Königstein und die Kleider eines Kaisers

Die Begegnung liegt schon ein paar Jahre zurück. Und sie kam sehr zufällig zustande. Damals wirkte das Deutsche Institut für publizistische Bildungsarbeit noch wie ein strahlender Fixstern, der die Zukunft vieler Journalisten mit ganz beachtlichen Anregungen erhellen konnte. Wir kamen damals in einer großen Gruppe für zwei Wochen in einem Heimgebäude am Rand von Düsseldorf zusammen und wurden mit klugen Seminarangeboten konfrontiert. Wir – das waren provinziell geprägte Lokaljournalisten in der Ausbildung. Der eine oder andere hatte sicher ein paar Rosinen im Kopf. Meine waren vor allem Illusionen von der politischen Kraft des Metiers und den Chancen die Institutionen von innen heraus zu verändern. Irgendwo in einem Archiv des WDR muss ein Film liegen, den Volontäre des Senders damals bei diesem Seminar gedreht haben und denen ich vor der Kamera irgendetwas in der Art gesagt habe. Es war die Zeit, als sich Gewerkschafter im Ruhrgebiet, allesamt ganz normale Konsumenten von Nachrichten – noch Gedanken über den Zustand der Medien gemacht haben. Die Zeit, in der man in Zeitschriften-Redaktionen in Hamburg Statute erkämpfen konnte, die woanders eine ziemliche Sehnsucht und Aufbruchstimmung förderten.

Die Entwicklungslinie von dort bis heute ist in meinem Fall nicht besonders gerade verlaufen. Aber sie zeigt zumindest in ihrem Vortrieb eine gewisse Konsequenz und Logik. Ich würde mal sagen, sie besteht hauptsächlich aus ständig neuen Lernerfahrungen. Der politische Ansatz rückte zurück hinter die Bedürfnisse, sich das entscheidende an dem Metier, nämlich eine breitgefächerte handwerkliche Kompetenz und einen Standpunkt, zu erarbeiten.

Ich hätte das gerne mal mit einem Mann besprochen, den ich damals in Düsseldorf kennengelernt habe. Doch Horst Königstein, der uns einen Fernsehfilm aus dem dritten Programm des NDR mitgebracht hatte, der nur sehr wenig über sein enormes Potenzial als Filmemacher verriet, ist vor ein paar Tagen gestorben. Er wurde 67 Jahre alt. Jahre, in denen er eine beeindruckende Sammlung an Arbeiten abgeliefert hat. Jahre, in denen er mir dann irgendwann aus dem Blick gerutscht ist. Das deutsche Fernsehen gehört nicht mehr zu den Medien, die mich auch nur erreichen. Dass es die Mediathek im Netz gibt, finde ich nicht besonders bemerkenswert. Sich da durchzuarbeiten, macht keinen Spaß. Und das wenige wirklich gute deutsche Fernsehen, also das Königstein-Fernsehen, ist so dünn gesät, dass man sich schon sehr anstrengen muss, um es zu finden.

Horst Köngstein 1974 – das war ein junger Mann mit einem Hang zum Schnöseligen. Einer, der einen jungen Journalisten aus der Provinz ziemlich leicht beeindrucken konnte. Nicht so sehr mit dem, was er in Hamburg machte, sondern damit, dass er etwas in Hamburg machte. Aber hinter der Oberfläche seines Auftritts steckte mehr. Und das ist die Lernerfahrung, die ich damals in Düsseldorf mitgenommen habe. Er zeigte uns seine Doku über die Arbeit der Tagesschau . Daran war zunächst nichts weiter wirklich spannend. Bis auf einen Sonderaspekt. Die oberen Etagen des Senders hatten den Film in seiner Erstfassung nicht abgenommen und Königstein verpflichtet, noch ein trockenes Interview mit dem Chefredakteur der Sendung nachzudrehen und einzuarbeiten. Warum? Der Autor hatte in seinem Film mit einem simplen Ansatz den ganzen Lack dieses Ausstellungsstücks des deutschen Nachrichtenjournalismus abgefräst. Das hatte er nicht trickreich-subversiv gemacht. Er hatte einfach nur die Leute, die hinter den Kulissen arbeiten, mit ganz schlichten Fragen konfrontiert: Wie funktioniert das? Was ist Ihr Job? Wie kommt Material in die Sendung? Wie werden redaktionelle Entscheidungen getroffen? Ganz artige Fragen also? Ja. Aber wie wirkte das im Film? Entlarvend, entmythologisierend. Es zeigte einen Kaiser ohne Kleider, was medienpädagogisch durchaus sinnvoll, aber imagemäßig für den verantwortlichen Sender nicht zu verkraften war. Königstein wurde also in die Pflicht genommen und musste nacharbeiten. Und das hat er uns damals im Detail erzählt.

So etwas öffnete einem die Augen und war eine Hilfe für die journalistische Arbeit in den Jahren danach.

Manchmal wüsste ich gerne, was die anderen jungen Journalisten aus diesen Seminartagen mitgenommen haben. Und was aus ihnen geworden ist. Aber das war eine zusammengewürfelte Gruppe, die gleich anschließend einfach auseinanderlief. Jeder in eine andere Richtung. Auch Königstein kehrte zurück. Dorthin, wo er uns immer einen riesigen Schritt voraus war. Wie riesig, das würde ich heute gerne nacharbeiten. Vielleicht ja in dieser Mediathek, die ich bis heute so selten genutzt habe. Aber dazu müsste sich jemand beim NDR ein bisschen mehr anstrengen. Das hier

Horst Königstein (links) mit Ringo Starr (rechts) in der Doku „Ringo und die Stadt am Ende des Regenbogens“. © NDR Fotograf: W. Klemm

ist ein bisschen dünn.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s