Ein eingesperrter Reporter

Ich tippe mal, dass das Heft, das ich heute morgen in einem Stoß von alten Vinyl-Platten entdeckt habe, um die 35 Dollar wert ist. Ein Preis, der mit Angebot und Nachfrage zu tun hat, der Sammler interessiert und ein Konzept aus der Wirtschaftstheorie widerspiegelt, das mit dem wahren Warenwert einer Sache rein gar nichts zu tun hat.

Das Heft muss schon eine Weile unter den Alben gelegen haben. Denn ich kann mich nicht erinnern, wie und wann es in unseren Besitz gekommen ist. Egal. Das Heft – die Ausgabe des New Yorker vom 12. November 1938 – ist ein richtiger Fund. Rea Irvin hat das Titelbild gemalt, von dem ich nur das weiß, was bei Wikipedia steht. Was aber ziemlich nützlich ist, um den Stellenwert dieser Ausgabe einzuordnen. Er war ein wichtiger Mann in der Geschichte des Magazins. Zu seinen Hinterlassenschaften gehört der Schriftzug des Zeitschriftennamens. Jemand hat ausgezählt, dass er 169 Titelbilder produziert hat. Was heißt: Irvin muss vielseitig, schnell und beliebt gewesen sein. In seinem Strich steckte Humor.

Ich habe  diese Ausgabe – in diesem Herbst fast 75 Jahre alt – ganz gerne, aber ziemlich ziellos durchgeblättert. Doch die steckt auf ihren 100 Seiten voller Entdeckungen und bestätigt vor allem eines: Dass dieses Magazin schon damals eine raffiniert gemachte Mischung aus intelligentem Schreiben, witzigen Beobachtungen und kleinen Seitenhieben war, die einen ganz bestimmten Ausschnitt aus dem Leben von New York einfing und zelebrierte. Eine Facette des Journalismus, die so noch heute in dem Blatt weiterexistiert und die noch heute wirtschaftlich funktioniert.

Der Blick zurück offenbarte aber noch etwas mehr. Ich war in der Lage, eine gerade Linie zu ziehen zu den Erlebnissen einer anderen Generation, die 1938 noch mit mit dem Schiff nach Amerika reiste. Wie sich doch manchmal die Verhältnisse ähneln. Die alte Geschichte mit dem Titel „A Reporter Confined“  und die Erlebnisse eines  Flugzeugreisenden von heute, die zur Zeit im Netz viel verlinkt wird. Schon damals gab es Schwierigkeiten bei der Einreise. Und das selbst für Leute, die Nazi-Deutschland zu entkommen und in Amerika  ihre Haut zu retten versuchten. Einer der Hauptschauplätze war Ellis Island, eine Insel vor Manhattan, wo die Behörden einen riesigen Komplex betrieben, in dem missliebige Reisende inhaftiert werden konnten. John Strachey (ich nehme an: dieser John Strachey) schilderte im New Yorker damals, auf welche Weise er und eine Reihe von Mitmenschen behandelt wurden. Ihm wurde damals zur Last gelegt, so schrieb er, dass er sich auf betrügerische Weise ein Visum besorgt hatte. Er nutzte die Zeit und arbeitete in der Haft an einem Buch und schien die Zeit auf sarkastische Weise zu genießen. Wenn auch mit einer Einschränkung: „There is an even sharper edge to human anxiety on Ellis Island that elsewhere. For after all, this is the island of decision.“  Die Angst von Ellis Island schnitt tiefer und war schärfer als die ganz normale Sorgen, die sich Menschen um ihre Existenz machten. Denn die Entscheidung der Behörden darüber, ob man in die USA einreisen durfte oder nicht, bedeutete für einige den Unterschied zwischen Überleben und eine Rückkehr in Verhältnisse, die tödlich waren.

Zwei Wochen später druckte die Redaktion eine Stellungnahme des zuständigen Commissioners Rudolph Reimer, der sich über den Artikel beschwerte. „I’m trying to sell Ellis Island to the world as a place where order & happiness prevail, not as the hellhole of America“, schrieb er. Was aus dem Abstand von heute, wo man die Details nicht mehr nachrechechieren kann, wenigstens zwei Schlussfolgerungen zulässt: Der Artikel hatte einen wunden Punkt getroffen, und der New Yorker hatte dreizehn Jahre nach seiner Gründung einen Stellenwert im öffentlichen Leben erlangt, der sich nicht länger ignorieren ließ.

