Malta.

Ich habe zum Buch ein Video produziert und auf YouTube gestellt, in dem Johannes Buchmann einen Teil seiner Erinnerungen erzählt.

Das Buch werden wir am 14. März in seiner Heimatstadt Dorsten vorstellen. Im Alten Rathaus am Markt, gleich neben jenem Haus, in dem er damals groß wurde. Mehr zu Buchmann und der Veranstaltung in der Vorankündigung der Dorstener Zeitung. Weitere Informationen gibt es im eigens eingerichteten Blog.

Kurz ist gut?

Die amerikanische Musik-Zeitschrift Rolling Stone hat vor ein paar Jahren ihre Experten angezapft, um die im Grunde völlig akademische Frage zu klären: Welcher war der bedeutendste Song der Rock-Geschichte?

Die Abstimmung spülte ein Werk aus dem Jahr 1965 auf den ersten Platz, das aus heutiger Sicht vergleichsweise unspektakulär klingt: “Like a Rolling Stone”. Komponist, Texter und Interpret: Bob Dylan.

Der erste Eindruck, den der Song 45 Jahre später erzeugt, ist irreführen. Die Aufnahme brach mit einer Reihe von Konventionen und bildete eine stabile Plattform für Dylans produktive zweite Karrierephase. Noch kurz zuvor hatte er ernsthaft über Aufhören nachgedacht.

Abseits vom Stil des Songs und des Arrangements und dem Inhalt des Textes hatte die Aufnahme vor allem ein Gutes: Die reine Länge des Liedes, damals eine pure Provokation an die Adresse der Musikindustrie, von Radio-DJs und Jukebox-Betreibern. 6:09 Minuten ist die Single-Version lang, die Album-Variante noch vier Sekunden länger. Das war eine Oper im Vergleich zu den 1:45 Minuten des “Summertime Blues” von Eddie Cochran (Platz 73 auf der Liste der “greatest songs”), den 1:50 Minuten von “Great Ball of Fire” von Jerry Lee Lewis (Platz 96) und den 1:47 von „Rave On“ von Buddy Holly (Platz 154). Dylans Plattenfirma weigerte sich wochenlang, die Aufnahme als Single herauszubringen (die übrigens beinahe noch länger ausgefallen wäre, doch Dylan hatte vor der Studio-Session den Ur-Text von sage und schreibe zehn handgeschriebenen Seiten heruntergekürzt).

Weshalb mir diese Geschichte durch den Kopf geht? Das hat mit der neuen iPad-Euphorie in den traditionellen Verlagshäusern zu tun. Und die damit verbundene Neugier auf Videos, mit denen die neuen Apps angereichert werden sollen. Aber mal abgesehen von den lausigen Honoraren für die Autoren: Kurz sollen sie sein, die Videos. Ganz kurz. Egal, was der Inhalt hergibt. Egal, was die Ausarbeitung rechtfertigt. Die Begründung? Die User wollen das so. Die haben angeblich nur wenig Geduld und zappen frenetisch durch die Gegend.

Kurz ist gut? Unsinn. Alles, was mit Hilfe eines derartigen Dogmas wiedergekäut wird, ist die Lern- und Denkschule des Fernsehens. Tatsächlich hat das Fernsehen mal abgesehen von der oberflächlichen Ähnlichkeit der Resultate nur wenig mit dem neuen Online-Video-Medium gemein. Schon das vorherrschende Strukturdenken in den Funkhäusern könnte einem verraten, worin die zentralen Unterschiede bestehen. Im Fernsehen herrschen nicht nur strenge Personal-Hierarchien, strenge Kanalschemata und strenge Programmschablonen. Den Resultaten fehlt jede Form von Experimentierfreude und jedes Überraschungselement. Was aus dieser extrem eng gefassten Pipeline herausgequetscht wird, trifft wiederum auf Zuschauer, die über die Jahre auf passiv-aggressiv konditioniert worden sind, um mit der massiven Redundanz des Gezeigten umzugehen. Wie? Sie benutzen die Fernbedienung und zappen weg, wenn ihnen irgendetwas an dem Gezeigten als zu spannungslos erscheint.

Kann man ein derart konditioniertes (Massen)Publikum an andere Formen von Videoinformation heranführen und auf diese Weise den sich entwickelten Online-Plattformen einen eigenständigen Stellenwert geben? Natürlich. Die New York Times macht es längst vor. Man kann durchaus den engen Erwartungshorizont auf weit stellen. So ähnlich wie Bob Dylan damals, dessen Vorarbeit der nachfolgenden Generation von Musikern den Weg zu geradezu epischen musikalischen Formaten öffnete.

Als Dylans Song übrigens schließlich nach langem Streit veröffentlicht wurde, erreichte er Platz 2 der Billboard-Charts. Die Plattenfirma hat mit keiner Single von Bob Dylan mehr Geld verdient als mit dieser.

