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Der Fall nach dem Fall

Meine Erinnerung an den Sommer, als ich mich zum ersten Mal mit Lance Armstrong beschäftigen musste, ist schon etwas verblasst. Eigentlich besteht sie nur aus einem kurzen Dialog mit einem Redakteur. Er: Radsportspezialist und unverhohlener Fan. Ich: Agnostiker. Zweifler. Skeptiker. Er bat mich, einen Artikel zu schreiben, der die amerikanischen Reaktionen auf die Leistungen des Fahrers bei der Tour de France einfangen sollte.

Verständlich angesichts der Ausgangslage. Ein vormals sterbenskranker Sportler gewinnt den Prolog, ein Einzelzeitfahren, und verblüfft die Fachwelt und die Konkurrenz. Und er verblüfft vor allem seine Landsleute.

Alle – auch der besagte Redakteur – wollten sie glauben. Diese Geschichte von einem Mann, der nach einer intensiven Krebsbehandlung zum aktiven Sport zurückgekehrt war. Denn sie war verführerisch schön. Erst recht aus dem Blickwinkel von Millionen von Amerikanern, über die ich dann im Tagesanzeiger in Zürich während der Tour schließlich dieses schrieb: “Selbst zwei Jahrhunderte nach der Entwicklung des Velos steht der durchschnittliche Amerikaner dem Prinzip des Etappenrennens ratlos gegenüber. Die Tour de France ist ‚eines unserer großen sportlichen Mysterien‘, gab die Philadelphia Daily News vor ein paar Tagen zu, als sich Lance Armstrong an die Spitze setzte: ‚Wir sind von den Bildern beeindruckt, aber wir lieben sie nicht. Wir können die Anstrengungen erkennen, aber wir verstehen sie nicht.‘ Vielleicht ist das der Grund, weshalb die US-Medien in diesen Tagen mit jener riesigen Übersetzung fahren, wenn sie versuchen, die Erfolge des 27-jährigen Texaners in einen historischen Rahmen zu stellen. So schrieb USA Today: ‚Vor über 2200 Jahren begann Hannibal, der Karthager, seine Attacke auf die Alpen. Am Dienstag hat Lance Armstrong, der Texaner, mit seinem Angriff auf die Alpen begonnen.'“

Begonnen hatte allerdings ein ganz anderer Angriff. Der auf die Glaubwürdigkeit aller Beteiligten – der Fahrer, Verbandsfunktionäre, Sponsoren und Medien etwa, die wenige Tage später erfuhren,  dass Armstrong bereits beim Prolog positiv auf Kortison getestet wurde. Und dass anschließend folgendes passiert war, wie Dominique Eigenmann auf den selben Seiten feststellte: Der Weltverband rettete Armstrong vor der obligatorischen Sperre, in dem er gegen das eigene Reglement verstieß: “Dort steht nämlich (Artikel 43, Kapitel 4, Abschnitt 14), dass jede Anwendung von Medikamenten, die auf der Dopingliste stehen, auf dem Protokoll der Dopingprobe zwingend vermerkt werden müsse. Armstrong hatte in dieser Rubrik – gemäss Le Monde – aber notiert: ‘Medikamente: keine.’ Das Reglement sagt weiter: Wenn ein Athlet keine dopinghaltigen Substanzen deklariert, das Kontrolllabor aber solche findet, dann gilt das Resultat seiner Probe als positiv, und zwar auch dann, wenn der Sportler im Nachhinein noch ein ärztliches Attest vorweisen sollte.”

1999 war das alles. Neunzehnhundert-fucking-neunundneunzig. Da hätte ein Verband nur seine Regeln anwenden müssen, um den Sportbetrüger Lance Armstrong aus dem Verkehr zu ziehen. Ehe das ganze Lügengebäude errichtet wurde. Ein Gebäude, an dem viele bastelten, darunter die Firma Nike, die später mit diesem Werbespot die Zweifler gezielt verhöhnte:

“This is my body. And I can do whatever I want to it. I can push it. Study it. Tweak it. Listen to it. Everybody wants to know what I’m on? What am I on? I’m on my bike. Busting my ass. Six hours a day. What are you on?”

