Auf der Suche nach dem richtigen Ton

Man muss ein bisschen Suchenergie aufbringen, bis man den kleinen Pfeil links oben auf der Aufmacher-Seite gefunden hat und mit einem Klick darauf das Video abfahren kann. 3:27 Minuten ist es lang und eine aufschlussreiche Ergänzung zu einer ausführlichen Betrachtung und Einschätzung des großartigen Jazz-Bassisten Ron Carter. Der Ausgangspunkt für das Video war ein ganz klassischer: Die eigentliche Aufgabenstellung lautete, diesen klugen Mann, der auf über 2500 Aufnahmen mitgespielt hat, zu besuchen, ihn zu interviewen und darüber einen ausführlichen Text zu schreiben, und zwar am selben Tag, an dem ein New Yorker Fotograf die Bilder für die Geschichte schießt.

Nachdem der Interviewtermin feststand, kam jedoch noch folgender Zusatzwunsch aus der Redaktion: „Nimm doch deine Videokamera mit.“ Das bedeutet in der Realität ein bisschen mehr Aufwand: zur Kamera kommen zwei Objektive, ein Stativ, mehrere Mikrofone und ein Koffer mit Lampen.

Es ist nicht ganz leicht, bei einem solchen Projekt die unterschiedlichen konzeptionellen Bedürfnisse und Vorstellungen unter einen Hut zu bekommen. Nicht mal, wenn man sich an einen Ort begibt, der von der New Yorker Sonne verwöhnt wird und gleich um die Ecke von meiner Wohnung auf der Upper Westside in Manhattan liegt. Ich erinnere mich, dass Ron Carter während eines Teils des Interviews im Hintergrund Musik aus der Stereoanlage laufen ließ, weil es ihn in eine gute Stimmung brachte. Es war nicht leicht, ihn dazu zu bringen, den Apparat abzustellen. Es war jedoch nachgerade unmöglich, die Presslufthammer-Arbeiter unten auf dem Hinterhof abzustellen, deren nerviger Sound bis hoch in den elften Stock perlte und die Aufnahmen von Carters Bassspiel einfärbte.

Für den Fotografen war das kein Problem. Und für mich in meinem Hauptjob als schreibender Journalist, der das alles beobachtet und aus dem Interview die entscheidenden Sätze herauspuhlt, wäre es das auch nicht gewesen. Aber für den Videojournalisten in mir wurde das dann sehr viel komplizierter. Sicher kann man bei so etwas improvisieren. Und man muss es auch so gut wie jedes Mal tun. Denn man kann sich vor Ort die Welt nicht so backen, wie sie auf anderer Leute Flimmerkiste am besten aussieht. Aber manche Begleiterscheinungen der Abbildung von Realität sind einfach nicht zu gebrauchen. Der Sound eines Presslufthammers gehört absolut in diese Kategorie.

Improvisieren heißt, dass man eine fertige Fassung produziert, der man gar nicht ansieht, unter welchen Begleitumständen sie entstanden ist. Man ist bei einem solchen Dreh Kameramann und Toningenieur und Interviewer in einer Person. Und man baut am Ende als Cutter auch das Ganze zusammen und sieht sich in diesem Moment womöglich auch noch genötigt, eine kreative Lösung zu finden, um die Atmosphäre und den visuellen Charakter der Arbeit anzureichern. Aber sich derart intensiv auf allen Ebenen der Videographie in den Prozess einzuschalten, ist eine reizvolle Herausforderung. Man ist, um ein schönes Wort aus der Geschichte der von den Franzosen mit sehr viel Stil und Geschmack beeinflussten Cinematographie zu zitieren, ein Auteur. Und jedes Produkt aus dieser Werkstatt ist ein Unikat und nicht geprägt von einer Formatfixierung, wie sie vom Fernsehen gepflegt wird, wo das Rasterdenken King ist. Und wo jeder neue Einfall, der nicht hineinpasst, stört.

Wenn mir jetzt noch iTunes erlauben würde, die iPad-App herunterzuladen, in die das Video (und der lange Text über Ron Carter) eingestrippt wurde, wäre die Welt ziemlich rund. Dass allerdings kann man nur (Schuld hat allein Apple), wenn man ein deutsches iTunes-Konto hat. Denn es handelt sich bei der Zeitschrift um die deutsche Ausgabe des Audi-Magazins, das in Hamburg von einer hervorragenden Redaktion produziert wird, die für solche Schikanen von Steve Jobs nichts kann.

Wer Lust hat, sich ohne Umweg übers iPad in die Geschichte einzulesen (und zwar in den ins Englische übersetzten Text), die Fotos von Jacob Blickenstaff anzuschauen und das Video zu betrachten, möge sich bitte auf die Reise in diese Wundertüte begeben, die Geschichte aufblättern (in der Rubrik „inspire“) und auf der Aufmacherseite des Artikels den kleinen Pfeil oben links anklicken. „Ron Carter. Auf der Suche nach dem richtigen Ton.“ Es lohnt sich übrigens, das Video auf die gesamte Monitorgröße hochzuziehen.

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