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Stern-Stunden

Ich beschäftige mich seit etwas mehr als zehn Jahren mit der Produktion von Videos, mit einem Medium also, das nicht an Bedeutung verliert wie Print, sondern dessen Stellenwert durch die Entwicklung der digitalen Produktions- und Abspielmöglichkeiten ständig wächst. Das Metier ist komplex und wirtschaftlich (von Ausnahmen abgesehen) nicht lukrativ. Und trotzdem ist es faszinierend, sich den beachtlichen Anforderungen auszuliefern. Ich drehe und schneide, interviewe und gestalte auch die Musik (wo sie gebraucht wird). Und weiß, dass man ziemlich kreativ sein muss, wenn man das umsetzen will, wofür man früher zehntausende von Euro verbraten durfte. Dies ist das jüngste Beispiel und die Geschichte dahinter.

 

„Selfie Sticks and Superstars“ – The Making of the new Nervous Germans video from Juergen Kalwa on Vimeo.

Wir haben schon auf vielerlei Weise zusammengearbeitet. Micki Meuser, Grant Stevens und ich. Und jedes Mal hatte es mit Musik zu tun. Es gab Arbeitskonstellationen wie „Texter und Komponist“, „Musikproduzent und Bandbetreuer“, „Plattenkritiker und Künstler mit neuem Album“. Zuletzt konnte ich mich als Grafiker einbringen, als für Songs vom Album Volatile Videolösungen gebraucht wurden. Dabei kam zum Beispiel das hier heraus: ¡Yeah, Yeah!

Eine Konstellation wie die jüngste hatten wir allerdings noch nicht: Da haben wir gemeinsam zwei aufwändig gestaltete und intensiv vorbereitete Musikvideos produziert. Für die sind wir im März eigens in ein Berliner Studio gegangen. Das erste Belegexemplar dieses Projekts ist vor ein paar Tagen erschienen, um die Veröffentlichung des Albums From Prussia With Love einzuläuten, auf dem der Song Superstars (and Superheroes) so etwas wie ein Headliner ist.

Das zweite, Liberation Day, wird in wenigen Wochen publiziert.

Die Zusammenarbeit verlief hervorragend. Also so wie immer. Was für mich ein sehr wesentlicher Teilaspekt solcher Vorhaben ist. Denn nur wenn man sich rundum gut versteht, kann man überhaupt von so weit weg eine gar nicht leicht zu formulierende, komplexe Idee mit der notwendigen Intensität anreichern, wie uns das in diesem Beispiel gelungen ist.

Vielleicht sollte man vorab zur Erläuterung wissen: Das Video spielt auf drei Ebenen gleichzeitig.

• Da ist die Aktion der Band in Form einer klassischen Lip-Sync-Performance,

• dazu gibt es eine Bildfolge aus alten Hollywood-Filmen mit berühmten Gesichtern, die an eine weiße Wand projiziert wird und dabei auch die Musiker anstrahlt und

• den parodistischen Einsatz von Smart Phones und Selfie Sticks, um den Text des Songs und seine eingängigsten Zeilen auf eine ironische Weise zu interpretieren.

Was die Melange so faszinierend macht: Die drei visuellen Ebenen ließen sich auf fast schon magische Weise ineinander verschränken und so ein Spiel aus Hintergründigkeit und humorvoller Vordergründigkeit inszenieren, was ich in dieser Form noch nirgendwo gesehen habe.

Wer unsere Arbeit an der von anderen messen und mit anderen vergleichen will (nachdem er eventuell netterweise den Like-Button bei YouTube angeklickt hat), mag das gerne tun. Mehr noch: Feedback ist wirklich erwünscht. Als Anhaltspunkt gäbe es sicher ein paar richtig gute Beispiele. Und natürlich auch ein paar richtig gute Regisseure. Sie sind die Messlatte für das Genre, in dem ich mich hiermit zum ersten Mal versucht habe.

Aber man sollte dann zumindest wissen, dass man uns auf einer Ebene ganz und gar nicht nebeneinander stellen darf. Die besten Videos haben ein Budget von mehreren 1000 Euro, um damit wenigstens einen erheblichen Teil der Kosten zu decken. Wenn nicht sogar mehr. Unsere Produktionskosten lagen bei Zero. Was möglich war, weil einige sehr nette Menschen sich mit Rat und Tat und Ausrüstung und Studioräumlichkeiten beteiligt haben. Wir hatten also sehr praktische Hilfe, das darf man nicht verhehlen. Und für die kann man sich gar nicht ausgiebig genug bedanken.