Wer weiß, ob eines Tages eine Webseite wie die deutschsprachige Ausgabe von Vice.com einen solchen Stellenwert erreichen wird. Irgendetwas sagt mir, dass es so weit nicht erst kommen wird. Die Kommentatoren fanden den wunden Punkt in dem fraglichen Artikel ziemlich schnell: Der Autor hatte so getan, als hätten die ziemlich unfreundlichen Beamten von Homeland Security Informationen über ihn zusammengetragen, die ihnen aus dem Archiv der NSA zugespielt worden waren. Dabei waren diese Erkenntnisse über das Leben des Autors wohl bereits durch einfaches Googlen ausfindig zu machen. Natürlich hätte diese Enthüllung den Wert der Geschichte mitsamt der Headline („America knows everything“) gekillt. Und so musste sie einer anderen Deutung weichen. A propos „weichen“: Von der Facebookseite, auf der die Info bis vor einiger Zeit noch nachzulesen waren („US Tour Updates: August 18th Trip Santa Montica….“), ist sie mittlerweile verschwunden. Was sicher weder von der NSA noch Homeland Security oder von Facebook veranlasst wurde.FirefoxScreenSnapz001

Aus dem Schotten John Strachey übrigens, ein ziemlich talentierter Schreiber und damals ein ausgewiesener marxistisch-leninistischer Theoretiker, wurde noch ein erfolgreicher britischer Politiker, der für die Labour Party einen Wahlkreis im schottischen Dundee gewann und bis zu seinem Tod Anfang der sechziger Jahre im House of Commons saß. Was aus dem jungen Journalisten und Musiker wird, der zur Zeit in London Philosophie studiert, vermag man nicht zu prophezeien. Viele haben mal klein angefangen und dann wurde doch noch was aus ihnen.

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Ganz, ganz kleine Freuden

9780061873720Es sollte einen nicht überraschen, dass journalistische Arbeiten aus dem Segment Sportjournalismus in einer Magisterarbeit mit dem Titel „Weisheit und Torheit in der Phraseologie und in der Presse“ auftaucht. Wir vom Spielfeldrand dreschen viele Phrasen, und klug gewählt sind die nur selten. Obwohl, wir klingen meistens schon bedeutend klüger, sobald sich studierte Germanisten etwas genauer mit den verwendeten sprachlichen Mitteln beschäftigen. Wie in diesem Beispiel aus dem Jahr 2007, als ich in einem Text über den NBA-Basketballer Dirk Nowitzki und seine ausgeprägte und nicht immer nachvollziehbare Loyalität zu Trainern und Managern eine Figur der Gebrüder Grimm als Metapher wählte, um den fraglichen Trainer so elegant wie möglich zu verspotten. Das verwendete „nominale Idiom“ schaffte es bis in die Überschrift des Artikels in der FAZ, die lautete: „Doktor Allwissend und der ewige Lehrling“.

Die Verwendung dieses Idioms „Doktor Allwissend“ wiederum schaffte es bis in diese Magisterarbeit von Veronika Chládková, die 2010 an der Masaryk Universität in Brünn eingereicht und dann irgendwann ins Deutsche übersetzt wurde. Hoffentlich wurde sie gut benotet. Selbst wenn sie beim besten Willen nicht klar machte, weshalb die Verwendung des „Doktor Allwissend“-Begriffs im Kontext meines Artikels so reizvoll schien. Denn tatsächlich hatte ich nur die Attitüde des Trainers gemeint, nicht seinen Bildungsgrad, der sicher weit über dem Grimmscher Bauern liegt. Das jedoch schien die Diplomantin nicht zu merken. Genauso wie sie etwas Entscheidendes verwechselte. Nicht Manager und Mentor Holger Geschwindner war mit diesem Etikett belegt worden, sondern der damalige Trainer der Dallas Mavericks, Avery Johnson, der dann auch wenig später mangels Erfolges seinen Posten verlor.

Immerhin: meine Formulierung war eine von 76 ausgewählten Zitatstellen aus einem ziemlichen Panorama von journalistischen Texten, darunter auch einige, die Sportjournalisten benutzt hatten: Erik Eggers („der Weisheit letzter Schluss“), Oskar Beck („den Verstand verlieren“) und Steffen Dobbert („der Teufelskerl“). Es gehört dies wohl zu den kleinen Freuden des Lebens. Den ganz, ganz kleinen, die sich damit beschäftigen, es zu genießen, dass die eigene Arbeit irgendwo da draußen ein Echo produziert.