“Jeder will wissen, auf was man mich gesetzt hat”, sagte Armstrong in dem Werbespot und spielte mit der doppelten Bedeutung eines Ausdrucks, der sowohl für die Verordnung von Arzneimitteln als auch den Ritt auf einem Rad gelten konnte. “Auf was wurde ich gesetzt? Ich sitze auf meinem Fahrrad. Reiße mir den Arsch auf. Sechs Stunden am Tag.”

15 Jahre später versteht man diese Vorgehensweise natürlich viel besser. Die amerikanische Anti-Doping-Agentur hat sie akribisch dokumentiert. Ich selbst habe parallel zahllose Geschichten und Radiobeiträge produziert und Interviews geführt mit Männern wie Tyler Hamilton und Frankie Andreu. Auch das nicht ganz unwichtig zum besseren Verständnis. Wie die Gespräche mit Journalisten wie Juliet Macur und Bill Gifford und Selena Roberts, die alle jeweils mit intensiven Recherchen Teile des Lügengebäudes enthüllten. Und mit dem Filmemacher Alex Gibney, der damals an seinem Dokumentarfilm The Armstrong Lie arbeitete. Ich konnte mit Frauen wie Betsy Andreu reden, die eine besondere Rolle bei den Enthüllungen spielte. Mit Anwälten wie Jeff Tillotson, der die Firma SCA vertritt, die von Armstrong um Millionen von Dollar betrogen wurde. Und mit Vertretern der Radfirma Trek, die auf verstörende Weise den Eindruck erweckt, als gehöre sie nicht zu den Mitwissern und Mittätern des größten Sportbetrugs aller Zeiten, sondern als sei sie so eine Art Opfer.

Ich war im Laufe der letzten Jahre für die vielen Recherchen in Salt Lake City, in Montana, in Washington und natürlich auch in New York unterwegs. Ich war in Detroit. Und in Waterloo/Wisconsin. Mit der Sperre, die die amerikanische Anti-Dopingagentur 2012 auf den Weg brachte und die anschließend vom Weltradsportverband bestätigt wurde, hat der größte Teil der Öffentlichkeit das Kapitel zugeklappt. Tatsächlich ging seitdem die Geschichte weiter. Und das wird sie auch noch in den nächsten Monaten. Wenn so einiges herauskommt, was bisher noch unter dem Deckel war.

Eine gute Phase übrigens, um für die großartige Sendereihe Nachspiel auf Deutschlandradio Kultur ein ausführliches Feature produzieren, in dem ein erheblicher Teil der Aufmerksamkeit auf den Hintermännern, Mitwissern und Mittätern liegt, auf die bislang noch wenig Licht gefallen ist. Und dies vor allem deshalb, weil sich Armstrong konstant weigert, seine Helfershelfer zu verraten. Es ist Teil seines Spiels, das genauso wie der Doping-Missbrauch irgendwann noch in den Vordergrund rücken wird. Wenn klar wird, wer alles Meineide schwor, um Armstrong zu helfen. Und wer von Armstrong eingeschüchtert und durch seinen Einfluss wirtschaftlichen Schaden erlitt. Ganovenehre ist kein Ding von Ewigkeitswert.

Sendetermin: Sonntag, den 23. November

http://www.deutschlandradiokultur.de/radfahrer-der-fall-armstrong.966.de.html?dram:article_id=300138

Ein paar Links zur Einstimmung? Gerne

Interview mit der Journalistin Juliet Macur, die das Buch geschrieben hat: Lance Armstrong – Wie der erfolgreichste Radprofi aller Zeiten die Welt betrog

Bericht über den Gibney-Film The Armstrong Lie und einige der Figuren im Hintergrund des Skandals. Titel: Das Phantom der Seifenoper.

Das große Tyler-Hamilton-Interview im Züricher Tagesanzeiger.

Die dubiose Rolle des Radherstellers Trek, der Anfang 2014 ein eigenes Profi-Team an den Start brachte.

Meine Einschätzung von Lance Armstrongs Fernsehbeichte in der FAZ.

Eine von mehreren, die sich ihre Hände dreckig gemacht haben, um Armstrong ins rechte Licht zu rücken. Und die dabei sehr viel Geld verdient hat.

Addendum: Eine Fassung der fertigen Sendung ohne Voiceover.