Die Mini-Egg-Kollektion

Die Wirtschaftsnachrichten von heute besagen, dass die Amerikaner zum Valentinstag in diesem Jahr wieder ihre Portemonnaies öffnen. Was heißt Amerikaner? Die Männer sind es, die sich aus Anlass dieses seltsamen Beziehungsgedenktags, verpflichtet fühlen, den Frauen ein Geschenk zu machen. Phantasie und Kreativität beim Auffinden sind nicht gefragt. Die wichtigsten Geschenkartikel am Valentinstag sind wohl traditionell Blumen. Andere Produkte sind ebenfalls Teil der valentinischen Waren-Welt. Wichtig an ihnen ist, dass sie nach Wertschätzung wirken sollen. Weshalb Schmuckstücke in der niedrigeren Preiskategorie von weniger als hundert Dollar in diesen Tagen sehr begehrt sind.

Da ich persönlich niemanden kenne, der solche Pseudo-Preziosen kauft, verschenkt oder geschenkt bekommt und dann auch noch trägt, kann es an dieser Stelle nicht die Spur einer Kaufberatung geben. Schon eher dieses Video von einem in New York lebenden, aus Deutschland stammenden und ganz hervorragenden Schmuckdesigner und seiner neuen Serie kleiner Eier aus Silber und Gold und Halbedelsteinen und klitzekleinen Brillianten. Ostern steht schließlich ebenfalls vor der Tür. Der Name des Juweliers ist Pedro Boregaard. Seine Webseite ist leicht zu finden. Und nicht nur das: die kleinen Eier (nur ein Teil seiner enormen kreativen Arbeit), kann man dort – im eStore – alle anschauen und miteinander vergleichen. Ein bisschen mehr Geld als hundert Dollar kosten sie schon. Aber wirklich nur ein bisschen mehr.

Es geht los

Es hat eine ganze Weile gedauert, bis alles beisammen war: eine Webseite, die Interessenten Informationen und Arbeitsbeispiele präsentiert, und dieser Blog hier, mit dem die weitere Entwicklung begleitet werden soll.

Vielleicht gibt es Menschen, die sich wundern, weshalb das Projekt American Arena heißt, wo doch das der Name eines Sportblogs ist/war, den ich mehrere Jahre lang geführt habe. Dazu lassen sich zumindest zwei Dinge sagen. Der Blog liegt seit einem halben Jahr auf Eis und wird seitdem nicht mehr aktualisiert. Denn mir ist der Antrieb abhanden gekommen, mich neben der Arbeit an aktuellen Sportthemen für die FAZ, den Tages-Anzeiger und den Deutschlandfunk weiterhin sehr intensiv mit dem Metier zu beschäftigen (obwohl die Stammleserschaft von etwa 200 pro Tag und die guten Kontakte zu anderen Sportbloggern in Deutschland mir die Entscheidung nicht einfach gemacht haben).Mich interessieren inzwischen andere Stoffe und Sujets mindestens ebenso sehr. Darunter auch Kulturthemen.

Zweitens wäre es falsch gewesen, den Namen einfach einschlafen zu lassen. Denn als Oberbegriff und als Informationsgefäß eignet er sich auch für die neue Aktivität im Bereich – nennen wir es mal – New Media Journalism. Denn das Themenuniversum, um das ich mich als Videoproduzent kümmern möchte, ist groß.

Photo: Li-Hua Lan

Es ist eine Stilfrage, ob man sich bei der Außendarstellung lieber ganz klassisch und direkt mit dem Vor- und Nachnamen präsentiert oder unter einem vermarktbaren Markennamen, der dann auch noch in mehreren Sprachen gleichzeitig verstanden werden kann. Ich habe mich – bis auf weiteres – mal für die etwas zurückhaltender wirkende Lösung entschieden. Was mir auch deshalb mehr behagt, weil bei vielen Videoprojekten auch noch andere Kreative in wichtigen Rollen beteiligt sind. Es wäre also falsch, den Eindruck zu erzeugen, die Bewegtbildproduktionen, die ich umsetze, seien komplette Solounternehmungen. Es kommt zwar vor, dass man in dieser neuen digitalen Medienwelt tatsächlich von der Kamera über den Ton bis zu Schnitt und Musik alles im Alleingang auf die Beine stellt (und stellen muss, auch wenn es extrem mühsam sein kann). Aber das ist nicht das Ziel. So etwas passiert, wenn man aus der Not der Umstände eine Tugend machen muss.

A propos Musik. Ich habe die Absicht, in diesem neuen Blog ein paar Klänge aus dem Archiv der Eigenproduktionen unterzubringen, damit die Sache ein bisschen lebendiger wird. Viel Vergnügen.

Media Matters (still)