Zero Budget-Dollars – das heißt natürlich nicht, dass man sich damit aus den Erwartungen herausstehlen kann, die an Videos in dieser Liga gestellt werden. Konsumenten von Musik und von Musikvideos haben schließlich Ansprüche und ein geschultes Auge.  Sie möchten – Minimum – nicht gelangweilt und – Maximum – gut unterhalten werden.

Für uns war es ganz sicher ein erheblicher Pluspunkt, dass wir uns schon lange kennen und die Verbindungen selbst über die große Distanz zwischen New York und Berlin hinweg aufrecht erhalten haben. Was damit zu tun haben dürfte, dass unsere musikalischen Sensibilitäten auf einer Wellenlänge liegen.

Am interessantesten daran finde ich übrigens die Umstände unseres Kennenlernens angesichts der Erosion des Musikmarktes. Uns hat vor Jahren tatsächlich eine dieser klassischen Institutionen zusammengebracht, die es in dieser Form gar nicht mehr gibt. Es handelte sich um eine Schallplattenfirma, deren A&R-Leute in Micki Meuser und Grant Stevens die idealen Produzenten für eine Band sahen, für die ich damals den größten Teil der Songs schrieb. Ja, solche Firmen gab es. Und sie haben damals im Idealfall gezielt unterschiedliche Talente und Figurationen zusammengeführt, weil sie sich davon ein verwertbares Resultat erhofften. Eine Hoffnung, die oft eingelöst wurde.

Seitdem ist viel passiert. Unter anderem die schon erwähnte Selbstzerstörung einer nachwievor profitablen Industrie, die nicht mehr an die eigene kreative Kraft glaubt. Und auch das ist passiert: Micki Meuser und Grant Stevens haben ihre alte gemeinsame Band – Nervous Germans – die mangels durchschlagenden Erfolges den Weg allen Vergänglichen gegangen war, wiederauferstehen lassen. Ohne die finanzielle Unterstützung und die manpower, die Schallplattenfirmen früher aufbrachten, um solche Projekte zielstrebig auf dem Markt durchzusetzen.

Foto: Micki Meuser

Es bringt nichts, es zu bedauern, wieviel schwieriger es geworden ist, Musik zu verkaufen. Und bei den Nervous Germans tut das auch niemand. Man hat die eiskalte Realität akzeptiert, die besagt, dass es sich für Musiker sehr empfiehlt, das Geld möglichst erstmal mit etwas anderem zu verdienen.

Aber das heißt nicht, dass man es nicht versuchen sollte, seine künstlerischen Ziele voranzutreiben. Bar jener alten Regeln und ohne das Reinreden von Firmenangestellten, die einem ihre oft ziemlich irritierenden Kommentare zu allem und jedem unterjubelten.

Stilistisch durfte man die Nervous Germans einst wohl dem Post-Punk zuordnen, was neugierige Musikliebhaber in Großbritannien und sogar in den USA als kleine künstlerische Delikatesse durchaus ernst genommen haben. Anders sah es in Deutschland aus. Da wirkten sie als Kontrastprogramm gegenüber dem zur gleichen Zeit aufblühenden dilettantischen Nonsens der sogenannten Neuen Deutschen Welle wie querköpfige Exoten. Die nervösen Deutschen wollten nicht Deutsch singen. Sie standen in einer anderen Tradition.

Die Nervous Germans von heute machen übrigens eine mit ihrer Vorgeschichte genetisch verwandte, aber andere Musik. Eingängiger und melodischer, was von den Gitarrensounds abgestützt wird und von jenen Bass-Ideen, die der Komponist der meisten Songs, Micki Meuser, in seiner Rolle als Sekundant in Sachen tiefen Tönen beisteuert. Immer noch auffällig: die Stimme des Sängers Grant Stevens, der auch die Texte schreibt. Neu: das Getrommel einer vergleichsweise zierlichen Frau, die allerdings mit Krawumm reinhaut.

Foto: Grant Stevens

Als wir im März ins Studio gingen, zeigte sich, dass wir stimmige Konzepte und Ausgangsmaterialien hatten. Weshalb wir nur einen knappen Tag lang zu drehen brauchten. Dann war das Rohmaterial für den Schnitt im Kasten. Nun kann sich jeder das Ergebnis anschauen und anhören. Weshalb ich dachte, ich schreibe das alles mal auf. Eine Empfehlung in eigener Sache. Denn ich bin sicher, dass man die Energie spürt, die aus dem Song herausscheppert. Die musikalische und kreative.