Kurven lesen bei YouTube

Es gehört zu den Reflexen, die man nicht abstellen kann, wenn man Videos auf YouTube oder Vimeo hochlädt: Man möchte wissen, ob sich die Klickzahlen nach oben bewegen. Wenn man kaum etwas tut, um seine Videos der weiten Öffentlichkeit da draußen näher zu bringen, bleiben diese Zahlen bescheiden. Knapp über tausend Klicks für Der Rest wurde am Boden zerstört mit Memoiren-Autor Johannes Buchmann ist der höchste Wert von allen Videos, die ich bislang produziert habe (mehr zu dem Thema hier und hier).

YouTube ermöglicht einem einen relativ guten Eindruck davon, wie die Zahlen zustande kommen und schlüsselt die Klicks zum Beispiel danach auf, ob jemand über eine Google-Suche das Link entdeckt hat oder ob jemand das Video angeschaut hat, weil er es eingebettet in irgendeinem Teil des Webs aufgespürt hat. Die aufgeschlüsselten Daten bestätigen jedoch eigentlich nur, was man ohnehin geahnt hatte: Die Masse der Leute kommt, weil sie sich verlaufen hat. Nicht weil sie exakt nach diesem Thema gesucht hat.

Das verblüffendste Analyse-Tool ist denn auch dieses hier: „Hot Spots“, ein Kurvenverlauf, der entlang einer Mittelachse dokumentiert, welche Momente und Abschnitte die Zuschauer intensiver betrachtet haben und wo ihnen die Lust ausging. Wie das genau gemessen werden kann, ist mir ein Rätsel. Es ergibt für das Buchmann-Video einen eher klassischen Verlauf, mit einem Pegelausschlag nach oben bei der 5-Minuten-Marke (von 7:10 Minuten), wo der Autor über seine Gefangennahme durch Angehörige der Roten Armee im Mai 1945 spricht. Lässt sich daraus schlussfolgern, dass dieser Aspekt der ganzen Geschichte der spannendste ist und am meisten neugierig macht? Dann wäre es vielleicht klüger gewesen, diese Passage nicht so weit hinten einzubauen, sondern weiter vorne? YouTube lässt einen mit seinen Gedanken und Schlussfolgerungen allein.

Ein zweites Beispiel ist Dear Mrs. Kennedy – 728 Klicks und in der Hauptsache ein Interview mit Buchautor Paul De Angelis. Die Hot-Spot-Kurve steigt erst gegen Ende des Videos deutlich an – in jenem Moment, in dem jenes Musikstück erklingt, das vermutlich ein wirkliches Highlight dieser Produktion ist. Es wurde von einem damals 16jährigen Musiker nach dem Attentat 1963 komponiert. Die Noten landeten in den Archiven, das Stück wurde in dem halben Jahrhundert danach nie gespielt. Erst durch die Initiative von Paul De Angelis, der die Noten in seinem Buch aufnahm und den Komponisten ermunterte, zur Gitarre zu greifen und The Country’s Lament aufzunehmen, wurde dieses Stück zum Leben erweckt. Das Video zum Buch ist der einzige Ort, wo man diese Komposition hören kann. YouTube-Zuschauern scheint sie zu gefallen.

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Alles eine Frage der Zeit

Die Printausgabe des neuen Mercedes-Magazins ist in dieser Woche während der IAA in Frankfurt erschienen. Ich warte neugierig auf die Zeitschrift. Denn sie enthält nach jahrelanger Abstinenz zum ersten Mal wieder einen Beitrag (Ich hatte 2002 eine Vorabgeschichte über die Olympischen Winterspiele von Salt Lake City im Heft und etwas später einen ausführlichen Bericht über das damals von der Stuttgarter Autofirma gesponserte Golfturnier auf der Hawaii-Insel Maui). Das Warten ist diesmal doppelt intensiv. Denn zusammen mit dem Text habe ich ein Video für die iPad-Ausgabe produziert. Das ist im Frühjahr außerhalb von Houston in Texas bei einer Fotosession entstanden. Bis die Belegausgabe hier eintrifft, wird sicher nicht mehr viel Zeit vergehen. Aber ab wann man die iPad-Ausgabe herunterladen kann – who knows? Corporate Media-Produkte sind nicht den gleichen Vertriebszwängen unterworfen wie die bunten Blätter, die am Kiosk verkauft werden. Eine Übung in Geduld, also.
Für alle, die dieser kleine Hinweis neugierig gemacht haben sollte, hier trotzdem ein kleiner Vorgeschmack: die Musik zum Video.

The Graying of AIDS

Sie hat vor fünf Jahren das Projekt für das Nachrichtenmagazin Time in Angriff genommen und hat damit den guten journalistischen Impuls bewiesen und das Thema ein wenig vor der Zeit anzupacken. Das zeigt sich nun – im Rahmen einer Ausstellung auf Governors Island, dem neuen öffentlichen Park an der Südspitze von Manhattan, den man mit einem kurzen Ritt auf einer Fähre erreichen kann. The Graying of AIDS heißt die Ausstellung und dokumentiert neben dem Inhalt und der Vita einer Reihe von HIV-infizierten Menschen im Rentenalter die besondere Fähigkeit von Katja Heinemann, einen hoch informationshaltigen und brisanten Stoff in Bild und Ton zu vermitteln.

Katja gehört zu einer Gruppe von Bildjournalisten, die ihr Metier seit ein paar Jahren mit visuellen Ansätzen bereichern, die man in dieser Form früher nie in einer Hand gesehen hat. Sie fotografiert, zeichnet Videointerviews auf, stellt Fragen, lauscht dem gesprochenen Wort und schneidet die vielen Elemente am Ende auf eine informative und illustrative Weise zusammen. Es ist eine sehr persönliche Arbeit, die den Protagonisten der ausgewählten Geschichten weit mehr gerecht wird als etwa die Anstrengungen klassischer Fernsehteams, die mit viel Aufwand und Teams von mehreren Leuten eine künstliche Atmosphäre schaffen und möglichst jeder authentischen und spontanen Ausgangssituation aus dem Weg gehen, weil sie mit vorgefertigten Methoden und Vorstellungen schneller zu ihrem Ziel kommt. Die Schablonen im Kopf der Macher sind manchmal durchaus reizvoll. Aber wie man am Beispiel von Katja Heinemann sieht: ohne Schablone ist das Ergebnis viel unmittelbarer und eindringlich zugleich. Ihre Webseite: www.katjaheinemann.com. Die Seite der Ausstellung: www.grayingofaids.com


Foto: Katja Heinemann/Aurora